'Erinnerungen' von Tullaris

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Erinnerungen' von Tullaris

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:39

Das blanke Metall der Spitzhacke traf funkensprühend auf den nackten Fels und trieb ihn zu allen Seiten weg. Kleine Gesteinsbrocken spritzten durch die Luft und der Geruch von heißen Gesteinsstaub wirbelte Jarson zur Nase.
Er liebte diese Arbeit. Es war hart, aber er mochte die wohlige Wärme des Gesteins hier unten, wo nur das sanfte Licht der Kerzenlaterne ein wenig Licht spendete. Der harte Stein gebar hier in der Tiefe ganz besonders wertvolles Erz, dass allerdings dennoch nicht gerade häufig anzutreffen war. "Felslauscher" so wurden die alten Bergmänner gennant, die seit Jahrhunderten Erfahrung mit dem Abbau wertvoller Erze hatten, deuteten den jungen Zwergen, wo es lohnte am Fels zu arbeiten. Jarson legte gerade einen faustgroßen Brocken Erz frei und versuchte dabei so wenig der wertvollen Substanz zu beschädigen.
Er gönnte sich einen Schluck aus der Trinkflasche. Zwar war das kein Zwergenbier, aber Wasser war in dieser Hinsicht nicht ganz so schlecht, wie manch einer immer behauptete. Aber auch Jarson war froh, wenn es am Feierabend immer einen Schluck des feurigen Felsspalters gab, den einer der anderen Zwerge zu Hause destilliert hatte.
Sie waren weit weg von ihren Siedlungen. Die Stollen der Zwerge reichten unterirdisch viele Kilometer nach Norden. Dort wo wahrscheinlich noch kein Mensch oder Zwerg das Gormatagebirge von außen gesehen hatte. Und was sollten sie da auch. Das Erz lag tief unten im Schoß der Erde, viele viele Kilometer tief, sollte man glauben.
Jarson dachte manchmal daran, was wohl über seinem Kopf entlang spazierte. Ob dort überhaupt noch jemand wohnte? Ob dort oben vielleicht Wasser war? Es schüttelte ihn allein bei dem Gedanken daran ein Meer oder nur ein See würde dort oben über seinem Kopf der Dinge harren, die da kommen würden. In der Flasche war ihm das Wasser doch viel lieber.
Der Zwerg legte die Spitzhacke bei Seite und ging ein Stück im Gang zurück um sich etwas Schinken, Brot und noch etwas zu Trinken zu holen. Es roch nach süßlichem Tabak, den einer der Zwerge hier rauchte. Aus der kleinen Pfeife quoll der dichte Rauch nach oben und verteilte sich entlang der erdigen Decke, bis dass er sich schließlich verdünnisierte.
- "Bjorn sagt, dass er schon wieder dieses Kratzen gehört habe..." meinte der rauchende Zwerg beiläufig.
- "Ich glaube er bildet sich das nur ein. Hier unten gibt es keine Ratten, auch wenns manchmal nett wäre. Die Biester bleiben aus irgend einem Grund weiter oben in den Stollen." antwortete Jarson, der in einer Truhe nach etwas Essbarem suchte.
- "Wahrscheinlich weil sie wissen, dass hier unten hungrige Zwergenmäuler auf sie warten...." der alte Zwerg lachte und musste unwillkürlich dabei husten.
- "Ich denke viel eher, dass Bjorn schon viel zu lange von zu Hause fort ist und deshalb langsam dem Tiefenrausch erliegt. Er ist einfach zu gierig nach dem Erz und Gold. Er sollte nach Hause. Er ist er hundertzehn Jahre. Als ich so jung war wie er hab ich es auch überall spuken hören und wollte dagegen kämpfen. Aber bei ihm wird es ja bald krankhaft."
Jarson fuhr sich durch den Bart und legte die Lederkluft ab, die seine Kleider vor den scharfkantigen Steinsplittern schützen sollte. Er lehnte sich gegen die Stein und began mit seinem Mahl.
