Supra Silva

Tauche ein in die Welt von Aurorae!

Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Dienstag 2. April 2013, 14:42

Etwas kratzte an der Oberfläche ihrer so mühevoll und kräftezehrend aufgebauten Mauer um ihre Erinnerungen. Es war als wäre ein Stück Mörtel aus der Mauer gebrochen, als habe etwas von Innen so lange mit einem kleinen Werkzeug den Mörtel herausgemeißelt, bis ein winziges Loch entstanden war. Sie wollte das nicht. Wehrte sich, doch Dinge entschlüpften diesem Gefängnis, die noch dadurch gestärkt wurden, dass die Eisprinzessin sprach. Etwas rührte sich machtvoll in ihrem Inneren, als diese erzählte, dass sie Aurorae verlassen hatte. Es war wie ein innerer Kampf mit den legendären Eisdrachen oder auch 5 Ohadus zugleich. Sie drohte zu verlieren. Doch ihr eiserner Wille ließ sie standhalten. Mit aller Kraft, die sie aufbieten konnte, stemmte sie sich gegen ihre Feinde, trieb sie zurück, wie in einer Schlacht. Ihre Stirn glänzte vor Schweiß. Für einen Augenblick war da nichts als dieser Kampf. Nicht der Felsen, das halb gefrorene Gras und schon gar nicht die Weißhaarige. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie selbst noch existierte. Wut keimte in ihr auf. Unermessliche Wut, die sich in irgendetwas Bahn brechen musste. Wut, weil sie in diesem Moment geradezu gezwungen war, sich zu erinnern. Sie wollte es doch nicht! Wollte es nicht! Sie brauchte ihre Kraft noch. Sie hatte es versprechen müssen. Dieses eine Versprechen war es, dass sie zwang zu kämpfen, stand zu halten, damit sie nicht den Verstand verlor: 'Überlebe'

Die Rothaarige brauchte eine Weile, bis sie den Kampf schließlich gewann, bis sie das zurückgedrängt hatte, was so machtvoll an die Oberfläche zu kommen versucht hatte. Sie lächelte beinahe triumphierend. Doch sie war auch keine Närrin. Sie wusste um das kleine Loch in ihrem Wall, wusste, mehr würden folgen und mit ihm das Unausweichliche. Allerdings nicht heute. In ihren Augen war für einen Augenblick an so tief sitzender, entsetzlicher Schmerz zu lesen, dass er in seiner Macht atemberaubend war. Aber der Anblick verschwand schnell und wich einer Mischung aus stumpfer Kälte und Härte. "Wie auch immer", sagte sie mürrisch als verspätete Erwiderung auf die Worte der weißhaarigen Zauberin. Sie hatte mitten im Satz abgebrochen, vermutlich weil sie verwundert war über das, was sie zu sehen bekommen hatte. Der Kriegerin hätte das egal sein sollen. Aus einem ihr nicht wirklich klaren Grund, war es das aber nicht. Es war ihr peinlich. Vielleicht, weil die andere nun um eine Schwäche wusste, die doch besser verborgen geblieben wäre. "Ja, Menschen finden ist eine grandiose Idee. Da wo viele sind, sind sicher auch Zûls Schergen nicht weit," sagte sie bissig auf das hin, was die Eisprinzessin nicht vollendet hatte und verdrehte die Augen. Dann aber wurde sie innerlich still. "Eigentlich suche ich tatsächlich nach ein paar Menschen. Bestimmten", räumte sie dann beinahe zähneknirschend ein.

Die Frau fing wieder an zu reden und die rothaarige Kriegerin verschränkte die Arme vor der Brust und lauschte. Es war anstrengend wie viele Gedanken sich die Frau um allen möglichen Unsinn machte. Sie schnaubte. Allerdings waren ihre Schlussfolgerungen daraus merkwürdigerweise durchaus logisch und stichhaltig. Papilias waren in der Tat genau das Gegenteil dessen, wofür Zûl stand. Sie hatte sich immer gewundert, warum sie überhaupt in den Krieg eingegriffen hatten. Sie waren nicht gerade dafür bekannt, dass sie jemanden absichtlich und willentlich ein Leid zufügten. Nicht mal denen, die es verdient hatten. Von den Zwergen dagegen, da hatte sie mehr erwartet. Nicht weil sie welche persönlich gekannt hätte, aber schon alleine wegen der Geschichten über sie. Aber sie hatten es ja vorgezogen sich bis auf ein paar rühmliche Ausnahmen in ihrem Berg zu verstecken und Symphonie direkt vor ihrer Haustür verrecken zu lassen! Sie spuckte aus. Und ihre Hände krampften sich zu Fäusten zusammen. Mit einer schnellen Bewegung schmetterte sie ihre Hand gegen den Felsen, hinter dem sie standen. Der Schmerz war wie Nektar für sie. Wie etwas, dass ihr zeigte, dass sie noch lebte und gegen ihre Erinnerungen immer noch Siege davon trug. Dass ihre Haut an den Fingerknöcheln nun abgeschürft war und leicht blutete, war ihr egal. Sie griff routiniert in einer ihrer Taschen und beförderte ein halbwegs sauberes Stück Stoff heraus und wickelte es sich um die Hand.

"Okay, eine Karte klingt gut. Ich hab leider keine nur eine ungefähre Richtungsvorstellung. Wenn wir uns zusammen tun, dann finden wir sicher was brauchbares. Oder auch jemanden." Sie nahm den Faden des Gesprächs einfach wieder auf als wäre nichts gewesen und musterte die Frau aus wachen grünen Augen, die nichts mehr von dem verrieten, was in ihr vorging. Sie erinnerte sich verspätet daran, dass unter den Menschen üblich war, sich einander vorzustellen,wenn man drauf und dran war Zeit miteinander zu verbringen. Aber sie konnte sich nicht zu einer höflichen Vorstellung durchringen. Stattdessen musterte sie die Eisprinzessin einmal mehr, während sie sich in Bewegung setzten, runzelte die Stirn, öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und seufzte. Das ganze geschah noch Zweimal bis sie sich dazu durchrang so etwas wie Konversation zu betreiben. Natürlich alles nur, um auf lange Sicht von der Karte zu profitieren. Und weil Menschen gerne über sich redeten und man selbst dann nichts sagen musste. Genau! Sie nach ihrem letzten Aufenthaltsort zu fragen, war ihr zu nah an dem, was sie eingeschlossen hatte. Aber ihr fiel etwas anderes ein, etwas, dass in ihren Augen relativ unverfänglich war. Jemand (sie sagte sich nicht wer) hatte ihr mal eine ganze Menge über das Supra Silva erzählt und auch über die beiden großen Clans, die dort lebten. Einer davon, verbannte magische Frauen. Da sie den Zauber von der Eisprinzessin so nicht nicht gesehen hatte, nahm sie nicht an, sie kam aus Patria oder aus den Katakomben. Und wie jeder Mensch würde sie sicher froh sein, wenn sie ihre Lebensgeschichte lang und breit ausplaudern durfte und jemanden hatte, der einfach nur zuhörte. Also fragte sie etwas brüsk: "Bist du eine Verstoßene?"
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Donnerstag 4. April 2013, 06:02

„Wenn ich deine Worte richtig interpretiere, sind Zûls Schergen ohnehin nicht weit, egal, wohin es einen verschlägt … und egal, ob da Menschen sind oder nicht.“ erwiderte Storm mit einem Schulterzucken. Zu Feuerlockes weiterem Kommentar sagte sie erst mal nichts – auch nicht, dass ein gewisser Kausalzusammenhang zwischen „Menschen suchen“ und „Menschen finden“ bestand –, ebenso wenig wie zu der Aktion mit der Hand. Zwar konnte sie nicht verhindern, dass ihre Augen sich kurz entsetzt weiteten und für einige Augenblicke auf der Hand verweilten, aber Feuerlockes routinierter Umgang mit der Verletzung ließ jeden Kommentar dazu im Keim ersticken. Je mehr Zeit Storm mit der Rothaarigen verbrachte, desto weniger wurde sie klug aus ihr. Was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sie deren Geschichte nicht kannte. Und so, wie die Kriegerin sich verhielt, hatte sie weder Interesse daran, etwas über Storm zu erfahren, noch wollte sie etwas von sich selbst preisgeben. Der Eismagierin fiel es folglich schwer, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen, was wiederum notwendig wäre, wenn sie sie zumindest ansatzweise verstehen wollte.

Aber Storm hatte noch nie einen Krieg miterleben müssen … schon gar nicht gegen Zûl und seine Ohadus. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, mit welchen Spielarten des Grauens man tagtäglich konfrontiert wurde, wenn man in einer solchen Schlacht focht. Storm hatte noch nie in irgendeiner Schlacht gefochten – weder gegen Ohadus noch gegen Menschen oder sonst was. Als sie in Patria gelebt hatte, hatte die Stadt zwar immer mit den Clans und den Verborgenen auf Kriegsfuß gestanden, aber einen tatsächlichen Krieg hatte es nicht gegeben. Dazu waren die Clans zu schwach und die Verborgenen zu … nun ja, verborgen gewesen. Es hatte Scharmützel gegeben und Überfälle, das ja. Aber Storm hatte sich um die Teilnahme an solchen gedrückt, wann immer es ging, weil sie einfach kein Interesse daran hatte, andere Menschen zu töten. Selbst wenn es – wie die patrianische Obrigkeit immer zu sagen pflegte – ein notwendiges Übel darstellte und die anderen Menschen Barbaren und Verräter waren. Und in White Hall hatte man sich immer bedeckt gehalten. Niemand durfte etwas von Brando-Râns Identität erfahren, solange er nicht alt genug war, um sich zu offenbaren. Und solange die Brandoris die Gesellschaft nicht auf den Sohn Kathârs vorbereitet hatten.

Jedenfalls … hatte Storm keine Ahnung, wie sie mit Feuerlocke umgehen sollte. Sie bemerkte wohl, dass sie furchtbare Dinge durchgemacht hatte und darüber nicht reden wollte, aber damit hatte die Sache sich dann auch. Sie war nicht geschult darin, traumatisierten Menschen zur Seite zu stehen. Sie war schließlich keine Priesterin! Mal ganz abgesehen davon, dass sie der Göttin ohnehin den Rücken gekehrt hatte. Sie stiefelte deshalb eine Weile vorneweg, wobei sie die Hand der Kriegerin – die gesunde! – irgendwann losließ. Sie ließ den Blick über die schroffen Bergwände gleiten, in der Hoffnung, so etwas wie eine Öffnung oder Spalte zu entdecken. Eines hatte ihre Wanderung nach Usill und Amorath immerhin bewirkt: Sie kam in der Wildnis wesentlich besser zurecht als früher und hatte einen Blick dafür entwickelt, wie man einen Unterschlupf fand. Da sich die Sonne allmählich hinter die Bergspitzen zurückzog, hatten sie auch nicht mehr viel Zeit. Irgendwann erspähte sie einen dunkleren Runden Fleck, der sich gegen das Schiefergrau der Felswände abzeichnete. Um dort hinzugelangen mussten sie zwar ein wenig bergauf wandern und anschließend klettern, aber es war nicht allzu steil und sollte machbar sein. Und es hatte den Vorteil, dass potentielle Angreifer nicht so ohne weiteres zum Eingang gelangen konnten.

Ehe sie Feuerlocke darauf aufmerksam machen konnte, stellte diese eine sehr seltsame Frage. Storm drehte sich um und grinste belustigt. „Wie kommst du denn da drauf? Ich gebe zu, meine Garderobe hat schon mal bessere Tage gesehen, aber … das hängt mit der Reise zusammen, die ich eben erwähnte. Nicht damit, dass ich verstoßen bin.“ Storm schaute an sich herab und stellte fest, dass ihre Robe tatsächlich nicht mehr sonderlich elegant aussah. Die hellen Farben waren teils verblichen, teils verdreckt – alles in allem eine sehr unvorteilhafte Kombination – und sie hatte auch schon das eine oder andere ausbessern müssen. „Was ist mit dir? Was sind das für Menschen, die du suchst? Wo kommst du eigentlich her?“ In diesem Moment entschied die Sonne, dass es Zeit war, sich hinter die hohen Berggipfel zurückzuziehen. Die Schatten wurden länger. „Aber das können wir auch gleich besprechen. Da oben ist eine Höhle …“ Sie zeigte auf den dunklen Fleck, der immer mehr mit den Schatten verschmolz.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Dienstag 9. April 2013, 17:58

Die Kriegerin öffnete den Mund, nur um ihn dann wieder zu schließen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen kam sie sich vor, als sie sich nun durch dieses unsichere Fahrwasser bewegte. "Wo hab ich mich nur wieder hinein manövriert?" murmelte sie schließlich. Das hatte man also davon, wenn man den anderen zum Reden bringen wollte. Dumm, dass sie nicht bedacht hatte, dass man nicht kontrollieren konnte, was andere Menschen von sich gaben. Dieses Zurückreflektieren auf sie, mochte die Rothaarige jedenfalls kein bisschen, was sich in ihrem Gesichtsausdruck auch deutlich zeigte. Es war ungefähr auf jene Weise verzogen, wie zu dem Zeitpunkt, als sie Namenlosenbraten probiert hatte. Sie musterte die Eisprinzessin mit eben jenem Blick, ließ ihn ihre Kleidung entlang wandern. Und tatsächlich, das Kleid sah ein wenig dreckig aus und ein bisschen geflickt. Aber nichts, warum jemand einen solchen Aufstand deswegen proben musste. Sie hätte jedenfalls nicht gezögert, der Weißhaarigen das Kleid abzunehmen, wenn es nicht zu klein und viel zu lang gewesen wäre. Die Schlussfolgerungen Storms waren also in den Augen der Kriegerin äußerst seltsam. Wieso sollte sie anhand so wenig mitgenommer Kleidung etwas über ihren Ausgestoßenenstatus schließen können?

"Nee," sagte sie deshalb gedehnt. "Ich meine doch nicht dein hübsches Kleidchen. Deine Zauber mein ich. Keine Hexe und keine Zauberin, die ich kenne, kann so komische Eiskristalle zaubern wie du. Ist das ne Weiterentwicklung der Eisbombe oder ein spezieller Zauber der verstoßenen Frauen vom Grünen Clan?" Die Worte schmeckten bitter auf ihrer Zunge, erinnerten sie sie doch unweigerlich an das Loch in der Mauer und daran, was da noch alles hindurch schlüpfen könnte, wenn sie nicht aufpasste. Wirklich zum Verrücktwerden, diese Weißhaarige. Das die auch gar nichts kapierte! Das verleitete sie dazu, noch eine bissige Bemerkung anzufügen. "Kann natürlich auch sein, dass du in Wirklichkeit die gestürzte Göttin bist. Wenn die ihrem Licht beraubt ist, könnte sie bestimmt auch so farblos aussehen wie du. Also sag mir lieber, ob ich mich in Ehrfurcht verbeugen soll, oder du doch nur ein normaler Mensch bist". In ihren Worten schwang sehr viel Abfälligkeit für die Göttin mit, etwas, dass sie weder verhindern konnte, noch wollte.

