Wald der Stimmen

Tauche ein in die Welt von Aurorae!

Re: Wald der Stimmen

Beitragvon Kyra » Sonntag 17. November 2013, 14:12

Er überraschte sie ein weiteres Mal als er die Hand nach ihr ausstreckte und schließlich mit dem Ärmel über ihr Gesicht fuhr, um ihre Tränen wegzuwischen. Diese Geste hatte etwas so … Einfühlsames, Liebevolles und Herzliches, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte. Zuerst dachte sie, das hinge damit zusammen, dass sie solche Gesten in den langen Wochen der Finsternis und Einsamkeit schlicht und ergreifend vergessen hatte. Krieg und Tod waren grausame Weggefährten, die Gefühle wie Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen unter ihren eisernen Stiefeln zertraten. Kyra hatte gesehen, wie sich Menschen verschlossen und nur noch Härte zeigten, weil sie die Gegenwart nur auf diese Weise ertragen konnten. Als es dem Ende zuging, waren die meisten einfach zu erschöpft gewesen, um anderen Trost zu spenden. Sie brauchten alle Kraft für sich selbst – einfach dafür, um den Tag zu überstehen. Dennoch lag ihre Überraschung in etwas anderem begründet. Es war weniger die Geste an sich, die sie überraschte, sondern die Tatsache, dass ER so etwas tat. Zwar war sie keine Patrianerin, die schnell damit zur Hand war, in allen Clanmännern per se den grobschlächtigen Barbaren zu sehen, aber es war einfach … ja, überraschend. Sie konnte sich beispielsweise nicht vorstellen, wie Belgron so etwas machte oder Padras. Cal wiederum würde sie es zutrauen, aber ihr Blick auf ihn war nie neutral gewesen. Und Drago hätte sie eher in einer Kategorie mit Belgron oder Padras gesehen und weniger in einer mit Cal, wobei ihr bewusst war, dass das ungerecht und vorurteilsbehaftet war. Sie kannte Drago eigentlich gar nicht – ebenso wenig wie die anderen drei, wenn sie recht darüber nachdachte. Sie war ihnen begegnet und dann hatten sich ihre Wege wieder getrennt, ohne dass sie jemals erfahren hätte, wer sie wirklich waren. Das löste eine seltsame Traurigkeit in ihr aus, die sie selbst nicht recht greifen konnte.

Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem weiteren Lächeln, als der Stoff seines Hemdärmels über ihre von den Tränen gereizte Haut streifte. Dadurch fühlte er sich rauer an, als er vermutlich war, aber Kyra störte das nicht. Wie eben, als er sie zum Trost umarmt hatte, schätzte sie nach Überwinden der ersten Überraschung einfach die Geste. Sie hatte wenig bis gar keine Ahnung von Männern und wusste nicht, ob noch eine andere Absicht dahinter steckte, aber sie wollte sich darüber eigentlich auch keine Gedanken machen. Sie genoss es, dass sie sich in diesem Moment einfach wohl fühlte. Es war jemand da, der nicht wollte, dass sie traurig war, und der versprochen hatte, auf sie aufzupassen. Das genügte ihr. Mehr wollte sie im Augenblick nicht. Würde sie die Gedanken zulassen, die im Hintergrund lauerten, würde das nur dazu führen, dass sie sich unsicher fühlte. Dass sie meinte, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen. Das war es auch, das die Begegnung mit Cal im Nachhinein betrachtet so schwierig gemacht hatte. In dem Bemühen, ihm zu gefallen, hatte sie sich immer mehr von sich selbst entfernt und sich dadurch in seiner Gegenwart unwohl gefühlt – ohne, dass er etwas dafür gekonnt hätte. Insofern hatte sie nicht das geringste Bedürfnis, der augenblicklichen Situation eine tiefere Bedeutung beizumessen, die vielleicht ohnehin nicht existierte.

