Amarantsumpf

Tauche ein in die Welt von Aurorae!

Amarantsumpf

Beitragvon Der Schreiber » Freitag 25. Januar 2013, 17:32

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Der Amarant-Sumpf erstreckt sich südlich des Torrentis und ist auch der größte Sumpf Aurorae und zu seinen Tücken gehört neben dem gefährlichen Sumpfwesen auch die plötzlichen Stürme, die vom Drakan Gebirge herunter verheerende Zerstörung mit sich bringen und den Schlamm und das brackige Wasser aufwirbeln lassen, wodurch man sein Orientierung verliert und immer tiefer in den Sumpf eindringt, anstatt ihn wieder zu verlassen.
Laut Gerüchten sollen im Amarant-Sumpf Untote wandeln, die sich in der Nässe und dem Dreck eine wahre Hochburg errichtet haben sollen. Diese wurde aber noch nie gefunden.

1. Baumkreisel

Mitten im Sumpf findet man einen seltsamen Baumkreisel, dessen Bedeutung niemand kennt oder seinen Ursprung. Er besteht aus 20 verschienden Baumarten, die exakt ausgerichtet sind. In der Mitte steht ein Alter, der alle andere Bäume an Größe bei weitem übertrifft.

2. Burg der drei Länder

Direkt an dem Knick des Torrentis steht eine Burg, die nicht sehr groß ist. Sie heißt die Burg der drei Länder, weil sie an die Königsschlucht und den Pass Emen grenzt. Sie hat in der Geschichte keine große Rolle eingenommen, es ist nicht einmal bekannt wer sie gebaut hat.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Samstag 9. März 2013, 10:46

Nicht der beste Ort, um sich dort aufzuhalten. Das was er noch vor ein paar Jahren an Sicherheitsgefühl im Amarant empfunden hatte war dahin, war einem nie enden wollendem Schrecken gewichen. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Ziemlich genau zwei Jahre. Er war gegangen, als ihn der Ruf der Göttin erreicht hatte, als er begriffen hatte, was sein Totemtier ihm die ganze Zeit hatte sagen wollen. Er hatte die Krieger der Göttin gesucht und sogar gefunden. Und dann war er selbst einer von ihnen geworden. Er hatte seine Familie in der Obhut der Bären gelassen, als den Sumpf eben jenes Schicksal ereilte, was auch sein Dorf und das ganze Ebbland überrollt hatte. Die Bestie jedoch so schien es, war nur der Anfang gewesen. In Stille verharrte er eine Weile dort, wo die Überreste des Bärenlagers ihm hohnvoll entgegen lächelten. Seine Geschwister und die Kinder waren nicht länger hier. Und auch die Bären nicht. Ihr Schicksal war ungewiss. Er hätte es sich denken können. Dennoch hatte er sich davon einfach überzeugen müssen.

Die Bären hatten damals schon von Verstecken tiefer im Sumpf gesprochen, von Rückzugsmöglichkeiten, die zwar beschwerlich zu erreichen waren, aber ihnen Schutz bieten würden. Ein letzter Rückzugsort, ein letzter Hort gegen die immerwährende Finsternis, die über Aurorae hereingebrochen war. Er hatte nur keine Ahnung, wo sich diese Orte befanden. Er war sich jedoch sicher, wenn seine Geschwister, wenn Arawen gefallen wäre, er hätte es gespürt irgendwie. Nachdenklich ließ er ein verkohltes Stück Holz der einstmals so genial in die Landschaft eingefügten Palisade durch seine Finger gleiten. Es zerbröckelte unter seinen Händen zu Asche. Doch er wertete dies nicht als Omen für irgendetwas. Langsam erhob er sich aus seiner starren Haltung und zog sich in die Büsche zurück. Er durfte hier nicht länger verweilen. Tatsächlich brachte der Umstand, dass er lebte, andere möglicherweise noch mehr in Gefahr.

Viele Annuyiaeé waren gefallen aber nicht alle. Doch sie hatten entschieden, nicht gemeinsam weiter zu ziehen, aus Angst, sie würden zu viel Aufmerksamkeit erregen. Die Geblendeten schienen eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit für die Krieger der Göttin zu haben. Und solange wie noch welche von ihnen lebten gab es Hoffnung. Dies war der Grund, warum sie es den Entweihten um Zûl so schwer wie möglich machen wollten. Er konnte sie unmöglich alle finden, wenn sie sich weit über das Land verstreuten. Sie würden sein wie die Tropfen, die den Stein langsam aber sicher aushöhlten. Und wenn die Göttin wieder erstarkt war, dann würde selbst nur ein Überlebender von ihnen genügen, um den Orden wieder auferstehen zu lassen. Das war seine Hoffnung, sein fester unumstößlicher Glaube. Die Göttin hatte die Menschen nicht verlassen. Sie hatte selbst nur eine so große Niederlage erlitten, dass sie schwer verwundet war. Es war nun an ihnen, für sie, für alle Menschen durchzuhalten. Zûl und seine Schergen mochten glauben, dass sie gewonnen hatten. Doch kein Sieg währte ewig. So wie dies für die Menschen gegolten hatte, würde es auch für ihn gelten. Und wenn es Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauerte.

Laeniel bewegte sich vorsichtig durch den Sumpf, nicht weil er die Schlammlöcher fürchtete. Die machten ihm nicht länger etwas aus. Er wusste, hier konnten Zûls Schergen überall sein. Vom Süden her waren sie über das Land geschwemmt und nur ganz oben im Norden gab es noch Flecken, wo sie bisher nicht gewesen waren. Instinktiv waren die Menschen dorthin unterwegs. Genau aus diesem Grund, begab er sich nicht dahin. Seine Aufgabe war es nicht, Zûls Schergen zu den letzten Menschen zu führen, sondern sie von ihnen fernzuhalten. Aus diesem Grund beschloss er auch, nicht nach den letzten Verstecken der Bären zu suchen. Wenn er sie nicht finden konnte, konnten es vielleicht auch die Namenlosen und Geblendeten nicht. Laeniel kletterte für die Nacht auf einen Baum, der sich noch in Sichtweite des Lagers befand. Er kletterte bis hoch in die Krone , wo das satte grün der verknöcherten Bäume ihn vor den Blicken verbarg. Er hatte schnell herausgefunden, dass Namenlose selten nach oben blickten. Mit einem Seil knotete er sich am Stamm fest. Nicht der bequemste Ort zum Schlafen, aber verhältnisweise sicher. Sein Blick schweifte nachdenklich über die Reste des Lagers, auf die er von hier oben blicken konnte. Fast war es ihm als würden sich die Schleier zur Anderswelt für einen Augenblick lichten. Wie ein Schatten nahm er die Menschen wahr, die hier einst gelebt hatten. Ihre Fröhlichkeit. Ihre tiefgehende Liebe zu ihren Clanbrüdern und Schwestern. Ihre Verbundenheit mit ihrem Land. All das war noch da. Selbst wenn sie gegangen waren. Er lächelte unterdrückt und tauchte ein in dieses Gefühl. Frieden. Ja. So fühlte sich Frieden an.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Dienstag 12. März 2013, 21:37

Manchmal malte Vesrin sich im Gedanken aus, was sie ihrer Familie erzählen würde wenn sie sie irgendwann wiedertraf und sie fragten, wie sie überlebt hatte. Die Geschichte würde ganz typisch ungefähr so anfangen: “Ich bin in ein Loch gefallen, hab mir den Kopf gestoßen und hab das Bewusstsein verloren.“

Sie stellte sich vor, wie sie alle lachen würden weil das mal wieder etwas war, was nur Vesrin passieren konnte. Tegan würde sie ermahnen doch endlich mal darauf zu achten wohin sie trat wie der würdevolle Schamane der er mittlerweile bestimmt war. Und ihre ältere Schwester Vyla würde sofort aufspringen und sich Vesrins Kopf ansehen obwohl die Verletzung schon lange verheilt war. Ihr Vater würde nur den Kopf schütteln und vor sich hin brummeln. Aber das war nicht ganz richtig denn es war nicht ganz die Wahrheit. Natürlich würden sie nicht mit dem Loch anfangen, obwohl es ihr das Leben gerettet haben musste. Anfangen würden sie mit einer Standpauke. Von ihrem Vater, ihren Brüdern (wobei die Zwillinge sie vermutlich eher in den Schwitzkasten nehmen würden), ihren Clanältesten und den anderen Waldläufern die von ihrer Riesendummheit gehört hatten.

Ob sie den Kindern des Clans jetzt als schlechtes Beispiel diente wenn sie wieder unartig waren?

Mit einem Seufzen sah Vesrin sich um. Viel war vom Winterlager des Bärenclans nicht mehr übrig: nur Asche und still vor sich hin moderndes Holz. Es überhaupt wiederzufinden war das erste Mal ziemlich schwierig gewesen. Jetzt war sie schon das dritte Mal zurückgekehrt, aber noch immer zeigte das Lager keine Zeichen dafür, dass jemand aus ihrem Clan hier gewesen war. Ein kleiner Teil von Vesrin war enttäuscht und wollte sich zurückziehen und die verzweifelten Tränen fallen lassen, die sie jetzt, stur wie sie war, angestrengt wegblinzelte. Hier gab es keinen sicheren Ort um zu weinen und das, was von der Hütte ihrer Eltern übrig geblieben war, zerfiel wie der Rest des Lagers. Es würde ihre keinen Schutz vor der Kälte der Nacht Nacht oder den Dingen, die nach Sonnenuntergang den Amaranth-Sumpf frei durchstreiften, gewähren.

Hatte der Clan sie vielleicht aufgegeben? Glaubten sie, Vesrin wäre tot?

“Aber ich bin doch hier,“ stellte sie trotzig fest und wie um ihre Existenz zu beweisen begann Daelan unruhig auf ihrem Arm herum zu zappeln. Schließlich pickte das Huhn mit seinem Schnabel an ihrem Handrücken, womit Vesrin ein erschrockenes “Au!“ und ein sehr vorwurfsvolles “Daelan!“ entfuhren.

“Wir müssen doch leise sein!“

Liebe Zunge, denk daran dass es Nacht ist und diese Monster sich jetzt viel leichter an uns anschleichen können. Wir sollten leise sein damit sie uns nicht finden. Der Verstand.

Lieber Verstand, lass mich versuchen, es mit einfachen Worten zu erklären: Ups? Die Zunge.