Bei den Fragen der Frau drehte sich ihr zunehmend der Magen um und ihre Laune sank in den Keller. Fürs erste jedoch hielt die Mauer stand. "Und ich, ich komme aus dem Osten, sagte ich doch schon. Die Katakomben waren meine Heimat, wenn du es denn unbedingt wissen willst. Und verstoßen bin ich jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Und ich suche nach einem Clan, der hier seine Heimat hat. Die Katzen. Kennst du die?" Die Kriegerin ratterte ihre Worte im Eiltempo herunter, damit sie möglichst wenig Schaden an der Mauer des Vergessens anrichten würden. Wozu sich mit der Vergangenheit aufhalten? Verdammt. Sie hoffte wirklich sehr, die Eisprinzessin würde aufhören Fragen zu stellen. Fiebernd suchte sie nach einer Möglichkeit, wie sie den Spieß wieder umdrehen konnte, wie sie die Frau neben sich dazu bringen konnte, mehr von sich zu erzählen. Alles war immerhin besser, als sich zu erinnern. Selbst stundenlanges uninteressantes Gerede von einem anderen Menschen. Aber wie zum Zûl stellte sie das am besten an? Sie maß die Frau abermals überaufmerksam, versuchte in dem noch fremden Gesicht und ihren Augen zu lesen und zu erkennen, was so interessant für die Frau sein musste, dass sie darüber ohne Punkt und Komma reden würde. Schließlich kam ihr eine in ihren Augen geradezu geniale Idee. "Dein Kleid war sicher teuer, oder? Sieht jedenfalls hübsch aus. Wo hast du das denn nur her?" Frauen, die sich über ihre Kleider sorgten, weil sie ein bisschen verdreckt waren, würden sicher stundenlang über Mode reden können. Oder nicht? Währenddessen hielt sie fiebernd nach einer Höhle Ausschau. Nicht dass diese sie aus ihrer derzeitigen Misere befreit hätte. Denn es würde wohl kaum weißhaarige Frauen fressende Höhlen geben. Außerdem brauchte sie die andere ja auch noch. Da hieß es dann wohl durchhalten wie eine tapfere Kriegerin. Sie schmunzelte.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Donnerstag 11. April 2013, 21:26

Storms Antwort auf ihre Frage schien Feuerlocke nicht zu schmecken, zumindest wenn die Eismagierin den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers als Interpretationshilfe zur Hand nahm. Was erwartete sie? Dass sie sagte „ja, ich bin verstoßen“? Die Rothaarige murmelte etwas vor sich hin, das Storm nicht genau ausmachen konnte, und unterzog Storms Robe dann ebenfalls einer genauen Musterung. Allerdings erwartete die Eismagierin nicht wirklich einen qualifizierten Kommentar dazu. Die wenigsten Amazonen, die sie kennengelernt hatte, hatten sich für Kleidung interessiert, geschweige denn etwas davon verstanden. Und selbst wenn die Frau vor ihr keine Amazone sein sollte, würde sie sich da kaum von anderen ihrer Zunft unterscheiden. So viel zu den allseits beliebten Klischees! Jegliche Gedanken zu Amazonen und ihrer Modeaffinität verschwand augenblicklich, als Feuerlocke zu einer Antwort ansetzte.

Die Rothaarige war aufmerksamer als es zunächst den Anschein erweckt hatte … und sie schien mehr von Magie zu verstehen als die Durchschnittsamazone in Patria. Allerdings nahm Storm an, dass ein Krieg diesen Ausmaßes Unwissenheit auf diesem Gebiet auch nicht länger zuließ. Die Zauberinnen der Verborgenen stammten von den patrianischen Hexen ab … und sie hatten ihr Zauberrepertoire auch nicht weiterentwickelt, wie ihr Philomena, die einzige ehemalige Verborgene bei den Brandoris, bestätigt hatte. Also konnte Feuerlocke die Eisdornen natürlich nicht kennen. Zumal kaum jemand von der Existenz der Eismagier wusste. In den patrianischen Bibliotheken gab es zwar Schriften zu diesem Thema, aber das Wissen war derart speziell, dass man nur darauf stieß, wenn man gezielt danach suchte. Als Teil der Allgemeinbildung konnten die Eismagier kaum betrachtet werden – und Storm bezweifelte ernsthaft, dass es sich bei den Verborgenen anders verhielt. Dennoch waren die Eismagier, im Gegensatz zu den Brandoris, kein geheimer Orden. Yazre würde das vielleicht anders sehen, aber es war nunmal Fakt, dass die Eismagier und White Hall bereits seit vielen hundert Jahren existierten. Es hatte sich nur nie jemand für sie interessiert, weil das Drakan-Gebirge einfach so weit abseits lag.

Ein kurzes Lächeln umspielte Storms Lippen. „Wenn du dich gerne in Ehrfurcht vor mir verbeugen möchtest, nur zu …“ erwiderte sie leicht spöttisch. „Allerdings habe ich mit der Göttin nichts zu schaffen.“ Da war es wieder: Das Herablassende als die Rothaarige von der Göttin sprach. Auch die Formulierung „gestürzte Göttin“ fand Storm sehr interessant. Zwar bezweifelte sie, dass es möglich war, Götter einfach zu stürzen, aber durch den Ausgang des Krieges musste sie zumindest geschwächt sein. Auch wenn Storm den Preis dafür zu hoch fand. Viel zu hoch! Noch nicht einmal um Brando-Râns Willen hätte sie sich etwas Derartiges gewünscht. Sie war schließlich kein Monster und trotz der Tatsache, dass sie Patria freiwillig den Rücken gekehrt hatte, lagen ihr die Bewohnerinnen der Stadt immer noch am Herzen. „Ich stamme aus White Hall im Drakan-Gebirge. Dort ist die Magie, die ich wirke, nichts Ungewöhnliches.“ Soviel konnte sie der Rothaarigen wohl verraten. Erstens hatte diese ihr auch gesagt, woher sie stammte, und zweitens interessierte sie die Reaktion von Feuerlocke auf den Namen ihrer Heimatstadt. Sagte diese ihr etwas? Eventuell konnte sie so herausfinden, ob White Hall vom Krieg betroffen worden war, oder ob ihre Abgelegenheit der Stadt ein weiteres Mal einen Dienst erwiesen hatte.

Die beiden Clans, die Feuerlocke erwähnt hatte, sagten ihr jetzt nicht unbedingt was. Das mussten wohl die beiden Barbarenclans sein, die im patrianischen Geographieunterricht beschrieben worden waren. Die Katzen. Storm erinnerte sich, dass die Clans alle so komische Tiernamen hatten: Katzen, Falken, Luchse … und wahrscheinlich auch Sakussis, Bonsai-Hörnchen und Regenwürmer. Keine Ahnung. „Die Katzen. Kennen ist zuviel gesagt ...“ Genauer gesagt wusste sie GAR NICHTS über die Katzen. Außer der Tatsache, dass sie zu den barbarischen Bewohnern dieses normalerweise doch recht idyllischen Landstriches zählten. Aber diese spezifische Formulierung sollte sie Feuerlocke gegenüber wohl unerwähnt lassen. „Wir können ja gleich mal auf die Karte gucken. Vielleicht sieht man da ja was, was sich als Lagerplatz eignet.“ schlug sie vor. Dann wechselte Feuerlocke plötzlich wieder das Thema. Storm zupfte an ihrem Ohr. Hatte sie gerade richtig gehört? Wollte die rothaarige Kriegerin, die ohne mit der Wimper zu zucken Namenlose abschlachtete, über Kleider reden? Storms Blick spiegelte eine Mischung aus fragendem Erstaunen und leichter Fassungslosigkeit wieder. „Äh … du willst wirklich wissen, wo ich mein Kleid herhabe? Wenn ich dir das sage, wird dir das kaum weiterhelfen … es sei denn, du warst schon mal in White Hall.“ Man sollte das Kuriose mit dem Nützlichen verbinden. Vielleicht konnte sie das Gespräch so wieder in Richtung Eismagierfeste lenken und erfahren, was Feuerlocke darüber wusste. „Aber das können wir ja gleich in der Höhle besprechen.“ Sie wies ein zweites Mal mit der Hand auf den Felsspalt.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Samstag 13. April 2013, 09:18

Mit einer ganz neuen Aufmerksamkeit in ihren Augen, die fast an so etwas wie Neugierde oder Interesse grenzte, musterte sie die Eisprinzessin. "So? Du hast mit der Göttin nichts zu schaffen, sagst du? Ist auch besser für dich. Das kann ich dir sagen. Ist nicht gerade die Zuverlässigste. Welchen Gott betest du dann an? Kathâr wie die Zwerge? Oder hast du allen Göttern abgeschworen?" meinte sie Kriegerin in einem Tonfall, der sehr an ein Pläuschchen in der Taverne erinnerte. Er passte irgendwie nicht so recht zu ihrem ganzen Auftreten, wirkte aber auch nicht künstlich. Tatsächlich hörte sie nun aufmerksamer zu und mit einem gewissen Interesse. Auch wenn die Weißhaarige für ihren Geschmack beinahe zu wenig redete. Es war zwar so, dass ihr das Gelaber von Leuten im Grunde ziemlich auf die Nerven ging, aber es war ja immer noch besser, als selbst reden zu müssen, nicht wahr? Deshalb war sie auch sehr darum bemüht, die Eisprinzessin am Reden zu halten, Genau. Das war sicher der einzige Grund, warum sie nachfragte, nicht etwa weil sie sich dafür zu interessieren begann, was die andere zu erzählen wusste. Aus dem Drakan Gebirge also. Na wenn dass nicht mal am A ... der Welt war. Kein Wunder, dass die Eisprinzessin nicht so helle war und das ein oder andere Mal wiederholt nachgefragt hatte. Sie war eben eine Hinterwäldlerin. Die Kriegerin kicherte über ihren eigenen schlechten Scherz. Wer war das schließlich nicht, in diesen Zeiten? "White Hall? Sind sie da alle so farblos wie du? Oder haben sie es so genannt, wegen dem ganzen Schnee und Eis?" rutschte es ihr dann heraus, bevor sie noch genau darüber nachdenken konnte, ob das nun eine Beleidigung war oder nicht. Im Grunde war es ihr ohnehin egal. Entweder die Weißhaarige kam damit klar, oder eben nicht. So einfach war das.

Sie setzten sich nun in Bewegung zu der Höhle, die sich weiter oberhalb eines Berges befand. Die Kriegerin nickte anerkennend. Diese Höhle war zum einen nicht einzusehen von unten und leicht zu verteidigen. Falls sie unbewohnt war, würde das ein anständiges Versteck für die Nacht abgeben. Sofern sie genug Platz für sie beide bot, Verstand sich. Ansonsten konnte die Eisprinzessin ja draußen schlafen. Im Dunkeln würde man sie sicher einfach für ein Schneebrett halten. Diesmal lachte die Kriegerin sogar leise, besann sich dann aber wieder. Schließlich wollte sie die Eisprinzessin nicht vertreiben. Noch nicht. "Ist jedenfalls effektiv, deine Magie. Und dabei auch noch so hübsch anzusehen. Wie dein Kleid." Sie brummte die Worte beinahe unwirsch. Sie sagte nicht gerne was nettes. Aber sie wollte ihre Hoheit lieber bei Laune halten. Immerhin war sie diejenige mit einer Karte. Da konnte man es ihr wohl kaum verübeln, dass sie die Katzen nicht persönlich kannte. Eigentlich war die Kriegerin sogar ganz froh darum. Mit ihrem exotischen Aussehen hätte sie sicherlich die Aufmerksamkeit von ... nein! Nicht diesen Weg einschlagen. Sie summte entschieden, bis die Gefahr vorüber war. Zum Glück fing die Eisprinzessin zu stammeln an. Scheinbar war sie verwundert über die Frage zum Kleid? Warum nur? Die Kriegerin kratzte sich nachdenklich die kalte Nase.

"Ne, war ich nicht. Aber vielleicht will ich diesem White Hall ja mal einen Besuch abstatten. Wenn es so weit nordöstlich ist, vielleicht steht ja noch was davon. Wie gut ist dein Dorf denn befestigt? Und wenn du mich anschaust, meinst du nicht auch ich könnte was Gescheites zum Anziehen brauchen, dass nicht diese bunte Mischung aus meiner eigenen Kleidung und Kleidung von Toten ist? Etwas dass warm hält und bequem ist. Vielleicht nicht so hell wie dein Kleid. Da sieht man ja jeden Schmutzflecken drauf und ist zudem wie eine Fackel schon vom Weitem zu sehen. Etwas ungünstig in diesen Zeiten. Hmmm ... vielleicht solltest du dir ja mehr Dreck auf dein Kleid machen, damit du nicht so auffällst? Und ein Kopftuch für deine Haare. Irgendwas erdfarbenes. Ist nur so ein Tipp. Die neue Mode des untergegangen Volkes, sozusagen. Kannst es natürlich auch lassen. Aber dann musst du mit mehr Besuch von Namenlosen rechnen. Nicht das ich was dagegen hätte, ein paar dieser Dinger vor jedem Frühstück zur Göttin zu schicken" Bei diesen Worten grinste die Rothaarige sehr breit. Die Vorstellung war aber auch zu köstlich, dass jeder tote Namenlose bei der Göttin landete und ihr dann das Leben zur Hölle machte. Genau! Herr Wirt, mehr Namenlose zum abschlachten, bitte! "Ist wie Waffentraining."

Die Kriegerin kickte einen kleinen Stein aus dem Weg und pfiff leise vor sich hin. Auf ihrem Gesicht war so eben sinnbildlich die Sonne aufgegangen. Sie strahlte, wie der junge Morgen und legte ein ziemliches Tempo zu der Höhle vor. Der Aufgang war steil und manches Mal musste sie sich mit den Händen abstützen, aber schließlich war es geschafft. Zunächst roch sie prüfend die Luft, die aus der Höhle kam. Kein Verwesungsgeruch und kein Geruch nach wildem Tier. Das war schon mal gut. Sie machte einen Schritt in das Dunkel. Nicht sonderlich spektakulär. Platz für sie beide,wenn sie nichts dagegen hatten, zu kuscheln, Wände aus Stein, steiniger Boden, der recht eben war. Kein Wasser und der Eingang war so schmal, dass man vielleicht eine graue Schlafmatte in den Durchgang hängen konnte, so dass es aussah wie Stein. "Wart mal," rief sie der Eisprinzessin zu, und ließ ihr Gepäck auf den Boden fallen und kramte eben jene Schlafmatte hervor. Sie hielt sie vor die Öffnung. Der Farbunterschied war nur gering. [i]"Könnte gehen, was meinst du? So sind wir wind- und sichtgeschützt. Müssen nur was finden, wie wir die befestigen. Am besten von Innen".[i] Mit diesen Worten stapfte sie voran in die Höhle und sah sich die Öffnung von Innen an. Vielleicht gab es ja irgendeinen Spalt oder so etwas. Oder etwas wo mein ein Seil durchziehen konnte. Selbst wenn das bedeutete, Zwei Löcher in die Schlafmatte schneiden zu müssen. Sie hatte ja schließlich noch eine.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Samstag 20. April 2013, 13:26

Dieses Mal war überhaupt kein Zweifel mehr möglich – das Thema „Göttin“ interessierte Feuerlocke sehr. Storm hatte immer noch keine Ahnung, warum dem so war, aber gerade die letzten Worte ließen zumindest eine grobe Schlussfolgerung zu: Die rothaarige Kriegerin fühlte sich von Aurora im Stich gelassen. Was eigentlich nicht weiter verwunderlich war, wenn man den Ausgang des Krieges bedachte. Den Menschen musste es so vorkommen, als habe die Göttin sie nicht vor Zûl und seiner Brut schützen können. Ob dem tatsächlich so war, wagte Storm trotz der Tatsache, dass sie sich in White Hall intensiv mit dem Thema Götter auseinandergesetzt hatte, nicht zu beurteilen. Aber sie konnte nachvollziehen, warum viele Menschen jetzt so dachten. Aus Sicht der Brandoris mussten Zweifel und Frust der Überlebenden den perfekten Nährboden für die Saat darstellen, die sie auszugeben gedachten. Aber Storm war weniger enthusiastisch. Sie war, wie sie selbst eben schon festgestellt hatte, keine Priesterin. Weder vom Aspekt des Heilens her noch von der Tatsache, dass sie das Wort einer Gottheit zu verkünden wünschte. So gesehen wäre sie bei den Brandoris ohnehin nicht gut aufgehoben gewesen. Sie war überzeugt davon, dass Yazres Geschichte stimmte – und sie hatte den Sohn Kathârs selbst gesehen. Aber jeder sollte sich Brando-Rân aus freiem Willen anschließen … und nicht, weil er oder sie frustriert war oder seine augenblickliche Lage verfluchte. Dennoch beschloss Storm, zumindest die Fühler ein wenig auszustrecken, ob es tatsächlich reiner Frust bei der Rothaarigen war – oder echter Zweifel.

