'Aurorae' von Thûryon

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Aurorae' von Thûryon

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:36

Prolog:

Er rannte. Er rannte so schnell er konnte. Er rannte nun schon so lange, dass er sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, es jemals nicht getan zu haben. Irgendetwas verfolgte ihn, das wusste er. Vor jedem Schritt hatte er das Gefühl, dass die Klauen seines Verfolgers immer näher kamen, um ihn zu zerfetzen. Doch er wusste nicht, wer ihn verfolgte, geschweige denn warum. Es fehlte ihm der Mut dazu, sich umzudrehen, um seinem Gegner wenigstens mit einem flüchtigen Blick zu streifen. Lieber war ihm die Ungewissheit darüber als die wohl tausendmal schrecklichere Wahrheit.
Seine hastigen, weiten Schritte schienen neben dem Grunzen, was sein Verfolger ab und zu von sich gab, und dem hechelnden Atem, den er heiß im Nacken fühlte, die einzigen Geräusche zu sein, die noch in dieser Welt existierten. Einer Welt, deren einziger Zweck darin bestand, zu jagen und gejagt zu werden. Liebend gerne hätte er die Rolle des Jägers übernommen, wenn ihn auch nur jemand gefragt hätte. Doch hier war es wie in einem Albtraum – man selbst war immer auf der schwachen Seite.
Im gleichen Maße, in dem er schwächer wurde, schien die stärkere Seite an Kraft zu gewinnen. Immer öfter stolperte er über Wurzeln und herumliegende Äste und schaffte es nur mit Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Die Bäume rasten regelrecht auf ihn zu, während er den lächerlichen Versuch zeigte, seinen Verfolger abzuschütteln, indem er Haken schlug. Es war schlichtweg unmöglich, ihm zu entkommen. Er versuchte noch einmal, schneller zu werden. Bestürzt stellte er fest, dass sich die grunzenden Geräusche und die unregelmäßig humpelnden Schritte hinter ihm nicht im Geringsten entfernten. Nein, sein Gegner war plötzlich genauso schnell wie er. Offensichtlich schien es ihm keine nennenswerte Mühe zu bereiten, mit ihm Schritt zu halten. Doch wieso machte die Kreatur hinter ihm der grausamen Hetzjagd kein Ende? Sie schien über unendliche Energiereserven zu verfügen. War ihr Ziel, mit ihrem Opfer so lange wie möglich zu spielen und ihre Überlegenheit auszukosten? Wenn sie den Schmerz ihrer Beute spüren würde, dann war ihr das bereits zur Genüge gelungen. Langsam spürte er eine starke Müdigkeit in sich aufkommen. Seine Beine wurden schwer und sein Atem knapp. Immer häufiger fragte er sich, ob er nicht aufgeben sollte und einfach stehen bleiben, einfach um diesen unsäglichen Schmerz loszuwerden. Aber er würde nicht so schnell aufgeben – noch nicht.
Immer mehr verschwommen die endlosen Baumreihen und der dämmernde Abendhimmel vor seinen Augen. Langsam aber sicher wandelte sich das Müdigkeitsgefühl in eine grausame Übelkeit. Bei jedem Schritt befürchtete er, dass sein Mageninhalt sich selbständig machen würde. Jegliche Wahrnehmung spielte verrückt. Der Geschmack auf seiner Zunge war seltsam und bitter. Auch die Geräusche waren gedämpft und wirkten irgendwie zwischen dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren plötzlich weit entfernt.

Schließlich passierte es doch: Sein Fuß verfing sich in einer Wurzel, die er übersehen hatte, und er schlug der Länge nach hin. Er war sich sicher, dass es jeden Augenblick zu Ende war. Doch die erwartete Erlösung kam nicht. Anscheinend war es um die Intelligenz seines Verfolgers schlimmer bestellt als er vermutet hatte. Die Kreatur segelte mit einem unmenschlichen Schrei in weitem Bogen über ihn hinweg, nachdem sie nun ihrerseits über ihn gestolpert war. Der Mann wollte sich aufrichten, doch ihm fehlte die Kraft. Er atmete so tief ein, dass sein Brustkörper beinahe platzte. Er wollte sich ausruhen…nur noch ein paar Herzschläge. Der schmerzvolle Husten, der seine trockene Kehle heimsuchte, trug nicht gerade dazu bei, doch nach kurzer Zeit gelang es ihm, sich wenigstens auf die Arme aufzustützen. Ein paar Schritte weiter sah er einen verschwommenen Schatten, der nur aus Krallen zu bestehen schien. Wenn Hässlichkeit je einen Vertreter gehabt hatte, dann war es das Monster, das ihn verfolgt hatte. Seine Figur ähnelte nur im Entferntesten der eines Menschen. Gut, es hatte zwei Beine, zwei Arme und etwas, das wohl ein Kopf sein sollte. Doch damit hörte die Ähnlichkeit auch schon wieder auf. Wie hypnotisiert starrte er auf den zerfressenen Körper, bei dem nichts gleich lang war und nichts seine Ordnung besaß. Es musste direkt in der Hölle zusammengesetzt worden sein. Denn nach nichts anderem sah es aus: Ein Wesen, das aus wie zufällig gewählten Klumpen zusammengefügt worden war. An sich war es schon ein Wunder, dass es sich überhaupt bewegen konnte.
Als er merkte, dass die Kreatur schon wieder im Begriff war, sich aufzurichten, brach es den Bann. Blitzschnell drückte er sich vom Boden ab und rannte in irgendeine Richtung los, nur von der Kreatur weg. Er hatte gar nicht gewusst, dass sie anstatt zu grunzen auch brüllen konnte. Doch jetzt, da er es hörte, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter. Wenigstens hatte er durch seine Ungeschicktheit etwas Zeit gewonnen und die kleine Pause, so kurz sie auch gewesen war, hatte seine Sinne wieder geklärt und ihm zu neuer Kraft verholfen. Doch so optimistisch er darüber dachte – ihm war klar, dass er das auch nicht mehr lange durchhalten konnte.

Langsam wurde es um ihn herum immer dunkler. Nicht nur, weil sein Verfolger ein Geschöpf der Dunkelheit zu sein schien, sondern vor allem, weil er nun immer weniger sah, war die Dunkelheit ein starker Feind, den er jetzt ganz und gar nicht gebrauchen konnte. Die Augen weit aufgerissen, um jedes noch so schwache Licht aufzunehmen, versuchte er gleichzeitig so schnell wie möglich zu rennen und jedem Hindernis auszuweichen, was sich ihm in den Weg stellte. Doch bald merkte er, dass er die Geschwindigkeit nicht halten konnte. In Gedanken konnte er sich schon ein hässliches Grinsen in dem zerfressenen Gesicht vorstellen.

