Amarantsumpf

Tauche ein in die Welt von Aurorae!

Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Freitag 26. April 2013, 19:46

Das Monster wandte sich ihr zu. Auch wenn sie es getroffen – und ganz offensichtlich nicht tödlich verwundet – hatte, schien die Reaktion für Vesrin irgendwie unwirklich. Ein kalter Schrecken fuhr in ihre Glieder als sie begriff, dass das Monster nun vermutlich auf sie zustürmen würde. Das war schlecht. Das war katastrophal! Sie hatte keinen tödlichen Treffer gelandet und die Kreatur… Vesrin biss auf ihre Zunge um ein erschrockenes Quietschen zu unterdrücken. Sie war eine Bogenschützin und im Nahkampf nicht nur unerfahren sondern vor allem ungeschult. Sie würde nicht den Hauch einer Chance gegen dieses Geschöpf haben!

Aber dann blitzte die Klinge von Laeniels Wanderstecken auf, ein silbriges Glitzern in der Nacht das wie ein Versprechen war. Er trieb die scharfe Klinge direkt in den Nacken der Kreatur und obwohl er einen weiteren Anlauf benötigte um den doppelmäuligen Kopf des Monsters von dessen Rumpf zu trennen, war sein Angriff schnell und stark. Das Monster hatte nicht einmal Gelegenheit, einen weiteren Schmerzensschrei auszustoßen, der seinesgleichen oder Schlimmeres auf die beiden Menschenkinder aufmerksam zu machen. Vesrin konnte nicht anders: sie starrte den abgeschlagenen Kopf an. War es wirklich Laeniel, der ruhige, höfliche Schamanenschüler vom Clan der Eulen, der dieses Monster niedergerungen hatte? In ihrem Kopf wollten der Schamane und der siegreiche, listige Krieger, der jetzt vor ihr stand, nicht so recht eins werden.

Die Hand an ihrem Arm, die sie entschlossen (aber nicht grob, als gäbe er sich bewusst Mühe sie nicht zu verletzen) tiefer in den Sumpf zerrte riss sie auch aus ihren Gedanken. Sie machte noch eine halbe Geste nach der gefällten Kreatur – Meine Pfeile! – aber kein Ton kam über ihre Lippen und sie ließ sich bereitwillig von dem dunkelhaarigen Mann führen. Die Pfeile waren nicht wichtig. Eine sichere Zuflucht – die war wichtig.

Natürlich stellte sich schnell heraus, dass er keine Ahnung hatte, wohin er eigentlich lief. Zumindest Vesrins bescheidener Meinung nach, denn er rannte mehr oder weniger direkt in die Richtung aus der das Monster gekommen war. Erst als sie an den Mangroven ankamen, wurde er langsamer. Das Gefühl der Dringlichkeit, welches sie vom zerstörten Clanlager fort- und angetrieben hatte, schien langsam nachzulassen. Laeniel wandte sich ihr zu und sein Atem kitzelte ihr Ohr als er flüsterte: “Ist eure Höhle noch sicher oder sollen wir uns ein anderes Versteck für die Nacht suchen?“

Die Jungbärin kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Das Monster war aus der groben Richtung ihrer Höhle gekommen. Das ließ Schlimmes ahnen. Sie wollte nicht wirklich in das andere Versteck, aber sie konnte es nicht riskieren jetzt mit Laeniel zurück zu ihrer Erdhöhle zu laufen. Und jetzt wo sie bei den Mangroven waren, war das andere Versteck viel näher, auch wenn ihr der Gedanke dort Schutz zu suchen nicht behagte. Schon allein wegen der Erinnerungen. Trotzdem gestand sie flüsternd: “Wir sollten es nicht riskieren.“

Sie machte eine knappe Geste, eine Aufforderung ihr zu folgen als sie tiefer in das Mangrovendickicht eindrang. “Hier in der Nähe ist ein sicherer Ort. Für heute Nacht jedenfalls sicherer als unsere Höhle,“ wisperte sie Laeniel zu während sie über die Wurzeln der Bäume kletterte, stets darauf bedacht nicht in das pechschwarze Sumpfwasser abzurutschen. “Die Monster dringen selten dorthin vor.“

Je tiefer sie in die Mangroven vordrangen, desto dichter wuchsen die Bäume zusammen, fast als wären sie Teile von ein und demselben Baum. Die Bäume reckten kahle, knöcherne Äste dem Nachthimmel entgegen – Vesrin war nicht sicher, ob sie jemals wieder grüne Blätter tragen würden – und standen so dicht aneinander, dass sie ein Vorankommen erheblich erschwerten. Dies war ganz offensichtlich der Grund, warum die Namenlosen selten so tief in das Dickicht vordrangen, auch wenn dies nur eine Frage der Zeit sein dürfte. Allein der Umstand, dass in diesem Teil des Sumpfes schon lange nichts mehr wuchs und gedieh schien der Grund zu sein, dass die Mangrove nicht ganz so oft unter der Präsenz der Namenlosen litt wie der Rest des Sumpfes. Die Kreaturen Zûls suchten das Leben zu vernichten und schon bevor die Welle der Düsternis Aurorae unter sich begraben hatte war dieses Land unwirtlich gewesen.