- "Wie weit soll ich noch graben. Bin ich dicht genug dran, dass ich den Klumpen einfach abschlagen kann?"
- "Dass muss ich mir ansehen. So ad hock kann ich das nicht sagen, Freund."
Jarson seufzte, als er sah, dass der alte seine Pfeife entleerte und auffordernt wartete. Er legte also seine Speisen bei Seite und legte die Lederkluft wieder an, nahm die Hacke und folgte dem Alten in seinen Gang.
Der alte Zwerg fuhr mit seinem faltigen und rauhen Händen über den Stein und schloss die Augen. Die Haut musste sehr rauh sein, denn sie schien geradezu über den Stein zu kratzen.
- "Es ist ziemlich warm hier in deinem Gang. Ich will hoffen, dass wir nicht in die Nähe einer Magmakammer kommen."
- "Mich interessiert keine Magmakammer sondern..."
Der Alte gebat Jarson mit einem Fingerzeig zu Ruhe.
- "Du kannst ihn mit mehreren tiefen Schlägen ins Muttergestein aus dem Fels lösen. Viel mehr wird nicht kommen und da lohnt es sich nicht mit kleinen Schlägen Zeit zu verlieren. Zerschlag aber ja nicht den Brocken. Der wird schon einiges wert sein."
Jarson nickte und wollte erwiedern, dass der alte zurücktreten sollte, als plötzlich ein tiefes Grollen ertönte.
Die beiden blickten sich verwundert an.
- "Was zum.... Was macht Bjorn da hinten nur?"
- "Ich geh mir das mal ansehen. Vielleicht hast du Recht und er sollte wirklich mal wieder nach Hause."
Sie nickten sich zu und der alte verschwand aus dem Stollen. Jarson hob derweil seine Hacke und trieb sie tief in den Fels. Binnen kürzester Zeit war er schweißdurchtränkt. Wieder ertönte das Kratzen. Er drehte sich um, weil er dachte der Alte wäre wieder gekommen, aber dort war niemand.
- "Jetzt werde ich auch schon bekloppt...." murmelte er.
Dann plötzlich ein Schrei, der aus einem der anderen Stollen drang und wieder ein Rumpeln. Hatte Bjorn es geschafft einen der Stollen zum Einsturz zu bringen?
Jarson lief geschwind zur Weggabelung und sah wie der alte wie erstarrt in einen der Tunnels blickte.
- "Was ist passiert?"
Der alte antwortete nicht sondern starrte nur ins Dunkel. Jarson kniff die Augen zusammen. Eine Laterne blendete ihn. Er hob sie hoch und ihr Licht enthüllte eine widerwärtige Gestalt. Sie sah aus wie eine Kreuzung aus Käfer und Krabbe. Sie hatte sich scheinbar durch den Felsen gewühlt und war von oben her in Bjrons Stollen gebrochen. Seine Klauen hatte es in das Fleisch des Zwergen geschlagen, der mit leerem Blick in Jarsons Augen starrte. Blut sickerte zwischen seinem filzigen Barthaaren hindurch.
Jarson packte seine Spitzhacke fester und blickte die Kreatur an. Sie hatte acht schwarze Augen. Es war ekelhaft dieses Tier auch nur anzusehen.
- "Hol deine Axt, Alter... wir wollen das Vieh erledigen."
Metall klirrte über den Stein, als der Alte seine Waffe holte. Davon aufgeschreckt erblickte das Untier die beiden Zwerge.
- "Hoffentlich schmeckt dir der Stahl unserer Waffen genauso gut, wie Bjorns Fleisch."
Mit diesen Worten ließ Jarson seine Hacke auf den Körper dieser Krabbe niedersausen. Die Spitze glitt über harte Panzerplatten und blieb schließlich in einer Rille stecken. Mit einem Ruck riss er sie wieder frei.