Plötzlich schien sich irgendetwas zu verändern. Er wusste nicht was und konnte auch nicht mit dem Finger darauf deuten, doch es war nicht übersehbar. Erst nach einer Weile erkannte er, dass sich die Dunkelheit vor ihm verdichtete und die Bäume immer blasser wurden. Noch ein paar weit ausgreifende Schritte später wusste er dann, dass es sich um dichten Nebel handelte. Entsetzt versuchte er die Richtung zu ändern. Wenn er schon ohne Nebel in der Dunkelheit so wenig sah, dann würde er dort nur blind zwischen den Bäumen herumstolpern, bis er schließlich zweifelsohne gegen irgendeinen Baum rennen, über einen Stein stolpern oder in einem Gebüsch hängen bleiben würde. Der Mann war sich zwar nicht sicher, ob sein Gegner aus seinen Fehlern gelernt hatte, aber er war auch nicht mehr so dicht hinter ihm, dass das ein zweites Mal passieren konnte. Das nächste Mal war er den Launen der Kreatur hilflos ausgeliefert.
Endlich war das Glück auch mal auf seiner Seite. Der Nebel erstreckte sich nur abseits seines Weges und er konnte wenigstens das schwache Licht des Mondes ausnutzen, das nur leicht durch die Baumkronen fiel. Das Land um ihn herum wurde hügeliger und der Wald etwas lichter, sodass er nun etwas besser sehen konnte. Plötzlich tauchte in der Ferne ein Schatten auf. War das etwa ein Mensch, der ihm helfen konnte? Noch einmal neue Willenskraft geschöpft, beschleunigte er seine Schritte noch einmal, sodass die Kreatur hinter ihm zurück fiel. Tatsächlich nahm der Schemen immer mehr eine menschliche Form an. Doch je näher er der Gestalt kam, desto langsamer wurde er wieder. Irgendetwas stimmte nicht. Als er es endlich sah, konnte er sein Erschrecken kaum verbergen. Er könnte sich ohrfeigen. Er war ohne zu zögern in eine Falle gelaufen. Es war seltsam, dass er es auf die Distanz erkennen konnte, aber die Gestalt hatte keine Augen. Natürlich hatte sie Augen, aber sie waren vollständig weiß. Nicht dass es ihn gestört hätte, wäre ihm ein Blinder zu Hilfe geeilt, doch die trüben Augen strahlten wie die gesamte Gestalt eine ungeheuere Aura des Bösen aus, die alles übertraf, was er bisher erlebt hatte. Er war sich sicher, wenn das Wesen Pupillen besessen hätte, sie wären unentwegt auf ihn gerichtet gewesen, böse auf ihn herabblickend. Ein siegessicheres Lächeln umspielte die Lippen der Gestalt. Plötzlich wurde dem Mann schmerzhaft wieder klar, dass die andere Kreatur keineswegs aus der Welt geschaffen war, wenn er sich das auch noch so sehr gewünscht hätte. So tat er das einzige, was ihm noch übrig blieb: Er rannte direkt in den Nebel hinein. Er konnte nur hoffen, dass seine Feinde ihm nicht dort hin folgten. Doch er sollte es besser wissen. Die Kreatur schien offensichtlich über die Intelligenz eines Steinbrockens zu verfügen. Ohne zu zögern folgte sie ihm und nahm damit dasselbe Risiko wie er auf sich. Wenn ein Beobachter sie überhaupt in dem dichten Nebel gesehen hätte, hätte er sie beide für wahnsinnig erklärt, bei diesem Tempo blind durch ein von Hindernissen gespicktes Gebiet zu hetzen.
Schlagartig wurde ihm klar, dass die Kreatur weit nicht so ein großes Risiko wie er einnahm. Wenn sein Verfolger hinfiel, was würde schon passieren? Nichts. Allerhöchstens würde sein Vorsprung wachsen. Doch er wollte gar nicht daran denken, was passierte, wenn er selbst irgendwo hängen blieb. Es musste nur ein winziger Stein am falschen Platz stehen, nur eine überstehende Wurzel auf seinem Weg sein und es war aus - endgültig. Immer verzweifelter rannte er weiter und weiter.

Als er sich noch einmal zu der geifernden Kreatur umdrehte, die ihn immer noch mit unvermindertem Tempo verfolgte, zahlte er schließlich den Preis für das Risiko, das er eingegangen war. Doch es war anders als er erwartet hatte. Unter seinen Füßen war plötzlich nichts mehr, worauf er ausrutschen oder woran er hängen bleiben konnte. Schlichtweg nichts mehr. Er hing im wahrsten Sinne des Wortes in der Ungewissheit und wusste nicht, was unter ihm war. Selbst wenn er den Blick so schnell nach unten gerichtet hätte, hätte der Nebel wohl verhindert, dass er auch nur irgendetwas erahnen konnte. Nach dem Bruchteil eines Herzschlags erschien sein Verfolger an der Kante, über die er selbst ohne es zu wissen gerannt war. Doch offenbar war die Kreatur vorsichtiger als er erwartet hatte.
Wie in Zeitlupe sah er die schadenfrohen Augen im Nebel über sich verschwinden. Er würde wohl nie den Anblick an dieses Wesen verlieren, wie es dastand und ihm hier den tiefsten nur erdenklichen Abgrund wünschte.
Der Mann war unfähig, klar zu denken. Es existierten jetzt nur noch er und der dichte Nebel um ihn herum, der ihn nur noch weiter zu erdrücken schien. Er wusste weder wie weit er schon gefallen war noch wie weit er noch fallen würde. Für seinen vorherigen Gegner war ein neuer aufgetaucht. Es war fast so als wäre sein Feind plötzlich zu dem Abgrund unter ihm geworden, der ihm an Gefährlichkeit in nichts nachstand. Plötzlich hüllte ihn eine erdrückende Schwärze ein. Wenigstens war sein Bewusstsein so gnädig, ihm die Qual des Aufpralls zu nehmen.



Kapitel 1:

Langsam öffnete er die Augen und brauchte erst einige Zeit, um sich an das helle Tageslicht um ihn herum zu gewöhnen. Über ihm sah er die verstrebten Bretter einer Holzhütte. Das einzige, was er hörte, war das frühlingshafte Zwitschern der Vögel, die gar nicht mehr aufzuhören scheinen wollten, das Rauschen des Windes, der sanft durch die Bäume strich und ein leises Schaben, das er im ersten Moment nicht richtig zuordnen konnte. Er lauschte noch ein paar Augenblicke regungslos, doch er konnte es nicht identifizieren. Als er sich streckte, brach das Schaben abrupt ab. Kaum einen Herzschlag später erschien vor ihm ein gutmütiges, von Falten regelrecht durchsetztes Gesicht. Der alte Mann ließ ein erfreutes Lächeln sehen, bevor er wieder aus seinem Gesichtsfeld verschwand. Verwirrt blickte er sich um, soweit das in seiner Position noch möglich war. Er war zwar nicht gefesselt, doch seine Glieder waren so schwer, dass er sich kaum bewegen konnte und wenn er den Kopf zu heben versuchte, stellte sich ein unangenehmes Pochen ein. Mühsam drehte er den Kopf zur Seite und schaute sich neugierig um. Er hatte den alten Mann, dessen langer, weißer Bart ein Teil seines Gesichtes verbarg, noch nie gesehen. Dennoch war er ihm auf Anhieb sympathisch. Nun stand dieser vor einem großen Tisch, auf den der Mann wegen seiner liegenden Position nicht sehen konnte, und hantierte an irgendetwas herum. Als das Schaben wieder einsetzte, erkannte er, dass der Alte in einer kleinen Schale etwas sehr Wohlriechendes zerrieb. Der Duft hatte sich inzwischen schon in der gesamten Hütte ausgebreitet und erinnerte ihn irgendwie an eine saftige Frucht, die man gerade anschnitt. Nachdem der Alte seine Prozedur beendet hatte, kam er mit einer Trinkschale in der Hand zu seiner Liegestätte zurück und übergab sie ihm. Der Mann schaute sein Gegenüber an. Nicht aus Misstrauen, nein, aus Dankbarkeit und aus einer gewissen stillen Neugierde. Er hatte wohl noch nie einen so alten Menschen gesehen. Er musste die 100 schon lange überschritten haben. Doch das änderte nichts daran, dass der Alte trotz alledem noch lebendig und frisch war, wie wohl niemand es von ihm erwartet hätte. Seine Bewegungen waren weder fahrig noch langsam, sondern munter und ausgeruht. Lächelnd nahm er die Schale entgegen und trank sie in einem Zug aus. Er hatte noch kein Wort mit dem Alten gewechselt, der ihn nun geduldig beobachtete, und doch schien da etwas wie ein geheimes Einverständnis zwischen ihnen zu sein.
Doch so nett der alte Mann auch sein mochte – er wusste weder, wie er hier hergekommen war, noch warum. Was war passiert? In seiner Erinnerung war ein großes Loch, das seine gesamte Vergangenheit verschlungen hatte und er wusste rein gar nichts über sich. Nicht einmal mehr seinen Namen, wie er erschrocken feststellte. Das Einzige, was ihm geblieben war, war ein seltsames und eindeutig nicht gutes Gefühl, wenn er zurück dachte. Irgendetwas Schlimmes musste geschehen sein. Der Alte kam ihm jetzt wie ein riesiges Rätsel vor, das zu lösen er sich fest vorgenommen hatte. Mit diesem Vorsatz schloss er, noch während er müde zurücksank, die Augen. In dem Getränk war wohl ein Beruhigungsmittel gewesen.