Schließlich aber erblickten sie ihr Ziel. Keine 200 Fuß vor ihnen erhob sich eine dicke, bauchige Mangrove, die wie ein ausgefranster Knoten im schwarzen Sumpf saß. Sie war fast höher als die umstehenden Bäume, zweifellos aber dicker: Um ihren Stamm zu umschließen hätte es mindestens 8 ausgewachsener Männer bedurft.

Das enorme Wachstum des Baumes war kein Zufall, sondern das Resultat druidischer Magie. Vesrin wusste, dass ein Druide vor langer Zeit darin gelebt hatte weil die Pflanzen es Ronghar verraten hatten (wie auch immer sie das getan hatten) und er seinerseits hatte es ihr erzählt. Seit sie den Eingang in das Baumhaus – im wahrsten Sinne des Wortes – gefunden hatte, wusste sie auch, dass der Druide nicht nur in dem Baum gelebt hatte sondern auch darin gestorben war - und immer noch dort ruhte.

Vesrin deutete auf den Baum. “Darin werden wir sicher sein,“ versprach sie Laeniel.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Sonntag 28. April 2013, 08:09

Vesrin gab die Antwort, die Laeniel lieber nicht gehört hätte, von der er aber wusste, dass sie die vernünftige war. Da sie so besonnen reagierte, wuchs seine Hoffnung aufs Neue, dass sie nicht alleine im Sumpf war, dass noch mehr Bären überlebt hatten. Vielleicht sogar seine Geschwister in dieser Höhle waren. Warum sonst sollte sie es ablehnen, sie aufzusuchen? Nein. Er schüttelte den Kopf. Auf Vesrin konnte man nicht den gewöhnlichen Maßstab für Menschen anlegen. Und aus ihm sprach dazu noch die Sehnsucht nach seinen Geschwistern. Er war alles andere als rational. Auch wenn es schmerzte, er verfolgte den Gedanken besser nicht weiter. Denn die Enttäuschung, wenn seine Hoffnungen doch nicht eintrafen würden so groß sein, dass sie ihn möglicherweise gänzlich niederdrückten. Er hatte viele Menschen unter der Last der Verluste von Freunden und Familie zusammenbrechen sehen, sich verändern sehen. Er hatte gesehen, wie die Menschen sich von der Göttin abgewandt hatten, weil sie so viel Leid und Schmerz erfahren hatten, dass die gütige Göttin ihnen wie ein Hohn vorkam. Laeniel hatte Verständnis für diese Menschen. Glaube war nichts Unumstößliches. Vor allem, wenn er zuvor nie hinterfragt worden war. Zum Glauben gehörte das ständige Zweifeln und die Auseinandersetzung damit. Nur dann, konnte der Glaube fest und sicher werden. Es schmerzte ihn dennoch, dass die Göttin nicht nur ihrer Kraft, sondern auch der Liebe der Menschen beraubt worden war. Für ihn stand das sogar in einem unmittelbaren Zusammenhang miteinander. Wenn man nicht mehr an die Götter glaubte, verloren sie an Kraft. Deshalb war Kâthar auch beinahe machtlos seit vielen tausend Jahren. Nur noch die Zwerge hatten ihn verehrt. Viele Menschen hatten nicht einmal was von seiner Existenz gewusst. Nur die Legenden von Zûl hatten überdauert, die sich jedoch umso machtvoller aus dem Reich der Legenden erhoben hatte. Laeniel war sich jedoch nicht sicher, ob es nur Zûls eigener Antrieb war oder Kâthar noch immer hinter ihm stand.

Er rümpfte die Nase. Hier in diesem Teil des Sumpfes roch es sehr modrig und würzig. Er konnte im Geiste beinahe sehen wie Arawen ihre kleine Nase rümpfte und sich lautstark über den Gestand beschwerte. Brackig. Genau. Das war das Wort, was er suchte. Dem feuchten Boden, und dem ständigen Rinnsalen von Wasser entströmte ein Duft nach abgestandenem, alten, brackigen Wasser. Wieder einmal nickte er Vesrin anerkennend zu. Es war gut, sie dabei zu haben. Auch wenn dieses Eingeständnis zentnerschwer auf ihm lastete. Schließlich barg er für alle Menschen eine potenziell größere Gefahr, wenn er bei ihnen blieb. Aber ihre Kenntnisse über die Örtlichkeiten im Sumpf waren nicht mit Gold aufzuwiegen. Sie war wirklich schlau, ihn in eine Stück des Sumpfes zu führen, das so unwirtlich war. Namenlose würden wohl kaum hierher kommen, weil sie von Leben angezogen wurden. Es war im Grunde ein menschenfeindlicher Ort und deshalb genau richtig für ein halbwegs sicheres Versteck. In einem wirklich seltenen Gefühlsausbruch zog er die Waldläuferin in eine brüderliche Umarmung und hauchte ihr einen Kuss auf den Scheitel, als sie ihn zu einem großen Baum führte.