Aber ehe sie sich tatsächlich zurücklehnen und den Moment genießen konnte, hielt Drago in seiner Bewegung inne. Seine Mimik veränderte sich und im ersten Augenblick verspürte Kyra den Impuls, sich umzudrehen und nachzuschauen, ob hinter ihr jemand stand. Ohadus konnten das. Einfach da sein, ohne dass man sie kommen hörte. Aber ehe sie die Bewegung ausführen konnte, bemerkte sie, dass er nicht an ihr vorbei, sondern sie anschaute. Und dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte ihn nach den Drachen gefragt. Und scheinbar weckte die Frage unangenehme Erinnerungen, zumindest wandte er kurz den Blick ab und schien nach den passenden Worten zu suchen. Obwohl Kyra zu den Menschen zählte, die schnell ein schlechtes Gewissen hatten – egal, ob gerechtfertigt oder nicht – konnte sie in diesem Moment nichts Falsches an ihrer Frage finden. Immerhin hatte er das Thema angeschnitten, nicht sie. Als er sie schließlich wieder anschaute und antwortete, verriet er ihr im Grunde genommen gar nichts. Außer, dass er mit den Drachen nicht auf gutem Fuß stand, was sie aus seinen vorigen Worten schon selbst geschlussfolgert hatte. Zwar machte ihn das sympathischer – Leute, die sich mit den Drachen gut verstanden, würde sie auf Anhieb erst mal nicht mögen – aber es sagte ihr auch nichts über ihn. Andererseits – warum sollte er ihr auch vertrauen? Er wusste ebenso wenig über sie wie sie über ihn. Das warme, wohlige Gefühl, dass sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte, erstarb und mit ihm ihr Lächeln. Dennoch war sie Drago dankbar für diesen kurzen Augenblick des Glücklichseins, auch wenn er nur flüchtig gewesen war.

Er hielt ihr seine Hand hin und drängte zum Aufbruch, was halb wie eine Ablenkung und halb wie tatsächliche Notwendigkeit klang. Natürlich konnten sie hier nicht bleiben. Kyra konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal sorglos irgendwo gestanden und sich unterhalten hatte. In den jetzigen Zeiten war das nicht nur ein Luxus, den man sich eigentlich nicht leisten konnte, sondern sogar grob fahrlässig. „Einverstanden.“ erwiderte sie und reichte ihm ihre Hand. „Und ich bin gespannt, zu sehen, was ein sehr interessantes Versteck ist.“ Die letzte Bemerkung war ihr entschlüpft, bevor sie sich selbst Einhalt gebieten konnte. Vermutlich lag das an dem Gefühl des Losgelöst-Seins, das sie eben verspürt hatte und das sie dazu brachte, Gedanken einfach laut auszusprechen. Sie lächelte, um die Worte nicht kleinlich oder ironisch klingen zu lassen. Dann ließ sie sich von ihm aus dem Versteck unter der Weide herausführen. Sobald sich der Vorhang aus grünen Zweigen hinter ihnen geschlossen hatte, spannte sich ihr Körper unwillkürlich an und sie blickte sich um. Lauschte. Aber sie hörte nichts, was irgendwie ungewöhnlich oder unnatürlich klang. Am lautesten war das Rauschen des Torrentis, das aber mehr und mehr verstummte, je weiter sie sich vom Fluss entfernten. Irgendwann umfing sie das Dämmerlicht des Waldes der Stimmen, an das Kyra sich noch so gut erinnern konnte. Sie sah die gedrungenen Bäume mit der dunklen Rinde und den weit gefächerten Ästen sowie die schmalen Trampelpfade und den Teppich aus Moos, der sich wie eine Decke über alles legte.