Der Mann, der seinen Namen vergessen, oder ihn vielleicht niemals gewusst hatte, erwachte frisch und ausgeruht. Als er sich aufzusetzen versuchte, stellte er fest, dass seine Müdigkeit und seine Schwäche wie weggeblasen waren. Falls es tatsächlich Medizin gewesen war, die ihm der Alte gegeben hatte, musste sie wahrlich Wunder wirken. Anstatt noch angeschlagen zu sein, fühlte er sich quicklebendig und gut gelaunt. Mit einem Satz sprang er von der Liege herunter und ging zur offenen Tür, durch die angenehm kühle Waldluft hereinströmte. Der Anblick überwältigte ihn im wahrsten Sinne des Wortes. Das hier musste das Paradies sein. Die Lichtung, auf der die Hütte stand, war von großen Bäumen umgeben, von denen teilweise lianenartige Stränge herunterhingen. Hätte er die Stämme der Bäume zu Gesicht bekommen, wäre es vermutlich noch ein normaler Anblick gewesen. Doch hier gab es kaum eine Lücke in dem immerwährenden Grün. Die Sträucher und zum Teil mannshohen Gräser standen so dicht, dass kaum ein Durchkommen möglich sein musste. Konnte man doch einmal eine kleine Stelle entdecken, an der keine grünen Blätter oder Gräser wuchsen, so wurde sie meist von den kräftigen Farben großer Blüten ausgefüllt. Kurz gesagt – das was er sah, wirkte wie das Leben selbst. Nachdem er einige Zeit nur staunend dagestanden war, drehte er sich nur zögerlich wieder zurück zur Hütte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Träumte er das alles nur? Den Gedanken wegschiebend, trat er wieder in die Hütte.

Da der alte Mann offenbar gerade unauffindbar war, beschloss er, solange etwas Sinnvolles zu tun und alles gründlich zu inspizieren. Erst jetzt bemerkte er, dass die Hütte mit Gerümpel geradezu voll gepackt war. Die Pflanzen, die überall herumstanden, machten sie fast zu einem kleinen Abbild des grünen Paradieses, das er draußen erblickt hatte. Doch zwischen dem Grün standen auch zahlreiche andere Konstruktionen: Die weiche Liege, auf der er erwacht war, ein großer Schrank, dessen Inhalt sich seines Blickes entzog und ein Bücherregal, das inzwischen schon aus allen Nähten zu platzen schien. Flüchtig ließ er seine Augen über die Buchrücken streifen. Neben alltäglichen Titeln wie „Pflanzensäfte“ und „Kraft von Natur und Bäumen“ kamen auch außergewöhnliche wie „Magie“ oder „Zauberkraft der Bäume“ vor. Kurz stockte er. Bücher über Magie hatte er nur selten gesehen und so sehr er in seinem Gedächtnis darüber kramte, es kam ihm auch nicht so alltäglich vor, wie es hier auf dem Rücken eines Buches wirkte. Er nahm sich fest vor, den alten Mann einmal nach den Büchern zu fragen. So viele Bücher er besaß, musste er in der Tat wirklich sehr belesen sein.
Langsam ließ er seinen Blick weiter schweifen. Neugierig trat er an den Tisch, an dem der Alte das wohlriechende Mittel zerrieben hatte. Die Schale stand noch immer dort. Genussvoll hob er sie an die Nase und sog daran. Bezaubert stellte er sie wieder zurück, neben ein großes, aufgeschlagenes Buch, das inmitten von unterschiedlich geformten Gläsern, Löffeln und Messern lag. Er wunderte sich, dass es ihm nicht sofort aufgefallen war. Der Einband sah sehr edel und doch unglaublich alt aus. Er hatte keine bestimmten Anzeichen, auf die er mit dem Finger zeigen konnte, aber obwohl der samtig rote Stoff – soweit er ihn sehen konnte ohne das Buch zuzuklappen – noch überall intakt wirkte, strahlte es ein gewisses Alter aus. Er hatte auch nicht vor, es herumzudrehen oder auch nur anzufassen. Dafür sah es viel zu teuer aus. Dennoch konnte er nicht den Impuls unterdrücken, mit seinen Fingern über den Seiten durch die Luft zu streicheln. Ehrfürchtig ließ er seine Augen über die schon etwas vergilbten Seiten streifen. Das Buch musste wahrlich eine Kostbarkeit sein. Umso mehr musste er schmunzeln, als er wahllos ein paar Zeilen daraus laut vorlas:
„… Wird die Blüte in den Rauch eines verbrannten Ryella-Blattes gehalten, wird der Effekt verstärkt…Zermürbte Anademarinde und dieses Kraut ergeben zusammen mit Wasser ein heilsames Getränk…“
Hinter ihm ertönte ein amüsiertes Lachen. Der sichtlich erheiterte Mann war gerade in die Hütte getreten.
„Wie ich sehe, hast du dich schon gut eingelebt.“, bemerkte er und deutete auf das große Buch. Der Alte schien keinen Hehl daraus zu machen, dass er sich über sein Erwachen freute.
Grinsend antwortete er ihm: „Davon abgesehen, dass ich davon vielleicht jedes zweite Wort verstehe, ja.“
Und das war nicht übertrieben. Viele der Begriffe, die anscheinend Pflanzen oder Heilkräuter waren, hatte er komischerweise noch nie gehört.
Der Alte lachte wieder. Diesmal stimmte er auch mit ein. Offensichtlich hatte ihn der erste Eindruck nicht getäuscht und der Mann war zwar sehr alt, aber dafür umso netter. Dann trat ein leicht besorgter Ausdruck auf sein Gesicht.
„Wie geht es dir?“, fragte er wie ein Vater seinen Sohn. Sein fürsorglicher Wille war kaum zu überhören. Kurz lauschte er in sich hinein.
„Ich habe keine Schmerzen.“, antwortete er wahrheitsgemäß. Doch das brachte ihn wieder zu der Frage, wie er sich seinen Zustand, als er das erste Mal in der Hütte aufgewacht war, erklären konnte.
„Wie ist dein Name?“, unterbrach ihn die Stimme. Verlegen biss er sich auf die Lippe.
„Ich…weiß es nicht…“
In seinem Gedächtnis war nach wie vor alles dunkel und nebelig, was über diese Zeit hinausging und er konnte sich beileibe nicht vorstellen, dass seine früheren Schmerzen keine bestimmte Ursache hatten. Aber der Alte musste mehr wissen als er. Schließlich war er wohl schwerlich von einem Herzschlag auf den anderen in der Hütte über der Liege erschienen und das in diesem Zustand. Sein Gegenüber musste ihn irgendwie hier her gebracht haben. Und dann wusste er auch, woher.
Langsam und zäh tauchte er aus seinen Gedanken auf und blickte dem alten Mann in die Augen. Ihr Blickwechsel schien zwar nach außen hin nichts auszusagen, doch der Alte las in ihm wie in einem offenen Buch. Er musste die unausgesprochene Frage, die er insgeheim formuliert hatte, regelrecht sehen als sei sie auf seine Stirn tätowiert. Doch plötzlich schien er ihn nicht mehr direkt anzuschauen, sondern durch ihn durch. Der Mann war weit weg und sein Blick verhieß nichts Gutes. Es dauerte wohl in Wirklichkeit nur wenige Momente, doch ihm kam es vor wie eine halbe Ewigkeit, als der Alte endlich reagierte und seufzte. Es war beinahe so, als habe er genau abgewäägt und bis zum letzten Moment abgewartet, ob es wirklich notwendig war. Doch schließlich öffnete er den Mund.
„Bevor du fragst: Ich kann dir nicht sagen, wer du bist und woher du kommst…“
Insgeheim hatte der alte Mann wohl gehofft, dass er sich noch an seinen Namen erinnerte oder irgendetwas aus seiner Vergangenheit wusste. Doch das war nicht der einzige Grund, warum er sich so gequält ausdrückte.
„Aber ich kann dir sagen, was ich gesehen habe. Ich habe dich im Wald gefunden – bewusstlos. Du sahst ganz und gar nicht gut aus und ich hatte Zweifel, ob du überhaupt überleben würdest.“
Er schüttelte abwesend den Kopf.
„Ich habe dich hier hergebracht und gepflegt so gut es ging. Beinahe hätte es nicht geklappt.“
Erschrocken schaute er seinen Retter aus großen Augen an. Dass es so schlecht um ihn gestanden hatte, hatte er nicht gewusst. So wie es sich anhörte, war er irgendwo zwischen Leben und Tod geschwebt, während er ständig versucht hatte, ihn wieder zurück zu holen. Doch viel mehr über die Ursache seines Zustandes wusste er jetzt auch nicht und der Alte wusste mehr, als er preisgeben wollte, das spürte er. Die aufgeladene Atmosphäre schwebte wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen.
„Aber…“, fing er an. Doch der Alte ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
„Aber du warst stark…zum Glück. Du hast sehr gekämpft.“
Fast zwanghaft änderte er das Gesprächsthema.
„Hast du Hunger?“
Ohne eine Antwort abzuwarten machte er sich an die Zubereitung. Schweigend beobachtete er, wie der Alte Früchte schnitt und Gewürze mischte. Er hatte es schon verstanden: Sein Retter wollte nicht darüber reden.
Das Essen verlief in Schweigen und keiner der beiden traute sich, irgendetwas zu sagen. Er hing seinen eigenen Gedanken nach und versuchte die Bilder zu ignorieren, die ihm tausend mögliche Ursachen zeigten, wie er so verletzt werden worden konnte.