"Vesrin. Du bist einfach Klasse!" entfuhr es ihm. Er schrieb es der Hochstimmung nach einem Kampf zu, die ihn immer befiel, weil er überlebt hatte und die Aufregung und der Stress des Kampfes sich in Glücksgefühle aufgelöst hatten. Sonst wäre er niemals so vertraulich mit ihr umgegangen. Ein bisschen verlegen war er jetzt schon. Aber er war alt genug, um sich das nicht überdeutlich anmerken zu lassen. Schließlich war er ja kein grüner Junge mehr. Er lächelte ausnehmend freundlich und man merkte ihm den Frieden an, der für eine Weile Einzug in seine Seele hielt. Der Baum, den sie ihm zeigte, war einfach perfekt. Bauchig und groß genug für sie beide, dass sie darin Platz finden würde. Sofern er Vesrin richtig verstanden hatte. Er machte eine einladende Geste. Sie sollte voran gehen. Alles andere machte ja wenig Sinn. Wenn sie in dem Baum Schutz suchten, dann musste er einen ausgehöhlten Baumstam haben. Jedoch fand Laeniel keinen Eingang. Er hoffte, er war einfach nur gut verborgen. Nicht, dass er einer unglkücklichen Formulierung von Vesrins aufsaß und sie eigentlich wollte, dass sie in die Krone des Baumes kletterten. Deshalb wartete er nun gespannt, was sie weiter tun würde.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Sonntag 28. April 2013, 19:31

“Vesrin. Du bist einfach Klasse!“ entfuhr es Laeniel als sie näher an den Baum traten und plötzlich fand Vesrin sich in einer brüderlichen Umarmung wieder. Laeniel hauchte ihr einen Kuss auf den Kopf und zusammen mit dem unerwarteten Lob trieb ihr die Geste die Schamesröte ins Gesicht: Vesrin vom Clan der Bären war Rügen und Schelten gewohnt, Lobpreis hingegen war schon immer eine Seltenheit gewesen. Und Küsse von jemand anderes als ihrer Familie – gleich wie unschuldig sie sein mochten – waren erst recht rar. Verlegen schlug die Jungbärin die Augen nieder. Sie wollte eine vorlaute und freche Erwiderung auf Laeniels unerwartet positiven Worte geben, aber ihre Zunge wollte nicht so recht und ihr Kopf schon gar nicht.

Stattdessen schob sie ihren Kurzbogen über ihre Schulter, prüfte ob der Köcher an ihrer Hüfte und der Rucksack auf ihrem Rücken ordentlich saßen ehe sie sich vorsichtig räusperte. “Es ist etwas kniffelig. Pass auf, dass du genau dort kletterst wo ich es tu,“ mahnte sie leise. Dann begann sie auf den Baum zu klettern. Erstaunlicherweise schien sie ohne Mühe stets ein Astloch oder eine Verdickung um Stamm zu finden an denen sie sich mit ihren Fingern festkrallen konnten oder die halbwegs sicheren Tritt für ihre Füße boten. Selbst ein unaufmerksamer Beobachter würde relativ schnell erkennen können, dass Vesrin den Baum nicht in einer geraden Linie, sondern in einer sauberen Spirale erklomm - und zwar weil die entsprechenden Astlöcher und Verdickungen im Stamm in genau dieser Form entlang der Außenseite des Baumes wuchsen. Der Spirale folgend bis zum oberen Drittel des Baumes, also der Krone, sah Vesrin sich vorsichtig um ehe sie sich hinauf zog. Sie schwang sie sich über die teilweise fast wie eine Balustrade quer gewachsenen Äste hinweg in das Innere der Krone. Der Baum war hier flach und ebenmäßig, wenn auch leicht abschüssig wie ein sehr flaches Dach und bot zwei Personen wenig Platz da er wesentlich schmaler als an der Wurzel und der breitesten Stelle des Stammes war.

Kniend tastete sie das Holz vorsichtig und suchten mit ihrend Händen ab und Vesrin fand schließlich ein Astloch dass gerade breit genug war, dass sie drei ihrer schmalen Finger hineinschieben konnte. Sie tat dies auch ohne Umschweife und machte eine Bewegung als wolle sie das Astloch vom Baume ziehen. Dann drückte sie gegen das Loch wobei sie sich mit dem ganzen Oberkörper nach vorne beugte um mehr Kraft auszuüben. Mit einem leichten Widerstand, der wohl auf das feuchte Klima und den Umstand, dass sie schon länger nicht benutzt worden war, schwang ein Teil des „Daches“ nah an der Außenseite des Stammes entlang derer Vesrin geklettert war, nach innen. Vesrin starrte in das dunkle des Baumes hinab und seufzte.