- "Diese Biester sind gepanzert."
- "Wir kennen uns mit gepanzertem aus, Jarson!"
So alt der Zwerg auch war, das Kämpfen hatte er nicht verlernt. Mit gekonntem Schwung spaltete er eine der Panzerplatten und trieb die Klinge tief in das darunterliegende Fleisch. Doch er hatte die Wendigkeit des Tieres unterschätzt, dass seinerseits vor Schmerz wegzuckte und ihm die Waffe aus den Händen riss. Mit einer weiteren Bewegung schnappte es mit einer seiner Scheren zu, die dem Alten glatt ins Gesicht schnitten. Ein kreischender Laut entsprang der Kehle des alten Felslauschers und Blut spritzte über seine Wangen. Jarson zögerte nicht und ließ seine Spitzhacke auf den Kopf des Untiers niederfahren. Die Kopfpanzerplatte wurde glatt in zwei Teile geschlagen und das Metall drang bis ins Hirn des Wesens vor. Dann brach es zuckend zusammen.
Jarson sprang zu dem alten, der sich verwundert mit der Hand über das Blutüberströmte Gesicht fuhr.
- "Wartet einen Augenblick, ich hole Verbandszeug..." deutete Jarson.
Gerade als er aufstehen wollte hörte er ein Scharren und erneut ein Rumpeln. Aus seinem Stollen drang ein nicht zu überhörendes Kratzen und dort wo er eben das Vieh erschlagen hatte krabbelten schon wieder zwei neue aus der dunklen Öffnung.
Der alte blickte leidvoll zu Jarson, denn er hatte erkannt, dass nun seine Stunde gekommen war.
- "Lauf mein Sohn, wenn dir dein Leben lieb ist."

Süßlicher Rauch quoll aus der Pfeife des Zwergen. Die Expedition hatte Halt gemacht, weil speziell die älteren Zwerge eine Pause brauchten. Man hätte die Alten mit Sicherheit nicht auf diese Expedition geschickt, wenn ihre Ortskenntnis nicht unbedingt von Nöten gewesen wäre. Die jungen Zwerge blickten sich neugierig um. Diese alten Techniken der Architektur hatten sie wahrscheinlich noch nie gesehen. Allein die Stabilisierung der Stollen war schon Jahrzehnte überholt. So arbeitete man heute nicht mehr. Aus den Augen der Jungspunde war die Arbeit in diesen Stollen vor sechzig und mehr Jahren geradezu lebensbedrohlich. Was nicht unbedingt falsch war, aber die Gefahr ging weniger von der Abstützung der Stollendecken aus, als von den Bewohnern der Tiefe.
Jarson ächzte unter dem Gewicht der schweren Kettenrüstung, die man ihn noch einmal anziehen ließ. Er hatte es sich nicht nehmen lassen seine alten Waffen ein letztes Mal zu tragen, auch wenn es sein Untergang werden sollte - der zwergische Trotz schien einmal wieder zu siegen. Innerlich verfluchte er seinen Stolz selbstverständlich, aber er würde sich eher die Finger einzeln abbeißen, als dies zuzugeben.
Er klopfte das Pfeifchen aus und steckte es unter seinen Gambeson.