Kapitel 2:

Es waren viele Tage vergangen, ohne dass sie noch einmal über seine zum Glück nun vollständig verheilten Verletzungen zu reden. Wie er schnell bemerkt hatte, beschränkten sie sich nicht nur auf seine anfänglichen Kopfschmerzen, sondern er war am ganzen Körper von Kratzern geradezu übersäht und auch sein Umhang, den sein Retter offenbar bei ihm gefunden hatte, war auch nicht mehr ganz so unversehrt, wie er es sich gewünscht hatte. Die Spuren jenes Ereignisses, vor seiner Erinnerung, waren unübersehbar.
Der alte Mann stellte sich tatsächlich als so nett heraus, wie er von Anfang an auf ihn gewirkt hatte. Er beschränkte sich nicht nur darauf, ihn fürsorglich gesund zu pflegen, sondern er versorgte ihn weiterhin noch wie ein Vater und bot ihm weiterhin Unterschlupf in seinem Heim. Doch dankbar wie er war, konnte er das nicht ohne Gegenleistung annehmen. Obwohl der Alte durchaus so aussah, als ob er noch in der Lage wäre, all die alltäglichen Dinge zu tun, die er tun musste, half er wo er konnte. Immer wenn es nötig war ging er zu dem kleinen Fluss, der sich nicht weit von der Hütte durch den Wald schlängelte und holte Wasser. Meistens stand er morgens schon in aller Frühe dort und bestaunte die Kreaturen, die der Nebel um diese Zeit über dem Wasser bildete. Nicht selten wirkten die Schwaden so realistisch, dass sie wie die furchterregenden Geister verstorbener Seelen aussahen. Dennoch mochte er den Platz. Es war immer schön, das Wasser neben sich plätschern zu hören, während man die kühle Flussluft genoss. Manchmal saßen sie auch zu zweit dort; Der Alte erzählte Geschichten, oder sie machten Witze. Doch manchmal saßen sie einfach nur schweigend da und erfreuten sich an der Stille.
Inzwischen waren auch er zum vertrauten ‚Du’ übergegangen. Der alte Mann hatte ihn schon von Anfang an so persönlich angesprochen. Einmal, als sie wieder einmal am Fluss waren, wollte er ihn endlich einmal auf die Bücher ansprechen, die er auf dem überfüllten Regal in der Hütte gesehen hatte.
„Die Bücher sind sehr schlau!“, hatte der Alte geantwortet. „Auch ich habe einen großen Teil meiner Weisheit von den Büchern. Wenn man sie richtig zu lesen weiß, kann man viel daraus lernen. Wenn du willst, lehre ich dir die Kunst der Magie und alles, was mit Pflanzen zu tun hat.“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.
Überrascht schaute er den Alten an.
„Wirklich? Aber natürlich will ich.“
Bekräftigend nickte er. Sein Erstaunen rührte nicht nur von dem Angebot, sondern mehr von dem, was sein künftiger Meister gesagt hatte. ‚Kunst der Magie’… Er war noch nie mit Magie in Berührung gekommen, ja er hatte sogar daran gezweifelt, dass sie überhaupt existierte und nicht nur ein uraltes Hirngespinst aus erzählten Geschichten war. Doch er schien bald ein Zeuge davon zu werden, wie Magie erstmals ausgeübt wurde. Wie ein schlechter Scherz hatten die Worte des Alten nicht gewirkt. Da fiel ihm plötzlich etwas ein, was er sich schon lange vorgenommen hatte zu fragen. Er wartete auf den richtigen Moment, bevor er ihn ansprach.
„Sag mal, wo bin ich hier eigentlich?“
„Wo du hier bist?“ Der Alte sah ihn erstaunt an.
„Ja, wie heißt das hier?“, erwiderte er erklärend, wobei er eine undefinierte Bewegung machte und gleichzeitig mit seinen Augen auf die Umgebung deutete. Vielleicht konnte er mit dem Namen ja etwas anfangen.
Geheimnisvoll antwortete er:
„Diese Welt heißt Aurorae…“
Obwohl das Grinsen geradezu etwas anderes verlangte, spürte er, dass er das ernst meinte und sich nicht etwa über ihn lustig machte. Nachdenklich verfolgte er mit Blicken, wie er sich erhob und ihn alleine ließ.
Aurorae…ein schöner Name. Doch das änderte nichts daran, dass er ihm nicht im Geringsten etwas sagte. Was mochte nur passiert sein, dass in seinem Gedächtnis eine so große Lücke hinterlassen hatte? Er wusste nichts von der Existenz von Magie und auch viele Begriffe in dem Buch des Alten waren ihm unbekannt vorgekommen. Doch da fiel ihm der Fehler in seinem Gedanken auf. Er war so offensichtlich, dass er sich wunderte, warum er nicht gleich darauf gekommen war. Wer sagte ihm denn, dass er noch in der gleichen Welt war, in der er geboren war?
Die Erkenntnis traf ihn mit der ohnmächtigen Wucht eines Blitzschlages. Plötzlich kam ihm alles sehr fremd vor. All die Pflanzen, der Fluss und auch der alte Mann. Und er fühlte sich leer. So leer wie sich jeder fühlen musste, der plötzlich von einer anderen Welt wusste, einer früheren Welt, aus der er stammte. Er wusste rein gar nichts über seine Vergangenheit. Es war so, als wären die Jahre von seiner Geburt an bis jetzt gar nicht geschehen. Von den Freunden, die er sicher gehabt hatte, wusste er ebenso wenig, wie von seiner eigenen Familie. Genauso wusste er nicht, welche Ziele er gehabt und was er schon erreicht hatte. Obwohl er in dem alten Mann sicher einen guten Freund gefunden hatte, fühlte er sich schrecklich alleine. Er war alleine, in einer unbekannten Welt…mit der Ungewissheit, woher er kam. Verzweifelt sprang er auf. Es musste doch eine Lösung für das Problem geben. Er musste einen Weg zurück finden. Er musste einfach…
Während er schweigend den Weg zurück zur Hütte ging, nahm er nichts mehr von seiner Umwelt wahr. Einzig und allein seine Gedanken waren jetzt für ihn relevant. Er würde nicht den Fehler begehen, ziellos herumzuirren, auf der Suche nach einem Weg. Als allererstes würde er sich einen Plan schmieden, mithilfe dessen er auch erfolgreich sein würde. In Gedanken versunken registrierte er kaum, wie vor ihm die Lichtung mit der Hütte auftauchte.