Es fühlte sich an wie nach Hause kommen.
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Re: Wald der Stimmen

Beitragvon Drago » Mittwoch 20. November 2013, 21:48

Drago fiel ein Stein vom Herzen. Wenn auch nur ein kleiner. Ein weit größerer verstopfte den Zugang in sein Innerstes wie ein Biberdamm den Fluss. Es war zwar nicht direkt eine Lüge. Aber die Wahrheit war es eben auch nicht. Es kam ihm .. ja... es kam ihm falsch vor, was er gerade getan hatte. Seine Moralansprüche an sich selbst waren durchaus hoch. Und so nahm er sich vor, ihr bald die Wahrheit zu sagen, dann wenn er sie besser einschätzen konnte. Denn gegen eine Frau kämpfen wollte er nicht. Sollte sie aber angriffslustig reagieren .. er musterte sie und schmunzelte kurz über sich selbst. Ach was! Klein und zierlich war sie und sehr jung. Dazu eine Frau. Sie sagte zwar, sie habe Hexenkräfte, aber das galt im Grunde noch zu beweisen. Jedenfalls flog sie nicht oder konnte zaubern, dass sie schneller voran kamen. Er hatte von anderen Frauen gehört, die auch zaubern konnten. Kleine Lichter und so was. Sie konnten auch heilen wie Scaldis. Ob sie nicht doch eher so eine war?

Nun, er würde es sehen. Und dann würde er entscheiden, was er weitermachen sollte. Erstmal war es wichtig, sie sicher zu ihrem neuen Versteck zu bringen. Er stolperte dabei ein wenig über ihre Worte, fand sie sogar ein bisschen provokant, auch weil sich ein Lächeln dazu gesellte. Zum Glück wurde er nicht so schnell rot. Shrek war oft rot geworden. Aber eher aus Wut. Vor Verlegenheit wurden bei den Drachen nur die ganz jungen Mädchen rot. Und als Junge gewöhnte man sich das ohnehin ziemlich schnell ab. Weniger Spott. So lächelte er ihr nur unverbindlich zu. Das war für ihn die einzig logische Regung. Alles andere hätte zu viel über seine Unsicherheiten verraten. Unsicherheiten durfte man bei Frauen aber niemals zeigen. Sonst tanzten sie einem ganz schnell auf der Nase herum. So sagte man das zumindest bei den Falken und auch bei den Drachen.

“Das wirst du schon sehen,“ brachte er schließlich noch heraus. Seine Worte waren nicht direkt unwirsch, aber doch sehr bestimmt. In seinem Ton lag eine gewisse Härte, die keinen Widerspruch zu dulden schien. Drago war ganz zufrieden damit und da sie seine Hand ergriff, lag er mit seiner Entscheidung ihr wenig von seiner Unsicherheit zu zeigen wohl richtig. Er drückte ihre Hand kurz und führte sie anschließend aus dem Versteck.

Er verließ sich dieser Tage besonders auf seine Ohren und seine Instinkte. Wenn man sich lange genug im Wald aufhielt, konnte man spüren, ob Gefahr in der Nähe war. Deshalb verharrte er vor der Weide kurz, lauschte und versuchte zu fühlen. Nichts. Kein Laut, aber seine Nackenhaare stellten sich auch nicht auf. Gut. Er ging los, passte aber nach wenigen Schritten seine Schrittlänge der von Kyra an, damit sie nicht mit ihren kurzen Beinen neben ihm her rennen musste. Drago begab sich nach Möglichkeit von einer Deckung zur nächsten, mied die offenen breiten Wege, mied aber auch das undurchdringliche Dickicht. Den Fehler hatte er mal zu Anfang der Jagd auf ihn gemacht. Er hatte unbewusst eine Schneise hinterlassen, der diese Kobolde ganz unproblematisch hatten folgen können. Ein Fehler, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Zum Glück hatten diese Kobolde nicht klettern können. Von einem Baum aus, war es ihm gelungen sie abzuschießen.

Bei diesem Gedanken ließ er Kyras Hand abrupt los und griff nach seinem Bogen. Drago hielt kurz inne, um den Bogen wieder zu spannen, nahm ihn dann locker in die Hand und legte einen Pfeil auf. Besser man hatte sein Handwerkszeug hier in der Gegend des Waldes der Stimmen immer bereit. Dennoch versuchte er es möglichst nebensächlich aussehen zu lassen. Noch eine Tränenflut aus ihren Augen würde er heute sicher nicht überleben.