„Ich habe nicht allen Göttern abgeschworen … aber ich bin ein Mensch, der generell Dinge hinterfragt. Der sich nicht mit dem zufriedengibt, was ihm von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde. Und wer Fragen stellt, bekommt auch Antworten. Manchmal – oder sogar öfter als man denkt – nicht die, die man erwartet hat. Wenn dich das Thema tatsächlich interessiert, können wir gerne gleich in Ruhe darüber reden. Das ist nichts, das man zwischen Tür und Angel besprechen sollte. Allerdings würde ich, bevor ich etwas dazu sage, gerne etwas von dir wissen: Zweifelst du tatsächlich an der Göttin oder fühlst du dich einfach von ihr im Stich gelassen?“ Was sie mit dieser Frage herauszufinden hoffte, war, ob die Kriegerin an einer Kreuzung des Lebens stand und von Storm einen Stups in eine bestimmte Richtung brauchte. Oder ob sie nicht Herrin ihrer Sinne war und man sie mit Gewalt von ihrem Weg abbringen müsste. „Und White Hall heißt so wegen dem Eis und Schnee … und der Kälte, die niemals schwindet. Und keiner dort sieht so aus wie ich … farblose Menschen sind allgemein eine Rarität – zumindest, wenn man es aufs Äußere bezieht und nicht auf den Charakter.“ Wieder war Storms Stimme mit einem Hauch von Ironie untermalt. Die Eismagierin fragte sich, ob die Rothaarige absichtlich unhöflich war und sie einfach provozieren wollte, oder ob sie sich überhaupt nicht bewusst war, was sie da redete. „Bei den Verborgenen sind zum Beispiel ja auch nicht alle Menschen unhöflich …“ fuhr sie deshalb im beiläufigen Plauderton fort. „Die einzige andere Verborgene, die ich bisher kennengelernt habe, ist sehr höflich. Allerdings interessiert sie sich auch für Mode. So gesehen habt ihr auch wieder eine Gemeinsamkeit.“

Womit sie beim nächsten Thema wären. White Hall und Kleidung. Storms Hoffnung, etwas über White Halls Schicksal zu erfahren, erfüllte sich zumindest insofern, dass Feuerlocke ebenfalls die Option für möglich hielt, dass die Stadt – oder wie sie gesagt hatte, das Dorf – noch stand. Das war schon mal besser, als zu wissen, dass die Stadt definitiv gefallen war. „White Hall ist eine Stadt, kein Dorf. Vielleicht nicht so groß wie Patria, aber gut befestigt und dafür gebaut, einem Ansturm stand zu halten.“ Von dem Halb-Gott und dem ehemaligen Ohadu, der nun Kathâr diente, mal ganz abgesehen. Und den Eisdrachen, die in der Nähe waren. Obwohl Storm nicht einschätzen konnte, ob jene Drachen, die den Eismagiern nicht dienten, auch nur einen Flügelschlag tun würden, um White Hall zu retten. „Ich bin sicher, dass du dort etwas Passendes zum Anziehen finden wirst. Zumindest, wenn die Stadt noch im selben Zustand ist, in dem ich sie verlassen habe.“ Storm wollte sich lieber nicht ausmalen, was wäre, wenn dem nicht so war. Zu Feuerlockes Kommentar bezüglich ihrer Kleidung und Frisur musste sie zugeben, dass dieser nicht einer gewissen Logik entbehrte. „Gar keine schlechte Idee mit dem Kopftuch … zumindest solange man noch durch das Grünzeug hier stapft. Allerdings ist deine Haarpracht auch nicht gerade unauffällig. Was mich zu der Frage bringt – du scheinst dich mit der Thematik ja auszukennen – wie Namenlose eigentlich ihre Umgebung wahrnehmen. Für mich sehen die aus wie wild zusammengesetzte Golems. Können die überhaupt Farben erkennen?“ Storm fragte sich das tatsächlich. Sie hatte in Patria mal eine Abhandlung über das menschliche Auge gelesen – das war ein hochkomplexes Sinnesorgan. Würde Zûl sich die Mühe machen, so etwas nachzubasteln? Sie musste zugeben, dass der Streifenbär und der Igel nicht einer gewissen, makabren Kreativität entbehrt hatten, aber nach allem, was sie bisher über Namenlose wusste, sollten sie vor allem eines sein: effektive Tötungsmaschinen, ohne einen Hauch von Subtilität.

Feuerlocke schien das Thema Namenlose jedenfalls in Hochstimmung versetzt zu haben, zumindest erklomm sie die Steigung zur Höhle mit ziemlichem Elan. Storm hatte Mühe hinterherzukommen – und das, obwohl sie durch das Jahr auf Wanderschaft konditionell ziemlich aufgeholt hatte. Oben angekommen machte sich die Kriegerin direkt daran, eine Vorrichtung für den Höhleneingang zu entwerfen, die diesen verbergen würde. „Sieht gut aus … wenn man nicht direkt davorsteht, wird man selbst tagsüber Schwierigkeiten haben, den Unterschied zum Gestein zu bemerken. Es sei denn, man ist ein Zwerg. Aber vor denen verstecken wir uns ja nicht.“ Storm folgte der Rothaarigen in die Höhle, die, wie sie bei der Gelegenheit feststellte, nicht sonderlich groß war. Sie war wie eine steinerne Schlafkoje beschaffen und verdiente eher den Namen Felsspalt als Höhle. Aber sie würde ihren Zweck als verborgener Schlafplatz erfüllen. Mehr wollte Storm auch gar nicht. Gemeinsam mit der Kriegerin sah sie sich den Eingang von innen an. „Hmm, ich könnte die Matte nachher einfach an der Wand festfrieren. Auch wenn es hier unten schon wärmer ist, sind die Nächte noch kalt genug, um das Eis nicht sofort zum Tauen zu bringen.“ Storm stellte ihren Rucksack ebenfalls in der Felsspalte ab und begann im Inneren zu wühlen. Sie förderte zwei Holzdosen und eine Blendlaterne zutage. Die Laterne sollte für später sein, wenn sie den Spalt verschlossen hatten und es hier drin stockdunkel sein würde. In den Dosen befanden sich die Überreste ihres Essens. Sie hob die Dosen hoch. „Hier ist was Essbares drin – gebratenes Hyadenfleisch und ein paar Wurzeln, die ich ausgegraben habe.“ Das Fleisch hatte sie Aiwindës Jagdkünsten zu verdanken … ohne ihren Drachen wäre sie wohl zu einem vegetarischen Dasein verdammt gewesen!
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Donnerstag 25. April 2013, 18:30

"Nicht allen Göttern, Eisprinzessin?" Die Kriegerin grinste breit. "Sag bloß es gibt noch mehr von denen als die zwei, die ich kenne? Das wäre ja ganz ... herzallerliebst." Sie klimperte übertrieben mit den Wimpern, wie sie es mal bei einer Frau gesehen hatte, die (vergeblich) versucht hatte, mit einem Mann zu Flirten und ihr Grinsen bekam etwas Zynisches, als die Eisprinzessin ihr eine komische Frage im Bezug auf die Göttin stellte. "Abgeschworen ist wohl die beste Bezeichnung. Sie beschreibt auf besonders amüsante Weise, wie die Göttin und ich zueinander stehen, würde ich sagen." Ihre Augen glitzerten belustigt auf über ihren ganz persönlichen Witz, den die Weißhaarige wohl eher nicht verstehen würde und über den sie keine Lust hatte tiefgehender nachzudenken. Fakt war jedoch, dass sie sich der Göttin mal verschworen hatte. Also war es nur legitim, sich nun als abgeschworen zu betrachten. "Sie und ich ... wir haben uns einfach auseinander gelebt." Ihr Gesicht und ihre Stimme führten ihre Worte jedoch irgendwie ad absurdum, einfach weil sie weder so traurig klang, wie die Leute, die für gewöhnlich diese hohle Phrase verwendeten und sie auch eher lächelte als alles andere.

Sie lachte auf, als die Eisprinzessin etwas von unhöflich faselte. Die Spitze war deutlich zu erkennen, aber sie machte der Rothaarigen nichts aus. Es erschien ihr sogar recht angenehm, dass die Weißhaarige auf diese Weise reagierte und ihr nicht einfach einen dieser Eiskristalle an den Kopf knallte. Bis hierher hatte sie jedenfalls weitaus mehr Geduld mit ihr bewiesen, als die Kriegerin gemeinhin für Menschen übrig hatte, die weniger anstrengend waren als sie selbst. Das musste man der Eisprinzessin schon echt anrechnen. Deshalb erklang nun beinahe bellend ihr Lachen. "Wie viele Verborgene kennst du außer ihr und mir, Schätzchen? Sicher, dass ich nicht mal ihre Diplomatin war, weithin bekannt dafür, die Höflichste von ihnen zu sein? Und die andere einfach ein wenig sonderlich für uns Höhlenbewohner? Wie hieß sie denn?" Sie war selbst ein wenig überrascht darüber, dass sie nun scheinbar zum Scherzen aufgelegt war. Aber wieso auch nicht. Sie hatte einen Kampf genossen, einen halbwegs sicheren Unterschlupf und eine Frau mit Karte. Das war weit mehr als sie in Wochen besessen oder erlebt hatte. Vom Kämpfen mal abgesehen. Und dieses White Hall wurde auch immer interessanter. Stadt? Befestigt? Sie könnte wirklich noch stehen. Nicht das sich die Kriegerin wirklich nach anderen Menschen sehnte, aber ein Ort an den man zurückkehren konnte und der halbwegs sicher war? Ein Ort an dem man mal ausschlafen konnte? Wow! Das wäre wirklich ein Paradies!

Dann stellte die Weißhaarige eine weitere Frage und widerwillig bemerkte die Kriegerin, dass sie ihr nun beinahe sympathisch wurde, mit ihrer Bissigkeit. Gefährliches Terrain. Aber wenigstens war sie verbal nicht unbewaffnet. "Das liegt daran, dass ich mir das Blut und den Dreck kürzlich aus den Haaren gewaschen habe. Gut das du das sagst. Werde das morgen früh gleich wieder ändern. Keine Ahnung ob Namenlose Farben sehen. Ich spreche ihre Sprache nicht und kann sie daher schlecht danach fragen. Und ich bin auch keine Hexe, die mit Sezierbesteck auf dem Schlachtfeld rumläuft und versucht diese Viecher zu verstehen. Ich töte sie nur. Allerdings weiß ich, dass sie auf alles zu rennen, was sich bewegt und sich farblich von der Umgebung abhebt. Ich bin mir natürlich nicht sicher. Aber wenn du dich als Testobjekt zur Verfügung stellen möchtest, können wir dazu gerne eine Versuchsreihe starten. Mit den richtigen Pflanzenfasern können wir deine Haare vielleicht grün oder orange oder so färben dann hätten wir Vergleiche." Sie fixierte die Weißhaarige mit einem nachdenklichen und sehr starrenden Blick, dem anzumerken war, dass sie für ein paar Augenblicke ernsthaft darüber nachdachte.

Dann jedoch glättete sich ihr Gesicht wieder. Sie waren nun in der Höhle und die Eisprinzessin schlug vor, die Matte festzufrieren. Die Kriegerin nickte zustimmend. Es war wirklich praktisch, seine persönliche Eisprinzessin dabei zu haben. "Vor Zwergen müssen wir uns so oder so nicht fürchten. Die haben sich in ihrem Berg verschanzt und lassen niemanden hinein. Die Stimme der Rothaarigen bekam plötzlich einen sehr gefährlichen Unterton. Ihre Stimmung kippte bei der Erwähnung von Zwergen deutlich in Richtung mörderisch. "Sie lassen Hilfesuchende lieber vor ihren Toren verrecken, die Feiglinge. Sie tätschelte Rache beinahe zärtlich. "Sollen sie sich nur her trauen." Bedeutungsschwer hallten ihre Worte in der Höhle nach, bevor sie sich wieder fing. "Oh du hast Fleisch zu essen?" Was für ein Glück an zwei Tagen hintereinander Fleisch! Sie warf ihre Taschen achtlos auf den Boden und schnappte sich eine der Dosen, öffnete sie und roch genießerisch daran. Definitiv kein Namenlosenfleisch. Lecker! Sie machte sich schon über die Dose her, bevor die Eisprinzessin auch nur blinzeln konnte. Kauend wies sie auf eine ihrer vielen Taschen. "Ich hab auch was. Bedien dich nur." Sie sprach mit vollem Mund und rülpste anschließend herzhaft. Man. Das schmeckte echt Tausendmal besser als die Überreste vom Sakussi. "Probier mal was von Stinker. Ist ne Verborgenendelikatesse, wenn man die richtigen Kräuter hat." Hatte sie nicht. Aber das musste sie der Eisprinzessin ja nicht auf die Nase binden. Sie konnte einfach behaupten, dass musste so schmecken genau. Sie öffnete die Tasche und warf der Weißhaarigen ein Fleischpäckchen zu, bevor diese widersprechen konnte. "Na los, probier. Und wehe, es schmeckt dir nicht." Sie tätschelte Tod und kurz trat ein diabolischer Ausdruck in ihre Augen. Dann aber lachte sie gut gelaunt und lehnte sich mit dem Oberkörper an eine der Wände, während er Blick nach wie vor, auf der Eisprinzessin ruhte. Ruhig. Intensiv, aber nicht abweisend.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Samstag 27. April 2013, 16:13

Als die Rothaarige sie „Eisprinzessin“ nannte, musste Storm unwillkürlich lachen. Also war sie nicht die Einzige, die andere mit lustigen Kosenamen bedachte. „Oh doch Feuerlocke, das scheint so zu sein … in Usill glaubt man an die Eisgötter und die Amorathi verehren ebenfalls ein Pantheon aus mehreren Göttern. Und ich bin sicher, dass es in anderen Ländern wieder andere Götter gibt.“ Gerade die Eisgötter hatten Storm sehr fasziniert. Viele Bewohner Usills betrachteten sie mit Furcht und hielten sie für rachsüchtige und ungnädige Geschöpfe. Einige glaubten, dass die Götter und die Eisdrachen identisch seien, also dass die Götter in Drachengestalt aus den Wolken stießen, um die Menschen zu bestrafen. Andere dachten, dass die Eisgötter so ähnlich wie Menschen aussähen und die Drachen ihre Diener seien. Lustigerweise war sie selbst auch schon bei dem einen oder anderen Stamm für eine Eisgöttin gehalten worden – gerade, wenn sie mit Aiwindë unterwegs gewesen war – und die Menschen dort hatten versucht, ihr vermeintlich kaltes Herz mit Gaben milde zu stimmen. Es gab allerdings auch andere Götterbilder, die von Eisriesen bis hin zu völlig fremdartigen Geschöpfen reichten, sodass es quasi unmöglich war, eine Ursprungslegende zu greifen. Zumindest hatte Storm nicht auseinanderhalten können, was auf einer gemeinsamen Legende mit einem möglicherweise wahren Kern beruhte und was nur der wilden Phantasie des Aberglaubens entsprang.

Allerdings hatte Storm weder von den Eisgöttern noch vom Pantheon der Amorathi gesprochen, als sie der Kriegerin gesagt hatte, sie habe nicht allen Göttern abgeschworen. Sie hatte eigentlich Kathâr gemeint, den sie seit der Begegnung mit Brando-Rân und Rogon in einem völlig anderen Licht sah. Obwohl sie sich nicht als glühende Anhängerin bezeichnen würde. Im Grunde genommen war sie scheinbar nicht dazu gemacht, die wahre Anhängerin einer Gottheit zu sein – aber darüber wollte sie jetzt ungern nachdenken. Das erforderte mehr Ruhe als sie zurzeit hatte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem rothaarigen Gegenüber zu. „Auseinander gelebt? Klingt eigentlich nicht wirklich amüsant ...“ bemerkte sie mit leicht hochgezogener Braue. Eine seltsame Formulierung irgendwie. Zumindest wenn Storms Vermutung stimmte und die Kriegerin sich von der Göttin durch den verlorenen Krieg im Stich gelassen fühlte. „Auseinander gelebt“ bezeichnete eigentlich einen schleichenden, langwierigen Prozess, während ein Krieg ein einschneidendes Ereignis war, das eine plötzliche Wunde im Leben vieler Menschen hinterließ. Allerdings wollte Storm auch nicht zu viel in eine einzelne Formulierung hineininterpretieren. Die Rothaarige wollte scheinbar nicht tiefer in das Thema einsteigen … ansonsten würde sie nicht versuchen, das Ganze so ins Lächerliche zu ziehen, wie sie es tat. Ihre Mimik und Stimmlage waren zumindest so konträr zu den Worten, die sie sagte, dass es weder wie echter Humor wirkte noch wie eine ernsthafte Debatte.