Kapitel 3:

„Und du bist dir wirklich sicher??“
Sein Meister hatte ihm diese Frage nun mehr als genug gestellt. Ein vorwurfsvoller Blick, der vor Entschlossenheit nur so glänzte, reichte aus, um ihn verstummen zu lassen. Doch leider nur für wenige Herzschläge.
„Wirklich…? Ich meine, nicht viele haben den Mut, ihrer eigenen Vergangenheit zu begegnen…und die wenigsten davon überstehen es auch.“
Es hatte am Vorabend nicht lange gedauert, bis er dem Alten seine Idee geschildert und ihm erklärt hatte, was er nun zu tun beabsichtigte. Er hatte sich dazu entschlossen, zu dem Ort zu gehen, an dem sein Meister ihn gefunden hatte. Dort würde er jeden Stein einzeln umdrehen, um irgendetwas – und sei es ein noch so kleines Detail – über seine Vergangenheit herauszufinden. Er wusste weder, was ihn auf der Expedition erwartete, noch ob sie denn auch Erfolg haben würde; er hoffte es zumindest. Doch er würde niemals aufgeben, ohne es wenigstens einmal versucht zu haben. Was hatte er schon zu verlieren? Nichts.
Ungeduldig verdrehte er die Augen.
„Aber natürlich. Ich werde nicht so schnell aufgeben!“
Obwohl sich von seiner Beharrlichkeit nach außen hin nichts änderte, wunderte er sich, warum der Alte alles versuchte, ihn davon abzuhalten zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber was konnte sein Meister schon tun? Er konnte ihn ja schlecht mit Gewalt hier festhalten. Er würde gehen und wenn er dafür das Fliegen erlernen musste. Notfalls würde er den Ort eben suchen müssen. Nichts konnte schlimmer sein als die ständige Ungewissheit, die ihn plagte.
Mit einer entschlossenen Geste unterstrich er seine Worte. Plötzlich zeigte sein Meister ein resigniertes Gesicht. Er seufzte, aber er schien auch froh darüber, ihn nicht mehr mühevoll überzeugen zu müssen.
„Also gut. Ich werde dich begleiten und dir jenen Ort zeigen. Du bist sehr mutig, das muss man dir lassen.“
Mit großen Augen schaute er seinen Meister an. Also er hätte ja mit vielem gerechnet, aber mit dem hier… Vielleicht lag ihm auch etwas daran, dass seine Vergangenheit etwas aufgeklärt wurde. Jedenfalls freute er sich, dass er sich nicht mehr alleine auf den Weg machen musste. Sein Meister würde ihm eine große Hilfe sein – schließlich kannte er den Weg.

Es war nicht mehr viel Zeit vergangen, bis sein Meister die wenigen Sachen zusammengepackt hatte, die er mitnehmen wollte. Neben seinem Wanderstab hatte er auch noch ein paar andere Utensilien in eine Tasche gepackt. Da er selbst außer seinem Umhang keine Sachen besaß, musste er währenddessen ungeduldig warten. Er stand bereits auf der Lichtung, als der Alte endlich aus der Hütte trat.
„Wohin müssen wir?“
Als sein Meister ihm die Richtung gezeigt hatte, konnte er sich mit großer Mühe noch zurückhalten, um nicht sofort in dem ausgestreckten Zeigefinger des Alten zu folgen, sondern erst auf ihn zu warten.
„Wie weit ist es denn?“, fragte er neugierig.
„Ein paar Tage wird es sich schon hinzögern…“ Bedauernd zuckte er mit den Schultern.
„Ein paar Tage?!“ Entsetzt blieb er stehen. „Ich dachte…“
Er hatte niemals gedacht, dass es so weit von der Hütte entfernt war. Sein Meister schien seine Verwirrung zu spüren.
„Du hattest Glück – großes Glück –, dass ich dich überhaupt gefunden habe. Wenn ich nicht zufällig unterwegs gewesen wäre, dann hätte ich dich wohl niemals oder zu spät entdeckt.“
Ihm lief ein Schauder über den Rücken. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was dann passiert wäre. Leider war sein inneres Auge nicht so gütig, das zu vermeiden. Ständig sah er Bilder von sich – tot am Boden liegend. Wie als könne er damit die finsteren Gedanken vertreiben, schüttelte er sich. Das Schicksal musste ihm wirklich sehr gnädig gewesen sein. Und er war froh darüber. Froh, dass der Alte ihn gefunden und zur Hütte gebracht hatte und froh darüber, dass er stark genug gewesen war, seine Wunden und Verletzungen zu überstehen.

Nachdenklich beobachtete er ihre Umgebung. Sein Meister ging immer noch neben ihm und zeigte die Richtung an. Allmählich war das Grün der Bäume immer blasser geworden und die Gräser und Kräuter, die am Boden wuchsen, seltener. Erst jetzt wurde ihm klar, dass diese Welt – Aurorae – nicht nur aus dem wahren Paradies bestand, das er in der Nähe der Hütte kennen und lieben gelernt hatte. Offensichtlich hatte diese Welt auch dunklere Seiten, von denen er bisher noch nichts gewusst hatte. Je weiter sie vorankamen und je mehr sie die Hütte hinter sich zurückließen, desto trister wurde alles um sie herum. Die wenigen Bäume um sie herum verdienten nicht mehr die Bezeichnung ‚Wald’ sondern glichen nun eher einem Sumpf. Auch rechts und links setzte sich der schlammige Boden scheinbar unendlich weit fort.
Es war kein schönes Bild, was sich ihm da bot, ganz und gar nicht. Angesichts der düsteren Atmosphäre wirkten die Bäume auch irgendwie krank. Und er hatte nicht das Gefühl, dass diese Krankheit heilbar war, so gerne er das auch getan hätte. Einmal blieb er kurz stehen, um die Handfläche auf die Rinde von einem der Bäume zu legen. Es war sehr seltsam, doch irgendwie schien sich sein Gefühl auf diese Weise noch zu verhärten. Als er sich wieder zu seinem wartenden Meister umdrehte, zeigte dieser ein zufriedenes, wissendes Lächeln. Doch er sagte nichts weiter.



Kapitel 4:

Am nächsten Morgen erwachte er mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Er hatte das Gefühl, irgendetwas Schlechtes geträumt zu haben, aber er erinnerte sich nicht daran. Er trat aus der kleinen Höhle, die sie gefunden und in der sie genächtigt hatten. An dem Anblick hatte sich nichts geändert. Immer noch erstreckte sich in alle Richtungen trostloses Sumpfgebiet soweit er sehen konnte. Seufzend dachte er an das schöne Paradies zurück. Wenn ihn nicht eine wichtige Aufgabe getrieben hätte, wäre er wohl längst umgekehrt. Doch so trieb ihn eine unbändige Kraft an, ohne die er wohl niemals so lange am Stück laufen hätte können. Sein Meister überraschte ihn zum wiederholten Male. Von seinem Alter war nichts zu merken. Er schien keine Mühe damit zu haben, mit ihm mitzuhalten. Nie hatte er warten müssen, weil sich sein Meister etwa erholen und neue Kraft schöpfen musste. Auch heute war er pünktlich wach, sodass sie nicht mehr viel Zeit verschwenden mussten, um die Sachen zusammenzupacken und loszumarschieren.
Die erste positive Überraschung des neuen Tages ließ nicht lange auf sich warten. Es passierte erst ganz unmerklich, doch nach einiger Zeit konnte man es nicht mehr übersehen: In die düsteren Sümpfe kam wieder Leben. Die Landschaft wurde wieder grüner und wandelte sich in einen lichten Wald, der zwar nicht ganz so farbig wie bei der Hütte war, aber nichtsdestotrotz dem Sumpf gegenüber einen Unterschied wie Tag und Nacht bot. Nicht nur die Vögel, die er in letzter Zeit vermisst hatte, zwitscherten nach Leibeskräften, sondern auch andere, fremdartige Tiere, die er nicht kannte, huschten durchs Unterholz.
Immer wieder erklärte sein Meister ihm die Namen der Wesen und deren Angewohnheiten. Er machte auch nicht vor den Pflanzen halt. Bereitwillig lehrte er ihm auch die Namen der vielfältigen Gewächse um sie herum. Interessiert lauschte er den Worten seines Meisters. Er war froh, auf diese Weise mal auf andere Gedanken zu kommen. Er musste zwar immer wieder an ihr Reiseziel und die damit verbundenen möglichen Unannehmlichkeiten denken, aber ansonsten war die Stimmung gelockert und unbeschwert.