Es gefiel ihr wirklich nicht, hier Zuflucht suchen zu müssen. Aber immerhin hatte sie bei ihrem letzten unfreiwilligen Besuch das Baumhaus in einem besseren Zustand verlassen als sie es vorgefunden hatte, was bedeutete dass es unten immerhin etwas trockenes Feuerholz, Zunder und ein paar Feuersteine gab, die nur darauf warten in dem kleinen Kamin des Baumhauses ein gemütliches Feuerchen zu entfachen.

“Laeniel?“ flüsterte sie vorsichtig. Und dann: “Warte bis dass du Licht siehst. Die Stufen sind sehr schmal.“

Damit verschwand sie im Inneren des Baumes. Vorsichtig tastete Vesrin sich voran. Sie hatte beim Aufstieg die Knoten mitgezählt – es waren genau 14. Das bedeutete, dass sie genau 10 schmale Stufen auf der Innenseite hinabsteigen musste ehe sie wieder Boden unter den Füßen hatte, denn das Innenleben des Baumes war nicht bündig mit der feuchten Sumpferde. Ein paar Momente war es still, dann hörte man das typische Geräusch von zwei Steinen die aneinander geschlagen werden und kurz darauf erhellte ein schwacher, goldener Feuerschein das Baumhaus. Vesrin betrachtete das Feuerchen mit einer gewissen Zufriedenheit. Es war winzig, aber es rauchte nicht und es spendete gerade genug Helligkeit damit sie den Hauptraum des Baumhauses einigermaßen sehen konnten.

Mit einem Seufzen ließ Vesrin sich neben dem Kamin nieder, den Rücken zu der dunkleren Nische des Baumhauses, die der Feuerschein nicht zu erreichen vermochte. Was nach Meinung der Waldläuferin auch besser war. Es hatte sich selbstverständlich nichts verändert: die Regale an den "Wänden" waren scheinbar aus ihnen hervorgewachsen, der Kamin war bis auf die steinerne Platte (die bei näherer Betrachtung nur ein vom Feuer geschwärzter Felsbrocken war) nur eine bauchige Aushöhlung im Stamm die man auf der anderen Seite für eine Verdickung in dem geknoteten Baumstamm. Ein kleiner Tisch - so niedrig dass man an ihm nur knien oder auf dem hölzernen Boden sitzen konnte - war das einzige Möbel in dem Raum und auch er schien bei genauerer Betrachtung aus dem Baum selbst zu kommen und auf irgendeine Art in diese Form gewachsen zu sein, die für Bäume gänzlich unnatürlich war.

Vesrin ließ ihre Augen kritisch über den Raum wandern: Schlafplätze teilten sich nicht von selbst ein und sie war ein bißchen müde.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Freitag 10. Mai 2013, 10:59

Die Göttin hatte den Menschen wirklich sehr viele wundervolle Dinge geschenkt. Staunend folgte der Laeniel Vesrin. Nur langsam wurde ihm klar, dass sie eine Art natürliche an einem Baum Wendeltreppe emporstiegen und in ihm keimte der Verdacht auf, dass dies Druidenwerk war. Eine Magie, den Männern vorbehalten, aber dennoch durch die Göttin gestiftet. Vesrin führte ihn bis zum ende des Stammes. Es war ungewöhnlich breit, aber doch so schmal, dass sie nur mit Mühe und Not beide hier oben Platz fanden. Er hoffte doch sehr, dass dies nicht Vesrins Idee von einem Schlafplatz war. Sie hätten im Sitzen schlafen müssen, eng aneinander gekuschelt. Und so sehr er sich doch bisher dazu hatte hinreißen lassen, körperliche Gesten bei ihr anzuwenden, so war ihm doch dieser Übernachtungsplatz viel zu intim. Vesrin jedoch tat souverän … etwas. Laeniel konnte es nicht so genau sehen. Was er sah war, dass ein Teil des Baumes plötzlich nach innen weg klappte. Interessant! Sollte das etwa eine alte Behausung eines Druiden sein? Dann wäre ihnen die Göttin aber sehr hold.

Er nickte ihr zu zum Zeichen, dass er ihre Worte verstanden hatte und wartete geduldig, wenn auch ziemlich aufgeregt darauf, dass er Licht sah. Es dauerte eine Weile und die Spannung in seinem Inneren stieg ins Unermessliche. Dann. Ein Flackern. Sanft goldener Lichtschein. Er konnte eine steile Treppe ausmachen. Gut, dass sie ihn vorgewarnt hatte. Im Dunkeln hätte er sich hier leicht das Genick brechen können. So aber stieg er nun vorsichtig zu ihr herunter und erlebte ein weiteres Wunder. Im Schein des Feuers konnte er Teile eines Raumes ausmachen, der offensichtlich einmal bewohnt gewesen war. Er war auf urige, natürliche Weise sehr gemütlich und zugleich wunderlich. Das Werk eines Druiden. Er war sich dessen ziemlich sicher. Beinahe hätte er Vesrin wieder umarmt. Doch das wäre auch für ihn ein bisschen des Guten zu viel gewesen. Er war eigentlich kein Überschwänglicher Mensch. Allerdings wurde er das Gefühl nicht los, dass durch eine Fügung des Schicksals oder auch durch die Göttin selbst, sie beide einander gefunden hatten. Für ihn kam es einem Wunder gleich, ausgerechnet einer Bärin über den Weg gelaufen zu sein. Er selbst kannte sich im Sumpf nur sehr wenig aus. Aber mit ihrer Hilfe, hatte er nun einen sicheren Ort gefunden, an dem er zurückkehren konnte, sich ausruhen konnte, Kraft sammeln konnte. Sie hatte ja keine Ahnung, was das für ihn nach kräftezehrenden langen und sehr einsamen Wochen bedeutete.

