'Der Beginn einer Reise' von Seragion

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Der Beginn einer Reise' von Seragion

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:34

Es war ein Hinterhalt!
Er sprang mit seiner Waffe in der Hand auf, doch noch ehe er aufgerichtet war, traf ihn der erste Schlag.
"Nun wirst Du bezahlen für Deine Freveltaten, Eislord!"
Eine Handbewegung gepaart mit dem rechtzeitigen Untertauchen des Oberkörpers, entwandt er sich aus dem Angriff, rollte sich ab und machte sich für die Abwehr bereit: "Ich begleiche Rechnungen immer gerne mit klingendem Metall!"
Er tauchte unter dem zweiten Angriff ab und stieß seine Waffe nach vorne. Zu spät erkannte er, dass sein Gegner dies vorhersah. Seine Brust wurde mit voller Wucht getroffen und er stürzte nach hinten. Schnell schleuderte er seine Waffe dem Gegner entgegen, dem nichts anderes übrig blieb als sich zu ducken. "Nun koste meinen Feuerball!", schrie er zu ihm.
"Feuerball? Seit wann kann ein Eismagier..." Die kleine Unaufmerksamkeit genügte. Schnell packte er den Fuß und riß ihn von den Beinen.
Als sich sein Gegner von dem Sturz erholt hatte, stand bereits sein Fuß auf dessen Brust. Genüßlich langsam hob er seinen Eichenstab vom Boden und tippte triumphierend auf die Brust des Besiegten: "Du bist tot! Schwertstich in die Brust - was für ein Verlust!" Seragion setzte ein breites Grinsen auf.


"Das war nicht fair! Ich hab Dich beim ersten Mal schon hart getroffen, dass Du Dich gar nicht hättest zur Wehr setzen können. Und dieser bescheuerte Ablenkungsversuch..." beschwerte sich Thomas.
"Unentschieden?"
"Ja, unentschieden!" stöhnte er. Thomas setzte sich auf und schnitt eine Grimasse. Seragion setzte sich daneben und warf den Eichenstab wieder ins Gras. Beide schauten sich in die Augen und konnten das Lachen über Ihre Kinderei nicht unterdrücken. Zwei erwachsene Kindsköpfe, die Räuber und Gandarm spielten.

Eine Hundegebell erklang von hinten. Als die beiden Freunde sich umsahen, erkannten sie, dass die anderen Hirten sich für den Heimweg bereit machten. Thomas winkte ihnen zu und gab ihnen zu verstehen, dass er mit Seragion später nachkommen würde. Der Abend war mild, wie nur selten zu dieser Jahreszeit. Er würde gerne noch einen Abend mit Seragion hier draußen verbringen, bevor der bittere Winter wieder Einzug hielt. Sie würden ein Lagerfeuer machen, sich die Sterne ansehen und sich bis in die tiefe Nacht hinein über all die Abenteuer unterhalten, die sie in Ihrem Leben unternehmen würden. Thomas freute sich darauf.

Es gab keinen Anderen im Dorf, mit dem er so etwas machen konnte. Keinen Anderen mit dem er solche Kinderspielchen machen konnte und trotzdem noch ernst genommen wurde. Keinen Anderen mit dem er sich verständigte, ohne ein Wort zu sprechen.

Seragion öffnete seine Beutel mit der heutigen Jagdbeute: "Heute ist mir ein Schneehase über den Weg gelaufen. Wenn Du ihn nicht wieder zu schwarzer Kohle brätst, könnte er sehr schmackhaft werden." Irgendwie gehörten die Sticheleien zu Ihrer Freundschaft. Es war genauso alt wie der spielerische Kampf zwischen dem 'Eislord' und dem 'Drachenritter', den die beiden seit Ihrer Kindheit ausfochten. Ein einfaches Einanderverstehen,... etwas Vertrautes,... etwas was nicht wegzudenken war und das Band der Freundschaft ausmachte.

Thomas machte noch keine Anstallten aufzustehen und ein Lager zu bereiten. Stattdessen nahm er einen Grashalm in den Mund, lehnte sich zurück und begann zu summen. Seragion griff noch einmal in seinen Beutel und zauberte einen großen Kuchen hervor, von dem er ein Stück abbrach und seinem Freund zuwarf.

"Sieht gut aus. Hat Deine Mutter Dir den mitgegeben?"

"Nein," antwortete er betont gleichgültig.

"Und seit wann kannst Du backen? Oh, bitte sag mir nicht, dass Du ihn gemacht hast, sonst wird er ungenießbar sein," feixte Thomas.
Seragion biss ein großes Stück ab und erzählte im gleichgültigen Ton weiter: "Als ich an Tanars Haus vorbeikam, gab man mir den Kuchen für Dich mit."

Thomas ließ den Grashalm aus seinem Mundwinkel sinken und dreht sich auf die Seite: "Für mich?" fragte er langsam. "Wofür sagst Du war der Kuchen?"

"Oh, laß mich überlegen. Wie waren noch die genauen Worte?... Ach ja: 'Ich habe ihn für Thomas gebacken. Wenn Du ihn nach der Jagd siehst, kannst Du es ihm bitte bringen?"

Thomas saß im gleichen Moment kerzengrade und riß die Augen auf: "DAS hat Tanar gesagt?"