Das Echo ihres Rufs war noch nicht ganz verhallt, da folgte ihm schon das typische Geräusch einer Hand die gegen eine Stirn klatschte. Innerlich fluchend nahm Vesrin den Bogen von der Schulter und hielt ihn fest in der linken. Ihre Augen versuchten angestrengt, das Dunkel zu durchschauen. Unter ihren Fingerspitzen war das vertraute Gefühl von Federn und Holz…
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Mittwoch 13. März 2013, 22:20

Laeniel war schon fast eingeschlafen, befand sich bereits in dem Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen, als ihn seltsamen Geräusche erreichten, die nicht wirklich in die Stille des Amarantes passen wollten. Er verharrte bewegungslos und lauschte, noch bevor er wirklich wach war. Dies war ihm mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sich nicht mehr darauf konzentrieren musste. So lebte man in diesen Zeiten, überlebte man. Wer auf sich selbst gestellt war, musste jeden Trick anwenden, der ihm einen Vorteil verschaffte. Für einen Augenblick war der Schrecken wieder da, die Last auf seinen Schultern, das Gefühl von Isoliertheit und Alleinsein, dass er verspürte, seit die Göttin sich zurückgezogen hatte. Er glaubte nicht, dass sie vor der Dunkelheit, die Zûl mit seinen finsteren Kreaturen heraufbeschworen hatte, flüchtete. Er glaubte, sie war irgendwo da draußen, geschwächt verletzt. Und gleich einem verwundeten Tier hatte sie sich versteckt, damit ihre Schwäche nicht von einem schlimmeren Feinde ausgenutzt wurde. Und diesen schlimmeren Feind gab es. Dessen war sich Laeniel ziemlich sicher.

Doch all das war nur ein Gedankenblitz, kam und ging, als er sich auf Wichtigeres konzentrierte. Im Augenblick zu verweilen, war ebenfalls überlebenswichtig. Daher konnte er sich nicht erlauben zu sehr zu grübeln. Er hatte eine Geräusch gehört, einen Laut, von dem er nicht sicher war, was es war. Beinahe lautlos löste er das Seil, dass er sich um die Körpermitte gewunden hatte und langte in dem Ast über sich, wo sein Klingenstab sicher verwahrt gewesen war. "Wir müssen doch leise sein." Laeniel brauchte einen Augenblick, bis er begriff, dass da ein Mensch sprach. Zumindest klang es wie ein Mensch, eine weibliche Stimme noch jung an Jahren, würde er schätzen. Menschen? Hier im Amarant, so nah am Bärenlager? Wer war so verrückt wie er und traute sich das? Etwas klatschte. Es klang nicht wie das Geräusch was Waffen machten, wenn sie auf Körperteile auftrafen. Eher wie Fleisch auf Fleisch. Was bei der Göttin hatte das nur wieder zu bedeuten?

Langsam kroch Laeniel den Baum etwas weiter hinunter und war bemüht, sich so zu bewegen, dass seine Waffe nicht über das Holz des Baumes schabte. Seit er die Hülle für den Stab liegen gelassen hatte, als er während der schlimmsten Kämpfe merkte, dass sie nur hinderlich war, lagen die Klingen stets bloß und er musste vorsichtiger sein. Alles hatte wohl Vor- und Nachteile. Er erreichte einen Ast, von dem aus er freie Sicht nach unten hatte und zudem notfalls direkt auf einen unter ihm stehenden Gegner springen konnte. Ihm gelang das Kunststück, in geduckter Haltung auf dem Ast zu hocken ohne herunterzufallen. Das einzige Geräusch, dass sich nicht vermeiden ließ, war das Rascheln des Blattwerks als sein Klingenstab durch es hindurch strich. Menschen oder Kreaturen Zûls, die vom Hiersein eines Menschen wussten und sich deshalb einer List bedienten? Es würde sich sicher gleich zeigen. Moment mal. War das etwa ein Huhn was da gackerte? Das konnte unmöglich stimmen. Er musste sich verhört haben.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Donnerstag 14. März 2013, 14:02

Vesrin hatte schon einiges über das Überleben gelernt: zum Beispiel, dass Daelan ohne sie und die Hilfe des großen Bären völlig aufgeschmissen wäre. Hühner waren einfach nicht dafür gemacht, alleine im Sumpf zu leben.

Gut, Vesrin fiel in die gleiche Kategorie: ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren spärlich und die meisten von ihnen hatte sie aus reiner Notwendigkeit erworben. Wie "Schnellziehen". Das war so eine Fähigkeit, die unglaublich nützlich war und die sie erst beherrschte, seit quasi ihrer und Daelans Schicksal von ihr abhing. Beim "Schnellziehen" griff Vesrin quasi blind in ihren Köcher und zog einen der vielen - fast identischen - Pfeile um ihn an die Sehne zu legen. Es war eine Technik, die für Krisenzeiten gedacht war, in denen Vesrin nicht wie sonst erst den Pfeil mit den schönsten Federn oder genau der Holzmaserung, die gerade zu ihrer Stimmung passte, auswählen konnte. Bestimmt wären ihre Clansbrüder und Schwestern zutiefst beeindruckt wenn sie wüssten, das Vesrin jetzt auch dieses - gänzlich unzeremonielle - Ziehen eines Pfeiles erlernt hatte. Die Jungbärin war jedenfalls stolz auf ihren Fortschritt.

Sie hatte auch gelernt, wachsamer zu sein; will sagen, sie war sich bewusst dass um sie herum zu jeder Zeit manigfaltige Gefahren lauerten. Sie schenkte ihnen nur leider nicht immer die angemessen Aufmerksamkeit. Meistens war Daelan schuld.

"Daelan! Verdammtes Huhn, komm sofort her! Raus aus Padras' Hütte oder der große Bär Gnade dir!" drohte sie dem Huhn erbost, der Schrecken über ihre eigene Unbedachtheit und Lautstärke schon wieder vergessen.

Das Huhn indes - aufmüpfig wie seine menschliche Freundin - war auf einen Schutthügel geklettert der sich von anderne Schutthügeln für jeden außer Vesrin nur durch eine geringfügige optische Differenz unterschied: es saß ein Huhn darauf und gackerte frech.

Liebe Zunge, findest du nicht, dass du etwas laut bist? Der Verstand.

"DAELAN!!!" rief Vesrin erschrocken als etwas - vermutlich ein Geräusch, welches sie nicht hören konnte - das Huhn aufschreckte und es mit einem Satz auf der von ihr abgewandten Seite des Schutthaufens verschwand.

Lieber Verstand, meinst du? Die Zunge.

Hastig verfolgte die Waldläuferin das ausgebüchste Federvieh.

"Daelan, komm her! Du fürchtest dich doch alleine im Sumpf!"

Liebe Zunge, muss ich darauf wirklich antworten? Der Verstand.

Da verschwand Daelan auch schon in den langen, tiefen Schatten der Bäume. Vesrin wollte ihm nach aber dann... dann kam sie gerade an die Bäume, die früher unweit der Palisade gestanden hatten und den Weg zu einem der Überbungsplätze markeirt hatten und ihr fiel auf, wie bedrohlich die Schatten des Amarants jetzt waren, da hinter ihr die zerstörten Überreste ihrer Heimat lagen und vor ihr die kalten, finsteren, undurchdringlichen Schatten, die alle möglichen schrecklichen Dinge verbargen. Und an ihrer Seite kein Huhn, dass ihr Gesellschaft leistete.

Unter einem der Bäume blieb sie stehen und starrte unglücklich in die Finsternis. Irgendwo über ihrem Kopf raschelten die Blätter des Baumes, leise und sanft, als ob der Baume sie trösten wollte. Vesrin war froh, just in diesem Moment alleine zu sein. So hörte niemand, wie ihr ein Schluchzen entfuhr und sie fahrig mit der linken über ihre Augen wischte.

"Daelan... du dummes Huhn. Lass mich doch nicht allein."
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Sonntag 17. März 2013, 16:03

Laeniel kniff die Augen leicht zusammen als er halb entsetzt und halb fasziniert das Schauspiel verfolgte, dass sich dicht unter ihm abspielte. Er kannte diese Stimme, kannte das braunhaarige, sonderliche Mädchen. Dennoch traute er seinen Sinnen nicht. Er wusste sehr genau, zu was Menschen gemacht werden konnten. Ob nun gestandene Krieger oder unschuldige kleine Mädchen. Sie alle konnten zu dem werden, was er zu bekämpfen auserwählt worden war. Deshalb sprang er zunächst nicht vom Baum, sondern verharrte angriffsbereit. Ihm zog sich der Magen zusammen bei dem Gedanken daran, was er vielleicht gleich tun müsste. Er hatte es schon einmal getan. Er hatte der Hülle eines Freundes gegenüber gestanden, hatte gezögert und dadurch Tode verursacht. Diesen Fehler würde er nicht wieder begehen. Das hatte er sich damals geschworen. 'Töte sie schnell und gnadenvoll'. Das war sein Kampfmotto im Bezug auf die Geblendeten geworden. Dass die naive Bärin von vor zwei Jahren nun eine Entweihte sein könnte... ihm blutete des Herz bei dem Gedanken an diese Möglichkeit. Auch wenn er gewillt war auch diese Bürde zu tragen. Letztendlich wäre es eine Erlösung für ihren Körper. Ihre Seele jedoch wäre unrettbar verloren für die Göttin. So hieß es jedenfalls in den Legenden. Und lebendige Legenden hatte er in den letzten Jahren genug gesehen, um auch diese für bare Münze zu nehmen.

Dann jedoch wurde er einer anderen Erfahrung gewahr, die er gesammelt hatte. Das Huhn. Wenn es auch ein Haustier war, so war es doch ein Tier. Und Tiere reagierten panisch auf die Diener Zûls. Ihre Instinkte waren ausgeprägter als die der Menschen. Sie schienen zu spüren, dass etwas unnatürliches sie verfolgte. Niemals wäre ein Huhn in der Gesellschaft einer Ohadu geblieben. Laeniel atmete auf und entspannte sich etwas. Schließlich hatte er noch nie von gewandelten Hühnern gehört oder von Namenlosen, die wie Hühner aussahen und deren Herren ihnen Namen von Bärenclanlern gaben. Obwohl ... zu Vesrin hätte dies durchaus gepasst. Er schmunzelte über seinen Anflug rabenschwarzen Humors. Gnade den Menschen, sollte dieses Mädchen jemals gewandelt werden. Sie war so schon eine Herausforderung für jeden Menschen. Daran erinnerte er sich noch sehr gut. Sie hatte einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen, selbst wenn er sie nur flüchtig kennengelernt hatte. Blieb nur noch eine andere Frage. Was machte sie hier? War sie alleine? Hatte sie Hilfe? Sollte er sich ihr nähern oder sie einfach ziehen lassen? ihrem Schicksal überlassen? Oder möglicherweise ihr Schicksal erst herausfordern, wenn er sich ihr zeigte? Könnte das Namenlose, Entweihte auf ihre Fährte locken?