- "Wir sollten keine Zeit verlieren; je länger wir hier rumtrödeln, desto wahrscheinlicher ist es dass die Silberschatten uns überraschen." Jarson war zwar selber am Ende seiner Kräfte aber er mochte es nicht, wenn die anderen dies merkten. Deshalb war er es, der die Gruppe immer weiter trieb. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich mit weiten Schritten an die Spitze des Trupps. Hier unten war alles so wie sie es vor Jahrzehnten zurück gelassen hatten. An vielen Orten waren die Skelette alter Kameraden zu sehen. Es beschämte Jarson, dass sie nie die Möglichkeit in Betracht gezogen hatten ihre Freunde zu beerdigen. Andererseits, viel tiefer unter der Erde konnten sie bald nicht mehr ihre letzte Ruhe finden. Und so lagen sie am Wegesrand und schienen ihnen den Weg zu den Nestern der Silberschatten zeigen zu wollen. Aus dunklen hohlen Augen starrten sie den Lebendigen unverblümt ins Gesicht. Es war Jarson ein wenig unangenehm. Alles schien an Ort und Stelle zu sein. Mineure waren ordentliche Leute. Er hätte sich im Prinzip an jeder Stelle, wo geschürft wurde zurecht gefunden. In Kisten waren Lebensmittel versteckt, Schürferkleidung, Wämse und Ersatzhacken. Sie fanden sogar noch Kisten voller wertvollem Erz. Viele der jungen Zwerge leckten sich vor Gier über ihre Lippen, aber sie hatten den strikten Befehl alles hier unten zu lassen. Das Erz würde nur unnötiger Balast sein. Sie sollten das Nest der Silberschatten ausheben und jedes der Viecher töten. Jarson hatte davon gehört, dass es noch weitaus schlimmere geben sollte. Die Minenschatten sollten größer sein und die Dunkelschatten nicht nur größer sondern auch besser gepanzert.
Er betete, dass sie solchem Getier hier unten nicht begegnen würden.

Der Hauptmann hatte eine Pause einlegen lassen. Der Alte war zwar unterwegs, als wäre der Tod persönlich hinter ihm her (was vielleicht nicht ganz falsch war), allerdings merkte man es ihm deutlich an, dass er am Ende seiner Kräfte war. Es nutzte Linglas gar nichts, wenn der alte Mann hier in den Stollen an Erschöpfung starb. Wenn er Lust hatte, dann konnte er sich ja von den Silberschatten töten lassen, aber er war mehr oder weniger der einzige, der sie wirklich tief ins Innere dieses Stollentraktes bringen konnte. Alle anderen Überlebenden hatten lediglich Wache am Nordentor geschoben, von wo aus die Mine abzweigte. Dass er den ganzen langen Weg bis zum Nordentor geschafft hatte ohne von den Schatten gefressen zu werden war eigentlich ein Wunder und so ganz konnte es Linglas immer noch nicht glauben. Aber er schien sich tatsächlich immer noch auszukennen - jedenfalls hatte es den Anschein. Linglas würde Jarson hängen lassen, wenn er ein jämmerlicher Aufschneider wäre und sie einfach nur im Kreis liefen. Jedenfalls machte Jarson einen brauchbaren Eindruck auf den Hauptmann und dabei bleib es auch erst einmal.
Als die ersten Schnarcher zu hören waren entspannte sich Linglas. Es war sein erster brenzliger Auftrag vom Kanzler und er wollte ihn zur Zufriedenheit aller zu einem erfolgreichen Ende bringen. Er grübelte ständig, wog das eine gegen das andere Risiko ab und grübelte weiter ob es nicht doch eine bessere Lösung gab. Linglas sprach sehr wenig. Selbst für einen Zwergen war es ebendeshalb sehr sehr still. Seine Offizieren sprachen zu den Rekruten dieser Expedition. Er hielt sich im Hintergrund. Vielleicht war er keine gute Führungspersönlichkeit, aber dennoch: Die Loyalität seiner Offiziere und Rekruten war ihm gewiss. Nein, er machte sich nur Sorgen, dass die Alten ihm quer treiben könnten. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie auf einem persönlichen Rachefeldzug waren und freiwillig in den Stand eines Slayers gewechselt waren. Wenn es auf ratinales Denken ankam und sie in einer brenzligen Situation auf den Feind treffen würden, traute Linglas es den Veteranen zu, dass sie sich Hals über Kopf auf den Feind stürzen würden - das würde ihm überhaupt nicht gefallen. Er konnte es sich eigentlich nicht leisten einen Kämpfer zu verlieren, da der Kanzler ihm nur verhältnismäßig wenige zugeteilt hatte. So war er wohl oder übel auch auf die Kampfkraft der Veteranen angewiesen und das ließ ihn noch mehr grübeln und noch stiller werden als es ohnehin schon üblich war.