Ein oder zwei mal mussten sie auf ihrem Weg menschenjagenden Kreaturen ausweichen. Aber es gelang ihnen jedes Mal rechtzeitig sich zu verstecken, ohne von ihnen wahrgenommen zu werden. Er achtete darauf, dass er Kyra dabei mit seinem Körper schützen konnte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie diesen Kreaturen etwas entgegen zu setzen hatte.

Schließlich kamen sie an dem Ort an, den er hatte erreichen wollen. Ein besonderer Ort. Von außen nichts mehr als der Teil eines undurchdringlichen Dickichts. Verwoben mit den Pflanzen drum herum. Ein paar Dornenbüsche sogar. Man musste schon wissen, was man suchte, um es auch zu finden. Er bedachte Kyra mit einem bedeutungsschwangeren Blick. “Wir sind da,“ hauchte er leise in ihr Ohr, griff dann abermals nach ihrer Hand und zog sie durch die erste Schicht Grünzeug hindurch. Vor ihnen erschloss sich eine zweite Schicht. “Warte hier,“ raunte Drago und schritt dann das Dickicht ab, schob ein paar Ranken zur Seite und spähte in die Behausung, die sich hinter dem Grünzeug verbarg. Sie sah unbewohnt aus und unberührt. Erleichtert atmete er auf. “Hier entlang. Er winkte Kyra zu sich, griff dann mit der rechten Hand an zwei gebogenen, blattschweren Ästen vorbei und ergriff den Türknauf. Er begann sachte zu ziehen.

Erst war gar nichts an dem Buschwerk zu bemerken. Dann lichtete es sich. Ein Spalt wurde bemerkbar, dahinter Holz. Nicht das Holz von lebenden Bäumen. Eine Konstruktion aus Menschenhand. Drago öffnete die Tür gerade so weit, dass er und sie würden hindurch schlüpfen können, um die Illusion von Blattwerk und Sträuchern nach Außen hin nicht durch Unbedarftheit zu zerstören. Er bedeutete ihr voran zu gehen, wartete bis sie seiner Aufforderung Folge geleistet hatte und tat es ihr dann nach. Im Inneren erwartete die beiden eine düstere Behausung, die fast verwunschen schien. Von oben und von zwei Seitenfensterns fiel spärliches Licht. Die Seitenfenster waren mit Pflanzen überwuchert. An den Wänden waren Halterungen für Kerzen angebracht, die Kerzen jedoch fehlten. An der hinteren linken Ecke des Raumes befand sich ein recht breites Bett. Man würde halbwegs bequem zu zweit darauf liegen können, so groß war es. In der Mitte des Raumes befand sich ein primitiver Tisch, der doch in seiner Natürlichkeit wieder etwas besonderes hatte. Eine alter Baumstumpf. Noch mit Wurzelwerk bildete den Fuß des Tisches. Der Querschnitt eines Baumes, etwa Handbreit, bildete die Tischplatte. Beides war glatt geschliffen, wodurch die Maserung des Holzes noch hervor trat. Zwei kleinere Baumstümpfe bildeten die Sitzmöbel. Sie waren so abgesagt, dass sie sogar eine kleine Lehne für den Rücken ihr eigen nannten.

Es gab auch eine kleine Kochstelle mit einem Kamin. Den zu benutzen hielt Drago jedoch für ein echtes Wagnis. Den Rauch würde man früher oder später sicher bemerken. Dennoch, ja, man konnte sagen, er platzte geradezu vor Stolz. Das war doch wirklich ein interessantes Versteck! Mit einer Mischung aus vor stolz geschwellter Brust und der Unruhe eines kleinen Jungen, der auf ein Lob wartete, blickte er nun Kyra an. Seine Füße wippten dabei unruhig hin und her, sein ganzer Körper summte nur so vor unterdrückter Energie. “Und?“ platzte es schließlich aus ihm heraus. “Wie findest du's?“
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Re: Wald der Stimmen