Tief bewegt, wandte er sich zu ihr um. Dankbarkeit war in seinen Augen zu lesen und noch so vieles mehr. “Du bist wirklich ein Gefäß voller Wunder, Vesrin.“ Seine Stimme klang rau vor unterdrückten Gefühlen. Sie würden schlafen können, ohne Wachen aufstellen zu müssen. Was für ein Geschenk der Göttin! Er stellte sein Gepäck vorsichtig auf den Boden ab. “Ich werde in der Nähe der Treppe schlafen. Du kannst den Platz am Kamin haben.“ Schon rollte er seine recht mitgenommen aussehende Schlafmatte aus und begann damit sich seiner Kleidung zu entledigen. Hier wagte er das. Er wechselte die Hose und verzichtete auf ein Hemd und schlüpfte barfuß unter die Decken. Der Melisan lag griffbereit neben ihm. Noch einmal drehte er sich zu Vesrin um. “Danke,“ wisperte er ihr zu, drehte sich mit dem Gesicht zur Treppe und ließ sich dann vom Schlaf übermannen, der fast augenblicklich zuschlug und Laeniel mit sich nahm, in das Land, wo Hoffnungen, Ängste, Erlebnisse und Wünsche sich zu Träumen vermischten.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Mittwoch 15. Mai 2013, 12:53

Sie erinnerte sich noch gut daran, wie erstaunt sie gewesen war als Ronghar ihr das Baumhaus zum ersten Mal gezeigt hatte. Vesrin war sich sicher, dass ihr Gesicht damals wesentlich mehr Ehrfurcht und Staunen ausgedrückt hatte als Laeniels, vermutete aber auch dass der tote Druide in der Schlafnische hinter ihnen es nicht als persönlich Affront nehmen würde. Schließlich wollten sie ja auch niemanden - schon gar nicht dem Sumpf - ein Leid tun sondern suchten nur eine sichere Bleibe für die Nacht. Natürlich würden sie morgen früh das Baumhaus wieder verlassen, nachdem Vesrin es wieder so hergerichtet hatte wie sie es das letzte Mal vorgefunden hatte.

Peinlich berührt wandte sie sich ab und beschäftigte sich mit ihrem eigenen Rucksack, aus dem sie ihre Schlafrolle umständlich befreite. Als er sie gelobt hatte war hatte es so aufrichtig geklungen hatte es sie verlegen gemacht. Aber ein "Gefäß voller Wunder"? Das ihr Kopf ein Gefäß für besonders wunderliche Gedanken war hatte man Vesrin schon mal gesagt (und es hatte damals weit weniger positiv geklungen als dies jetzt den Eindruck machte), aber sie selbst ein Gefäßt für Wunder? Unauffällig tippte Vesrin gegen ihren Bauch - aber das war vermutlich nicht das Wunder, von dem Laeniel gerade so bewegt gesprochen hatte.

Der Schamane teilte zum Glück gleich die Schlafplätze ein. Er wählte für sich den Platz, der von den Überresten des Druiden am Weitesten entfernt war, was Vesrin unter diesen Umständen für die bessere Lösung hielt. Der Druide und sie hatten immerhin schon mal das Baumhaus geteilt und wenn sie Laeniel die Überraschung ersparen konnte, den Besitzer des Baumhauses unvorbereitet zu "sehen", dann würde sie das tun. Immerhin hatte sie ja beschlossen auf ihn aufzupassen.

Der Köcher war schnell abgeschnallt und in Reichweite (aber nicht in die Nähe des Kamins) abgelegt. Unter dem leichten Lederwams kam ein noch nicht ganz aufgetragenes Leinenhemd zum Vorschein dessen Ärmel unter einem Paar Armschienen verschwand. Sowohl Wams als auch Armschienen waren in einem wesentlich besseren Zustand als die Stoffkleidung, und dies schien nicht nur etwas mit dem Material zu tun haben: sorgsam und mit Bedacht legte Vesrin die Kleidungsstücke zur Seite, daneben die Stiefel und ihren Rucksack. Eben genau so, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte.