Die Wachen hatten sich entlang der Zugänge zu diesem Teil des Doms positioniert. Linglas konnte ihre Lampen schwach leuchten sehen. Jeder der Trupps hatte ein Horn unterschiedlicher Tonhöhe dabei. So würde man am Signalton erkennen können, welcher Zugang angegriffen wurde. Diese Methode war uralt, aber in Vergessenheit geraten. Erst die alten Mineure hatten Linglas wieder darauf gebracht. Er musste lächeln: Ein wenig Bewunderung empfand er gerade für Jarson schon.

Der alte hatte schlecht geschlafen. Alpträume hatten ihn nicht wirklich zur Ruhe kommen lassen. Eigentlich hatte er vor Jahren gehofft, dass sie irgendwann einmal aufhören würden, aber er hatte sich getäuscht. Er sah immer und immer wieder den alten Felslauscher mit den traurigen Augen, der spürte, dass er bald sterben würde. Er hatte nicht einmal den Namen des alten Mannes gekannt. Danach hatte er gehofft, dass er sich an die Alpträume gewöhnen würde, aber dem war nicht so. Zwar waren sie mit der Zeit weniger geworden, aber erschrekten Jarson nach wie vor. Seit einiger Zeit bekam er allerdings überhaupt keine Ruhe mehr und seit sie auf dieser Expedition waren schien er schon tagsüber in einer Art Wachalptraum zu stecken.
Früher einmal war die Arbeit in den engen Minen seine Passion gewesen, heute bekam er schon bei sich zu Hause Platzangst. Ein Zwerg der Platzangst hatte... ein typischer Fall von Tiefenrausch.
Doch die Heiler waren an ihm verzweifelt. So war Jarson mit der Zeit immer einsamer geworden und nach über sechzig Jahren hatte er gespürt, dass es nur eine Lösung des Problems für ihn gab. Die direkte Konfrontation. Als er von der Expedition Wind bekommen hatte war es für ihn selbstverständlich, daran Teil zu nehmen.
Jarson drehte sich um und blickte in die Runde der größtenteils schlafenden Zwerge. Er konnte die Augen nicht mehr zumachen, also legte er seine Decke sorgfältig zusammen und verstaute sie in seinem Rucksack. Dann ging er zu den Offizieren und dem Hauptmann.
- "Ihr solltet euch noch etwas hinlegen, Jarson. Der morgige Tag wird anstrengend."
- "Danke aber ich brauche keinen Schlaf mehr... Ich bin... ausgeruht! Warum hat man mich nicht zur Wache eingeteilt."
- "Ich hatte genug Männer...." log Linglas.
- "Warum trauen sie mir nicht?"
Linglas sah den Alten verwirrt an.
- "Sie trauen mir und den alten Kameraden nichts zu. Ich finde das empörend und beleidigend zugleich."
Linglas schwieg eine Weile, dann antwortete er.
- "Was passiert, wenn wir auf die Silberschatten treffen?"
- "Was soll dann passieren? Wir kämpfen!"
- "Und was passiert, wenn ich befehle, dass wir uns zurück ziehen."
Auch wenn es dunkel war, konnte Linglas sehen, dass Jarson einen roten Kopf bekam.
- "Mit Verlaub, aber ich denke, dass das nicht so klug wäre."
- "Was würde passieren, Jarson, wenn ich euch diesen Befehl gäbe?"
- "Wenn der Feind vor unseren Waffen wäre, dann ist es nur sinnvoll, wenn wir ihn auch zur Strecke bringen, Sir!"