Nun gut, das waren wohl viel mehr als eine Frage. Er seufzte unterdrückt. Von dem vielen Denken, bekam er langsam Kopfschmerzen. All diesen Fragen hatte er sich nicht länger aussetzen wollen. Deswegen hatte er die Einsamkeit gesucht. Und jetzt war dieses Mädchen hier und veränderte alles, ohne es zu wissen. Fast war er wütend auf sie. Doch Laeniel war nicht ungerecht. Sie konnte am wenigsten für die Konflikte, die in ihm wohnten. Wie alt war sie gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten? 15? 16? Oder wirkte sie nur so jung, weil sie ein wenig speziell war? Er hätte es nicht sagen können. Er dachte an seine Familie, seine jüngsten Geschwister. Wenn sie in einer ähnlichen Situation wären, würde er wollen, dass einer der wenigen überlebenden Ordensbrüder oder -schwestern sich ihrer annahm? Dieser Gedanke gab den Ausschlag. Er glitt vom Baum, brachte aber zur Sicherheit den Stamm zwischen sich und sie. Der Krieg hatte die Menschen verändert. Misstrauen herrschte unter ihnen. Oft wurde erst geschossen und dann gefragt. Wie also sollte er sich ihr zeigen? "Vesrin," rief er sie schließlich leise. "Ich bin es, Laeniel. Erinnerst du dich noch an mich? Ich war der Lehrling vom Eulenschamanen Tampa. Ich will dir nichts böses. Darf ich herauskommen, ohne dass du auf mich schießt?" Bei der Göttin. Das klang wirklich selten dämlich. Aber was besseres war ihm auf die schnelle eben nicht eingefallen. Arawen hätte ihn sicherlich ausgelacht. Fast schon glaubte er ihr Lachen durch den Wald perlen zu hören. Doch leider war dies nur eine Illusion.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Dienstag 19. März 2013, 06:02

Noch während Vesrin versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass Daelan bald wieder zu ihr zurückkehren würde (schließlich war sie ein Huhn und Hühner sind nicht dafür bekannt, Überlebensspezialisten zu sein), ertönte eine Stimme.

“Vesrin.“

Überrascht fuhr das Mädchen herum. Weit und breit war niemand, der eine solche Stimme hatte außer ihr. Und vielleicht dem Baum. Und dem großen Bären, aber sie hatte sich immer vorgestellt, dass die Stimme des großen Bären grollender, tiefer und vor allem bäriger war. Diese Stimme war zwar angenehm (weil sie überraschend menschlich war dafür, dass sie aus der Richtung des Baumes kam) aber nicht bärig.

“Ich bin es, Laeniel.“

Vesrin blinzelte. Laeniel? Der Baum hieß Laeniel? Das war ja lustig, Vesrin kannte einen Laeniel! Er war…

“Erinnerst du dich an mich? Ich war der Lehrling vom Eulenschamanen Tampa.“

Natürlich erinnerte sie sich an Laeniel! Moment… Laeniel war ein Baum? Dieser Gedanke ließ Vesrin mental inne halten. Konnten sich Schamanen in Bäume verwandeln? Was für eine absonderliche Fähigkeit! Und warum sollte man das tun? Sie hätte außerdem gedacht, dass vielleicht Druiden wie Ronghar (Ronghar, ihr Vetter – wo war er nur? Wer passte jetzt auf ihn auf wo Vesrin nicht mehr beim Clan war?) so ein Kunststück vollbringen könnte aber ein Schamane…

“Ich will dir nichts böses. Darf ich herauskommen, ohne dass du auf mich schießt?“

Schie—und vielleicht waren es diese Worte die etwas in Vesrins Kopf anstießen was schon die ganze Zeit schimpfend in seiner geistigen Ecke gestanden und verzweifelt versucht hatte, das Mädchen zur Stille anzuhalten. Warum sollte jemand, der nichts Böses im Sinn hatte, fürchten dass sie auf ihn schießen würde? Hatte Laeniel sich in dem Baum etwa in eine andere Kreatur verwandelt? War sie vielleicht in Gefahr?

Vesrin tat einen Schritt von dem Baum Laenial zurück. Das leichte Knarzen der Bogensehne erschien der Jungbärin unnatürlich laut. Oder vielleicht war ihr geliebter Amarantsumpf auch einfach nur ungewohnt leise.

“Beweise es! Wenn du wirklich Laeniel bist und kein böser Baumgeist, dann weißt du, was das erste war, dass ich zu dir gesagt habe,“ forderte sie und zielte auf den Baum.

Gut, Bäume hatten keine Herzen und Vesrin hatte keine Axt mit der sie einen Baum fällen konnte, aber irgendwie würde es schon funktionieren, so der große Bär ihr auch weiter seinen Beistand leistete.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Donnerstag 21. März 2013, 20:28

Es war ein Automatismus sich an die Nasenwurzel zu greifen und sie zu reiben als habe er Kopfschmerzen. Fast bereute er es schon, sie angesprochen zu haben. Er würde sicherlich noch Kopfschmerzen bekommen und er würde sie ihr verdanken. Er lächelte unterdrückt. Dieses Mädchen war nicht im eigentlichen Sinne dumm. Laeniel nahm so etwas von seinen Mitmenschen ohnehin nur höchst selten an. Wirkliche Dummheit war so rar, dass sie so gut wie gar nicht existierte. Naivität? Ja. Unwissenheit? Ja. Ungebildetheit? Auf jeden Fall. Dummheit? Jein. Vesrin hatte einfach ... nun ja ... sie hatte einfach ... einfach ... außergewöhnliche Denkstrukturen. Ja! Genau! Er atmete erleichtert auf, dass er eine positive Formulierung gefunden hatte. Denn eigentlich war sie ja ein nettes Mädchen gewesen, irgendwie. Er wunderte sich sehr darüber, warum sie ihn für einen Baumgeist hielt. Zumal er auch stark an der Existenz solcher Geister zweifelte. Zumindest im Diesseits. In der Anderswelt hatte die Natur natürlich eine geisterhafte Form, wohnte auch den Bäumen ein Geist inne. Doch dieser war auf dieser Ebene nur von den Druiden wahrnehmbar. Niemals hätten sie auf menschliche Weise mit einem jungen Mädchen kommuniziert, noch dazu mit einem, dass mit ihren Pfeilen auf einen Baum zielte. Ihr Verstand schien seltsame Haken und Wendungen zu schlagen wie ein Hase auf der Flucht. Das war in gewisser Weise auch ein Talent. Zumindest brachte sie ihn zum Lächeln. Es gab etwas in dieser düsteren Welt, dass sich nicht verändert hatte. Nicht sehr jedenfalls.

"Du hast nach deinem Vetter Ronghar gesucht und zu mir gesagt: Du bist aber nicht Rhongar." Laeniel wusste nicht, ob dass wirklich der haargenau gleiche Wortlaut gewesen war, aber er hoffte doch sehr es würde reichen. "Ich bin kein Baumgeist. Ich steh hier hinter dem Stamm." Er winkte mit einer Hand in der Hoffnung, dass Mädchen war immer noch eher ungeübt mit dem Bogen und traf ihn nicht mit dem ersten Schuss. Vielleicht schoss sie aber auch einfach nicht. Wer wusste das schon? Die Göttin hatte jedenfalls einen extremen Hang zum Übermut und zur Albernheit gehabt, als sie Vesrins Seele geformt hatte. Doch Laeniel nahm wie immer an, dass jeder Mensch einen Platz in der Welt hatte, eine Aufgabe. Er glaubte daran noch immer, trotz des Krieges und der beinahe Vernichtung der Menschheit. Es gab eben Kräfte, die der Göttin und ihrer Schöpfung nicht wohlgesonnen waren. Wer wusste das besser als er? Und die Göttin war zwar nahezu allmächtig, aber im Kampf gegen eine Übermacht, solchen Ausmaßes, mit einem Orden der Annuyiaeé, der noch nicht annähernd bereit gewesen war, sich nach Dunns Tod noch im Aufbau befunden hatte, war sie sehr geschwächt hervorgegangen. Zûl hatte gut taktiert. Erst hatte er Dunn getötet, den einzigen Mann, der in der Lage gewesen wäre, den Orden schnell wieder aufzubauen. Und dann hatte er zugeschlagen, bevor die meisten Nachkommen der heiligen Familien noch nicht gefunden oder von der Göttin noch nicht ausreichend geprüft worden waren, um den Raben zu erhalten. Er dachte an seinen Raben. Dieser war seltsam verblasst, zeugte davon, dass die Göttin geschwächt war. Es schmerzte ihn. Schermzte ihn unbeschreiblich. Diese Gedanken drängten sich in diesem Augenblick auf, wo er sich vor diesem seltsamen Bärenkind hinter einem Baumstamm versteckte. Irgendwie surreal.

Er räusperte sich, zwang sich wieder ins Hier und Jetzt zurück zu dem Mädchen, nein der jungen Frau, die immer noch auf ihn zielte. "Vesrin," sagte er sanft. "Mach einfach in einem großen Abstand ein paar Schritte um den Baum herum, wenn du mir nicht glaubst. Wenn ich ein Baumgeist bin, werde ich dich nicht erwischen, wenn du genug Abstand zu mir hältst." Er bemühte sich sehr, sich in ihre Denkweise einzufühlen. Dafür kannte er sie jedoch viel zu wenig. Dieser Form seltsamer Denkweise kam bei den Bären häufiger vor, erinnerte er sich. Da war noch dieser seltsam abwesende Waldläufer gewesen. Er hatte eine Vermutung woran das liegen mochte. Die Menschen hier hatten sehr abgeschieden im Sumpf gelebt und nur selten hatten sie jemand aus einem anderen Clan geheiratet. Besonderheiten kamen dann wohl einfach vor. Und jeder Mensch, egal wie anstrengend oder seltsam er war, war doch ein Kind der Göttin, wie er. Mit dieser Überzeugung wartete er geduldig, wie sie nun reagieren würde. Allerdings machte er sich auch auf einen Angriff gefasst. So oder so. Es würde weh tun. Auf die ein oder andere Weise.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Freitag 22. März 2013, 09:22

Vesrins Misstrauen ging prinzipiell nicht sonderlich weit. Wenn man es messen würde wollen so reichte es ungefähr bis zu ihrer Nasenspitze. In besonderen Fällen vielleicht sogar so weit, wie sie die Zunge herausstrecken konnte. Vermutlich lag es daran, dass es in ihrem Leben noch nicht besonders viele Situationen gegeben hatte, in denen es angebracht gewesen wäre, misstrauisch zu sein. Oder einfach nur daran, dass Vesrin Vertrauen hatte.