Sein Meister musste merken, wie interessiert er ihm zuhörte. Die himmlische Idylle bei der Hütte hatte ihm einen ersten Vorgeschmack gegeben, welche Wunder es im Reich der Pflanzen gab. Das, was ihm sein Meister nun erzählte, war ihm ebenso unbekannt wie unfassbar. Doch gerade das machte es so spannend. Von den Pflanzen, von denen er vorher noch kein Wort gehört hatte, wusste er inzwischen viele Dinge, die er sich nie erträumt hatte. Manches war sogar so fantastisch, dass er es kaum glauben konnte.
Es dauerte nicht mehr lange, bis sie scherzhaft über seine Neugierde diskutierten.
„Man könnte fast meinen, du wärst ein Druide“, sinnierte der Alte.
„Wirklich? Aber ist es denn so ungewöhnlich, dass ich mich für die Pflanzen und Bäume interessiere?“ Er war sichtlich überrascht über die Worte seines Meisters. Nichtsdestotrotz schmeichelte es ihm auch, wenn sein Meister ihn so lobte. Schließlich war der alte Mann auch so etwas wie ein Druide.
„Leider habe ich auch schon Leute gesehen, die sich nichts aus dem ganzen hier machen…“, antwortete er bedauernd. „Aber du wirkst auf mich wie ein richtiger junger Druide.“
„Aber fehlt da nicht noch so etwas wie ein ‚Wanderstab’?“, fragte er grinsend, während er auf den Stab zeigte, den sein Meister immer noch in der rechten Hand hielt.
„Pass auf…unterschätze nicht die magische Kraft, die in einem solchen – wie sagtest du? – Wanderstab steckt.“, erwiderte er belehrend. Doch das Glitzern in seinen Augen zeigte, dass sein leichter Anflug von Empörung nur gespielt war. Der Alte blieb stehen. „Aber warum suchst du dir nicht einfach einen?“
„Ich? Mir einen suchen?“, fragte er überrascht und blieb nun seinerseits verblüfft stehen. Diesmal war der Vorschlag offenbar ernst gemeint.
„Klar, du wirst schon den richtigen finden.“
„Also gut…“, erklärte er etwas hilflos. Wo sollte er jetzt anfangen?
Da er sich ebenso gut im Gehen nach einem geeigneten Wanderstab umschauen konnte, marschierten sie wieder los.
Plötzlich wurde seine Suche von einem leisen Rauschen unterbrochen, das immer mehr anschwoll, je weiter sie gingen. Schon bald identifizierte er das Geräusch als einen kleinen Fluss, der sich in einiger Entfernung zwischen den Bäumen durch den Wald schlängelte. Als sie an das seichte Ufer traten, erinnerte es ihn beinahe an den Fluss bei der Hütte. Dennoch war dieser hier weitaus reißender und schneller. Es war unmöglich, ihn hier zu überqueren, dafür war es viel zu gefährlich. Doch der Fluss erweckte nicht gerade den Anschein, sich nach wenigen Schritten in ein kleines Bächlein zu verjüngen. Offenbar war dies nicht der Weg, den sein Meister damals gegangen war, denn auch er schaute ratlos in den Fluss und an das gegenüberliegende Ufer, wo ein besonders alter Baum stand, der das letzte Mal vor vielen Jahren Blätter getragen haben musste. Inzwischen war er brüchig und drohte jeden Moment umzustürzen.
„Warum fragen wir ihn nicht einfach, ob er nicht umfallen will?“
Es sollte mehr ein Spaß sein, doch sein Meister verstand offensichtlich etwas ganz anderes darunter. Sein Gesicht hellte sich auf, während er ihm lobend auf die Schulter klopfte.
„Du überraschst mich jedes Mal von neuem…“
Im ersten Moment wusste er nicht, was er mit den Worten anfangen sollte, doch als der Alte eine entsprechende Geste machte, trat er verwirrt ein paar Schritte zurück. Ehe er eine klärende Frage stellen konnte, schloss sein Meister die Augen und rammte seinen Stab auf den Boden. Zuerst schien es ganz so, als würde nichts passieren, doch allmählich fühlte er ganz schwach irgendeine Energie fließen. Er konnte es nicht benennen oder beschreiben, doch irgendwie schien es direkt aus der Natur zu kommen. Ein leises Knarzen, das schnell das Wasserrauschen übertönte, drang an sein Ohr und wurde zu einem lauten Bersten aus Holz. Entsetzt sah er, wie der alte Baum sich langsam regte und sich lautstark auf ihre Seite des Ufers neigte. Wasser spritzte, während er platschend halb in den Fluss und halb auf den Uferboden prallte. Gerade noch rechtzeitig sah er aus den Augenwinkeln einen Schatten auf sich zu rasen und sprang hastig zurück. An der Stelle, an der er noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte, lag nun der Übeltäter. Er wollte schon ausholen, um den langen Ast ins Wasser zu kicken, der ihn um ein Haar erwischt hätte. Gerade noch rechtzeitig überlegte er es sich anders.
„Hey, der ist wie für einen Wanderstab geradezu gemacht…“, sagte er mehr zu sich selbst. Bewundernd begutachtete er seinen Fund. Die Dicke und Länge stimmten genau. Es war fast so, als hätte der Wanderstab ihn gefunden und nicht er den Wanderstab.
„Und damit hätten wir schon zwei Probleme gelöst“, mischte sich sein Meister grinsend ein. Offenbar hatte er gehört, was er gesagt hatte. Bevor er etwas erwidern konnte, ließ ihn sein Meister verwirrt zurück und betrat als erster den Baumstamm, der nun quer über den Fluss ragte. Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse hatte er erst jetzt die Zeit, das zu realisieren, was geschehen war. Er blinzelte ein paar Mal. Wenn er seinen Augen noch trauen konnte, hatte der Alte seinen Vorschlag tatsächlich in Tat umgesetzt. Der uralte Baum, der vor kurzem noch friedlich am anderen Ufer gestanden hatte, bot ihnen nun einen sicheren Weg über den reißenden Fluss. Seinen neu gefundenen Stab gleich verwendend beeilte er sich, seinem Meister zu folgen, bevor es sich der Baum womöglich noch anders überlegte und nicht mehr jeglichen Naturgesetzen zu widersprechen versuchte. Sicher am anderen Ufer angekommen ließ er sich von dem dicken Stamm herunterfallen und schaute den Alten entgeistert an.
„Wie hast du das gemacht??“
Sein Meister grinste nur triumphierend.
„Ich habe dir doch gesagt – in diesem Stab stecken mehr magische Kräfte, als du dir vorstellen kannst…“
Jetzt, ganz allmählich begann er zu verstehen. Die Bücher über Magie, die er in der Hütte auf dem Regal gesehen hatte, waren offensichtlich nicht aus irgendeinem Zufall dort gestanden. Nein, der Alte hatte wie er jetzt gesehen hatte durchaus eine Verwendung dafür. Und die war sogar größer, als er es sich im Moment nur erträumen konnte. Sein Meister schien nicht nur ein erfahrener Druide zu sein, sondern auch ein Magier. Und augenscheinlich gehörte der magische Part genauso zu der Lehre wie das Wissen über Pflanzen, in das er ihm schon einen Einblick gegeben hatte. Er war sich sicher, dass ihm dieser Teil besonders viel Spaß machen würde, zumal er ja so gut wie nichts über Magie wusste.