Beitragvon Kyra » Freitag 13. Dezember 2013, 17:06

Schon nach wenigen Schritten stellte Kyra fest, dass Drago sich gut auszukennen schien. Sie wusste zwar, dass Waldläufer sich auch in fremdem Gelände erstaunlich schnell zurecht fanden, aber in vertrauter Umgebung verhielten sie sich noch mal eine Spur anders. Kyra besaß eine gute Beobachtungsgabe und sie hatte in der Vergangenheit nicht nur durch ihren Vater häufig genug mit Waldläufern zu tun gehabt, um den Unterschied zu bemerken. Er bewegte sich sehr zügig und sicher – und wenn er einmal langsamer ging oder zögerte, hatte sie eher den Eindruck, er täte das, weil er auf sie warten oder Rücksicht nehmen wollte. Und nicht, weil er nach einem geeigneten Weg suchte oder die Richtung prüfte. Er vermied die offensichtlichen Wege und Trampelpfade, die auch Kyra erkennen konnte und an die sie sich teilweise noch zu erinnern glaubte. Allerdings verrannte er sich auch nicht im Unterholz, sodass sie wieder umdrehen und sich einen anderen Weg suchen mussten, sondern führte sie so durch den Wald, dass sie zügig voran kamen, aber trotzdem durch Bäume und Büsche getarnt blieben. Der Boden, auf dem sie liefen, war so beschaffen, dass sie möglichst wenig Spuren hinterließen – ein weiteres Detail, das ihr auffiel. Sie fragte sich, ob er den Wald der Stimmen kannte, weil er sich in den letzten Monaten hier versteckt gehalten hatte – oder ob er auch hier aufgewachsen war, so wie sie. Sie beschloss, ihn später danach zu fragen.

Zweimal mussten sie sich vor Zûls Kreaturen verstecken. Beim ersten Mal waren es Namenlose, die man schon einen Tagesmarsch gegen den Wind hörte. Dort genügte es, einfach in Deckung stehen zu bleiben und zu warten, bis sie vorbeigezogen waren. Kyra stellte bei der Gelegenheit fest, dass Drago sich vor sie stellte – wie, um sie gegen die Namenlosen abzuschirmen. Auch diese Geste berührte etwas in ihrem Inneren, das sie schon längst vergessen zu haben glaubte. Es war so lange her, dass jemand versucht hatte, sie zu beschützen. Beim zweiten Mal hatte sie überhaupt nichts gehört, sondern vernahm erst dann das Knacken eines Astes und ein leises Zischeln, als Drago ihr bedeutet hatte, stehen zu bleiben und still zu sein. Nicht, dass sie vorher etwas gesagt hätte, aber nun duckten sie sich hinter einen Busch und lauschten mit angehaltenem Atem. Kyra spürte, wie sich ihre magische Energie zu regen begann – so wie es früher gewesen war, wenn sie sich in Gefahr wähnte. Es kribbelte in ihren Fingerspitzen und die Energie des Feuers und des Windes sammelten sich in ihrem Inneren. Es war das erste Mal seit vielen Tagen, dass das passierte. Zum ersten Mal seit der letzten Schlacht, um genau zu sein. Es fühlte sich immer noch nach … ja, nach „weniger“ an. So als sei die Macht der Elemente geschrumpft. Aber es war wieder da, es spendete wieder tröstende Nähe, es nahm ihr das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit. Aber die Kobolde zogen an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. Die Anspannung ließ nach und Drago bedeutete Kyra irgendwann weiterzugehen.