- "Ich will, dass ihr mir sagt, was passieren würde, wenn ich euch den direkten Befehl geben würde einen Silberschatten nicht anzugreifen, gleichwohl erdirekt vor eurer Nase wäre."
- "Bei allem Respekt Sir, aber ich würde denken, dass ihr nicht wisst wovon ihr da sprecht."
- "Und?"
- "Ich würde die Silberschatten angreifen."
- "Obwohl ich euch den Befehl gegeben hatte dies nicht zu tun?"
- "Selbstverständlich und jeder andere der Veteranen ebenfalls."
Jarson war zuletzt hörbar laut geworden, sodass sich einige der Zwerge zu ihnen umdrehten.
- "Und ihr fragt mich, warum ich euch nicht vertraue?" meinte Linglas dann wieder leise.
Jarson schnappte nach Luft, wollte etwas sagen, merkte aber, dass Linglas ihn aufs Glatteis geführt hatte. Der junge Zwerg war vielleicht stumm aber nicht dumm. Irgendwie musste Jarson ihn unterschätzt haben.

Sie waren nun fast drei Tage in den alten Stollen unterwegs. Dabei hatten sie mehrmals kleine Gruppen von Silberschatten erledigt, ganz zum Wohlgefallen von Jarson. Nun kamen sie in die Gegend, wo er früher einmal geschürft hatte. Er kannte die Aufzüge die sie benutzten, wie seine Westentasche. Er wunderte sich nicht einmal darüber, dass das alles immer noch funktionierte. Selbst Lebensmittel, Wasser, Bier und Schnaps hatten sie in manchen Kisten gefunden. Er wunderte sich über gar nichts mehr. Hier unten war es wieder so angenehm warm. Er erinnerte sich an den Geruch von Gesteinsstaub, der aufstieg, wenn man mit der Spitzhacke mit voller Breitseite auf das Gestein einschlug. Er erinnerte sich, wie der Schinken schmeckte. Solch intensive Erinnerungen hatte er schon lange nicht mehr verspürt. Die Stollen verkleinerten sich zusehens. Bald konnten nur noch zwei Zwerge nebeneinander laufen, ohne das die Schilde an den Wänden der Stollen hängen blieben. Jarson ging vorne weg. Sie kamen zu ihrem alten Lagerplatz. Hier hatten manche Zwerge kleine Hütten aufgebaut um ein wenig Privatsphäre zu genießen. Alles war noch an Ort und Stelle. Decken lagen aufgeschlagen auf den Strohbetten, so als ob sie Jarson einluden ein paar Stunden in Ruhe die Augen zu schließen und endlich wieder eine Nacht ohne Alpträume zu genießen. Krüge standen auf den Tischen. Der alte Zwerg hob einen hoch und erwartete, dass sich dort noch etwas Bier drin befand. Doch zumindest das war verdunstet nach all den Jahren. Überall lagen Skelette und teilweise war die Inneneinrichtung umgeworfen, als die Bewohner versucht hatten den Silberschatten Möbel entgegen zu werfen um sie zu verscheuchen. In einer Hütte klaffte ein Loch. Ein großes Exemplar musste ein Loch in die Bretterwand gefressen haben um an den Zwerg dahinter zu kommen. Jarson fand nur die Knochen des Unterleibs. Vielleicht waren die Gerüchte über die Minenschatten ja wahr.
Er verließ das Haus wieder und hatte dabei ein seltsames Gefühl im Bauch. Der Hauptmann stand an der Zisterne und ließ den Eimer nach unten sausen, doch er fiel nicht sehr tief auf etwas hartes und polterte gegen die Wand. Irgendetwas, vielleicht Trümmer, hatten den Brunnen verstopft.
- "Hier gibt es außer den sterblichen Überresten unserer Brüder nicht viel zu finden. Wo finden wir den Stollen, wo ihr geschürft habt?"