Während Laeniel keine Probleme damit zu haben schien, seine Kleidung vollständig zu wechseln, fand Vesrin dass ihre Hände nur zögerlich bereit waren, ihre eigenen Hosen zu öffnen. Immerhin war sie mit einem Mann alleine. Gut, dieser Mann war Laeniel und so viel sie wusste, war er nicht einer von diesen Männern, auch wenn sich nie jemand die Mühe gemacht hatte ihr zu erklären wer genau diese Männer waren. Es sollte eigentlich kein Problem sein, aber was wenn er sie beobachtete? Was wenn er sie für eines von diesen Mädchen hielt (wer auch immer waren - vermutlich kamen sie aus der gleichen Gegend wie diese Männer, also diesem Ort, wenn sie sich nicht irrte)? Ihre Mutter hatte immer großen Wert darauf gelegt ihre Töchter besser als das erzogen zu haben und der Gedanke, jemand könnte eines ihrer Mädchen mit einem dieser verwechseln, war ihr stets unerträglich gewesen. Nein, sie musste sicher sein! Ihre Mutter würde es ihr nie verzeihen wenn sie ihr von dieser Begebenheit erzählte und Laeniel sie für eines dieser...!

Vesrin entschied, das Wagnis einzugehen. Sie atmete tief und ruhig ein um ihren Mut zu sammeln. Dann riskierte sie einen vorsichtigen, in seiner betonten Unauffälligkeit schon wieder komisch auffälligen Blick in Richtung des Schamanen, der... schlief.

Ganz ohne großes Zeremoniell hatte er sich schlafen gelegt. Einfach so. Ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.

'Hm. Ja dann...'

Vorsichtig schlüpfte sie aus ihrer Hose - 'Ist ja auch nass und kalt, igitt.' - und in ihre Schlafrolle. Für einen Moment lag sie still und spürte das Brennen von Tränen, die geweint werden wollten hinter ihren Lidern, wie jeden Abend wenn sie sich schlafen legte. Vesrin biss auf die Innenseite ihrer Unterlippe. Heute gab es noch viel weniger Grund zum Weinen als sonst, mahnte sie sich selbst. Ihren Augen schien das trotz fest zusammengepresster Lider egal zu sein: salzige Tränen bahnten sich scheinbar mühelos einen Weg über ihre Wangen und in das mittlerweile formlose, plattgedrückte kleine Kissen, auf dem ihr Kopf lag. Trotzig drehte Vesrin dem Kamin und Laeniel den Rücken zu.

"Nein, du weinst jetzt nicht. Daelan mag es nicht wenn du weinst also hör auf," flüsterte die Waldläuferin leise aber bestimmt. Daelan. Gedanken an das Huhn ließen die Tränen noch schneller fließen und brachten auch gleich Erinnerungen an einen anderen Daelan, der kein Huhn war sondern auch ein Waldläufer und eine Stimme hatte, die wesentlich angenehmer als das Gackern eines Huhns war und der ihre Sprache sprach, was Hühner nicht taten, und mit den man manchmal Unfug anstellen konnte über den man dann gemeinsam lachte während Shavran verträumt daneben saß und Padras böse guckte weil er gerade etwas erklärte und...

Und der Damm brach und die Tränen ließen sich nicht mehr aufhalten. Sie hatte Heimweh. Nein, sie hatte Clanweh und sie ging vermutlich viel schlechter damit um als alle anderen es in ihrer Situation tun würden. Es waren unglückliche Gedanken, über die Vesrin schließlich den Schaf fand, und ein unruhiger Schlaf der sie bis lange nach dem Sonnenaufgang in seinen Fängen halten sollte...
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Laeniel » Sonntag 8. September 2013, 07:03

Tief war der Schlaf, der Laeniel mit sich nahm, zunächst erholsam. Doch etwa ab der Hälfte der Nacht, griff er wie Klauen nach dem Schamanen und Annuyiaeé, die ihn hielten und ihn dazu zwangen, alles noch mal zu durchleben. Fest hielten sie ihn, hinderten ihn am erwachen, obwohl er es mit all seiner Kraft versuchte. Nur ein Arm heben, einen kleinen Finger und er wäre wach, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Und so blickte er immer wieder in schmutzige, abgekämpfte, blutige Gesichter, sah wie die Hoffnung der Menschen bald zu Entsetzen umschwang, sah wie Kameraden, Freunde und geliebte Menschen in Massen niedergestreckt wurden, durchlebte die Grausamkeiten erneut, den Schmerz. Noch größer wurde der Schmerz, als er begriff, dass die Göttin fiel. Er konnte es spüren, ebenso wie die wenigen Annuyiaeé, die noch lebten, es spürten. Es war, als würde einem jemand die Luft mit aller Gewalt aus den Lungen pressen,bis man fast erstickte. Er war, als würden sie ihrer ganzen Lebensenergie beraubt von einem Wimpernschlag zum nächsten. Und dann … dann war man wieder klein, unbeholfen … schutzlos. Das Licht, ihr Licht, dass sie alle durchdrungen hatte, war bis auf einen winzigen Funken erloschen. Viele seiner Ordensbrüder und Schwestern waren darüber wahnsinnig geworden. Vor allem die Frauen, die einmal Elementarmagierinnen oder Priesterinnen gewesen waren, hatte es hart getroffen. Die wenigen Annuyiaeé, die den Fall der Göttin überlebten, waren diejenigen, die etwas fanden, an das sie sich während der Erschütterung der Macht klammern konnten. Ihre Waffen, ihre Fähigkeiten, die nicht von der Göttin direkt stammten oder auch nur der Gedanke an die Menschen, die sie liebten und die noch nicht gefallen waren.