Sie waren nicht mehr lange weitermarschiert, doch das Rauschen des Flusses war inzwischen längst hinter ihnen verschwunden. Vor ihm wurde sein Meister langsamer und blickte immer öfter um sich. Offenbar musste er sich orientieren und seine Erinnerung wecken, um den richtigen Weg wieder zu finden. Je weiter sie vordrangen, desto schweigsamer und ernster wurde auch der Alte. Bald würden sie da sein und niemand wusste, was kommen mochte. Auch er selbst spürte eine innere Anspannung. Er hatte Angst – Angst vor der Wahrheit und vor dem, was er finden würde.
Schließlich wurden sie immer langsamer, bis sie schließlich stehen blieben.
„Wir sind da.“



Kapitel 5:

Mit klopfendem Herzen trat er ein paar Schritte vor. Der dichte Nebel, der schon vor längerer Zeit aufgetaucht war, verdeckte die Sicht auf alles, was weiter als ein paar Fußlängen entfernt war. Die Umgebung wirkte dadurch umso unheimlicher und die Bäume, die noch vereinzelt standen, wie skurrile, bizarre Schatten, die mehr wie eingefrorene Kreaturen aussahen. In nicht allzu langer Entfernung begann eine Felswand, die sich soweit er sehen konnte nach oben erstreckte. Offenbar musste hier so etwas wie eine Klippe sein. Der trostlose Eindruck wurde vom braunen Waldboden nur unterstützt.
Aufmerksam sah er sich um, aber konnte auf den ersten Blick nichts Besonderes entdecken. Langsam ließ er sich in die Hocke sinken und streifte mit den Fingern über den Boden. Er warf dem Alten, der geduldig und wortlos wartete, einen hilflosen Blick zu und musste hart schlucken. Er hatte sich das anders vorgestellt. Und er hatte geglaubt, im richtigen Moment zu wissen, was er zu tun hatte. Doch da war nichts…die gleiche Leere in seinem Kopf wie wenn er an die Vergangenheit zurückdachte. Aber er hatte auch nie behauptet, dass es einfach sein würde, auch nur irgendetwas zu finden. Entschlossen erhob er sich und trat auf die Felswand zu. Doch sein nach oben gerichteter Blick konnte immer noch nicht mehr als Nebel ausmachen. Nervös trat er wieder ein paar Schritte zurück. Irgendetwas musste doch hier sein, was ihm einen Hinweis auf seine Vergangenheit geben konnte. Es war fast so, als wäre er damals geradewegs aus der Felswand herausgetreten und aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich bewusstlos geworden. Sein Blick konnte dort oben das Ende der Wand nur erahnen. Doch was war, wenn er von dort oben gekommen war? Er konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Aber auch das war nur eine leise Vermutung.
Da er oben sowieso nichts erkennen konnte, entschloss er sich, am Boden weiter zu suchen. Doch auch dort verlief seine Suche erfolglos. Jeder Stein, den er umdrehte, und jeder Baum, den er von oben bis unten musterte, hätte dort hunderte von Jahren unverändert stehen können und erweckte ganz und gar nicht den Eindruck, durch irgendwelche äußeren Umstände beeinflusst geworden zu sein. Einen kurzen Moment glomm in ihm ein schwacher Hoffnungsschimmer auf, sie wären am falschen Platz. Doch sein Meister schien sich seiner Sache ziemlich sicher.
Niedergeschlagen kehrte er der Felswand den Rücken zu. War das alles gewesen? Waren sie den weiten Weg hierher gekommen, nur um ein paar Steine und vertrocknete Bäume zu finden?
Sein Meister schaute ihn nur mitleidsvoll an. Niemand von ihnen hatte je gewusst, ob er hier etwas finden würde oder nicht und er musste es akzeptieren. Vielleicht war das ganze nur ein grausames Spiel des Schicksals und vielleicht hatte es hier mit ihm noch andere Pläne, als er selbst bisher gehabt hatte. Er war in einer Welt, von der er nie gehört hatte. Falls er einmal in einer anderen gelebt hatte, wusste er nichts davon. Und vielleicht hatte diese Welt ihn auch aufgenommen und wollte nun verhindern, dass er sie wieder verließ…er wusste es nicht.
Wieder warf er dem Alten einen Blick zu. Doch diesmal war er resignierend. Er wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, hier weiter zu suchen. Wenn diese Welt, Aurorae, ihn genommen hatte, konnte er das auch nicht mehr verhindern.

Als sie den Nebel verließen, war er beinahe ein bisschen erleichtert. Nicht nur, weil ihre Umgebung nicht mehr ganz so trist aussah, sondern auch weil er von jetzt an nicht mehr in ständiger Ungewissheit leben würde. In seinem Meister, der ihm sicher noch viel beibringen würde, hatte er ja bereits einen guten Freund gefunden. Und irgendwann würde er sicherlich auch mehr Freunde finden.
„Ich finde, wir sollten einen Namen für dich finden…“, unterbrach der Alte seine Gedanken.
Verdutzt schaute er ihn an. Darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht. Bisher hatte er schlichtweg keinen Namen gehabt.
„Wie wäre es denn mit Thûryon Daesir?“
Die Sicherheit, mit der sein Meister den Namen aussprach, verriet ihm, dass er schon länger darüber nachgedacht haben musste.
Thûryon Daesir…ihm gefiel der Klang des Namens.
„Was bedeutet er?“, fragte er neugierig.
„Der Intelligente und der Mutige. Ich finde, er passt mehr als gut zu dir.“
Er ließ sich den Namen und dessen Bedeutung noch einmal auf der Zunge zergehen. Wirklich ein sehr schöner Name – noch dazu ein aussagekräftiger. Es ehrte ihn, dass sein Meister ausgerechnet diesen für ihn gewählt hatte.
„Also mir gefällt er.“, schmunzelte er noch etwas überrollt.
„Schön, dann heißt du ab jetzt Thûryon.“, verkündete der Alte lächelnd. „Ich bin mir sicher, dass du ihm alle Ehre machen wirst.“

Thûryon war immer noch verwirrt, von dem, was er erlebt hatte. Er hatte es zwar akzeptiert, dass er von nun an hier leben würde, doch noch immer spukten in seinem Kopf hunderte von Bildern und Eindrücken herum. Er konnte einfach mit dem ganzen nichts anfangen. So konnte er sich nicht die Frage verkneifen, was damals passiert war, als der Alte ihn bewusstlos gefunden hatte. Lange überlegte er und fast wie beim ersten Mal hatte Thûryon das Gefühl, dass er gar nichts mehr sagen würde, als er endlich begann.
„Weißt du, als ich dich dort gefunden habe, hatte ich zuerst den Eindruck, dass deine Verletzungen rein körperlich waren. Doch inzwischen weiß ich mehr. Wer immer dir das angetan hat, hat es nicht nur mit seinen Waffen getan.“
Es war sichtlich nicht einfach für ihn, über dieses Thema zu reden.
„Thûryon…“, fuhr er eindringlicher fort, „das Böse hat dich berührt! Und du kannst von Glück reden, das überstanden zu haben.“
Erschrocken blieb er stehen. Er wusste nicht, was sein Meister mit ‚dem Bösen’ gemeint hatte und angesichts dessen, wie er über ‚das Böse’ sprach, legte er keinen gesteigerten Wert darauf, es herauszufinden. Wieder einmal wurde ihm klar, wie knapp er dem Tod entronnen sein musste. Umso mehr schätzte er, was sein Meister vollbracht hatte, indem er ihn dem Tod entrissen hatte. Jetzt verstand er auch, wieso er nie mit ihm darüber reden hatte wollen und wieso er versucht hatte, ihn von dieser vergeblichen Suche abzubringen. Er hatte Angst davor gehabt, dass Thûryon noch einmal in die Nähe dieser mysteriösen, bösen Kräfte kommen würde. Ein zweites Mal hätte er diese Begegnung wohl nicht mehr überstanden. Er wäre daran zerbrochen, wie er es um ein Haar auch beim ersten Mal geworden war…ohne auch nur den Hauch einer Chance.