Jarson blickte Linglas verständnislos an.
- "Was?"
- "Seid ihr in Ordnung, Jarson? Ihr seht so blass aus."
- "Es... es geht mit gut. Es sind nur die vielen Erinnerungen, Sir."
- "Ich hoffe das beeinträchtigt nicht eure...."
- "Nein, nein, absolut nicht, Sir!" fuhr Jarson dem Zwergenhauptmann über den Mund.
- "Also wo ist der Stollen, wo ihr das erste Mal auf die Silberschatten getroffen seid?"
Jarson drehte sich um und deutete auf einen dunklen Schatten an der südlichen Wand.
- "Dann würde ich vorschlagen, dass wir keine Zeit verlieren...."
- "Nein... wartet...."
Linglas zog eine Augenbraue nach oben und sah Jarson fragend an. Doch dieser wusste selbst nicht, warum er auf einmal nichts anderes als fliehen wollte. Sein Magen sagte ihm, dass er diesen Stollen nie wieder betreten sollte und dass die Zwerge gut beraten wären kehrt zu machen und diese Mine für immer verschließen würden. Lag es vielleich an der Leiche des alten Felslauschers? Das konnte es nicht sein. Sie würden, wenn überhaupt nur Knochen vorfinden und vor Knochen hatte Jarson keine Angst.
- "Ich... ich meine, folgt mir..." Jarson stammelte verwirrt eine Entschuldigung und setzte sich dann an die Spitze der Expedition. Er gebat allen zur Ruhe. Dann betrat er den düstren Gang.
Sie kamen fluchs an die letzte Gabelung. Von den sterblichen Überresten des Alten war nichts zu sehen. Sie entdeckten lediglich ein paar Hornplatten in denen eine alte Axt steckte. Jarsons Herz raste und der Schweiß lief ihm über den Rücken. Alles war still man konnte den Sand auf dem nackten Fels unter ihren Stiefeln knirschen hören. Jarson frohr, obwohl der Felsen warm war. Der Hauptmann setzte sich an die Spitze.
- "Glaubt ihr, dass wir schon alle erledigt haben?" flüsterte er.
- "Ich... ich weiß es nicht. Dort sind sie durchgebrochen genauso wie dort hinten."
Jarson deutete in Bjorns und seinen alten Stollen. Der Hauptmann gab den Befehl die Gruppen aufzuteilen. Eine würde er persönlich anführen, den anderen würde Jarson übernehmen. Einige der jungen Zwerge murrten, als sie seiner Gruppe zugewiesen wurden. Inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass Jarson ein wenig wahnsinnig geworden war in all den Jahren hier unter der Erde. Aber der Hauptmann ließ keine Widersprüche zu.So verschwand dessen Trupp in der Dunkelheit des Stollens. Jarson war unschlüssig, was er machen sollte. Die Zwerge sahen ihn an.
- "Sir, ich denke wir sollten hier nicht einfach herumstehen." murmelte einer der Veteranen.
- "Ja, das stimmt. Lasst uns gehen."
Sie betraten seinen alten Stollen. Auf dem Boden lag Geröll und oben in der Decke war ein großes Loch zu sehen, welches in einen vielleicht fünf Meter breiten Raum führte. Zwischen dem Geröll konnte Jarson etwas glitzerndes erkennen. Der Erzklumpen den er zuletzt bearbeitet hatte. Er hob ihn hoch und wog ihn in der Hand. Er würde wohl doch mehr wert sein, als der alte Felslauscher zugeben wollte. Er warf ihn wieder zurück und stieg als erster hinauf. Hier schien der Fels anders bearbeitet worden zu sein, als sie es gewöhnt waren. Die Silberschatten hatten offenbar eine eigene Technik den Fels abzubauen. Sie schlichen einen Gang entlang und näherten sich einem leisen Gescharre.