Viele jedoch fanden den Tod oder verfielen dem Wahnsinn. Auch er hatte ihn gespürt, hatte ihn jedoch mit Erinnerungen an seiner Familie fürs erste erfolgreich verdrängt. Die Idee eines mächtigen Ordens der Annuyiaeé jedoch war in diesem Moment gestorben. Vielleicht für immer. Jetzt waren sie Einzelgänger wie die Ver'Danyan, Krieger, die im Schatten lebten und zuschlugen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot. Nur um gleich darauf wieder in die Schatten abzutauchen. Das alles sah Laeniel in seinen Träumen, durchlebte den nahenden Wahnsinn, noch einmal den Kampf um seinen Verstand. Und als er endlich erwachte, war sein Lager vom Schweiß durchnässt. Seine rechte Hand hatte sich im Schlaf so fest um den Klingenstab geklammert, dass es ihn all seine Kraft kostete, sie wieder von ihm zu lösen. Aber er hatte nicht geschrien. Er schrie nie mehr im Schlaf. Es war ebenso lebensnotwendig, wie nützliche Verstecke zu kennen. Er massierte mit seiner linken sorgfältig seine zitternde rechte Hand, bis sie wieder beweglich wurde. Und untersuchte seine letzte noch nicht ganz verheilte Wunde an der linken Bauchhälfte. Sie näßte nicht mehr, dank seines Wissens, dass er durch Tampa erlernt hatte. Dennoch würde hier eine Narbe bleiben. Er traute sich nicht, die Verbindungen zur Magie zu öffnen. Letztes Mal, als er versucht hatte eine Verbindung herzustellen, war da nichts gewesen. Nichts außer ein kleiner beinahe hoffnungslos flackernder Funke und ein Gefühl entsetzlicher Leere. Es hatte ihn für viele Tage in tiefe Traurigkeit gestürzt. Eine Traurigkeit, die er sich vielleicht leisten konnte, wenn er alleine war, aber nicht, wenn er die Verantwortung für ein weiteres menschliches Leben trug. Und so traute er sich auch nicht, es mit den Kräften zu versuchen, die er nicht als Annuyiaeé erlernt hatte, sondern in seiner Ausbildung bei Tampa. Er nahm an, dass auch sie durch den Fall der Göttin beeinflusst waren. Auch wenn es nur eine Vermutung war, die Hoffnung, dass es nicht so war, wollte er sich nicht nehmen, indem er es ausprobierte. Arawen hätte ihn wohl einen Feigling genannt.

Wie ihn Vesrin nennen würde? Er beobachtete die junge Bärin wie sie schlief. Auch sie hatte keinen ruhigen Schlaf. Das konnte mal sehen. Was für eine Welt Aurorae geworden war, in der sogar Kinder und Jugendliche von Krieg und Tod träumten! Er zog sich eine trockene Hose an und legte die von Schweiß durchtränkten Sachen auf den Treppenstufen zum Trocknen aus. Dann verschlang er seine Beine ineinander, setzte sich gerade hin, die Arme locker auf den Knien abgelegt und schloss die Augen, um Kraft für den bevorstehenden Tag mit unbekanntem Ausgang zu sammeln. Einatmen, ausatmen, bis der Aufruhr in seinem Inneren sich so weit legte, dass Vesrin nichts bemerken würde. Denn auch, wenn sie ihre ganz eigene Art zu denken hatte, war sie aufmerksamer als man es ihr auf den ersten Blick zutraute. Als sie erwachte, fand sie einen Laeniel vor wie gestern. Nach Außen hin ruhig und besonnen wirkend. Er hatte sogar den kleinen Tisch mit dem Essen gedeckt, dass sie ihr eigen nannten und über dem Feuer etwas Wasser erhitzt und einen aromatischen Kräutertee gekocht. Nicht natürlich, ohne sich vorher zu vergewissern, dass die Sicht draußen von morgendlichem Nebel so schlecht war, dass der Rauch nicht weiter auffallen würde.
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Re: Amarantsumpf

Beitragvon Vesrin » Dienstag 3. Dezember 2013, 13:20

Vesrin hatte sich daran gewöhnt, mit Daelan aufzustehen. Das hieß eigentlich nichts anderes als dass sie lediglich so lange schlief wie das Huhn es zuließ. Sobald es der Auffassung war, der eigentümlich zusammengerollte Wurm, der tatsächlich eine mit Vesrin gefüllte Schlafrolle war, war geradezu prädestiniert um darauf herumzuklettern, zu scharren oder liebevoll das haarige Kopfende des Würmchens zu schnäbeln, war für Vesrin die Zeit gekommen, das Reich der Träume zu verlassen. In der Regel gelangte Daelan um Sonnenaufgang zu dieser Entscheidung. Und das ärgerliche daran war, dass Daelan den Sonnenaufgang selbst in den Wintermonaten, in denen die Sonne für das menschliche Auge also gar nicht wirklich aufging, irgendwie ausmachen konnte und Vesrin somit zur Frühaufsteherin wider Willen gemacht hatte. Denn auch liebevolles Schnäbeln bedeutet ist trotz allem nix anderes als ein aufdringlicher, kleiner Schnabel der einen hier und dort zwickt.