Daraus folgt, dass die Sehne ihres Bogens schon in dem Moment an Spannung verlor, als Laeniel Ronghars Namen aussprach. Wen interessierte schon der genaue Wortlaut von dem, was sie damals zu ihm gesagt hatte, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass sie ihn höflich und respektvoll gegrüßt ha- nein, bei näherer Betrachtung hatte sie das wahrscheinlich nicht; sie hatte ja nach Ronghar gesucht und dann hatte es stets Wichtigeres als Höflichkeit gegeben. Nämlich ihren Vetter. Ein fröhliches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht und vertrieb den Kummer über Daelans plötzliches Verschwinden. Laeniel hatte sie gefunden! Ein Freund, wie schön! Sie brauchten ein Lagerfeuer an dem sie sich aufwärmen und erzählen konnten, wie es ihnen ergangen war.

Aber dann tat Laeniel etwas, was in Vesrins Augen an Dummheit fast gar nicht mehr zu übertreffen war. Es war fast noch dümmer, als mit einer Gruppe Kinder und Frauen die von einer langen Reise erschöpft waren am Eingang zum Winterlager der Bären zu stehen und dabei angestrengt in das Lager zu starren anstatt den Waldrand zu sichern der hinter einem lag und allein schon darum noch gefährlicher war als wie wenn er vor einem lag. Laeniel winkte und verriet er somit seine Position. Und das, obwohl er noch nicht einmal wusste, ob sie weiterhin eine Waffe auf ihn gerichtet hatte! Selbst Daelan wusste es besser – und Daelan war ein Huhn!

In diesem Moment war die Entscheidung gefällt, unumstößlich, ob es Laeniel nun passte oder nicht: Vesrin würde auf ihn aufpassen. Er brauchte offensichtlich jemanden, der auf ihn aufpasste. Und da Daelan gerade im dunklen Sumpf Verstecken spielte, fiel diese Aufgabe mangels Alternativen wohl oder übel Vesrin zu.

“Du Laeniel, das ist aber nicht besonders klug was du da machst,“ wies sie ihn darum altklug zurecht. “Man verrät nie, wo man sich aufhält wenn man sich versteckt oder Deckung sucht. Schon gar nicht wenn man nicht weiß, ob eine Waffe auf einen gerichtet wird. Stell dir vor ich hätte mich erschrocken und auf dich geschossen. Dann hättest du jetzt einen Pfeil in der Hand und ich einen Pfeil weniger.“

Da war eine gewisse Selbstverständlichkeit in ihren Worten die implizierte, dass die Dinge genau so von statten gegangen wären wie sie es gerade beschrieb. Der Gedanke, dass sie eine winkende Hand verfehlen und damit einen Pfeil vergeuden könnte kam der jungen Waldläuferin nicht. Warum auch? Vesrin hatte vollstes Vertrauen in ihren Umgang mit Pfeil und Bogen, anders als ihre Kenntnisse im Fährten lesen.

“Und Baumwurzeln können lang werden. Bei manchen Bäumen sogar mehr als 80 Fuß lang! Das hat Ronghar mal erzählt. Da müsste ich im Dunkeln aber einen ganz schönen Bogen um einen Baum machen damit der Geist mich nicht erwischt“, fuhr sie fort. Auf 80 Fuß Entfernung zu treffen war keine sonderliche Herausforderung, es sei denn es war so dunkel wie jetzt in der tiefsten Nacht.

Damit war das Thema aber für Vesrin auch schon erledigt. Viel wichtiger war es jetzt etwas anderes.

“Hilfst du mir, Daelan zu suchen?“
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Montag 25. März 2013, 12:21

Oh bei der Göttin! Seine Schläfen begannen schon zu pochen. Dieses Mädchen … diese Frau … sie war … sie war... so speziell, dass er unweigerlich den Atem anhalten musste, um nicht lauthals heraus zu lachen. Er wollte sie nicht beleidigen. Und sie meinte es in ihrer Art wohl auch gut. Jedoch fragte er sich auch, in welcher Welt sie eigentlich lebte. Wohl nicht in der selben wie er und auch nicht in der, in der er sie vermutet hatte. Es kostete ihn einiges an Überwindung, aber dennoch brachte er ein “Danke für den Hinweis,“ heraus. Er nahm nicht an, dass eine Diskussion mit ihr irgendwann fruchten würde. Nein, sie würde wohl eher zu richtigen Kopfschmerzen führen, bei dem Versuch ihren ungewöhnlichen Gedankengängen zu folgen. Dennoch war es ihm einfach nicht möglich, die nun folgende Bemerkung zu unterdrücken: “ Aber keine Sorge, das hätte ich heilen können.“ Er trat nun endlich hinter dem Baum hervor und machte ein paar Schritte auf sie zu. Wäre sie eine andere Bärin gewesen, Kayla zum Beispiel oder eine der Frauen, die sich so rührend seiner Familie angenommen hatten, er hätte keinerlei Skrupel gehabt, sie zu umarmen. Bei Vesrin ließ er das lieber bleiben. Denn er hatte keine Ahnung, wie sie diese Geste dann wieder verdrehen würde. So grüßte er sie einfach auf die Art der Bären, die er bei ihnen kennengelernt hatte.

Sie plapperte einfach munter weiter, als wäre die Nacht völlig ungefährlich. Sie senkte auch ihre Stimme nicht. Sich immer unwohler fühlend trat Laeniel unruhig von einem Fuß auf den anderen und versuchte dann mit gutem Beispiel voran zu gehen. Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern, als er mit ihr sprach. “Ronghar? Dein Vetter? Er ist Druide, nicht wahr? Er hat sicherlich sehr viel Ahnung von Bäumen. Dafür kenne ich mich mit Geistwesen hervorragend aus. Ich versichere dir, Baumgeister existieren nicht auf dieser Ebene. Jedenfalls nicht als stoffliche Wesen, die dich angreifen können. Du musst dir also keine Sorgen um Geister machen. Worüber wir uns dagegen sorgen sollten, sind die Namenlosen und Entweihten, die sicher noch hier im Sumpf herum streifen. Der Amarant ist zu nah, an dem Ursprungsort dieser Kreaturen, als das er noch sicher wäre.“ Er wollte sie gerade sanft dazu bewegen, sich mit ihm einen sicheren möglichst geräuschdämpfenden Unterschlupf zu suchen, als sie ihm diese absurde Frage stellte. Er war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt wirklich richtig verstand.

“Meinst du deinen Clanbruder Daelan? Oder willst du jetzt wirklich mitten in der Nacht, wenn die Gefahr am größten ist, nach deinem Huhn suchen?“ Irgendwie ahnte er schon, was die Antwort auf seine Gegenfrage sein würde. Zum Glück war sie laut genug gewesen, als sie das Huhn gerufen hatte, sonst würde er ihr womöglich wie ein treudoofes Schaf hinter her stiefeln, in dem Glauben einen Menschen zu suchen. Doch sich für ein Huhn in Gefahr zu begeben? War Vesrin lebensmüde? “Hör mal,“ setzte er an, auch wenn er ahnte, dass das wohl eine Endlosdiskussion werden würde. “Es ist viel zu gefährlich da draußen, um jetzt nach deinem Huhn zu suchen. Es wird nicht weit fortlaufen. Und Namenlose fressen keine Hühner. Daelan ist also sicher. Wir sind es aber nicht. Wir sollten ihn suchen gehen, wenn es wieder hell ist.“ Er versuchte sachlich und freundlich zu bleiben. Die Fassungslosigkeit konnte er jedoch nur schwer aus seinem Gesicht verdrängen. Das Huhn zu fangen würde schon im Hellen schwer genug werden. Immerhin konnten sie fliegen, wenn auch nicht so graziös wie eine Eule oder ein Falke. Er erinnerte sich noch gut an sein Dorf und den Hof seiner Eltern. Selbst in einem Hühnerverschlag war das ein endloses und mühseligen Unterfangen. Unmöglich, das heute Nacht zu versuchen!
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Montag 25. März 2013, 19:02

Als Reaktion auf Laeniels Worte tat Vesrin etwas, was ihren Vetter für gewöhnliches Schlimmes ahnen ließ: Sie dachte nach.

Wäre jemand da gewesen, der die Zeichen kannte, Laeniel hätte sicherlich eine Warnung erhalten und den gut gemeinten Hinweis niemals, wirklich niemals, eine Formulierung wie “Willst du jetzt wirklich“ in den Mund zu nehmen wenn er an Vesrins ständig unterlegene Vernunft appellieren wollte. Aber dieses eine Mal schien es, als hätten der große Bär oder die Göttin ein Einsehen, Erbarmen mit dem jungen Annuyiaeé.

Entweder das, oder sie waren besonders schalkhaft.

Vesrins Augen suchten das Dunkel des nächtlichen Sumpfes ab. Vergeblich versuchte sie, vertraute Formen in der Dunkelheit auszumachen. Auch wenn sie den Sumpf so gut wie ihren eigenen Köcher kannte, Daelan würde sie vermutlich nicht finden können. Jedenfalls nicht ohne eine Fackel und offenes Licht zog diverse Kreaturen an, nicht nur die Monster die den Bärenclan vertrieben hatten.