Epilog:

Die Zeit, die sie für die Rückreise gebraucht hatten, war schneller vergangen als er gedacht hatte. Kein Wunder – sein Meister hatte ihn praktisch ununterbrochen weiter gelehrt. Als sie angekommen waren, wusste er nicht nur viel mehr über Aurorae, sondern die Schleier, die für ihn bisher alle Magie verdeckt hatten, hatten sich inzwischen ein gutes Stück gelichtet. Thûryon hatte es sogar schon geschafft, die Druidenmagie, wie er sie selbst nannte, am eigenen Leib zu spüren. Sein Meister betonte ständig, was für ein guter Schüler er sei und auch als Thûryon das erste Mal ganz leise Signale von den Bäumen gespürt hatte, freute er sich mit ihm.
Inzwischen waren viele Tage, Wochen, Monate und vielleicht auch Jahre vergangen, seitdem sie von ihrer Reise zurückgekehrt waren. Irgendwann hatte er es aufgegeben, die Tage zu zählen. An die Zeit vor seiner Erinnerung hatte er seither immer weniger gedacht. Dennoch hatte er es nie richtig vergessen können. Auf seine Fortschritte was die Magie anging war er sehr stolz und mittlerweile hatte er sich sogar schon richtig an den Umgang damit gewöhnt. Aber er war sich sicher, dass sein Erfolg nicht nur von seinem Ehrgeiz, sondern sehr wohl auch von seinem Meister herrührte. Thûryon konnte sich kaum vorstellen, jemals einen besseren Lehrer als den Alten zu treffen. Ebenso weise wie geduldig brachte er ihm nicht nur kurioses wie Zauber und Magie bei, sondern vermittelte ihm auch weiterhin Wissen über Pflanzen.

Erst vor wenigen Tagen hatte er erneut gespürt, wie sich seine Verbundenheit zur Natur stärkte. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sich nun auch mit den Bäumen unterhalten. Am Anfang war es zwar gewöhnungsbedürftig gewesen, doch allmählich gehörte auch das zu seinem durchaus abwechslungsreichen Alltag.
Wie an so vielen Tagen saß er wieder einmal an seinem Lieblingsplatz beim Fluss. Nachdem er lange die leisen Stimmen der Bäume um ihn herum gehört hatte, meldete sich allmählich sein Hunger. Sein Stab, an den er sich beim Aufstehen aufstützte, war inzwischen zu seinem ständigen Begleiter geworden. Schnell tauchte vor ihm die Hütte, wo sein Meister schon auf ihn warten musste, zwischen den Bäumen auf. Sofort merkte er, dass irgendwas nicht stimmte. Die Vögel und sogar die Stimmen des Waldes waren nicht mehr so fröhlich, sondern klangen eher kläglich und niedergeschlagen. Thûryon beschleunigte seine Schritte noch einmal und trat schließlich durch die Türe der Hütte. Das heißt, er stürzte eher hindurch, als dass er normal über die Schwelle ging. Fassungslos starrte er auf das Bild, das sich ihm bot: Der Alte lag vor ihm, zusammengebrochen…halb auf der Liege, halb auf dem Boden. Aber das schlimmste war nicht einmal, wie er dalag, sondern die Tatsache, dass er kein Lebenszeichen von sich gab. Entsetzt stürzte er auf ihn zu und sank neben ihm zu Boden. Verzweifelt schüttelte er ihn hin und her und schrie ihm zu, er solle aufwachen. Aber sein Kopf hing nur leblos herunter. Mit einer leisen Hoffnung schaute er an ihm herunter, doch sein Herz schlug nicht und seine Brust hob und senkte nicht mehr. Vom Donner gerührt brach er in Tränen aus. Was er in seinen Händen hielt, war nicht mehr als eine leblose Hülle. Sein so lieb gewonnener Meister war tot.

Er hatte völlig das Zeitgefühl verloren, als der niemals enden wollende Strom aus Tränen endlich doch versiegte. Dennoch hielt sich seine Trauer kaum in Grenzen. Der weise, alte Mensch, der ihn so herzlich hier aufgenommen hatte und ihn wie einen Vater gepflegt hatte, existierte nicht mehr. Thûryon hatte sich nicht mal von ihm verabschieden können. Etwas gefasster hob er den Körper des Mannes auf die Liege und erhob sich wieder. Erneut drohte die Traurigkeit ihn zu übermannen. Vor langer Zeit hatte er selbst hier einmal zwischen Leben und Tod gelegen und es war die Aufgabe seines Meisters gewesen, ihn zurückzuholen. Doch jetzt…So sehr er es sich gewünscht hätte – er konnte ihm nicht mehr zurückgeben, was er ihm gegeben hatte. Sein alter Meister war unwiderruflich tot. Aber warum er sterben musste, wusste er nicht. Entweder lag es schlichtweg an seinem Alter, oder er war einer solchen Begegnung mit dem Bösen erlegen, die Thûryon auch fast getötet hätte. Was immer es gewesen war – er hasste es dafür…von ganzem Herzen.
Wie konnte das Leben nur so grausam sein? Der Alte war der einzige Mensch gewesen, den er bisher in dieser Welt kennen gelernt hatte. Er war zu seiner Familie geworden. Und jetzt wurde ihm das alles auf einen Schlag und unvermittelt genommen. Unglücklich schloss er die Augen und versuchte tief durchzuatmen. Es half ihm zwar ein bisschen, nicht nur an den Tod seines Meisters zu denken, doch seine Niedergeschlagenheit konnte ihm auch das nicht nehmen.
Finster starrte er nach draußen, in das grüne Paradies, das nun nicht mal ansatzweise so friedlich wirkte wie früher. Wenigstens tröstete es ihn ein bisschen. Trotzdem gab ihm das ganze zu denken. Hier konnte er nicht bleiben. Er würde immer an den heutigen Tag erinnert werden. Er musste weg, weit weg. Irgendwo hin, wo er diesen Tag vergessen und wo der Alte in seinem Herzen weiterleben konnte. Entschlossen wandte er sich um und suchte nach einem geeigneten Behältnis, um wenigstens die wichtigsten Dinge mitzunehmen. Leidvoll schaute er auf die vielen Bücher. Ebenso wie die ganzen Kräuter, die sein Meister besessen hatte, konnte er sie nicht mitnehmen. Doch er wollte nie vergessen, wo dieser Platz lag. Vielleicht konnte das noch einmal wichtig sein in seinem Leben. Ja, er hatte sich entschieden. Er würde mit seinem Stab und der Tasche in irgendeine Richtung losmarschieren.
Am Ende der Lichtung drehte er sich noch einmal um. Eine einsame Träne kullerte seine Wange hinunter.
„Ich werde dich nie vergessen…“
Seine Stimme war zu einem kaum hörbaren Flüstern gesenkt. Vor ihm lag nun Aurorae – seine neue Welt, die ihn aufgenommen hatte und von der er jetzt schon einen kleinen Teil kannte. Sicher würde sie für ihn noch einige Überraschungen bereithalten. Vielleicht sogar positive, die er sich nie erhofft hatte, wer wusste das schon. Doch…Thûryon war sich sicher – diese Welt würde ihn gut aufnehmen…
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