Bei den nächsten Worten der Rothaarigen musste sie allerdings wieder lachen. „Todsicher … wenn du ihre Diplomatin gewesen wärst, hätten sie wohl nicht lange den Namen 'Verborgene' getragen. Nichts für ungut.“ Storm zwinkerte der Kriegerin zu, um zu signalisieren, dass sie nur herumalberte. Obwohl ihre Worte eigentlich der Wahrheit entsprachen. Diese Kriegerin wirkte in etwa so diplomatisch wie Vaera – andererseits musste die Zathra zumindest über gewisse diplomatische Fähigkeiten verfügen, ansonsten hätte sie sich nicht so lange als Anführerin eines Ordens halten können – schon gar nicht nach dem Frieden mit den Verborgenen und den Clans. „Die Verborgene, die ich kenne, heißt Philomena. Sie gehörte wohl ehemals dem Zauberinnenorden an. Sie ist blond, immer sehr … adrett und höflich, gleichzeitig egomanisch und ehrgeizig. Sie liebt es von anderen umgarnt zu werden.“ Storm machte gar keinen Hehl daraus, dass sie mit Philomena im Grunde genommen nichts anfangen konnte. Was noch nicht einmal abwertend gemeint war. Die Brandoris hatte nur einfach nichts an sich, das sie für Storm irgendwie sympathisch gemacht hätte. „Kennst du sie?“ In diesem Moment fiel Storm zum ersten Mal bewusst auf, dass sie den Namen der Kriegerin immer noch nicht kannte. Gut, sowohl sie selbst als auch Feuerlocke hatten Abhilfe geschaffen, indem sie sich einfach andere Namen gegeben hatten, aber trotzdem …

Sie beobachtete, wie die Rothaarige nach ihrem Hyadenfleisch griff und sich darüber hermachte wie ein ausgehungerter Wolf. Tischmanieren hatte sie keine, was aber damit zusammenhängen mochte, dass sie länger nichts Anständiges mehr zwischen die Zähne bekommen hatte. Oder daran, dass es keinen Tisch gab. „Nimm's mir nicht übel, wenn ich dankend ablehne … mir gefällt meine Haarfarbe, also führst du deine Versuche entweder mit dir selbst durch oder du findest ein anderes Testobjekt, das sich dafür zur Verfügung stellt.“ bemerkte sie zu dem Vorschlag der Kriegerin, ihren Haaren verschiedene Farbtöne zu verpassen und sie im Sichtfeld von Namenlosen zu platzieren. Das Lächeln war dabei von ihrem Gesicht verschwunden, was das einzige Anzeichen dafür war, das sie sehr wohl mitbekommen hatte, dass der Vorschlag nur halb im Spaß gemacht worden war. „Also gehen wir einfach mal davon aus, dass sie Farben erkennen können bis ich mein Sezierbesteck gefunden habe und das Ding fachmännisch auseinandernehmen kann.“ Ihre Stimme enthielt zwar wieder eine Spur Ironie, aber eigentlich erschien ihr der Gedanke gar nicht schlecht - was der Beweis dafür sein dürfte, dass doch mehr Hexe in ihr schlummerte als ihr lieb war. Der Kommentar zu den Zwergen überraschte Storm hingegen sehr. Sie musste an Durain Runshelm und die Zwergin in White Hall denken – und der Begriff, den sie am wenigsten mit ihnen in Verbindung gebracht hätte, wäre „Feigling“ gewesen.

Ehe sie sich allerdings dazu äußern konnte, warf die Kriegerin ihr einen Brocken Fleisch hin – verbunden mit der sehr direkten Aufforderung, etwas davon zu essen. Als sie tatsächlich auf ihr Schwert klopfte, als wolle sie andeuten, dass sie nachhelfen würde, sollte Storm sich weigern, drohte die Stimmung zum ersten Mal ernsthaft in eine unschöne Richtung kippen. Storms Motto lautete „leben und leben lassen“ und es störte sie in den seltensten Fällen, wenn jemand anders war als sie selbst. Auch ruppigen Humor fand sie oft lustig und gerade bei der Kriegerin hatte sie viel Verständnis, weil sie annahm, dass diese durch den Krieg traumatisiert war. Allerdings gab es einige wenige Dinge, auf die Storm sehr empfindlich reagierte – und eins davon war es, wenn ihr jemand seinen Willen aufzwingen wollte. Das hatte sie in Patria oft genug erlebt. Sie hatte im begrenzten Rahmen dagegen rebelliert, aber Rebellentum war gerade im Hexenorden nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Zwar relativierte das anschließende Lachen die Situation wieder und sorgte dafür, dass Storm ihren Unmut wieder verdrängte – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier eigentlich um eine Lapalie handelte –, aber sie lachte nicht mit, was sie in einer vergleichbaren Situation vermutlich getan hätte. „Und … hast du die richtigen Kräuter dazu?“ fragte sie scheinbar leichthin. „Stinker klingt nicht gerade lecker. Was für ein Fleisch ist das überhaupt?“ Sie hob das Fleisch auf, ohne davon zu essen, und griff stattdessen das Thema Zwerge wieder auf. „Was meintest du damit, dass die Zwerge Hilfesuchende vor ihrem Berg verrecken lassen?“
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Donnerstag 9. Mai 2013, 13:49

Feuerlocke? Die Kriegerin lächelte. Sie hätte sich selbst sicher so nicht genannt. Aber der Name gefiel ihr. Sie konnte damit leben. Hauptsache niemand verlangte von ihr, ihren richtigen Namen zu nennen. Was ihr weniger gefiel waren die Ausführungen über die verschiedenen Götter in anderen Reichen. Andererseits bestätigte das auch ihre Vermutung. Die Götter waren im Grunde nur eine Erfindung des menschlichen Verstandes. Man dichtete ihnen Sachen wir „Gut“ oder „Gerecht“ an, einfach, weil man es sich so sehr wünschte, dass es jemanden gab, der auf einen aufpasste. Im Grunde war das eine sehr kindische Vorstellung. Wie wenn man glaubte Mutter oder Vater regelten alles. Und wenn man bei dieser Metapher bleiben wollte, so war sie das erwachsen gewordene Kind, dass all die Fehler der Mutter/ Göttin plötzlich erkannt hatte und dieser Illusion beraubt worden war. Wie eine Heranwachsende hatte sie sich schließlich ein neues Bild von Aurora gemacht und festgestellt, dass ihr im Grunde nichts Göttliches anhaftete. Natürlich war das kein amüsanter Prozess gewesen. Das hatte die Eisprinzessin schon hervorragend realisiert. Dennoch hatte die Rothaarige keine Lust genauer darauf einzugehen, warum sie dennoch behauptet hatte, es wäre amüsant gewesen. Sie wusste ihre Gründe und musste sie mit niemandem teilen.

Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen, das so wirkte, als lache sie innerlich über einen ganz besonderen Scherz, den nur sie verstand, als die Weißhaarige das Diplomatenkommentar aufgriff. Tja, wenn die wüsste, nicht wahr? Aber sie wusste eben nicht und deshalb lächelte die Kriegerin nur still und leise in sich hinein und maß die andere Frau mit einem so intensiven Blick, dass er beinahe bedrohlich wirkte. Den Namen Philomena hatte sie dagegen noch nie gehört. Nahm sie jedenfalls an. Sie hatte ja keine große Lust sich an irgendetwas aus ihrem Leben vorher zu erinnern. Aber nach allem was die Eisprinzessin erzählte, war die blonde Verborgene wohl auch eher nicht nach ihrem Geschmack. Kaum vorstellbar, dass sie Freunde oder etwas Ähnliches gewesen waren. Sie nahm einen großen Bissen von dem Fleisch und musste wieder einmal feststellen, dass es um so vieles besser schmeckte, als das Sakussi. Nun ja, sie war ja auch nicht unbedingt für ihre Kochkünste auf dem Schlachtfeld berüchtigt gewesen. Die Eisprinzessin dagegen konnte das wohl offensichtlich gut. Als diese dann wie zu erwarten in den Augen der Kriegerin etwas zickig wurde, bellte ihr Lachen kurz und hart auf. “Keine Sorge, Prinzessin. Ich verschandle dich schon nicht. Es war eher eine theoretische Überlegung. Im Grunde ist es mir egal ob die Namenlosen nun Farben sehen oder nicht. Ich bin keine Frau für Experimente und Labore. Ich bin eher eine Frau der Tat.“ Sie tätschelte liebevoll Rache und Tod und warf der Weißhaarigen einen vielsagenden Blick zu. Nur um wieder erneut zu lachen. “Bin ich dir etwa auf die Füße getreten? Bist du eine Frau mit regem wissenschaftlichen Interesse? Nimm's nicht persönlich. Wie wir beide bereits festgestellt haben, liegt mir Diplomatie nicht.“

Dann geschah etwas im Gesicht der Eisprinzessin. Der Kriegerin war es so, als würde es sich mit einer imaginären Eisschicht überziehen. Sie war nicht mehr sehr aufmerksam, was die Gefühle anderer Leute betraf, weil es sie im Grunde nicht interessierte. Hier aber, bekam sie etwas mit. Irgendwie hatte sie sich den Unmut der anderen Frau zugezogen. Nicht das ihr das unangenehm wäre, es war eher eine Feststellung. Der Zeitpunkt war etwas verwunderlich. Denn sie war bisher nicht gerade dadurch aufgefallen, dass sie höfliche und nette Konversation betrieb. Wieso also jetzt? Hmm … wollte sie das wirklich wissen? Das würde ja bedeuten, sich für die andere ehrlich zu interessieren. Da musste sie erst Mal eine Weile drüber nachdenken. Später. Vielleicht wenn die Eisprinzessin schlief. “Stinker war ein Sakussi. Ist praktisch, wenn einem das Fleisch direkt nachläuft. Der Geschmack ist speziell. Probier ruhig.“ Sie nickte der Eisprinzessin aufmunternd zu und rieb sich ihren vollen Bauch. So gut hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gegessen. Doch das Wohlgefühl verebbte, als die Eisprinzessin nachzubohren begann. Verdammt sie musste wirklich darauf achten, was sie sagte. Sie blickte auf den Boden wobei ein Teil ihrer Haare nach vorne fiel und ihre Augen bedeckte. Das war durchaus Absicht. Sie wollte nicht, dass die Weißhaarige das sah, was sich nun in ihren Augen widerspiegelte.
“Sie haben sich in ihrem Berg eingeschlossen und lassen niemanden herein. Keine Frauen, keine Kinder. Niemanden. Sie haben einfach zugesehen, als die letzten Überlebenden der Verborgenen vor ihrer Haustür abgeschlachtet wurden. Ich denke, dass niemand entkommen konnte.“ Sie schloss die Augen und summte, um die Bilder zurückzudrängen, die sich für immer in sie eingebrannt hatten und die sie doch die meiste Zeit hinter der Mauer des Vergessens verborgen hielt. Es dauerte lange, bis sie ihre Stimme wieder fand. “Außer mir,“ setzte sie rau hinzu. Dann stand sie auf und wandte der Eisprinzessin den Rücken zu, starrte die Wand ihrer kleinen Schlafhöhle an und schwieg. Ihr Blick war seltsam leer, ihr Atem ging langsam aber gleichmäßig. Doch ihre Augen waren nun nicht länger lebendig. Stumpf starrten sie, ohne wirklich etwas zu sehen.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Samstag 11. Mai 2013, 09:59

Ihre Frage zu Philomena beantwortete die Rothaarige nicht, sodass Storm nichts über die Vergangenheit der ehemaligen Zauberin erfuhr. Das war zwar bedauerlich – denn solche Informationen waren immer wertvoll – aber scheinbar hielt die Kriegerin das Thema für abgehakt, nachdem ihre eigene Neugierde gestillt war. Und Storms Interesse an Philomena war nicht so stark, dass sie an der Stelle noch einmal nachgefragt hätte. Stattdessen überlegte sie, das Thema Götter noch einmal aufzugreifen, als Feuerlocke auf die Namenlosen zu sprechen kam. „Ich bin in der Tat jemand mit regem wissenschaftlichem Interesse – und ich bin der Ansicht, man sollte seinen Feind kennen. So viel über ihn herausfinden, wie man kann, um ihn dann eines Tages zu überraschen und etwas zu tun, womit der er nicht gerechnet hätte. Nur deswegen habe ich mir Gedanken über das Sehvermögen der Namenlosen gemacht.“ Storm zuckte die Achseln und grinste ebenfalls. „Und nein, ich habe kein Problem damit, dass du nicht diplomatisch bist. Ich bin in Patria aufgewachsen, zwischen Amazonen und Hexen, wovon ein Großteil nicht für seine überragenden diplomatischen Künste bekannt ist. Ich bin also Kummer gewohnt, wie man so schön sagt …“ Storm entschloss sich zu einem gewissen Grad an Offenheit, auch wenn sie der Kriegerin immer noch nicht wirklich über den Weg traute. Dazu konnte sie sie einfach zu schlecht einschätzen. „Aber da wir uns erst seit … was mag es sein, zwei Stunden? … kennen, kann ich nicht in jeder Situation beurteilen, wann du etwas ernst meinst und wann nicht …“

Als Feuerlocke schließlich erklärte, was es mit „Stinker“ auf sich hatte, verzog Storm kurz das Gesicht. Sakussi-Fleisch! Wer aß denn so etwas? Das hatte man in Patria allenfalls an die Tiere verfüttert. Aber vermutlich durfte man in diesen Tagen nicht allzu wählerisch sein, was auf der Speisekarte landete. Sie beugte sich leicht nach vorn und schnupperte an dem Fleischbrocken. Er machte seinem Namen alle Ehre … und Storm hätte schon riesigen Hunger haben müssen, um davon etwas zu essen. „Wenn es so schmeckt wie es riecht, verzichte ich drauf, vielen Dank.“ Sie legte das Fleisch wieder auf den Boden und langte stattdessen nach ihrem Behälter, in dem sich die essbaren Wurzeln befanden. Dann lieber gar kein Fleisch. Sie wollte nicht ausschließen, dass irgendwann Zeiten kommen mochten, in denen sie froh über Sakussi-Fleisch war. Aber dieser Tag war noch nicht heute. Dass Feuerlocke darüber verärgert sein würde, glaubte Storm nicht. Wer selbst keine Manieren an den Tag legte, würde ein solches Verhalten wohl kaum von anderen erwarten.

Das Thema „Zwerge“ schien allerdings nicht die beste Wahl gewesen zu sein. Denn die Stimmung veränderte sich rapide. Feuerlocke wich ihrem Blick aus und es schien fast so, als wolle sie mit den Haarsträhnen, die nach vorn fielen, ihr Gesicht verdecken. Und mit so einer Antwort hatte Storm schon gar nicht gerechnet. Mit runden Augen starrte sie Feuerlocke an, obwohl diese Storm nicht länger wahrzunehmen schien. Irgendwann stand die Rothaarige auf und drehte sich von Storm weg. Verdammt. Warum musste sie immer alles wissen? Weil sie nicht wusste, was in dem einen Jahr Abwesenheit passiert war. Weil sie wissen wollte, mit wem sie sich eigentlich die winzige Höhle teilte. Weil sie einfach per se neugierig war. Es gab tausend – teils gute, teils weniger gute – Antworten auf diese Frage. Aber gab ihr das tatsächlich das Recht, jemanden dazu zu zwingen, an Dinge zu denken, die derjenige lieber vergessen wollte? Natürlich hatte sie in diesem Fall nicht ahnen können, wohin die Frage führen würde, aber trotzdem … Sie stand ebenfalls auf und drückte Feuerlockes Schulter. „Es tut mir leid. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht nachgefragt. Aber ich hätte auch niemals vermutet, dass die Zwerge zu so etwas in der Lage sind. Nach allem, was ich über sie weiß, und ausgehend von den Zwergen, die ich persönlich kennengelernt habe, hätte ich … mehr von ihnen erwartet.“ sagte sie leise. Dann stockte kurz. Natürlich könnte sie jetzt so etwas sagen wie: „Gib die Hoffnung nicht auf, vielleicht hat doch noch jemand anderes überlebt.“, aber aus ihrem Mund hätte das nur wie eine leere Floskel geklungen. Zwar mit den besten Absichten gesprochen und in der Hoffnung, Trost zu spenden, aber trotzdem … eine Floskel. Sie war nicht dabei gewesen, also konnte sie auch nichts dazu sagen. Vermutlich hätte sie das auch nicht gekonnt, wenn sie dabei gewesen wäre ... wie man es drehte und wendete, in einer solchen Situation, mit einer Person, die sie nicht gut genug kannte, war die Wahrscheinlichkeit, die falschen Worte zu wählen, ziemlich hoch. „Ich geh kurz nach draußen. Wenn du darüber reden willst, habe ich immer ein offenes Ohr für dich, wenn nicht, … ist es auch in Ordnung.“ Damit drückte Storm Feuerlockes Schulter ein zweites Mal, drehte sich um und ging nach draußen.