Vesrin legte keinen großen Wert darauf, Bekanntschaft mit mehr dieser Monster zu machen als dies in den letzten Monaten gezwungenermaßen der Fall gewesen war. Nein danke! Die letzte Begegnung war schon ein paar Wochen her und Vesrin war wahrscheinlich nur deshalb siegreich daraus hervor gegangen, weil der große Bär sie auch weiterhin schützte und der Sumpf auf ihrer Seite war. Die Monster waren halb im schlammigen Sumpf versunken, wohingegen Vesrin flink und behände von einer Wurzel zur anderen geklettert war um einen sicheren Abstand auf ihre Ziele zu haben. Natürlich hatte der Umstand, dass sie halb versunken waren die Monster nicht wirklich aufgehalten; die Jungbärin hatte sehr schnell begriffen, dass der Sumpf dies nicht konnte. Aber verlangsamen, das konnte er sie allemal. Und je mehr Zeit Vesrin hatte, um ihre Pfeile auf die Monster niederregnen zu lassen, desto wahrscheinlicher wurde es, dass sie einen tödlichen Treffer landete. Das war noch ein Grund, warum sie diese Monster – Laeniels Namenlose – nicht mochte: ihre Anatomie glich keiner Kreatur, die Vesrin schon mal gejagt oder erlegt hatte. Tatsächlich glichen sich die Monster noch nicht einmal untereinander. Während ihrer letzten Begegnung mit den Schrecken, die nun ihren Sumpf heimsuchten, hatte Vesrin fast alle ihre Pfeile gebraucht um die Monster zu erlegen. Sie hatte nicht alle Pfeile wieder aus den Leichnamen herausziehen können und Vesrin hatte längst noch nicht genug neue Pfeile hergestellt um sich im Sumpf wieder sicher zu fühlen.

Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass der Schamane wohl Recht hatte. Ihren Unwillen, dies zuzugeben sah man ihr deutlich an aber sie nickte knapp als Zeichen der Zustimmung.

Misstrauisch nahm die Vernunft ihren Sieg entgegen.

“Du hast wohl recht“, flüsterte Vesrin zurück und klang darüber nicht sonderlich begeistert. Unbewusst hatte sie ihre Stimme an Laeniels Lautstärke angepasst.

“Vielleicht kommt Daelan auch zu unserer Winterhöhle zurück wenn es Morgen wird… wollen wir da auf sie warten?“
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Dienstag 26. März 2013, 10:56

Erleichterung durchflutete den Annuyiaeé wie warmer Sommerregen. Den hatte Laeniel immer gerne gespürt, auf seiner Haut, in seinem Gesicht. Er war so anders, so sanft, im Vergleich zur rauen und eher unangenehmen Feuchtigkeit des Sumpfes. Regen gepaart mit Wärme war etwas wundervolles. Regen, gepaart mit Kälte dagegen ... er seufzte und beobachtete gutmütig Vesrins Mienenspiel. Sie war zu lesen, wie ein offenes Buch. Nun ja, zumindest ihre Emotionen waren das. Ihre Entscheidungen, ihre Gedanken dagegen waren eher ein Buch mit sieben Siegeln. Sie erinnerte ihn an eine Legendengestalt: Amera, die den Beinamen "die Verrückte" getragen hatte. Sie war eine fähige Annuyiaeé gewesen, die den Weg der Ver'Danyan gewählt hatte. Sie war ebenfalls sehr besonders gewesen und war bei den meisten Menschen durch ihre Art angeeckt. Vielleicht würde er Vesrin einmal die Geschichte von Amera erzählen und sie würde sich darin wiederfinden, sich verstanden fühlen, sofern sie sich denn aufgrund ihrer Andersartigkeit alleine und einsam fühlte. Um das zu beurteilen, kannte er sie viel zu wenig.

Jetzt jedoch mussten sie schleunigst fort. Sein Unwohlsein stieg von Sekunde zu Sekunde. Er wusste, dass sie in noch größerer Gefahr schwebte, weil er nun bei ihr war. Es war eine große Verantwortung, die darin wohnte. Und er war bereit diese Verantwortung anzunehmen. Er musste nun doppelt wachsam sein. Für sie. Und auch für sich. Denn so sehr wie er den Gedanken verabscheute, er war wichtig. Laeniel war wichtig, weil er einer der letzten noch lebenden Krieger der Göttin war. Und die Annuyiaeé, das Blut der heiligen Familien musste überdauern, wenn die Menschheit eine Chance haben wollte. Er wusste nicht, ob seine Geschwister, seine Nichten und Neffen überlebt hatten, er konnte nicht davon ausgehen, dass sie das Blut der Tannanari weitergeben würden. Doch noch war es nicht sicher genug, um sich um solche Dinge wie die Gründung einer Familie Gedanken zu machen. Noch dazu aus diesen nicht ganz richtigen Motiven. Laeniel würde eine eigene Familie nur dann gründen, wenn er eine Frau fand, die er liebte und die ihn liebte. Blutlinie hin oder her! Die Chancen dafür standen ohnehin schlechter denn je. Zu wenige Menschen lebten noch. Nein. Seine derzeitige Aufgabe war eine andere: Das Überleben, der Menschen zu sichern, die auf der Flucht waren oder sich in Verstecken aufhielten. Das Vesrin nun bei ihm war, verkomplizierte die Dinge etwas. Er musste jemanden finden, der bereit war, sich dieses Mädchens anzunehmen. Auch wenn das bedeutete, dass er mit ihr gen Nordwesten ziehen musste. Er konnte ja wieder umkehren, wenn sie auf vertrauenswürdige Menschen getroffen waren.

Zufrieden mit diesem noch nicht zur Gänze ausgereiften Plan, wandte er sich ihr zu und verneigte sich leicht vor ihr. Die Höflichkeit seines Wesens war zu gleichen Teilen anerzogen, wie natürlichen Ursprungs. Er lächelte sanft und sehr warm, als sie ihm trotz ihrer offensichtlichen Zweifel und Überlegungen letztendlich doch Recht gab. Es war schön zu wissen, dass sie vernünftigen Argumenten durchaus zugänglich war. Er hätte sie nur äußerst ungern zu ihrer eigenen Sicherheit mit einem gezielten Schlag außer Gefecht gesetzt, bis er einen sicheren Ort für sie beide gefunden hätte. Zumal der Sumpf ihr zu Hause war und sie sich darin viel besser zurechtfand als er. Und sie würde ihm eine solche Aktion sicher nicht sehr leicht verzeihen. Das Entscheidende war aber, dass Laeniel sich mit dem Gedanken einfach nicht wohl fühlte, einem Menschen ein Leid zuzufügen. Selbst dann, wenn es zum besten des Menschen war. Er war ein Mann, der lieber mit sinnvollen Argumenten und im Dialog überzeugte. Das sie sich im Sumpf besser auskannte als er, bewies sie sogleich. Sie sprach von einer Winterhöhle. Soweit er wusste, war dieser Ort hier, tatsächlich das Winterquartier der Bären gewesen. Möglich also, dass es hier in der Nähe eine Höhle gab, die ihnen Schutz geboten hatte, wenn die Winter zu kalt, oder zu streng wurden. Hoffnung keimte in ihm auf. Vielleicht war Vesrin ja gar nicht alleine. Vielleicht waren die anderen ja ganz in der Nähe. Mit seiner Familie. "Gut möglich. Geh nur voran," sagte er mit vor unterdrückten Gefühlen rauer Stimme.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Dienstag 26. März 2013, 20:28

Vesrin konnte nicht anders als erleichtert zu sein, dass sie Laeniel nicht erst noch lange überzeugen musste. In der Winterhöhle, die Vesrin so benannt hatte weil "Winterloch" nicht wie etwas klang, in dem sie schlafen wollte, würden sie zumindest vorübergehend in Sicherheit sein bis das die Sonne aufging. In der Zwischenzeit würde Vesrin darauf vertrauen müssen, dass der große Bär seine schützenden Pranken auch weiterhin über ausgebüchste Hühner hielt. Streng genommen war Daelan ja auch ein Mitglied des Bärenclans. Halt nur eines, das unter normalen Umständen irgendwann in einer Suppe geendet wäre. Oder gebraten am Spieß.

Nicht, dass Vesrin plante, Daelan irgendwann zu verspeisen. Der große Bär hatte ihr dieses Huhn als Reisegefährten zur Seite gestellt weil er wusste, dass Daelan alleine nicht überleben würde und Vesrin einsam war. So etwas quittierte man nicht, in dem man den anderen gut gewürzt über einem Feuer röstete. Selbst dann nicht, wenn wie in diesem Falle, der andere ein Huhn war.

Aus irgendeinem Grund aber schien Laeniel nicht sonderlich glücklich zu sein. Seine Stimme klang für sie fast schon gequält. Manchmal klang ihre eigene Stimme so, wenn sie Daelan ein Kinderlied vorsang dass ihre Mutter sie gelehrt hatte oder wenn sie übte die richtigen Worte zu finden um ihrem Clan zu erklären was passiert war und warum sie die Sicherheit der Gruppe so plötzlich verlassen hatte. Dann sehnte sie sich nach den starken Armen ihres Vaters oder den sanften Händen ihrer Mutter. Vesrin wusste, dass ihre Arme nicht besonders stark waren und sanft waren ihre Hände nun ganz und gar nicht. Aber sie hatte ja immerhin beschlossen, auf Laeniel aufzupassen und diese Aufgabe nahm sie ernst.

Die Distanz zueinander hatte sie in nur zwei Schritten hinter sich gebracht und kaum dass sie unter Laeniels Nase – naja, eher er unter ihrer – also kaum, dass sie direkt vor Laeniels Nase stand, nahm sie ihn in den Arm. Es war eine kurze Umarmung, aber nicht weniger herzlich. Normalerweise wären Vesrin keine tröstenden Worte über die Lippen gekommen. Noch immer hoffte sie, dass ihre Bemühungen nicht umsonst gewesen waren, obwohl ein kleiner Teil von ihr sich sehnlichst wünschte, dass zumindest ihre unmittelbare Familie ab und zu an sie dachte und sie vermisste.

“Hab keine Angst“, war darum alles, was die Waldläuferin Laeniel ins Ohr flüsterte ehe sie ihn wieder los ließ.

Sie warf noch einen Blick in Richtung des Sumpfes der irgendwo zwischen Sehnsucht und Sorge lag. Dann drehte sie sich um und bedeute Laeniel ihr zu folgen – in die Richtung, aus der Daelan und sie gekommen waren. Das hieß: einmal zurück in das zerstörte Winterlager.