Hier schienen manche der Silberschatten zu schlafen. Er gab den Zwergen den Befehl sich zu verteilen. Dann schlugen sie zu. Es war ein Akt von wenigen Minuten, bis auch der letzte Silberschatten zur Strecke gebracht worden war. Laute schnarrende Laute hallten durch die Stollen und das Metall klirrte auf den Panzerplatten so laut, dass man das Gefühl hatte die Erde würde erbeben. Wahrscheinlich bildete sich das Jarson nur ein, aber er glaubte damit eine Lawine ausgelöst zu haben. Gespannt lauschten sie alle. Geraschel, Gekratze, wie die ledrige Haut auf scharfem Fels.
Und dann ertönten aus dutzenden zwergischen Kehlen die Schreie des Todes. Jarson fuhr mit gehetztem Blick herum. Seine Begleiter taten es ihm ähnlich, doch sie entdeckten niemanden. Erst jetzt begriffen sie, dass der andere Trupp angegriffen wurde und unbarmherzig niedergemetzelt wurde. Jarson schlug das Herz bis hinter die Augen. Sein Atem ging stoßweise und flach.
- "Was machen wir jetzt? Gehen wir zurück und sehen nach?"
Jarson gab keine Antwort. Er blickte geradewegs in die acht Augen eines schwarzen Schatten.
- "Sir... Was sollen wir jetzt ma..."
Erdolcht von langen Krallen fiel der Zwerg nach vorne. Schnell breitete sich eine Blutlache unter seinem Körper aus. Die Zwerge kämpften tapher aber die Minenschatten, deren Existens so lange geleugnet wurde metzelten sich gnadenlos durch die Zwerge.
Zum Schluss waren nur noch vier Veteranen und Jarson übrig. Sie waren vom Rest der Gruppe abgetrennt worden und tief in die Stollen der Schatten geflohen.
Seit Stunden waren sie nun durch die Gänge geirrt. Es war stockfinster und selbst als Zwerg hatte man seine Mühe zu erkennen, ob man geradewegs auf eine Wand oder einen Schatten zuhielt. Zwischenzeitig hatten sie noch gegen weitere Silberschatten kämpfen müssen. Jarson blutete aus zahlreichen Wunden. Er war müde und spukte Blut aus purer Erschöpfung.
Dann gelangten sie in einen Raum, der mit Fackeln erleuchtet war. Sie staunten nicht schlecht. Hier unten hätten sie niemals damit gerechnet Zeichen von Zivilisation zu finden. Doch Jarson hatte das dumpfe Gefühl, dass das nicht zu seinem Besten wäre. Mühsam schleppte er sich durch den Raum. Der Gang dahinter führte in einen weiteren größeren Raum - fast schon ein Saal, der von runden Räulen gestützt wurde. Okkulte Runen verzierten die Wände, die bei bloßer Betrachtung schon Übelkeit hervorriefen. Am Ende des düsteren Saales stand eine vermummte Gestalt. Einer der Zwerge taumelte in den Saal und fiel vor Erschöpfung um. Noch bevor er auf dem Boden vollens ankam war er tot. Jarson sah, wie sich die Gestalt umdrehte.
- "Was machen die denn hier?"
Ein Wink und Namenlose erhoben sich vom Boden und schlurften auf die unerwünschten Eindringlinge zu. Jarson blickte in die toten Augen des Ohadu und wünschte sich doch schon damals von den Silberschatten getötet worden zu sein. Er hob nicht mal mehr die Axt, als der erste Namelose auf ihn einhakte. Ein letzter stummer Schrei wollte seinen Lippen entspringen, als er sah, dass der alte Felslauscher seine Hand tief in das Fleisch des alten Zwerges trieb. Die Haut hing der lebendigen Zwergenleiche von den Knochen, doch Jarson erkannte die Kleidung und den Ring an der Hand.
Er war müde... unendlich müde. Und dann fiel er ins Bodenlose Dunkel.
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