Dort blickte sie über die Landschaft des Supra Silva, die nun nur noch aus Schatten und Schemen bestand. Die Sonne war längst hinter dem Gebirge verschwunden und bald würde es ganz dunkel sein. Storm wurde bewusst, dass sie hier oben ziemlich gut sichtbar war, also hüllte sie sich in ihren grauen Mantel, sodass ihre Robe verdeckt wurde, versteckte ihre auffällig hellen Haare unter der Kapuze und lehnte sich dann an die Felswand. Einer genauen fachkundigen Betrachtung würde die Tarnung vermutlich nicht standhalten, aber es war zumindest nicht mehr ganz so offensichtlich. Es fiel ihr immer noch schwer, das eben Gehörte zu verarbeiten. Wieso sollten die Zwerge sich so verhalten? Natürlich, sie waren Anhänger Kathârs, aber der Dunkle Gott protegierte Zûl nicht länger. Im Gegenteil ... nach allem, was sie wusste, war er ihm eher ein Dorn im Auge. Storm seufzte leicht. Auf diese Frage würde sie jetzt keine Antwort finden, da musste sie warten, bis sie nach White Hall kam. Sie nahm an, dass man dort mittlerweile von dem Ausgang des Krieges wusste - und bereits eifrig dabei war, Pläne zu schmieden, wie nun weiter vorgegangen werden sollte. Storm hatte keine große Lust auf die Pläne - schon gar nicht, nachdem sie die Trauer der Kriegerin erlebt hatte - aber ihr war auch klar, dass etwas unternommen werden musste. Irgendwann würde Zûl auch auf White Hall aufmerksam werden. Und es würde ihm ganz und gar nicht schmecken, dass Kathâr einen Sohn hatte, der Zûl - so mächtig dieser auch sein mochte - möglicherweise eines Tages an Macht übertreffen würde.

Storm fragte sich, was sie mit der Kriegerin anstellen sollte. Sie brauchte dringend jemanden, dem sie vertraute - und dem sie sich anvertrauen konnte. Dann erinnerte die Eismagierin sich an den Katzenclan. Dort hatte die Kriegerin hingewollt. Vermutlich, weil sie dort Leute kannte ... und der Clan im Supra Silva noch weit genug abseits der Kriegsschauplätze lebte, um zumindest eine Chance zu haben, dem Gemetzel entgangen zu sein. Heute war es zu dunkel, aber morgen würde sie ihre Karte genauer in Augenschein nehmen.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Samstag 11. Mai 2013, 11:22

Die Umgebung verschwamm, so sehr sie sich auch bemühte das zu verhindern. Sie wehrte sich dagegen, bot all ihre Kraft auf. Doch das Loch in der Mauer hatte sich vergrößert. Sie registrierte außerhalb ihrer kleinen Welt nichts mehr. Nicht die Eisprinzessin, die ihr nette Worte ins Ohr sagte, nicht die kleine Höhle oder die eben noch gute Stimmung. Sie bemerkte auch nicht als die Weißhaarige aus der Höhle trat. Ihr kompletter Körper verkrampfte sich unter der Anstrengung den Kampf doch noch zu gewinnen. Sie war schon früher niemand gewesen, der leicht und gerne aufgab. So kämpfte sich auch jetzt. Bis sie zusammengerollt wie ein kleiner fester Ball schwitzend auf dem Höhlenboden kauerte und sich der Bilder nicht länger erwehren konnte: Schreie. Schrei um Hilfe. Verzweifelte Schreie. Kommandierende Schreie. Ersterbende Schreie. So viel Blut. Hässliche namenlose Fratzen. Kalte, blicklose Augen in lächelnden Gesichtern. Falsches Lächeln. Und doch vergnüglich. Gedankenblitze waren es, die durch ihren Körper, ihren Verstand fuhren. Sie war auch da. Blutverschmiert wie die anderen. in ihren Augen nichts mehr als der Wahnsinn. Sie legte den Kopf zurück und lachte, lachte über den toten Feinden. Dieses kalte, unbarmherzige Lachen erklang nun auch aus der Höhle nach draußen. Ihr Körper zitterte. Denn sie wusste was folgen würde. Symphonie fiel. Und mit ihr die letzte Hoffnung. Ihr selbst blieb nichts mehr als die Flucht. Von einer Anhöhe sah sie zu, wie die letzten ihr Leben aushauchten. Hilflos. Desillusioniert. Verzweifelt. Dort, bei den Zwergenhöhlen, war ihr das letzte Quäntchen Hoffnung genommen worden. Wieso atmete sie noch? Wieso machte sie weiter? Sie wusste es. Eine letzte Aufgabe war ihr geblieben. Diese wollte sie erfüllen. Und dann? Rache und Tod. Die Kriegerin lächelte in ihrer verkrümmten Stellung in der Höhle. Doch ihr Lächeln hatte nichts Glückliches an sich. Sie schloss die Augen und summte. Immer das selbe Lied war es. Ein Schlaflied für kleine Kinder. Es half, dass ihre Erinnerungen sich schlafen legten.

Müde, abgekämpft und sehr zittrig kam sie wieder zu sich, wurde der Realität gewahr und der Schwäche, die die fremde Frau gesehen hatte. Kurz glitt ihre Hand über Tod. Es war nicht gut, wenn jemand sie so schwach sah, oder? Vielleicht ... nein. Etwas hielt sie zurück, die Eisprinzessin zu töten. Vielleicht der Umstand, dass sie die Höhle verlassen und ihr Privatsphäre eingeräumt hatte. Oder auch nur der Umstand, dass sie irgendwie interessant war. Es war der Moment, in dem sie sich eingestehen musste, wie kaputt sie wirklich war. Ihre Grundfeste, auf der ihr ganzes Sein aufgebaut gewesen war, war zerstört. Sie war nicht länger ein Mensch. Schon gar kein ehrenvoller. Sie war etwas anderes geworden. Etwas, dass den Kreaturen ähnlicher war, die sie jagte, als ihr lieb war. Wollte sie das? Die Antwort war klar. Nein. Der Schlangendolch hatte sie nicht zur Ohadu gemacht damals und der Krieg würde jetzt nicht Ähnliches aus ihr machen. Ihr Wille war stark. Und sie zwang sich nun, einen anderen Weg einzuschlagen. Sie musste einen anderen Weg einschlagen, wenn sie nicht werden wollte, wie sie: Seelenlos, kaltherzig. Sie erhob sich, wischte sich die zittrigen Hände an den Umhang hab, den sie trug. Seinen Umhang. Sie schluckte. Genug Erinnerungen für heute. Aber eines hatte sie darüber begriffen. Erstaunlich. Sie war sich jedoch nicht sicher, ob sie der Eisprinzessin dafür dankbar sein sollte.

Mit noch wackeligen Beinen trat sie aus der Höhle und suchte nach der Eisprinzessin. Als sie sie fand, blickte diese in die Ferne. Die Kriegerin tat etwas für sie völlig Überraschendes. Sie griff nach der Hand der Fremden. Nicht grob, sondern freundlich und sanft. Das passte nicht so recht zu ihrem bisherigen Verhalten. Irgendetwas hatte sich merklich verändert in ihr. "Komm," sagte sie zu ihr. "Der Sturm ist fürs erste vorbei. Du musst mich nicht fürchten." Lächerliche Worte. Aber doch irgendwie ... sie hatte sie aussprechen müssen. Hatte sie selbst hören müssen. Sie lächelte schief. In ihren Augen zeigten sich so viele widerstreitende Gefühle, dass sie wie eine tobende See erschienen. Aber sie waren lebendiger als die ganze Zeit vorher. "Schlachtenwahnsinn," setzte sie dann erklärend hinzu. "Ich habe zu viel vom Krieg gesehen. Zu viele Schlachten und Tode. Der Wahnsinn überfällt mich manchmal . Du solltest dich von mir fern halten, wenn es mal wieder vorkommt. Ich habe dann keine Kontrolle über ... über ..." Sie brach ab. Warum erzählte sie der Eisprinzessin das? Einer völlig Fremden, die sie nicht mal einen halben Tag kannte. Die Antwort war erleichternd und ernüchternd zugleich: Weil sie einander nicht kannten. Die Fremde kannte nicht ihr altes Ich. Sie sah nur das, was jetzt war. Und sie war immer noch bei ihr. Warum auch immer. Aber sie war irgendwie froh darüber. Auch wenn das harter Tobak für sie war, sich das einzugestehen. "Wenn du Fragen hast über das was passiert ist, frag am besten jetzt, wo alles in mir ruhig ist. Ansonsten bin ich vielleicht nicht die beste Informationsquelle." Sie lächelte schief. Ein wenig peinliche Berührtheit lag auch darin. Aber auf der anderen Seite, was sollte es? Sie waren einander fremd. Die Eisprinzessin würde sie nicht nach den Maßstäben beurteilen, die diejenigen anlegen würden, die Taira vorher gekannt hatten. Taira? Genau. Das war ihr Name. Seltsamerweise schmerzte dieses Wort nicht länger. Taira? ... Taira ... Taira! Sie lächelte warmherzig, als sich ein neues Gefühl in ihr ausbreitete. Es war wie ein Nachhausekommen.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Donnerstag 16. Mai 2013, 13:25

Plötzlich hörte Storm wie die Kriegerin in der Höhle zu lachen anfing. Hätte sie – nach allem, was sich eben abgespielt hatte – schon die Tatsache an sich beunruhigend gefunden, ließ ihr der Tonfall zusätzlich einen Schauder über den Rücken laufen. Das Lachen war frei von jeglicher Fröhlichkeit und wirkte wie ein dunkler Abklatsch der wahren Gefühlsregung, der danach strebt, so zu sein wie das Original – in seinem Bestreben aber das genaue Gegenteil erreicht. Einen kurzen Moment erwog sie, einfach abzuhauen. Vielleicht hatte sie mit ihrer Frage eine Lawine losgetreten, die sich nun nicht mehr aufhalten ließ. Vielleicht war die Kriegerin nun völlig verrückt und nicht mehr länger in der Lage zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Allerdings war ihr Rucksack noch da drin – und zumindest die Landkarte brauchte sie. Und auch die Souvenirs von ihrer Reise wollte sie ungern aufgeben. Wer wusste schon, ob und wenn ja, wann sie das große Gebirge noch einmal überqueren würde. Sie spielte mit dem Gedanken Aiwindë zu rufen. Sie wusste nicht, wo sie war, aber wenn sie in der Nähe war, würde sie kommen. Vielleicht würde der Anblick des Drachen die Kriegerin ja zum Innehalten bewegen – selbst, wenn sie völlig durchgedreht war.

Aber ehe sie etwas davon in die Tat umsetzen konnte, kam die Kriegerin aus der Höhle heraus. Storm bemerkte es nur deshalb, weil sie einen Teil ihrer Aufmerksamkeit auf den Höhleneingang gerichtet hatte, obwohl sie talwärts schaute. Kälte kroch durch ihre Glieder, aber es war die beruhigende, sichere Nähe des Eises, die sie spürte. Innerlich bereitete sie sich darauf vor, sich wehren zu müssen. Aber zu ihrer großen Überraschung sprang die Rothaarige ihr nicht an die Kehle. Stattdessen ergriff sie ihre Hand. Storm drehte sich langsam in Feuerlockes Richtung … und stellte fest, dass etwas anders war. Sie würde es nicht so drastisch formulieren und sagen, dass ihr eine gänzlich andere Person gegenüberstand, aber die Kriegerin war nicht mehr dieselbe. Zu Storms grenzenloser Überraschung wirkte sie sogar weniger verrückt als vorher. Sie wirkte irgendwie … lebendiger. Und freundlicher. Sie erwiderte das unsichere Lächeln ihres Gegenübers und bewegte langsam den Kopf auf und ab. War es so offensichtlich gewesen, dass sie der Rothaarigen im Grunde genommen nicht wirklich über den Weg getraut hatte? Vermutlich schon. „Das … ist nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, was du alles gesehen haben musst.“ erwiderte sie auf Feuerlockes Erklärung hin. „Nur jemand, der keine Gefühle hat, kann das ertragen, ohne davon berührt zu werden.“ Deshalb hatte Zûl die Ohadus wahrscheinlich so gemacht, wie er sie gemacht hatte. Gefühllos. Sehr praktisch in einer Schlacht. Und erst recht in einem Monate oder Jahre andauernden Krieg. Perfekt – und widerlich.

„Nochmal: Es tut mir leid, dass ich dich dazu gezwungen habe, dich an diese Schlacht zu erinnern. Aber ich weiß einfach viel zu wenig von dem, was hier vorgefallen ist, während ich weg war. Außerdem …“ fügte sie mit einem schiefen Grinsen hinzu „… bin ich chronisch neugierig. Das war schon immer so und bisher habe noch kein Heilmittel dagegen entdeckt.“ Noch nicht mal die patrianischen Goldminen hatten sie von dieser – wie ihre Mutter es manchmal genannt hatte – Unsitte befreien können. Doch obwohl ihr Feuerlocke mehr oder weniger einen Freibrief erteilt hatte Fragen zu stellen, zögerte sie. Sie wollte nicht noch mal aus Versehen etwas auslösen, das die Kriegerin besser in ihrem eigenen Tempo entdeckte. „Ich würde dir gern helfen, aber ich bin keine Priesterin.“ In diesem Moment erinnerte sich Storm daran, dass Feuerlocke von der Göttin nicht sonderlich viel hielt. Ihr dann mit einer Dienerin von besagter Göttin zu kommen, war wahrscheinlich nicht die beste Idee. Aber Storm hatte, auch wenn sie nie eine tiefe Bindung zu Aurora gehabt hatte, es immer bewundert, wie die Priesterinnen mit seelisch Verwundeten umzugehen verstanden. „Ich bin nur eine Eismagierin. Aber ich habe eine Landkarte und kann dich hinbringen, wohin immer du möchtest. Ich weiß zwar nicht genau, wo dieser Katzenclan siedelt, aber wir werden wir ihn schon irgendwie auftreiben. Ich nehme an, dass du die Katzen suchst, weil du dort Leute kennst?“ Die Kriegerin hatte nie gesagt, was sie eigentlich bei dem Clan wollte. Aber die Verborgenen hatten sich mit den Clans schon immer zusammengetan – und seit dem Bündnis hatte sich daran wohl kaum etwas geändert.

„Falls wir sie aus irgendeinem Grund nicht finden sollten – zum Beispiel, weil sie sich irgendwo versteckt halten – kannst du mich auch nach White Hall begleiten. Vorausgesetzt unsere Vermutung stimmt und die Stadt steht noch, wärst du dort zumindest erst mal in Sicherheit. Und ich kenne dort jemanden, der dir vielleicht helfen kann ...“ Storm wollte keine großen Versprechungen machen. Aber wenn jemand mit den Fähigkeiten der Priesterinnen mithalten beziehungsweise diese sogar überflügeln konnte, dann Brando-Rân. Storm hatte ihn nur als Kleinkind gesehen, aber selbst da waren seine Fähigkeit, andere im tiefsten Inneren zu berühren, schon erstaunlich gewesen. „Ansonsten kann ich dir für den Moment nur anbieten, dir ein offenes Ohr zu leihen, wenn du Redebedarf hast.“ Sie überlegte kurz. „Fragen habe ich eine Menge, wie du dir denken kannst … wenn ich die alle stellen würde, stünden wir in einer Woche noch hier.“ Sie lachte kurz. Wenn sie wollte, konnte sie den Leuten tatsächlich Löcher in den Bauch fragen. „Ehrlich gesagt wundere ich mich in erster Linie über das Verhalten der Zwerge. Es passt so überhaupt nicht zu dem, was ich über sie weiß. Und ich habe es zwar nur am Rande mitbekommen und Nachrichten erreichen White Hall immer etwas verzögert, aber … ich dachte, sie hätten sich dem Bündnis gegen Zûl angeschlossen?“
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Freitag 23. August 2013, 00:11

Taira musterte die Eisprinzessin nachdenklich und hörte ihr das erste Mal wirklich zu. Zumindest kam ihr das so vor. Sie ließ die Worte der anderen Frau auf sich wirken, lauschte nach Innen, um sicher zu gehen, dass nichts mehr von diesem schrecklichen Gefühl in ihr war, dass die Bilder heraufbeschworen hatte.Wortlos zog sie die Eisprinzessin mit sich zurück in die Höhle, machte es sich dort bequem und musterte die Weißhaarige dann aufmerksam. Sie musste ihr zugestehen, dass sie sehr tapfer war und nicht durchdrehte. Das war ein Anfang. Von was, wusste sie nicht. Sie ließ die Worte der anderen Frau in ihrem Kopf nochmals vorbeiziehen. Nur jemand der keine Gefühle hat? Taira lächelte. Aus diesem Grund hatte sie keine mehr. Genauso wenig wie Beziehungen zu anderen Menschen. Meistens jedenfalls. Aber das behielt sie mal besser für sich. Auf das nächste beschloss sie nun endlich zu antworten.