“Daelan und ich haben zwei Stunden gebraucht… glaub ich. Es waren bestimmt nicht mehr als zwei“, wisperte sie dem Schamanen zu. “Aber wir zwei sind bestimmt schneller… du wirst nicht wegflattern, oder?“ Und als sie dies sagte, machte sie eine flatternde Bewegung, die Arme eng am Körper und die Hände waagerecht abgespreizt, als würde sie Flügel imitieren. Das war wichtiger als Laeniel zu trösten – wenn sie schon nicht Daelan hinterher laufen durfte, dann wollte sie wenigstens sicher sein, dass sie es auch bei Laeniel nicht musste.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Freitag 29. März 2013, 12:42

Laeniel war zwar immer mit seiner Familie sehr herzlich und innig gewesen. Bei Fremden jedoch übte er stets eine gewisse Zurückhaltung. Er war niemand, der sich aufdrängte oder über Gebühr körperlich wurde. So war er erzogen worden. Man brach nicht einfach in die Intimsphäre eines anderen ein, wenn man nicht ... nun ja ... gewisse Intimitäten wünschte. Er wusste im Grunde, dass es nicht alle Menschen so hielten wie sie es im Dorf gehalten hatten. Er war im Heerlager gewesen, hatte sich über die Freizügigkeit in manchen Clans gewundert, ebenso wie über die Ungehobeltheit mancher Amazone oder Hexe. Doch er hatte das alles ohne große Vorurteile akzeptiert. Die Göttin hatte die Menschen so unterschiedlich geformt wie das Land. Es war gut so, wie es war. Und er hatte an seinen Wurzeln festgehalten, weil sie das einzige waren, was noch von seinem alten Dorf übrig war, hatte ihre Geschichten nach Außen getragen, ihre Lebensauffassung anderen vorgelebt, damit ein Stück seiner Heimat weiter existierte. Die Bären hatte er als ebenso zurückhaltend, wenn auch liebevoll untereinander erlebt. Sie waren eine eng verwobene und miteinander verschworene Gemeinschaft gewesen, die er als etwas besonderes empfunden hatte. Ihre Liebe zueinander, ihr Verständnis füreinander hatte in seinen Augen Seinesgleiches gesucht. Andere Gesellschaften hätten Menschen, die nicht so mit der Lebensweise der Bären konform gingen, einfach verstoßen. Den Bären aber war es gelungen, auch diese Menschen zu integrieren.

Vesrin war einer dieser Menschen. Da war er ganz realistisch in seiner Einschätzung. Das Mädchen war etwas besonderes. Jemand, der bei den Patrianerinnen vermutlich im Haus der Joor gelandet wäre, oder irgendwo in den tiefen des Priesterinnenordens, wo man Gerüchteweise die weniger geliebten Töchter Patrias 'gepflegt' hatte, weil sie angeblich dem Wahnsinn verfallen waren. Er war froh, dass sie eine Bärin war. Dennoch war er in gewisser Weise peinlich berührt, als sie ihn so unverblümt in den Arm nahm, als sei er ein naher Verwandter. Er war nicht prüde. Aber er umarmte dennoch nur Menschen, die ihm sehr nahe waren. Und um sich nahe zu sein, da musste man sich erst einmal besser kennen zu lernen. Sie war in etwa gleich groß wie er. Die Bären waren alle große Leute gewesen. Ihre Umarmung war kurz aber sehr herzlich. Bei der Göttin! Wenn sie mit jedem Halbfremden so umging, dann ... "Hab keine Angst", flüsterte sie ihm ins Ohr. Abgesehen davon, dass ihm das viel zu nah war ... häh? Was sollte das jetzt wieder?

Er konnte nicht anders. Er begann zu lachen. Es war kein beleidigender Laut, sondern vielmehr ein sehr überraschter und belustigter. Ein Lachen, dass einlud mitzulachen. Das hätten doch seine Worte an sie ein sollen. Was ging nur in ihrem Kopf vor, dass sie einem Mann das zuflüsterte, der gegen die Schwergen Zûls gekämpft und überlebt hatte. Es gab nicht mehr vieles, was ihn ängstigte. Jedenfalls hatte er keine Angst um sich, sondern um andere. Er hielt sich die Hand vor den Mund, als er merkte, dass er noch immer lachte. Ein Knoten in seiner Brust löste sich, von dem er nicht gewusst hatte, wie fest dieser gesessen hatte. In einer für sie sehr untypischen Geste, legte er ihr den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich. "Danke", sagte er einfach und war versucht ihr das Haar durcheinander zu bringen, wie er es bei Arwen getan hatte. Das jedoch wäre des Guten für ihn zu viel gewesen. Und so beantwortete er ihre nächste eigentlich ziemlich unsinnige Frage heiter. "Mein Totem ist zwar ein Flugtier, aber mir werden keine Flügel wachsen, versprochen." Er kniff ihr ein Auge. Wirklich dieses Mädchen war ... besonders. Er nahm an, sie machte sich tatsächlich Gedanken um so einen Unsinn. Nun, jeder hatte wohl andere Sorgen. Auch wenn sie ihm noch so seltsam erschienen, blieben es doch Sorgen.

Dann sah er, in welche Richtung sie sich bewegten. Auf das Lager der Bären zu und er wurde sofort wieder ernst. Leise folgte er ihr nun aufs äußerste wachsam. Den Klingenstab hielt er bereit. Sicher war sicher. Der Anblick der zerstörten Häuser war in der Dunkelheit fast noch deprimierender als im Licht des Tages. Überall lauerten Schatten und in den Schatten, mochte anderes lauern. Seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Jedes Geräusch, jede unnatürliche Bewegung, würde diese Spannung zum zerbersten bringen.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Sonntag 31. März 2013, 21:24

Laeniel lachte.

Es war kein leises Kichern oder verhaltenes Glucksen. Es war ein richtiges Lachen und in der Stille der Nacht erschien es der Waldläuferin so laut wie grollender Donner. Der Blick, mit dem sie den Schamanen bedachte war darum gleichermaßen überrascht und fassungslos. Sie mussten doch leise sein – wusste Laeniel das denn nicht?

Sie wollte etwas sagen, wirklich. Sie wusste nur nicht genau was und auch nicht wie und ein Teil von ihr wollte mitlachen. Einfach so. Weil es schon so lange her, dass sie gelacht hatte. Dann aber legte Laeniel seinen Arm um sie und sagte einfach nur “Danke“. Vesrin kräuselte die Nase. Beim großen Bären… Laeniel konnte wirklich von Glück reden, dass sie da war um auf ihn aufzupassen!

Der Schamane versicherte, dass ihm keine Flügel wachsen würden, was auf eine gewisse Weise beruhigend war. Leider wusste sie deswegen aber immer noch nicht, ob er plötzlich in den Sumpf verschwinden würde wie Daelan das manchmal tat. Vesrin entschied, ein Auge auf Laeniel zu halten. Vermutlich würde sie das langsamer machen, was zu dieser Zeit noch nicht mal ansatzweise eine gute Idee war. Aber welche Wahl hatte sie denn? Sie konnte doch ihn doch nicht alleine durch den Sumpf irren lassen!

In Vesrins Kopf war es alles sehr einfach gewesen: zurück zur Höhle und dort ausharren, bis die Sonne aufging, etwas schlafen, etwas aufwärmen und endlich mit jemanden reden der seine (Laeniel war ja schließlich ein Mann) beziehungsweise die ihre (denn trotz des Namens war Daelan eine Henne) Meinung nicht gackerte. Aber in dem Dunkel lauerte die eine oder andere Überraschung.

Sie hatten gerade die Mitte des Lagers erreicht - der Ort der für Vesrin immer das große Lagerfeuer sein würde, auch wenn nichts darauf hinwies, dass hier einst das Herz des Witnerlagers gewesen war – als ein Knirschen wie von zersplitterndem, nicht ganz morschem Holz die Stille zerriss. Das Knirschen kam unerwartet und auch das dumpfe Geräusch von etwas, das groß und schwer sein musste ehe es auf den sumpfigen Boden aufschlug und welches dem Knirschen folgte, war keines der Geräusche, die Vesrin oft im Amarantsumpf hörte. Für einen Moment hielt sie inne und warf einen suchenden Blick über ihre Schulter, wie um sich zu vergewissern, dass Laeniel nicht plötzlich verschwunden war. In ihren Augen flackerte kurz die Furcht vor dem auf, was dort im Dunkeln lauern mochte, wich dann aber einer trotzigen Entschlossenheit die sich schlichtweg weigerte, von irgendwelchem knirschenden Holz weiche Knie zu bekommen.

“Laeniel?“ hauchte sie vorsichtig in die Nacht und klang dabei so, als hoffe sie auf Bestätigung dass das Geräusch kein Grund zur Sorge war.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Sonntag 7. April 2013, 12:08

Deprimierend. Dieses Wort umschrieb am besten das, was die Überreste des ehemaligen Bärenlagers für eine Wirkung auf jeden Menschen ausüben mussten. Laeniel jedenfalls fühlte sich deprimiert. Hier schienen ihm die Schleier zur Anderswelt sehr dünn zu sein. Das war ihm ein gewisser Trost, bereitete ihm aber auch Kummer. Es war als könne er die geisterhaften Schatten derjenigen sehen, die hier zuvor gelebt hatten. Es war nicht direkt eine Illusion. Sie hatten starke Bande gehabt, nicht nur mit ihren Mitmenschen, sondern auch mit diesem Land. Und diese Bande waren geblieben, spannten sich über all das Chaos und all die Zerstörung, die Zûl hatte anrichten lassen. Dennoch war es wie ein Hohn für ihn, schürte seine Trauer über das, was hier vorgefallen sein musste. Alles erinnerte an die Bären. Das hatte Zûl nicht auslöschen können. Aber diese Erinnerung war mit tiefen Schmerz verbunden, die den Annuyiaeé den Atem nahm und ihm die Tränen in die Augen trieben. Wie viele? Wie viele von ihnen hatten es tatsächlich geschafft? Oh, wie er im Augenblick auf Vesrins Höhle hoffte. Es war wie ein Hoffnungsschimmer, wie der Fingerzeig der Göttin für ihn. Er hatte zu viele Tode zu viel Zerstörung gesehen. Ein bisschen Hoffnung … die musste es doch auf der Welt geben, auch wenn die Göttin sich zurückgezogen hatte, um zu genesen.