Nach einer Weile blieb Drago wieder stehen. Kyra lauschte angestrengt, hörte aber nichts. Erst, als er ihr einen Blick zuwarf, den sie nicht ganz deuten konnte, wurde ihr bewusst, dass sie keinesfalls auf eine weitere Patrouille getroffen waren, sondern wohl ihr Ziel erreicht hatten. Die Worte, die er ihr zuflüsterte, bestätigten das und er nahm wieder ihre Hand, die er unterwegs losgelassen hatte, und führte sie auf eine grüne Wand zu. Kyra hatte diese überhaupt nicht wahrgenommen beziehungsweise für Gestrüpp gehalten und war umso überraschter, dass man sich tatsächlich hindurchschieben konnte. Dahinter verbarg sich eine zweite Pflanzenwand … und dahinter offensichtlich eine Tür. Ein bisschen erinnerte Kyra das Ganze an den alten Eingang zu den Katakomben … nur in viel, viel kleiner. Als sie sich durch den Türspalt geschoben hatte, offenbarte sich Kyra ein einzelner Raum, der in schummriges Licht gehüllt war. Anfangs hatten ihre Augen Schwierigkeiten, irgendetwas auszumachen, das über bloße Schemen hinausging. Schließlich erkannte sie einen Tisch und zwei Stühle, die etwas Verwunschenes an sich hatten. So, als lebte hier ein geheimnisvoller Waldbewohner, der sich bisher vor den Augen der Menschen verborgen gehalten hatte. Vielleicht war es auch die Behausung eines Druiden gewesen? Sie entdeckte noch einen kleinen Kamin mit Kochstelle und ein Bett, aber persönliche Besitztümer, die auf den Bewohner schließen ließen, konnte sie zumindest auf den ersten Blick und bei dem Licht nicht erkennen.

Sie bemerkte Dragos Unruhe – er verhielt sich wie jemand, der eine von langer Hand vorbereitete Überraschung präsentiert. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Bereits zum zweiten Mal wirkte er sehr jung, sehr … ja, man könnte fast sagen unbedarft. Ohne die Narben auf der Seele, die fast alle Überlebenden dieses Krieges trugen. Kyra selbst war zwar erst achtzehn, aber im Grunde genommen fühlte sie sich uralt. Was in ihrem Fall nur teilweise am Krieg lag, sie hatte ihre Unbedarftheit eigentlich in dem Moment verloren, in dem ihre Mutter gestorben war. „Du hast nicht zu viel versprochen. Das ist tatsächlich ein interessantes Versteck.“ erwiderte sie, immer noch lächelnd. Vorsichtig strich sie mit der Handfläche über die schöne Maserung der Tischplatte. „Wer hat hier gewohnt?“ Wenn man die Kerzen in den Halterungen und ein Feuer im Kamin anzünden würde, wäre es hier sogar sehr gemütlich. Dann könnte man sich für einen Moment einbilden, man befände sich in einer friedlichen Welt. Kyra wusste allerdings, das zumindest der Kamin eine dumme Idee wäre. Der Rauch würde nach draußen aufsteigen und wäre somit für Zûls Diener wahrnehmbar. Dennoch sehnte sie sich so sehr nach … dem Feuer. Für sie hatte Feuer immer Nähe, Wärme und Geborgenheit bedeutet und kaum etwas konnte ihr mehr Frieden geben, als an einem Feuer zu sitzen und den Flammen beim Tanzen zuzusehen. Sie stellte ihren Rucksack auf dem Tisch ab und begann, darin zu kramen. Sie hatte Kerzen aus Maryenhain mitgenommen, eine davon nahm sie jetzt heraus und klemmte sie in der Halterung fest. Sie war ein bisschen zu dick, aber mit etwas Mühe passte sie hinein. Wenn der Kamin schon erloschen bleiben musste, sollte zumindest eine Kerze brennen. Das Licht war gedämmt genug, um nicht bis nach draußen zu dringen. Sie kanalisierte nur ein wenig magische Energie und über ihrer Handfläche erschien eine kleine Flamme, die sie zum Kerzendocht leitete und diesen entzündete. Sie war so vertieft in den Anblick, dass sie nicht bemerkte, wie sich weitere Flämmchen materialisierten und um ihre Gestalt herum zu schweben begannen.
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