“Du musst dich nicht entschuldigen. Genau gesagt, kann ich Entschuldigungen nicht ausstehen. Dann fühle ich mich wie eine alte Veteranin ohne Arme und Beine, der man mitleidig ein wenig Aufmerksamkeit schenkt. Neugier ist in Ordnung, aber in diesen Zeiten sehr gefährlich. Aber ich verstehe, dass einem das alles hier komisch sein muss, wenn man lange weg war. Und Priesterinnen kommen erst wieder an mich heran, wenn ich mich nicht dagegen wehren kann. Aber sie haben ohnehin kaum noch ihre alten Fähigkeiten. Sie sind mit der Göttin verschwunden. Zumindest war das eine Theorie von vielen, als ihre Heilkräfte auf dem Schlachtfeld plötzlich nicht mehr richtig funktionierten.“ Die Kriegerin malte gedankenverloren mit ihren Fingern Kreise auf dem Höhlenboden, zog ihre Beine dich an sich, wirkte ansonsten aber fast entspannt. Wie lange das anhalten würde, darüber war sie sich selbst nicht im Klaren. Seltsamerweise wollte sie es aber ausnutzen, solange sie konnte, anstatt die selten lichten Momente einfach auszusitzen, um dann wieder im dumpfen Sumpf ihrer jetzigen Existenz zu verschwinden. “Vermutlich wird also jemand der Magie wirken kann, in diesen Zeiten mehr gebraucht als eine lausige Priesterin. Also lass lieber das 'nur' weg. Es setzt dich nur unnötig herab. Sei lieber stolz darauf, dass du am Leben bist und mit deinen Kräften sogar etwas gegen Zûls schlimmste Schergen ausrichten kannst. Etwas das mir zum Beispiel nicht mehr vergönnt ist.“

Taira blickte die Eisprinzessin von der Seite her an und fühlte sich mit den vielen Antworten mit einem Mal wieder überfordert. Keine Antwort erschien ihr besonders leicht zu sein und immer wieder gab sie mehr preis, als sie eigentlich beabsichtigte. Ihr war klar, dass sie bei ihrem Gegenüber mit ihren Antworten eher noch mehr Fragen auswarf. Deshalb musterte sie die Weißhaarige auch ganz genau. Das erste Mal mit dem Bedürfnis, wirklich zu verstehen, was in der anderen vor sich ging. Mit höchst schwankendem Erfolg. Und was die Antwort zu den Katzen anging, so war sie instinktiv versucht erst einmal zu lügen, dass sich die Balken bogen. Warum hatte die Fremde auch ausgerechnet nach ihnen fragen müssen. Deshalb nahm ihre Stimme nun wieder einen eher brüsken Tonfall an. “Ich würde sie kaum suchen, wenn ich sie nicht auf die ein oder andere Weise kennen würde, oder? Also die Katzen mein ich. Hab da was zu erledigen.“ Sie knüpfte nahtlos an die nächste Frage an, in der Hoffnung damit zu überspielen, wie unangenehm ihr die Frage nach den Katzen eigentlich war. Da beantwortete sie ja sogar lieber Fragen nach den Zwergen!

“Ne, da bist du falsch informiert. Der Zwergenkönig wollte sich nicht festlegen. Er wollte Profit aus den Rüstungen und Waffen schlagen, die er für einen Krieg bauen konnte, aber ein Zwergenheer wollte er nicht aufstellen. Einige kamen trotzdem. Und haben auch grandios gekämpft und sind Seite an Seite mit uns gestorben. Die meisten aber, hielten es wohl nicht für ihren Krieg, sahen sich davon nicht so bedroht. Schließlich machte Zûl früher mit seinen Entweihten in erster Linie Jagd auf Menschen. Jetzt, wo keine mehr da sind, jagen sie allerdings alles andere. Tiere, Papilias … da haben sich die Zwerge wohl gedacht, sie machen ihre Höhle lieber dicht.“ Taira legte sich auf ihre verbliebene Schlafmatte und starrte eine Weile an die Decke. Fast war es, als wäre sie gar nicht mehr hier. Dann jedoch wandte sie sich der Weißhaarigen wieder ruckartig zu.

“Über kurz oder lang wirst du ein Problem bekommen, Eisprinzessin. Du weißt nichts über den Krieg. Aurorae ist nicht mehr sicher. Diejenigen, die nicht schnell lernen, wie sie überleben können, sind verloren. Für dich ist das vielleicht härter als für uns, die wir das alles erlebt haben. Du wirst dich sehr schnell an das neue Leben anpassen müssen. Am besten ist, du erzählst mir einmal, was du so alles über den Feind aufgeschnappt hast und ich ergänze oder korrigiere dann dein Wissen. Du wirst es brauchen, um Fehler zu vermeiden. Fehler kosten nicht nur dein Leben. Manchmal kosten sie auch deine Seele, weißt du?“ Seltsam. Seit wann war sie denn eigentlich bereit, jemand anderem selbstlos zu helfen? Aber nein, beruhigte sie sich eilig selbst. Die Eisprinzessin hatte ja die Karte, also war es gut sie bei Laune zu halten. Kein Grund für neuerliche Panik also.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Mittwoch 11. September 2013, 06:24

Storm ließ sich von Feuerlocke in die Höhle ziehen. Die Dunkelheit hatte sich wie ein dunkler Mantel über die Gipfel des Supra Silva gelegt – und die Täler waren ohnehin schon längst in den Schatten verschwunden. Keine Zeit also, um sich länger draußen herumzutreiben. Seltsam eigentlich. Storm hatte sich nie vor der Dunkelheit gefürchtet, selbst als Kind nicht. Vielleicht mochte das damit zusammenhängen, dass sie quasi ohne Schauergeschichten groß geworden war. Ihre Mutter hatte ihr lieber schöne Feengeschichten erzählt, sodass Storm die – wie man damals meinte – Legenden über die Ohadus erst in Patria gehört hatte. Und die erste Schauergeschichte, die sie tatsächlich erlebt hatte, war der Überfall auf ihren Hof gewesen. Aber der war nicht von Kreaturen aus der Dunkelheit verübt worden – Clanbanditen seien für den Tod ihrer Mutter verantwortlich gewesen, hatten die Amazonen damals behauptet. Das Mädchen Storm hatte ihnen geglaubt, aber im Nachhinein hinterfragte sie das vorschnelle Urteil doch insofern, dass die Amazonen sich nicht die geringste Mühe gegeben hatten, eine tatsächliche Untersuchung anzuleiern. Wie auch immer … jedenfalls waren die Täter aus Fleisch und Blut gewesen und keine Monster aus der Dunkelheit. Monster aus der Dunkelheit stahlen kein Gold und keine Lebensmittel. Und Täter aus Fleisch und Blut waren tags ebenso unterwegs wie nachts; kein Grund also, sich vor der Nacht an sich zu fürchten. Bis jetzt.

Während die Kriegerin es sich bequem machte, zündete Storm ihre Laterne an und verschloss anschließend den Eingang zu ihrem kleinen Unterschlupf mithilfe der Schlafmatte und ihrer Eismagie. So würde man von draußen weder den Lichtschein sehen, noch überhaupt wahrnehmen, dass hier ein Felsspalt war. Storm nahm gegenüber der Rothaarigen Platz und hörte zu, was sie zu sagen hatte. „Die Heilkräfte der Priesterinnen funktionierten nicht mehr richtig?“ Das war interessant. Scheinbar war die Göttin durch ihre Niederlage in der Schlacht entweder tatsächlich vertrieben worden oder doch zumindest stark geschwächt. Storm wusste allerdings, dass Kathâr nicht länger hinter Zûl stand. Er würde vermutlich von dem Fall der Göttin profitieren, aber es war nicht sein Kampf gewesen. Zûl allerdings … Wie stark war er durch seinen Sieg geworden? Stark genug, um den Göttern zu trotzen? „Das ist … eine beunruhigende Entwicklung, wenn ich das so sagen darf. Es sieht tatsächlich danach aus, als sei die Göttin … gefallen, gestürzt, verschwunden … was auch immer. Möglicherweise war die Göttin der Reinheit doch nicht so rein, wie man uns immer glauben machen wollte. Die Frage ist, hat Zûl es geschafft, sich ihrer Macht zu bedienen? Als die Kraft der Priesterinnen nachließ, wurde die Magie der Ohadus da … stärker? Oder effektiver?“ Storm hatte keine Ahnung, ob die Rothaarige an solchen Gedankenspielen überhaupt interessiert war. Bis eben hätte sie das definitiv verneint. Aber jetzt, wo Feuerlocke wieder ein wenig gefasster schien, war es zumindest einen Versuch wert. Außerdem interessierte sie die Antwort darauf tatsächlich. Die Antwort von jemandem, der in der Schlacht mitgefochten hatte.

„Du hast mich falsch verstanden – oder ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich BIN stolz auf meine Gabe. Ohne sie wäre ich nicht ich selbst. Nur ist meine Magie nicht dazu geeignet, Schmerzen zu lindern oder traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Aber du hast sicher Recht, dass Magie in diesen Zeiten ein sehr nützliches Geschenk ist.“ Und zum Glück war die Eismagie nicht mit der Göttin verknüpft, wer wusste schon, ob sie sonst unter denselben Restriktionen zu leiden gehabt hätte wie die Priesterinnen. Die Frage nach den Katzen schien Feuerlocke nicht zu schmecken, wie ihre Reaktion allzu deutlich zeigte. Innerlich zuckte Storm mit den Achseln. Es ging sie in der Tat nichts an, was die Rothaarige von den Katzen wollte. Es hätte sie nur persönlich interessiert, was eine Verborgene mit diesem ablegen lebenden Clan zu schaffen hatte. Die Neuigkeiten über die Zwerge schockierte sie ein weiteres Mal, obwohl man meinen könnte, dass sie sich mittlerweile an den Gedanken hatte gewöhnen können. Allerdings lag damit ihr Weltbild des kleinwüchsigen, mutigen, standfesten und grundehrlichen Volkes definitiv in Scherben. Das Bild, das die Rothaarige gezeichnet hatte, gab ein etwas anderes Motiv her, auf das eher die Adjektive gierig, auf den eigenen Vorteil bedacht und feige zutrafen. „Dass man sowas nicht ewig durchhalten kann, werden die Zwerge noch früher oder später feststellen.“ sagte Storm zu der gegenüberliegenden Steinwand, denn die Rothaarige hatte sich hingelegt und starrte statt ihr die Decke an. „Vielleicht haben sie geglaubt, es sei nicht ihr Krieg, weil sie Kathâr verehren. Allerdings wird das Zûl nicht sonderlich kratzen. Und es wird der Tag kommen, an dem sie bereuen, dass sie sich nicht gegen ihn gestellt haben, davon bin ich überzeugt.“

Schließlich setzte sich Feuerlocke wieder auf und richtete das Wort an sie. Sie klang ernst und zum ersten Mal hörte Storm so etwas wie … ja, Anteilnahme heraus. Interesse an ihr als Person. An ihrem Schicksal. An der Zukunft im Allgemeinen. Storm lächelte ihrem Gegenüber zu und es war ein ehrliches, warmes Lächeln. „Ich weiß. Deshalb stelle ich ja all diese Fragen. Ich will versuchen, nachzuvollziehen, was passiert ist. Was ich verpasst habe. Damit ich zumindest auf demselben Stand bin wie alle anderen.“ Storm zog die Stirn kraus und überlegte kurz. „Was ich über den Feind weiß? Über die Namenlosen nicht viel – ich habe nur gehört, dass sie geistlose Kreaturen sind, die meistens von etwas Intelligenterem angeführt werden. Die beiden heute sind die ersten, die ich tatsächlich zu Gesicht bekommen habe. Die Ohadus … waren einst Menschen. Sie kamen zu Zûl und er machte sie zu dem, was sie jetzt sind. Sie haben ihm ihre Seele gegeben und erhielten dafür Macht und Magie. Dafür sind sie seine willigen Werkzeuge.“ Das war zumindest in etwa das, was Rogon ihr erzählt hatte. Über seinen Weg, seine Wahl, die er damals getroffen hatte. Sie fragte sich, was die Rothaarige wohl sagen würde, wenn sie von Rogon wüsste. Aber das war ein Thema, das sie – wenn überhaupt – erst anschneiden würde, wenn die Karten komplett auf dem Tisch lagen. „Ansonsten heißt es, dass Zûl auch Dämonen beschwören kann, aber wie leicht ihm das fällt und wie viele er tatsächlich unter seiner Kontrolle hat, kannst du mir vermutlich besser sagen.“

Storm unterbrach sich. „Aber ehe wir weiter über Zûl und seine Armee reden, würde ich gerne wissen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe. Eisprinzessin beschreibt mich zwar ganz gut, aber ich höre auch auf meinen richtigen Namen, Storm. Meistens zumindest.“ Sie grinste kurz. „Und wie heißt du?“
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Dienstag 12. November 2013, 22:37

Die Eisprinzessin redete nun viel. Das war im Grunde gut. Sehr gut. Allerdings stellte sie auch so viele Fragen. Taira hörte ihr zunächst einfach nur zu, lag dabei auf dem Rücken, ein Bein angewinkelt, das andere locker übergeschlagen. Ihr Fuß wippte leicht hin und her und war das einzige Indiz für ihre Innere Unruhe. Das alles war so neu für sie. Auch wenn es im Grunde alt war. Sie wusste, früher einmal hatte sie gerne zugehört, gerne Fragen beantwortet. Dennoch war sie ziemlich eingerostet. Das frühere Selbst existierte nicht länger. Sie wusste zwar, so wie sie jetzt war, konnte sie nicht bleiben. Aber wer sie sein würde? Keine Ahnung. Dennoch, solange ihr Verstand noch ungetrübt war, musste sie den Weg einschlagen, denn sie in dem lichten Moment nach der Schlacht gegen ihre Erinnerungen für sich gewählt hatte. Und was sollte es? Sie konnte die Eisprinzessin ja immer noch umbringen, wenn diese sich als Problem entpuppte oder Tairas Geheimnisse verriet. Durch diesen Gedanken beruhigt, setzte sie sich auf und blickte der Eisprinzessin direkt in die Augen.

"Ich weiß, dass die Göttin uns verlassen hat. Mich traf ihr Verschwinden in einem ziemlich entscheidenden Moment, wo ich ihr Licht, ihre Macht gut hätte gebrauchen können. Und als es geschah, war es, als wüssten unsere Feinde es. Sie bäumten sich auf, gingen aggressiver gegen uns vor und vernichteten an diesem einen Tag so ziemlich alles und jeden, der mir etwas bedeutet hat. Ich tat, was ich konnte, doch wie ein Zeichen des Schicksals zerbarst meine einzige Waffe, die gegen die Ohadu wirkte. Ich. Meiner Bestimmung beraubt. Zum Zusehen verdammt! Zum Zusehen am Tode Tausender! Die Ohadus wurden stärker, ob aus einer Art Wissen um den Fall der Göttin oder weil Zûl die Macht der Göttin an sich riss und pervertierte, kann ich nicht sagen.“ Taira wusste auch nicht, ob das wirklich von Belang war. Sie hatte schon lange aufgehört, nach dem Warum hinter den Ereignissen zu suchen. Hätte sie das nicht, wäre sie wohl nur noch verrückter als ohnehin schon. Aber sie wollte, dass die Eisprinzessin, so viel verstand wie möglich. Und das nicht nur, weil sie dann weniger ein Klotz am Bein wäre.

Dieses Eingeständnis an sich selbst, drohte Tairas Verstand erneut davon zu spülen. 'Bleib allein! Binde dich an niemanden! Zu viel Schmerz, wenn du am Ende wieder alleine übrig bleibst.!' schrie ein Teil in ihrem Inneren auf. Ein anderer jedoch, sehnte sich nach etwas anderem. Schweiß rann ihr neuerlich über die Stirn. Sie presste die Hände über die Ohren und wiegte sich sanft hin und her, in dem Versuch den Aufruhr in ihrem Inneren zurückzudrängen. Und tatsächlich. Es gelang fürs Erste. “Nichts wie ungut. Ich bin so kaputt, dass mir niemand wirklich zu helfen im Stande ist. Nicht mal die größte Priesterin auf Erden. Das einzige, was ich noch will, dass einzige, dem ich mich noch in aller Leidenschaft hingeben werde, sind Rache und Tod. Mit etwas Glück, finde ich dabei meinen eigenen.“ Ruhig war ihre Stimme, nicht resigniert oder so. Sie redete als plauderte sie über das Wetter und strich dabei geradezu zärtlich über ihre Waffen. Wollte sie sterben? Verdammt noch mal ja! Aber nicht ohne so viele von ihnen wie möglich mit sich zu nehmen. Und nicht bevor sie die eine Sache erledigt hatte, die sie noch an ihr erbärmliches Leben hielt.