Er wurde je aus der Düsternis seiner Gedanken gerissen, als er Geräusche vernahm. Zersplitterndes Holz, schweres schlurfendes Schleifen. Das hatte er befürchtet. Er hielt seinen Klingenstab bereit und schob sich zwischen Vesrin und das Geräusch. “Keine Angst,“ wisperte er sanft, als sie aufgeschreckt und ängstlich seinen Namen rief. Er wartete, wartete nicht in der Hoffnung, dass es ein weiterer Mensch sein könnte, der sich hier in den Trümmern bewegte. So viel Glück konnte es in diesen Zeiten einfach in keiner Nacht geben. Und ein Huhn machte solche Geräusche ebenfalls nicht. Zum einen war es zu leicht, um wirklich Holz zum Bersten zu bringen, zum anderen war Vesrins Huhn ja in Richtung des Sumpfes gelaufen. Ein wildes Tier vielleicht? Doch die waren sehr rar geworden. Viele Tiere waren durch die Kriegswirren umgekommen und ihrer Nahrung beraubt, dezimierte das auch die Raubtiere. Hunger würde sie jedoch sicher auch dorthin treiben, wo einmal Menschen gelebt hatten. Hunger würde sie vielleicht auch dazu bringen, in Menschen Nahrung zu sehen. Bei der Göttin! In diesem Moment hoffte er beinahe, dass sich Zûls Geschöpfe näherten. Er wollte nicht gegen etwas kämpfen müssen, was der Schöpfung der Göttin entsprang. Zûl hatte endgültig gewonnen, wenn nun die göttliche Schöpfung damit begann, sich gegenseitig auszulöschen. “Lauf,“ wisperte er Vesrin zu. “Lauf und versteck dich. Ich werde dich finden.“. Doch da war es schon zu spät. Ein Schatten löste sich aus der Nacht und taumelte unheilverkündend auf die beiden Kinder der Göttin zu ...
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Mittwoch 10. April 2013, 12:44

Laeniel schob sich an ihr vorbei. “Keine Angst,“ wisperte er.

’Angst,’ dachte Vesrin, ’wer hat denn hier Angst? Ich hab keine Angst. Ich würde mich nur wohler fühlen wenn Daelan hier wäre. Und alle anderen Bären. Aber ich hab keine Angst.’

Angst, das hieße ja, dass der Schauer der über ihren Rücken lief gerade von Furcht ausgelöst worden war und nicht der Kälte der Nacht. Es war ja noch sehr kalt. Gerade wenn die Nacht hereinbrach. Da schauderte man schon mal. Genau.

Die Geräusche wurden lauter und das, schoss es Vesrin auf einmal durch den Kopf, lag nicht etwa daran, dass der oder die Verursacher sich besonders Mühe gaben, laut zu sein. Nein, das lag daran, dass sie ständig näher kamen.

Vesrin passte das gar nicht. Wenn die Quelle dieser Geräusche näher kam, hieß das, dass sie auf das Lager zu hielt. Es konnte kein Tier sein, denn sie hatte schon lange kein Tier mehr im Sumpf gesehen was größer als ein Iltis war und selbst diese waren rar geworden. Ihre letzte Speise hatte aus ein paar Fröschen und einem kleinen Salamander bestanden, deren Winterstarre es leicht gemacht hatte sie zu fangen. Und ein Iltis warf keine Bäume um. So.

Daelan tat das auch nicht. Sie war außerdem in die ganz andere – und dann verstand sie. Das Huhn war ihr heute schon so oft ausgebüchst, hatte das Weite gesucht obwohl für Vesrin Nichts auf eine Gefahr hindeutete. Warum war es ihr nicht schon vorher aufgefallen? Das tat Daelan doch nur—

Ein solider Schatten ragte über ihnen empor, noch eins mit der Nacht, und bestialischer Verwesungsgestank kroch ihnen entgegen, als Laeniel ihr zuflüsterte: “Lauf. Lauf und versteck dich. Ich werde dich finden.“

Was durch Vesrins Kopf ging war: “Weglaufen? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn es ein panisches Tier ist, dann wird es in seiner Furcht nur bestärkt wenn ich wegrenne und es greift an. Wenn es ein Raubtier ist, glaubt es ich wäre ein furchtsames Beutetier und es greift an. Und wenn es ein Monster ist, dann greift es erst recht an und erwischt mich von hinten. Ich kann nicht auf etwas schießen dem ich den Rücken zukehre! Und überhaupt - wie willst du mich schon finden? Du kennst dich hier doch gar nicht aus! Wie beim großen Bären hast du es nur geschafft im Sumpf ohne mich so lange zu überleben?“

Was aus Vesrins Mund kam war “Niemals.“ und bot keinerlei Raum für Widerspruch.

Und kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, fast als wäre es das Stichwort in einer nachgespielten Geschichte jetzt in Erscheinung zu treten, löste sich der Schatten aus der tiefen Nacht und taumelte sie auf sie zu.

Das Monster – Vesrin weigerte sich, von etwas Namenlosen zu sprechen – war in etwa so groß wie ein ausgewachsener Bär und bei näherer Betrachtung sah es einem Bären, der auf den Hinterläufen stand, auch entfernt ähnlich. Der Unterschied war, dass Bären nicht auf den Hinterläufen liefen, was diese Kreatur aber tat. Sie bewegte sich mit einem beständigen Wanken vorwärts, welches es zu einer gewissen Langsamkeit verurteilte. Natürlich hatten Bären Pranken und Krallen, wohingegen das Monster zwei keulenartige Gebilde seine „Arme“ nannte, aus denen Knochensplitter wie Stachel herauswuchsen. Vesrin fand, dass das Monster mit solchen Armen eigentlich nicht die zwei seifernden Mäuler brauchte, die auf dem was wohl der Torso sein mochte, saßen.

Das Monster taumelte einen weiteren halben Meter vorwärts und schenkte dabei den zerstörten Überresten des Winterlagers keine Beachtung.

Etwas zerbarst unter den massiven, bekrallten Füßen der Kreatur. Die Antwort darauf war ein Pfeil der sich mit einem leichten Twang! von der Vesrins Bogensehne löste und den Fuß, der auf die Reste eines Tonkruges getreten war, durchbohrte.

“Beim großen Bären! Verschwinde aus unserem Lager! Ihr seid hier nicht willkommen!“ fuhr Vesrin das Monster an und fischte schon nach dem nächsten Pfeil.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Samstag 13. April 2013, 07:34

Das hatte er befürchtet. Er ging jetzt nicht so weit, dass der Namenlose ihn wahrgenommen hatte. Sie streiften überall im Land herum, soweit Laeniel wusste, und störten die Natur, wo sie nur konnten. Auf einen von ihnen zu treffen unterlag einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Jedoch wusste der Annuyiaeé noch etwas. Namenlose waren tumbe Kreaturen, die nur Befehlen folgten. Niemals waren sie alleine unterwegs. Meist gab es eine Art Vorhut und dann folgten mehr dieser Kreaturen unter der Führung eines Geblendeten. Sie mussten diesen hier schnell, sehr schnell erledigen und dann einen sicheren Unterschlupf finden. Sie würden rennen müssen. Aber nicht jetzt. Erstmal mussten sie den hier vernichten.

Wie viele von Zûls Kreaturen bewies auch diese wieder, dass der dunkle Magier einen sehr seltsamen Humor haben musste. Oder eine sehr seltsame Ansicht, was effektiv war. Der Namenlose taumelte mehr, als dass er lief. Laeniel unterschätzte ihn dennoch nicht. Die Knochenstacheln auf seinen keulenartigen Armen würden sehr viel Schaden anrichten, wenn er einmal damit zuschlug. Und gleich zwei Mäuler. Nun, man konnte Zûl jedenfalls nicht nachsagen nicht kreativ zu sein, auf eine abscheuliche, die natürliche Ordnung verachtende, Art und Weise. Der Namenlose taumelte auf sie zu und zerbrach etwas unter seinen Füßen. Vesrin ließ einen Pfeil von der Sehne schnellen und Laeniel sah überrascht dabei zu, wie dieser zielsicher in einem Fuß des Namenlosen landete. Eben jenem, der etwas unter sich zertreten hatte. Er maß die Bärin mit einem ganz anderen Blick, sah sie in neuem Licht. Sie mochte seltsam sein, in ihrem Sozialverhalten. Jedoch hatte das offensichtlich keine Auswirkung auf ihr Können. Er war ein wenig beschämt über die Selbstverständlichkeit, in der er das angenommen hatte. Offensichtlich konnte sie hervorragend mit dem Bogen umgehen. Gut so. In diesen Zeiten, in denen sogar kleine Kinder um ihr Leben kämpfen mussten, konnte sich niemand leisten, eine Waffe mit sich herumzutragen und sie nicht zu beherrschen.

Laeniel preschte vor. Jedoch nicht direkt auf den Namenlosen zu, damit Vesrin weiterhin freies Schussfeld hatte. Während des Krieges hatte er diese Taktik des öfteren angewandt, vor allem zum Schluss, als die Menschen schon so aufgerieben worden waren, dass nicht mehr Schlachtreihe gegen Schlachtreihe gewogt hatte, sondern man viele kleine Scharmützel auf dem Schlachtfeld gehabt hatte. Er erinnerte sich daran mit einem blonden, narbigen Bogenschützen zusammen gekämpft zu haben. Ein erfahrender Mann aus den Clans, war das gewesen. Wortkarg, aber effektiv. Laeniel hatte sich stets in den Rücken der Feinde begeben und der Bogenschütze hatte von vorne seine Pfeile verschossen. Manchmal sogar zwei gleichzeitig. Er wusste auch, welches Schicksal diesen Mann letztendlich ereilt hatte. Doch davor verschloss er sich in diesem Augenblick. Sonst hätte er Vesrins Seite nicht verlassen können. Er rannte seitlich in einem angemessenen Abstand an dem Namenlosen vorbei schlug einen Haken, wie ein Kaninchen und war bald darauf hinter dem Namenlosen, so dass dieser zugleich ein Schutz gegen Vesrins Pfeile bildete. Laeniel hob seinen Klingenstab und schlug zu, schlug dem Wesen eine lange Wunde über den Rücken. Dieses brüllte auf, war drauf und dran sich nach ihm umzudrehen. Laeniel sprang mit einer raschen Bewegung nach hinten. Aus der Reichweite der Arme, verharrte kampfbereit, den Klingenstab erhoben. Wenn Vesrin jetzt schoss, würden sie die dumme Kreatur verwirren können. Nach seiner Erfahrung würde sie sich wieder zum Schuss umdrehen und er konnte erneut zuschlagen. Er hatte allerdings keine Ahnung, ob Vesrin das auch klar war. Mit dem Bogenschützen hatte das damals jedenfalls hervorragend geklappt, solange jedenfalls, bis die Geblendeten ihre Magie auf sie hatten niederregnen lassen. Der Mann war noch auf dem Schlachtfeld elendig an den Verätzungen verstorben, während Laeniel und eine handvoll Ordensbrüder und -schwestern, sich den Ohadus gestellt hatten. Ein Grund mehr warum er und Vesrin sich würden beeilen müssen. Sie hatte keinerlei Waffe gegen diese speziellen Kreaturen. Und Laeniel selbst war sich nicht mehr sicher, wie weit der Schutz der Göttin noch reichte.
Ich höre deine Stimme in der Nacht
Ich schließe die Augen, denn ich war blind
Ich falte die Hände, die Reise beginnt
Ich höre deine Stimme in dem Wind