Die Abwesenheit Daelans war Vesrin durchaus eine schwere Last, aber ihr Körper wusste die Möglichkeit in relativer Sicherheit bis über den Sonnenaufgang hinaus zu schlafen durchaus zu nutzen. Somit verschlief sie nicht nur Laeniels Erwachen sondern auch alles, was ihm folgte; zumindest bis zu dem Zeitpunkt da der warme, aromatische Duft frischen Tees ihre Nase umschmeichelte und das Jungbärin aus dem Land nicht-sonderlich-schöner-Träume hervorlockte.

Da roch was, und zwar gut. Es war Tee. Tee wie ihn ihre Schwester immer zubereitete. Ihre Schwester machte den Tee? Dann war es bald Zeit für das Frühstück! Sie sollte nicht viel länger liegen bleiben wenn sie nicht wollte, das Deske oder Yaske sie mit einer Brackwasser-Dusche weckten.

Langsam regte sich Vesrins Unterbewußtsein und stuppste das Bewußtsein so lange, bis es gar nicht anders konnte als ein verschlafenes Auge mühselig zu öffnen. "Vyla?" nuschelte die Bärin halb in ihre Schlafrolle, in der sie fast bis zur Nasenspitze verschwunden war, und gab ein kleines Seufzen von sich während das eine braune Auge schwerfällig nach der wohlbekannten Gestalt ihrer älteren Schwester suchte, diese aber nicht fand. Wie eigenartig... Der Duft des Tees war doch ganz nah, also musste Vyla auch in der Nähe sein, oder nicht? Widerwillig bequemte sich auch das zweite Auge dazu, sich zu öffnen, konnte aber natürlich nicht finden was nicht da war. Dafür erkannten beide Augen nun dass sie sich nicht in der Hütte befand, in der sie großgeworden war, sondern ganz woanders. Der Ort war ihr glücklicherweise nicht gänzlich fremd. Im Gegenteil, sie war schön öfter hier gewesen und zwar mit... "Ronghar?" Auch dieser Name wurde mehr oder weniger genuschelt, schien aber ebenso wenig die gesuchte Person hervorzulocken wie zuvor.

Komisch... Wieso roch Ronghars Tee denn wie der von Vyla? Ronghar mochte Vylas Tee doch gar nicht! Er bevorzugte jene Tees welche etwas säuerlich schmeckten und nicht ganz so kräuterlastig waren.

Irgendwo in Vesrins Kopf regte sich die Erinnerung, aber Vesrin ignorierte sie. Der warme Duft des Tees, ihre Schlafrolle... halboffene Augen studierten mit schwerfälliger Neugier was sie sahen. Da war ein Tisch, wie wenn er aus dem hölzernen Raum gewachsen war, ebenso kleine Ausbuchtungen die wie Regale gefüllt waren sowie solche, die Stufen bildeten - 'natürlich, wir sind ja auch im Baumhaus des Druiden' - und Laeniel saß an dem Tisch, vor ihm ein spärliches Mal ausgebreitet, und schien sie zu beobachten. Halt! Laeniel? Vesrin runzelte die Stirn. Warum war denn Laeniel da? Sie teilten sich doch gar keine Hütte, sie waren ja schließlich nicht - und dann gab die Erinnerung sehr deutlich zu verstehen, dass sie sich nicht länger ignorieren lassen würde und die Ereignisse der letzten Nacht kamen zurück und hinterliessen einen unglücklich Ausdruck auf Vesrins Gesicht. Schwielige Finger rieben verstohlen über ihre Augen, als wolle sie den Schlaf und keine frischen Tränen zur Seite wischen.

Eine Person zu vermissen war schon ziemlich schlimm, aber gleich so viele... Für einen kurzen Moment schloss Vesrin die Augen, atmete tief ein und versprach sich selbst als erstes ihre Eltern und Geschwister in die Arme zu schließen wenn sie ihren Clan wiederfand. Dann setzte sie sich mit einem Ruck auf - die Haare in jede Richtung zerwuschelt und das Hemd leicht schief - und zirpte fröhlich: "Guten Morgen!"
"Ich gebe mir Mühe, jedermanns Tag ein wenig surrealistischer zu gestalten."
~ Calvin, aus "Calvin und Hobbes"
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