Was die prophetischen Worte der Weißhaarigen über die Zwerge betraf … Taira zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. Wenn sie noch an so etwas wie Gerechtigkeit geglaubt hätte, so würde sie vermutlich hoffen, dass ihr blöder Berg irgendwann einfach in sich zusammenfiel und alle Feiglinge begrub. Aber sie hatte gesehen, dass es keine Gerechtigkeit gab, hatte es am eigenen Leib immer und immer wieder erfahren. Die Weißhaarige würde das schon noch lernen. Irgendwann würde es auch sie treffen, diese schmerzhafte Erkenntnis über die Welt. Und wenn Taira dabei behilflich sein konnte, nun gut.

„Die Namenlosen sind in der Tat ziemlich dämlich, aber sie fressen einfach alles und jeden und sind in ihrer Dummheit geniale Werkzeuge. Sie haben keine Taktik und untergraben damit auch jede Verteidigungstaktik. Wenn sie angeführt werden von einem Entweihten, dann wird es allerdings richtig übel. Aber Namenlose kann zumindest jeder halbwegs fähige Mensch umbringen. Sogar im Kampf wenig Erprobte können das schaffen, wenn sie nur genug Überlebenswillen mitbringen. Die Entweihten dagegen ...“ Die Kriegerin seufzte ergeben auf und schloss die Augen, als sich eine alte Erinnerung den Weg in ihren Verstand bahnte. Etwas angestaubt durch den Krieg war sie. Dennoch der erste wirkliche Schrecken für sie, der Vorbote der Hölle, die gefolgt war. Scheinbar ohne jeden Zusammenhang, schälte sie sich aus ihrem Umhang und streifte die Lagen Kleidung ab, die ihren Oberkörper bedeckten. Sie war nicht länger sonderlich schüchtern, was Nacktheit oder derlei Dinge betraf. Dazu hätte sie sich in ihrem Körper weniger als Gast und mehr zu Hause fühlen müssen. Neben den neuen mehr oder weniger verheilten Narben, und der Clantätowierung, die Taira im Augenblick jedoch gänzlich vergessen hatte, war da eine alte Narbe, die sie der Eisprinzessin zeigten musste. Die Haut an der Schulter war immer noch von einer seltsamen leblosen Blässe erfüllt, die auch der Baum des Lebens nicht hatte zurücknehmen können. Eine Narbe, die seltsame dunkle Verästlungen aufwies, befand sich im Zentrum dieser Blässe. Taira lächelte seltsam entrückt bei dieser Erinnerung, obwohl Lächeln doch gar nicht zu den Ereignissen passte.

“Das hier ist das Überbleibsel des Schlangendolches, die ein Entweihter mir zum Spaß durch die Schulter trieb. Das Fleisch starb ab. Wir wissen, dass es diese Waffe ist, die aus Menschen Ohadus macht. Wir wissen, dass dies auch ohne ihren freien Willen geschehen kann. Selbst wenn sie glühende Priesterinnen der Göttin sind. Man muss ihn durch das Herz treiben. Im Grunde haben diese armen Kreaturen zwar Magie, eine ziemlich mächtige. Aber wirkliche Macht haben sie nicht. Sie sind getäuscht worden. Das ist die wahre Macht Zûls. Täuschen und Verführen. Ich könnte dir etwas über die Zauber seiner Kreaturen erzählen. Auch sie täuschen und tarnen. Aber sie verstümmeln auch, foltern, quälen. Und sie töten einen immer ganz langsam. Irgendwie haben sie mich immer an Katzen erinnert, die erst mit ihrer Beute spielen müssen, bevor sie sie töten. Nur weniger niedlich.“

Der Blick der Kriegerin glitt für eine Weile in die Ferne bevor sie sich schüttelte wie ein nasser Hund und ihre vielen Lagen Kleidung wieder anzog. Erst als sie damit fertig war und die Eisprinzessin eine Weile beobachtet hatte, um zuzusehen wie sie das gesagte verarbeitete, sprach sie über die Dämonen. Die Illuman zum Beispiel. "Es waren nie viele gleichzeitig, die er rief. Aber sie richteten doch verheerenden Schaden an. Teilweise auch in den eigenen Reihen. Vielleicht setzte Zûl sie deshalb nicht in Scharen ein. Vielleicht überstieg das auch seine Macht. Wer weiß das schon, außer er selbst und ich denke, er wird uns wohl kaum zum Tee einladen, um darüber mit uns zu plaudern.“ Die Kriegerin grinste schief. Das Lächeln entglitt ihr jedoch jäh, als die Eisprinzessin ihren Namen wissen wollte. Sie hasste es, HASSTE es, wenn jemand sie danach fragte. Für gewöhnlich deshalb, weil sie ihn selbst nicht wusste. Das hatte sich zwar geändert, der Name aber, war viel mehr als eine Anhäufung von Buchstaben. Er war die Essenz dessen, wer sie einst gewesen war, wer sie jetzt war. Er war zudem unliebsames Tor zu weiteren schmerzvollen Erinnerungen. Für einen Augenblick starrte sie die Eisprinzessin einfach an. Kalt. Wütend. Dann wandelte sich der Ausdruck in etwas, dass man vielleicht auf dem Gesicht eines Kindes sehen mochte, dass genau wusste, dass es seinen Willen nicht bekam. Bockig, ein wenig resigniert.
Die Kriegerin öffnete den Mund, zwang sich, das auszusprechen, was sie sehr intensiv in sich verborgen hatte, so fest verschlossen, dass sie selbst nicht heran gekommen war.

„Kelenius. Taira Kelenius.“ Sie wartete mit geschlossenen Augen auf die Katastrophe, die hinter der Mauer in ihrem Verstand auf sie lauerte. Ein Atemzug … ein zweiter … ein Blinzeln. Dann … nichts. Erstaunt öffnete Taira die Augen. Das war … interessant. Sie lächelte durchaus zufrieden. “Und du?“ fragte sie aus wenig ehrlichem Interesse. Es war einfach die Erwiderung, die der Gegenüber von einem erwarten würde oder nicht? Sie jedenfalls fand, Eisprinzessin passte gerade zu perfekt. Warum sollte sie das jetzt durch einen Namen zerstören? Manche Leute waren echt komisch. Aber wenn sie es denn so wollte. Bitte sehr!
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Sonntag 17. November 2013, 14:17

Storm fühlte sich durch die intensiven Worte hineingezogen in diesen Kampf, in dem sich scheinbar ein Großteil der Menschen gegen die Ohadus gestellt hatte. Sie vermeinte zu spüren, wie es sich anfühlte, alles zu geben was man hatte und trotzdem zu unterliegen. Einem Feind zu unterliegen, der weder Gnade noch Mitgefühl kannte. Die Szene mit der Göttin konnte sie sich hingegen nur sehr mühsam vorstellen. Vielleicht, weil ihre Bindung zu Aurora nie sonderlich eng gewesen war. Zwar hatten die Priesterinnen in Patria immer versucht, ihr einzubleuen, dass die Elementarmagie ja ein Geschenk der Göttin war und sie ohne sie nichts wäre. Aber was das betraf war Storm wie viele ihrer Ordensschwestern gewesen … an die Göttin verschwendete sie wenige Gedanken, wenn überhaupt verehrte sie die Elemente an sich. Es hatte eine Phase gegeben, in der sie öfter in den Tempel gegangen war und versucht hatte, eine Nähe herzustellen, aber es war ihr nicht gelungen. Aurora war ihr einfach immer zu … fremd gewesen, so seltsam sich das auch anhören mochte. Sie hatte sich dann damit begnügt zu wissen, dass es sie gab und sie das Gute und Kathâr das Böse war. Ein Weltbild, das durch ihren Aufenthalt in White Hall und ihre Reise jenseits des großen Gebirges ins Wanken geraten war. Überhaupt glaubte sie nicht mehr an die Allmacht der Götter, auch wenn man sie den Menschen wie einen drohenden Zeigefinger entgegenhielt. Zûl war natürlich kein normaler Mensch, aber wie hatte so jemand wie er es schaffen können, eine Göttin zu stürzen? Sich ihre Macht einzuverleiben? Aber sie nahm an, dass sie auf diese Fragen keine Antwort erhalten würde und im Grunde genommen war es auch für den Moment unwichtig. Wichtig war, was sie jetzt daraus machten.

Die Erinnerung an diese Geschehnisse schien Feuerlocke zu überwältigen, was Storm nachvollziehen konnte. Zu kämpfen und trotzdem alles zu verlieren, woran man hing, konnte einen Menschen brechen. „Ein Mensch kann nur eine bestimmte Menge ertragen, alles was darüber hinausgeht, sorgt dafür, dass es Ratsch macht.“ Mit leichtem Schaudern erinnerte sich Storm an diese Worte einer Priesterin aus der Krankenstation, als Storm aus Versehen in das Zimmer einer Frau gestolpert war, die mit wirren Haaren und ebenso wirrem Blick in einer Ecke gesessen und versucht hatte, Nüsse mit den Händen zu knacken. Was ihr kaum gelingen konnte, so ausgemergelt und dürr wie sie war. Sie hatte durch Storm und die Priesterin hindurchgeblickt als seien sie gar nicht da. Oder als sei sie selbst nicht da, als habe ihre Seele ihren Körper verlassen. Dieser Anblick hatte Storm noch ein paar Nächte lang verfolgt. Sie wusste bis heute nicht, was diese Frau hatte ertragen müssen, oder warum es ausgerechnet bei ihr Ratsch gemacht hatte. Sie wusste auch nicht, ob es für sie jemals einen Weg zurück gegeben hatte oder ob sie bereits über eine Schwelle hinausgegangen war, die einen Punkt ohne Widerkehr darstellte. Fest stand, dass Feuerlocke diese Schwelle noch nicht überschritten hatte, noch gab es die klaren Momente, noch hatte sie Gründe, die sie in der Realität hielten. Allerdings war Storm auch so ehrlich einzugestehen, dass sie mit der Situation überfordert war. Sie wusste nicht, wie man mit schwer traumatisierten Menschen umging, also sagte sie einfach das, was sie tatsächlich dachte. „Das stimmt. Es können dir noch so viele Leute die Hand reichen, wenn du keine Hilfe von anderen möchtest – egal, ob Experte oder nicht –, dann wird es auch nicht möglich sein, dir zu helfen. Auch wenn ich nicht das erlebt habe, was du erlebt hast, habe auch ich schon Menschen verloren, die mir wichtig waren. Ich weiß auch, wie es ist, wenn die eigene Welt nur noch aus Leere besteht, weil die Menschen, die gegangen sind, so riesige Löcher hinterlassen haben. Du willst Rache? Schön! Warum richtest du sie nicht gegen den, der verantwortlich ist? Nicht gegen die Namenlosen oder Ohadus, sondern gegen Zûl selbst. Natürlich ist das nicht einfach, aber wenn die Göttin fallen kann, dann kann Zûl das auch. Das wirst du allerdings kaum erreichen, wenn du allein und wie von Sinnen durch die Wälder streifst und alles tötest, was dir zufällig vor die Schwerter läuft.“ Ihre Worte waren ruhig und eindringlich vorgetragen, weil sie wollte, dass die Rothaarige verstand, was sie sagte. „Ich kann dich nicht zwingen, dir meine Worte zu Herzen zu nehmen, aber ich kann dich zumindest bitten, darüber nachzudenken. Stell dir einfach mal vor, die Rollen wären vertauscht – du wärst tot und jemand, den du liebst, lebte noch. Würdest du wollen, dass diese Person so ein Dasein fristet, wie du es jetzt tust? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“

Das, was Feuerlocke über die Namenlosen und Ohadus zu berichten hatte, war sehr interessant, besonders der Teil über die Ohadu-Magie. Ziemlich irritiert war Storm allerdings, als die Kriegerin begann, sich aus ihrer Kleidung zu schälen. Was sollte das denn jetzt? Auch wenn Storm alles andere als prüde war, so fand sie es doch mehr als ziemlich seltsam, wenn sich jemand einfach so vor ihr auszog. Andererseits – Feuerlocke benahm sich die ganze Zeit schon so neben der Reihe, dass sie das eigentlich nicht mehr überraschen dürfte. Dieses Mal hatte sie aber tatsächlich einen Grund dafür und der löste in Storm eine Mischung aus Abscheu und Faszination aus. Sie neigte sich ein wenig nach vorn, um die Narbe, die die Rothaarige ihr zeigte, genauer in Augenschein zu nehmen. Obwohl die Kriegerin allgemein sehr hellhäutig war, stach diese Blässe doch hervor. „Tot“ - das war das Wort, das ihr sofort in den Sinn kam, als sie die Haut um die Narbe herum betrachtete. Auch die dunklen Verästelungen trugen zu dem unnatürlichen, unheimlichen Bild bei. Ungebeten erschien Rogon vor ihrem geistigen Auge – wie ihm jemand einen Dolch ins Herz trieb, seine Haut immer blasser wurde und dunkle Adern sich auf seiner Brust ausbreiteten. Er hatte ihr damals erzählt, dass er sich Zûl freiwillig angeschlossen hatte, weil dieser ihm mächtige Magie versprochen hatte. Mächtige Magie, so wie die der Angeln, die sein Dorf überfallen hatten. Storm bezweifelte allerdings, dass Rogon diese Magie je hatte nutzen können, um Rache an den Angeln zu nehmen. Zûl war ein Betrüger und vermutlich ein begnadeter Manipulator, der die Wünsche jener nutzte, die er in seine Dienste zwingen wollte. Rogon war das irgendwann bewusst geworden, denn er hatte gesagt, dass er damals nicht genau darüber nachgedacht hätte – und als er es getan hatte, war es zu spät. Aber, dass Zûl auch Leute zu Ohadus gemacht hatte, die das nicht gewollt hatten, war Storm nicht bewusst gewesen. „Das … ist ungeheuer grausam.“ murmelte sie und der Schock in ihrer Stimme war deutlich herauszuhören. Die Vorstellung, dass ihr auf diese Weise das geraubt wurde, das ihr selbst am Wichtigsten war – nämlich ihr freier Wille –, schnürte ihr kurz die Luft ab und auf einmal kam ihr die das Versteck viel zu eng vor. Sie war kurz davor aufzuspringen, die Matte herunterzureißen und nach draußen zu stürmen, aber sie ließ es. Stattdessen schloss sie die Augen und versuchte einen Moment auszublenden, wo sie war. Alles um sich herum zu vergessen und sich nur auf ihre Atmung zu konzentrieren. Sie hätte im Nachhinein nicht sagen können, wie lange sie reglos und mit geschlossenen Augen dort gesessen hatte – sie war sich auch nicht sicher, ob eine Träne aus ihrem Augenwinkel getropft war oder nicht. Irgendwann schlug sie die Augen wieder auf und spürte, wie sie wieder ruhig war. Gelassen. „Umso wichtiger ist es, dass Zûl endlich verschwindet.“

Sie hörte sich an, was Feuerlocke über die Dämonen zu berichten hatte und gestattete sich auch ein kurzes Lächeln über die Überlegungen, die die Kriegerin anstellte. Wenn sie bei Zûl zum Tee eingeladen wäre, würde sie vermutlich versuchen, ihm mit den Scherben ihrer Tasse das Gesicht zu verunstalten. Was ebenso effektiv wäre, wie wenn ein Kind mit dem Fuß auf den Boden stampft, um seinen Willen durchzusetzen – also gar nicht. Die Frage nach ihrem Namen schien die Kriegerin hingegen wenig zu freuen. Zumindest, wenn sie ihren Blick richtig deutete. Storm wollte schon abwinken, dass sie das Thema einfach vergessen sollte, als Feuerlocke doch antwortete. „Kelenius? Das Annuyiaée-Geschlecht?“ Ein Verdacht stieg in ihr auf, und einige Worte, die eben gefallen waren, wurden plötzlich klarer – „... zerbarst meine einzige Waffe, die gegen die Ohadus wirkte. Ich. Meiner Bestimmung beraubt.“ War diese Kriegerin – Taira – keine simple Kriegerin gewesen, sondern eine Annuyiaée? Storm hatte angenommen, dass es keine Annuyiaée mehr gab. In Patria hatte es einige gegeben, die ihre Linie auf einen der legendären Gefährten des Auror zurückverfolgen konnten. Aber so weit sie wusste, hatte niemand die Fähigkeiten eines Annuyiaée besessen. Es war nur der Name gewesen – und die Erinnerung an eine Zeit, die längst vorbei war. Aber die Ohadus waren auch keine Legende, also warum sollten die Annuyiaée dann eine sein. „Hast du das gemeint, als du sagtest, du seist deiner Bestimmung beraubt? Warst du eine Annuyiaée?“
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Re: Supra Silva

Beitragvon Taira » Donnerstag 21. November 2013, 20:58

Dumpf drangen Storms Worte in ihren Verstand. Taira wollte kein Blabla hören. Kein Mitgefühl, kein ehrliches oder unehrliches Verständnis für sie. Es änderte nichts. Konnte nicht die Zeit zurückdrehen, sondern rührte nur an der mühsam aufgebauten Mauer, der die Erinnerungen und damit den Schlachtenwahnsinn im Zaum hielt. Sie wollte nicht wieder … diese andere werden. Die Frau, die selbst Freunde abschlachten würde in ihrem Wahn. Morgens in Blut aufwachte, von dem sie nicht wusste, ob es das ihrer Feinde, ihrer Freunde oder ihr eigenes war. Sie hatte mit dem Wegschließen ihrer Erinnerungen dem Wahnsinn die Spitze genommen. Doch darüber schwieg sie. Sie war viel zu beschäftigt, dass hinter der Mauer zurückzuhalten, die Worte der Eisprinzessin nicht zu tief in sich dringen zu lassen.