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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Montag 15. April 2013, 18:39

Laeniel rannte in einem weiten Bogen auf das Monster zu, noch ehe Vesrin ihm etwas zurufen konnte von dem sie noch nicht mal wusste, was es sein sollte. “Halt bleib hier“ oder vielleicht doch eher “Das ist die falsche Richtung zum Wegrennen“? Vesrin wusste nicht viel über die Monster, außer dass es keine gute Idee war ihnen zu nahe zu kommen oder sich lange in ihrer Nähe aufzuhalten, denn sie waren wie Tiere die im Rudel jagten: einem Späher folgte meist eine ganze Meute. Das hatte Vesrin auf die harte Tour lernen müssen. Dafür saß die Lektion aber. Umso wichtiger war es, Laeniel von dem Monster wieder wegzuholen, denn die anderen Monster würden höchstwahrscheinlich aus der gleichen Richtung kommen.

Das war schlecht. Sehr schlecht sogar. Der Weg zu Vesrins Winterloch, in dem sie die letzten Tage geschlafen hatte, war damit effektiv abgeschnitten. Das wiederum hieß dass es jetzt nur noch einen sicheren Ort in der Nähe des Lagers gab, was der Waldläuferin gar nicht passte. Sie vermied diesen Ort schon allein deshalb, weil er sie an Ronghar erinnerte und wenn sei an Ronghar dachte, musste sie auch gleich an ihren Clan denken und an ihre Eltern. Und dann musste sie Daelan sehr lange leise, aufmunternde Worte zuflüstern und das Huhn daran erinnern, dass es auf den großen Bären vertrauen musste damit sie nicht anfing wie ein kleines Mädchen zu heulen. Das war so schon unangenehm, obwohl Daelan sich nie über sie lustig machte – zumindest glaubte sie das nicht – aber es würde noch unangenehmer, wenn Laeniel da wäre um es zu sehen.

Lieber Verstand, dafür ist jetzt keine Zeit! Wir müssen Laeniel beschützen! Die Hände.

Das Monster wirkte leicht überfordert: es hatte gesehen, wie Laeniel davongelaufen war. Wie jeder Jäger wollte es seine Beute einholen und niederringen aber da war ja noch Vesrin, die mit ihrem Bogen eine Bedrohung darstellte. Wenn Vesrin jetzt einen Satz zur Seite oder nach hinten machte, könnte das Monster dies als einen Rückzug deuten und sich auf das schwächere Ziel stürzen oder zumindest jenes Ziel, welches nicht direkt das Feuer eröffnet hatte, sprich Laeniel. Da sie das nicht zulassen konnte, ließ die junge Waldläuferin einen zweiten Pfeil in Richtung des Monsters fliegen. Sie zielte auf die Körpermitte des Monsters in der Hoffnung, eines der inneren Organe zu treffen. Bei einem Bären hätte sie gute Chancen den Magen oder vielleicht sogar die Lunge zu treffen. Leider war das Monster kein Bär und Vesrin war sich noch nicht einmal sicher, ob seine Organe überhaupt wie bei einem echten Lebewesen angeordnet waren und ob sie irgendeine Funktion erfüllten. Weitaus ärgerlicher war, dass der Pfeil sein anvisiertes Ziel überhaupt nicht traf: die bei jedem Schritt pendelartig umherschwingenden Keulenarme schmetterten den Pfeil – oder was davon übrig blieb – in das Dunkel des Sumpfes kurz bevor das Monster aufbrüllte. Es war ein Schrei der vor Schmerz und blinder Zerstörungswut bebte.

Sie war sich sicher: der Rest der Meute musste ihn gehört haben.

Was beim großen Bären hatte Laeniel nur getan um solch eine Reaktion zu bekommen? Die Kreatur drehte sich um so schnell es ihre Körperform und der Pfeil in ihrem Fuß es erlaubten und Vesrin konnte die lange, klaffende Wunde auf ihrem Rücken erkennen. Auch die, erkannte sie nun, hatte die Bewegungen des Monsters behindert. Das musste Laeniels Werk sein. Vielleicht hatte er das mit diesem komischen Wanderstecken gemacht, den er mit sich rumschleppte. Jedenfalls war es kein Schamanenzauber, dessen war sie sich sicher. Oder vielleicht doch? Konnten Schamanen aus ihren Stäben vielleicht Dinge wachsen lassen, mit denen sie sich gegen die Monster zur Wehr setzen konnten? Konnte man Metall überhaupt wachsen lassen…?

Liebe Hände, wie war das mit Laeniel und beschützen noch mal? Der Verstand.

Das Monster hatte sich Laeniel schon ganz zugewandt und die Keulenarme bedrohlich in die Höhe gerissen. Vesrins Finger hatten den nächsten Pfeil schon von ganz alleine angelegt, etwas was sie mittlerweile schon oft tat ehe sie sich dessen wirklich bewusst war. Nun spannte sie die Sehne und zielte erneut auf das, was bei einem Bären in etwa die Höhe der Brust war. Dann ließ sie den Pfeil fliegen und schon einen Moment später fraß seine Spitze sich in das verrottete Fleisch. Abermals riss sich ein für Vesrin ohrenbetäubendes Brüllen aus der Doppelkehle des Monsters. Wäre die Kreatur ein Bär, Vesrin war sich sicher dass ihr Schuss die Lunge getroffen hätte. Es wäre ein guter Schuss gewesen, um einen Bär zu erlegen, nicht aber das Monster. Hatte ihr Pfeil etwa keinen Schaden angerichtet?
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Dienstag 23. April 2013, 20:12

Instinktiv tat Vesrin genau das Richtige. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Laeniel die Luft angehalten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Menschen, die er nicht gut kannte, waren per se schlecht einzuschätzen. Vesrin jedoch war da nochmal ein besonderer Fall, da ihre Reaktionen einfach sehr häufig ungewöhnlich waren. Jetzt atmete der Annuyiaeé tief ein, sog mit der Luft auch den Gestank der Kreatur vor sich in seine Lungen. Ihm wurde davon schon lange nicht mehr übel. Es half ihm, sich auf das Wichtige zu fokussieren. Das Wichtige war in diesem Fall, dass Vesrin am Leben blieb und, so die Göttin wollte, auch er. Ganz ihm Gegensatz zu der abnormalen, widernatürlichen Schöpfung Zûls. Er wartete, bis Vesrins Pfeil ins Ziel traf und der Namenlose abermals seine Aufmerksamkeit auf die junge Bärin lenkte, sich wieder umwandte und ihm seinen ungeschützten Rücken präsentierte. Immer noch musste Laeniel auf die herumschlingernden keulenartigen Arme achten. Doch immerhin war es Zûl bisher nicht gelungen, diesen Kreaturen mehr Intelligenz zu schenken. Das war ihrer aller Segen und Laeniel schrieb diese Nachlässigkeit einzig einer vermuteten Überheblichkeit Zûls zu. Namenlose hatten bei den Schlachten zwar durch ihre schiere Masse häufig den Sieg davon getragen, aber wenn man taktisch klug vor ging, konnte man sie relativ schnell aufreiben, solange wie kein Geblendeter in unmittelbarer Nähe sie lenkte.

Genau die Sorge, dass eine von ihnen in der Nähe war und mit mehr dieser niederen Kreaturen auf dem Weg hierher war, sorgte nun dafür, dass Laeniel zum entscheidenden Schlag ausholte, auch wenn der Namenlose noch nicht gänzlich geschwächt war. Der Klingenstab wirbelte durch die Luft und landete in dem Teil des Namenlosenkörpers, der bei Menschen wohl der Nacken wäre. Mit einer kraftvollen Bewegungen trieb Laeniel die Klinge tief, zog sie heraus, wirbelte seine Waffe ein weiteres Mal und trennte den Kopf des Wesens vom Rumpf. Nach seiner Erfahrung war dies die effektivste Methode, einen Namenlosen zu vernichten, ihn kampfunfähig zu machen oder letztendlich auch zu vernichten. In dem Begriff vom Töten wollte Laeniel nicht denken. Nicht, wenn es um eine Kreatur ging, die genau genommen nicht lebte. Er nahm sich jedoch die Zeit genau zu beobachten was passierte. Tatsächlich sackte das Wesen in sich zusammen und stand auch nach ein paar Augenblicken nicht wieder auf. Dies war für Laeniel wie ein Zeichen.

Sein Körper spannte sich an, seine Muskeln explodierten in dem Augenblick, in dem er auf Vesrin zu rannte. Er erreichte sie, bemerkte am Rande erleichtert, dass sie unversehrt war und ergriff sie am Arm. Nicht sanft, aber auch nicht brutal. Vielleicht sehr bestimmt. Er zog sie einfach wortlos hinter sich her und rannte was das Zeug hielt aus den Überresten des Bärenlagers heraus, entgegengesetzt der Richtung aus der sie gekommen waren. Bis sie wieder die tiefhängenden Äste der Mangrovenbäume des Sumpfes schützten. Erst dann wurde er wieder langsamer, legte aber dennoch ein straffes Tempo vor, bis er sich sicher wähnte. Im Dunkel des Sumpfes tastete er vorsichtig nach der Hand des Mädchens, drückte sie, wollte ihr damit zu verstehen geben, dass er sie nicht alleine lassen würde. "Ist eure Höhle noch sicher oder sollen wir uns ein anderes Versteck für die Nacht suchen?" fragte er leise dicht neben ihrem Ohr, damit er nicht die Sinne der Menschenjäger auf sie aufmerksam machte.
Ich höre deine Stimme in der Nacht
Ich schließe die Augen, denn ich war blind
Ich falte die Hände, die Reise beginnt
Ich höre deine Stimme in dem Wind

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