Und doch … Etwas hinterließ doch Spuren. Ein paar Worte nur. In Taira jedoch lösten sie eine Lawine von Gefühlen aus. Schock. Überraschung. Ärger, dass sie nicht selbst darauf gekommen war. Verwunderung. Ein Lächeln glitt über das Gesicht der Kriegerin, es wirkte fast entrückt, so als sei ihr soeben die Göttin persönlich begegnet. Sie nickte bedächtig, brummte zustimmend und malte sich im Geiste aus, wie sie es tun würde. Seltsamerweise sah sie dabei die Weißhaarige an ihrer Seite. Sie beide erstürmten die Feste, in der Zûl lebte. Sie beide metzelten sich durch seine Behausung, drangen hindurch zu dem Ort, wo er sich befand. Taira malte sich aus, er säße auf einem Thron, der aus den Gebeinen seiner unzähligen Opfer gemacht war. Sie konnte sehen, wie Storm Zûl mit ihrer Magie an genau diesen Thron festfror, konnte sehen, wie sie selbst ihm die Bruchstücke ihres Klingenstabes ins Herz rammte und es ihm herausschnitt. Vor ihrem geistigen Auge war auch Kyra da, die ihn mit ihrem Feuer den Rest gab. Kyra …

Eine Erinnerung bemächtigte sich ihrer, eine kleine junge Frau mit roten Haaren. Vielleicht einen Ton dunkler als ihre eigenen. Sie watete durch einen Fluss, der ihr fast bis zum Hals ging. Dann sah sie sie einen Feuerring wirken. Sie sah, wie sie in der Taverne des Heerlagers mit einem großen Clankrieger tranken. Taira schluckte und drückte ihre Hände vor den Augen, um den Erinnerungsfetzen Einhalt zu gebieten. Kyra war tot. Bestimmt war sie das. So wie alle anderen. Ein Grund mehr für Rache und Tod. Sie maß Storm nachdenklich. “Diese Idee gefällt mir,“ sagte sie gedehnt. “Es würde sicher einiger Recherche bedürfen, um seinen Schwachpunkt zu finden. Und man müsste an seinen ganzen Dienern vorbei, die sich sicherlich zahlreich in seiner Nähe aufhalten. Aber ein kleines Himmelfahrtskommando könnte es schaffen. Zwei höchsten drei Leute. Ich schätze ohne Herz und ohne Kopf könnte auch er nur schwer überleben. Und vielleicht ein kleines Feuer ….“ Tja, das sie da nicht von selbst drauf gekommen war, so Rache und Tod zu suchen! Es musste wirklich ziemlich finster in ihrem Oberstübchen sein, wenn sie so etwas Naheliegendes erst begriff, wenn ein weißhaariges Prinzesschen ihr das unter die Nase rieb!

Dann sagte Storm noch etwas. Etwas, dass Wut in Taira hervorrief. Was wusste die denn schon, was die anderen sich für Taira gewünscht hätten? Ärgerlich zog sie sich wieder an. Ihre Bewegungen waren unwirsch und abgehakt. Sie wollte nicht an diese Menschen denken. Das war viel zu gefährlich und schmerzhaft. Basta! Aber die Eisprinzessin wusste offensichtlich sehr gut, wie man eine wütende Kriegerin besänftigte. Zûl musste verschwinden. Genau! “Gibt es in deiner Stadt eine Bibliothek mit alten Schriften über Zûl? Irgendwas, was wir vielleicht noch nicht über ihn wissen? Wir müssen uns vorbereiten, wenn wir das wirklich durchziehen wollen.“ Sie ging einfach mal davon aus, dass die Eisprinzessin auf jeden Fall dabei war. Sonst hätte diese wohl kaum ihre Idee ausgesprochen, oder? Taira war nach fröhlichem Pfeifen zu Mute. Nun hatte sie wieder etwas, für dass es sich zu kämpfen lohnte. Echte Rache. Dort, wo es dem Feind am meisten weh tat. Das dieses Ziel vielleicht unerreichbar war, war ihr egal. Sie würde dafür kämpfen und notfalls sterben. Ihre Existenz war nicht länger gänzlich sinnlos.

Wie es mit Glück nun einmal so ist, blieb es jedoch nicht lange zu Besuch. Ein flüchtiges Gefühl war das. Eines, dessen Fehlen besonders schmerzlich war, wenn man es gerade erst wieder erlebt hatte. Etwas anderes folgte darauf. Etwas dunkles. Erdrückendes. “Warst du eine Annuyiaée?“

Schreie. Schreie um sie herum. Ihr Klingenstab wirbelte um sie her. Sie fühlte sich mit ihm noch nicht so sicher wie mit ihren beiden Schwertern. Dennoch war er das einzige, was die Ohadus in Schach hielt, sie zurücktrieb, vernichtete. Noch hatte die Göttin sie nicht als wirkliche Annuyiaée gezeichnet. Noch trug sie den Raben nicht, den viele ihre Ordensbrüder und Schwestern auszeichnete. Sie wartete darauf, hoffte darauf. Nie in ihrem Leben hatte sich etwas so richtig angefühlt. Sie wusste, sie war angekommen. Bei sich. Bei der Göttin. Endrej. Als sie erwählt worden war, war das ein guter Tag in ihrem Leben gewesen. Hoffnung gegen das Dunkel. Auch wenn sie sich schrecklich mit ihm gestritten hatte. Was hatte Clare zynisch gesagt? 'Er mag eben keine anderen Götter neben sich, Tai.' Wie recht die Zauberin gehabt hatte. Und dennoch. Auch diese Krise hatten sie bewältigt. Trotz ihrer Erschöpfung lächelte Taira grimmig, blickte zu ihrem Mann zurück, der seit Stunden an ihrer Seite kämpfte. Sie waren ein eingespieltes Team. Er und sie. Er übernahm die Namenlosen, hielt sie ihr vom Leib, während sie das tat, was sie sich immer gewünscht hatte. Die Menschen vor den Ohadus beschützen. Kein Opferlamm mehr für sie zu sein ...“

In der Höhle hatte die Kriegerin sich zu einem kleinen festen Ball zusammengerollt. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, als sie sich wieder dem Hier und Jetzt bewusst wurde. Mühsam entrollte sie sich wieder, starrte Storm für einen Augenblick geradezu hasserfüllt an, bevor sie begriff, dass sie selbst an dieser unheiligen Erinnerung schuld war. Der Hass verschwand. Zurück blieb nur Unmut. “Hast du etwa einen silbernen Raben auf meinem Arm gesehen?“ fragte sie deshalb nur schnodderig und mit einer großen Portion Trotz in ihrer Stimme. Sie wusste nicht, dass sie damit mehr preis gab, als ihr lieb war. Erst als die Worte heraus waren, begriff sie es. Und da war es zu spät. “Also schön,“ murrte sie. “Du bist wirklich neugieriger als gut für uns beide ist, weißt du das eigentlich?“ Sie machte eine Pause, in der sie die Eisprinzessin aufmerksam, beinahe unhöflich lange musterte. Das würde dem Mädel noch mal das Leben kosten. Diese Neugier. Könnte sogar sein, dass Taira es selbst war, die ihr das Lebenslicht auslöschte. Und das nicht unbedingt, weil sie bei Verstand war. “Ein paar Dinge solltest du mich besser nicht fragen. Sie können den Schlachtenwahnsinn auslösen. Weißt du was das ist? In so einer Episode töte ich alles, was sich bewegt. Und ich möchte dich nur ungern umbringen.“ Zu ihrem eigenen Erstaunen, stimmte das sogar.
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Re: Supra Silva

Beitragvon Storm » Freitag 13. Dezember 2013, 18:12

Tatsächlich lächelte die Kriegerin – und für einen Moment hegte Storm die Hoffnung, dass sie tatsächlich zu ihr durchgedrungen war. Dass ihre Worte etwas bewirkt, etwas verändert hatten. Diese Hoffnung wurde insofern enttäuscht, dass die Rothaarige nur Teile von dem, was Storm gesagt hatte, mitbekommen oder aufgenommen zu haben schien. Das Einzige, das tatsächlich angekommen war, war der Vorschlag, die Rachepläne doch direkt zu Zûl zu tragen. Das war immerhin etwas. Es würde zumindest dafür sorgen, dass Taira nicht weiterhin wie eine Beserkerin durch die Gegend lief und sinnlos Namenlose niederschnetzelte. Sondern, dass sie ihre Energie auf ein größeres Ziel lenkte und vielleicht auch wieder so etwas wie einen Sinn in ihrem Dasein sah. Ob es tatsächlich möglich war, Zûl zu töten oder zumindest außer Gefecht zu setzen, wusste Storm nicht. Aber sie war der Meinung, dass es zumindest jemand versuchen musste. Die Alternative wäre, sich ewig zu verstecken oder das Land zu verlassen – und auch, wenn Storm ihre Reise auf die andere Seite des Gebirges durchaus genossen hatte, empfand sie den Gedanken, zu einer Flucht gezwungen zu werden als … nun ja, entwürdigend.

Bei den Überlegungen der Rothaarigen zeigte sich, dass der Vorschlag tatsächlich einen Funken entfacht hatte. Die Formulierung „Himmelfahrtskommando“ gefiel Storm zwar nicht, denn wenn sie so etwas tat, hatte sie durchaus die Absicht, das Ganze zu überleben und die Früchte des Erfolges auch zu genießen. Aber sich darüber jetzt schon den Kopf zu zerbrechen, würde doch ein bisschen weiter in die Zukunft vorgreifen als für den Moment gut war. „In White Hall gibt es eine Bibliothek, ja. Diese wurde von den Eismagiern angelegt und enthält dementsprechend viele Informationen zur Eismagie und zur Geschichte des Ordens. Es gibt natürlich auch Schriften zu anderen Themen. Als ich noch in White Hall war, habe ich nicht aktiv nach Informationen über Zûl gesucht und bin auch nicht zufällig über welche gestolpert, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man trotzdem fündig werden könnte. Der Eismagierorden ist alt und hat in der Vergangenheit abgesondert von Patria und den Clans existiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dort auf Informationen stoßen, die es beispielsweise in Patria nicht gibt, ist also gegeben.“ Ob diese Informationen – falls existent – dann immer noch an ihrem Platz waren, stand auf einem anderen Blatt, aber darüber spekulierte Storm nicht laut. Sie wusste ohnehin zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie sie in White Hall empfangen werden würde. Sie war zwar nicht im Streit gegangen, aber sie glaubte auch nicht daran, einfach so wieder den Platz einnehmen zu können, den sie vor ihrer Abreise innegehabt hatte. Falls Farraýr noch den Posten des Bibliothekars bekleidete, standen immerhin die Chancen nicht schlecht, in die Bibliothek hineinzukommen.

„Was den Rest angeht …“ Storm musste schmunzeln, weil Taira davon auszugehen schien, dass ihre Worte keine lose dahingeworfene Idee war, die lediglich dazu dienen sollte, der Kriegerin eine Möglichkeit zu eröffnen, sich einem höheren Ziel als dem simplen Abschlachten von Namenlosen zu widmen. Nein, sie schien davon auszugehen, dass das Gedanke, Zûl aus Aurorae verschwinden zu lassen, in Stein gemeißelt war und es nur noch an einem Plan mangelte, wie das Ganze durchzuführen sei. Und obwohl dies keineswegs Storms Intention gewesen war, dachte sie nun „Warum eigentlich nicht?“. Erstens konnte sie Taira schlecht für so etwas motivieren und dann sagen, dass sie selbst damit nichts zu tun haben wollte. Und zweitens musste Zûl früher oder später verschwinden. Zumindest, wenn sie – oder besser gesagt irgendjemand – wieder in diesem Land leben wollte, ohne sich wie gejagtes Vieh vorzukommen. „… das werden wir sehen. Ohne Herz und Kopf lebt es sich schlecht, das ist richtig. Aber ich weiß nicht, ob ich Zûls Existenz als ‚Leben‘ bezeichnen würde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob er überhaupt ein Herz hat – also im tatsächlichen Sinne. Dass er im übertragenen Sinne keins hat, ist wohl allen bewusst. Hat Zûl sich auf dem Schlachtfeld eigentlich jemals blicken lassen?“ Das interessierte Storm tatsächlich – ob irgendjemand ihn selbst etwas hatte machen sehen. Im Nachhinein ärgerte sie sich, dass sie das Rogon damals nicht nach Zûl gefragt hatte – zum Beispiel, wie er überhaupt aussah.

Aber ehe sie diesen Gedanken in irgendeiner Form weiter vertiefen konnte – sei es nun verbal oder in Gedanken – wandte sich Taira wieder von ihr ab und rollte sich auf dem Boden zusammen. Storm runzelte die Stirn, ehe ihr einfiel, wo das Problem liegen könnte. Das bestätigte sich auch, als die Kriegerin sich wieder aufrichtete und sie hasserfüllt anblickte. Die Annuyiaée. Wieder ein schlechtes Thema. Taira tat Storm irgendwie leid und die Eismagierin hegte auch nicht die Absicht, ihr Gegenüber zu provozieren und schlechte Erinnerungen in ihr zu wecken. Aber Fakt war leider, dass sie im Umgang mit ihr nichts richtig machen konnte. „Nein, ich habe keinen Raben gesehen. Aber du hast mir deinen Namen genannt – und aus ihm und deinen Schilderungen vom Schlachtfeld habe ich meine Schlüsse gezogen. Dass du über dieses Thema nicht reden willst, ist legitim, und ich verspreche, nicht mehr danach zu fragen. Aber ich kann schlecht im Vorhinein wissen, dass das ein ungünstiges Thema ist. Dazu kennen wir uns einfach nicht gut genug. Und wir werden uns auch nicht besser kennenlernen, wenn ich keine Fragen stellen darf. Ich will offen mit dir sein – ja, ich bin neugierig. Und das ist leider keine Eigenschaft, die ich einfach abstellen oder ändern kann. Im Moment sind Gespräche mit dir wie Versteckspielen im tiefsten Zwergenstollen … ich taste mich blind umher und kann nur hoffen, nicht trotzdem in voller Geschwindigkeit gegen eine Wand zu laufen. Wenn es dir tatsächlich ernst damit ist, Rache an Zûl üben zu wollen, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als mit anderen zusammenzuarbeiten. Allein wirst du das nämlich nicht bewerkstelligen, so leid mir das tut. Ich bin gerne bereit, dir zur Seite zu stehen und zu versuchen, das ernsthaft in Angriff zu nehmen, auch wenn andere uns für total verrückt halten werden. Allerdings werde ich das nicht tun, wenn ich mich ständig vorsehen muss, was ich in deiner Gegenwart sagen darf und was nicht. Also, erhelle mich: Wie soll ich mit dir umgehen? Sag du es mir, ich weiß nämlich langsam nicht mehr weiter.“
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