"Nein, aber ihre kleine Schwester!"

Thomas sank wieder nach hinten und ließ dabei beide Arme nach hinten fallen.

"Ich glaube, sie ist schwer in Dich verliebt. In nur 5 Jahren wird sie volljährig. Ich glaube, sie ist eine gute Partie für Dich."

Thomas konnte Seragions Gesicht nicht mehr sehen, aber er wußte, dass er über beide Backen grinste. "Mach Dich nur lustig! Du weißt ja gar nicht, wie sehr Sehnsucht weh tun kann!" schmollte er.

Diesmal richtete sich Seragion auf: "Ach, Du blöder Depp! Erzähl mir nichts von Sehnsucht. Was hast Du für ein Problem? Du liebst sie und sie liebt Dich. Wo soll da der Schmerz sein?"

"Das ist nicht so einfach, wie es klingt..."

"Natürlich ist es einfach! Ihre Eltern behandeln Dich fast schon wie Ihren eigenen Sohn. Das halbe Dorf tuschelt schon darüber, wann es die nächste Hochzeit gibt,... Die Einzigsten, die Euch noch im Wege stehen, seit Ihr selber."

"Ich suche ja verzweifelt nach einer Gelegenheit, aber es kam noch nicht der richtige Moment..."

Seragion legte sich wieder auf den Rücken: "Da kannst Du lange warten..."

"Ach hör doch auf! Du wirst das verstehen, wenn Du auch mal verliebt bist. Das ist alles furchtbar kompliziert..."

"Was soll's! Ist sowieso besser, wenn Holzköpfe wie Ihr, sich nicht auch noch vermehren..."

Das war's! Das unsichtbare Startsignal. Thomas sprang auf Seragion. Der 'Drachenritter' hatte sich genug erholt, um dem 'Eislord' mit schlagkräftigeren Argumenten Manieren einzuprügeln.


~*~


Die Dunkelheit hatte die Berge umschlungen. Seragion und Thomas hatten auf einer Anhöhe Ihr Lager aufgeschlagen. Es war der Ausläufer einer der Berge, die den großen Talkessel umschlossen. Der Hang warf auf seinem Weg ins Tal ab und an einen kleinen Grat auf, so daß man von dort einen besonders großen Überblick hatte. Während man im Tal sehen konnte, dass die Lichter des Dorfs nach und nach erloschen, schien der Himmel seine Gestirne nach und nach in Position zu bringen.

Dort saßen nun die beiden Freunde. Die vorgerückte Nacht hatte die beiden verändert. Dort am Grat lagen nicht mehr zwei raufende und albernde Jungen sondern zwei ausgewachsene Männer, die versonnen in den Nachthimmel blickten. Seragion war der erste, der die Stille durchbrach - mit einer Frage, die ihm schon seit langem auf dem Herzen lag. Mit einer Frage, von der er selbst nicht den Sinn kannte und sie auch nicht in Worte fassen konnte. Und doch mußte er sie stellen, um die Frage selbst beantworten zu können.

"Was wirst Du tun...", er suchte nach den rechten Worten, "ich meine, was hast Du für Pläne für Deine Zukunft? Ich sehe Dich und Tanar und denke Ihr seid ein hübsches Paar. Was wäre Dein Wunsch für die Zukunft?"

Thomas ließ sich einen Moment Zeit für die Antwort: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir vielleicht in der Senke ein Haus bauen. Der Boden dort ist gut und ich könnte dort einen schönen Garten anlegen. Oder vielleicht werden meine Eltern uns einen Teil der Herde abgeben. Dann würden wir zu Hause wohnen bleiben... natürlich nur bis das erste Kind kommt..."

"Nein," unterbrach er ihn, "das meinte ich nicht. Ich meinte vor der Hochzeit! Möchtest Du nicht noch etwas Zeit für Dich haben?"

"Wozu? Ich liebe Tanar und wenn ich Glück habe, liebt sie mich auch. Wir könnten dann eine Familie gründen! Warum sollten wir warten, wenn das unsere Zukunft sein wird?"

Eine Pause entstand zwischen den beiden bis Seragion fortfuhr: "Möchtest Du nicht vorher noch etwas erleben?", versucht er erneut. "Die Welt sehen? All die Orte, von denen wir bisher nur gehört haben? Da gibt es noch so vieles, dass wir nicht kennen. Aber wenn Du eine Familie hast, bist Du gebunden. Du bist an das Dorf gebunden und an Dein Haus. Weißt Du noch als wir uns früher geschworen haben später einmal über die Berge zu ziehen, um uns das ewige Eis anzusehen? Oder wie wir geträumt haben, einmal am Meer zu stehen?"

Thomas erkannte die Aufrichtigkeit in seinen Fragen: "Ich weiß nicht recht... ja, das wollte ich alles gerne sehen. Aber das sind doch nur Jugendträume. Das hier ist real. Tanar ist real. Ich liebe sie wirklich mit ganzem Herzen und kann mir nicht vorstellen sie zu verlassen. Ich möchte gerne ein Heim für uns bauen. Ich stelle es mir sehr schön vor endlich einen eigenen Hof zu haben."

"War das immer schon Dein Ziel, einfach nur einen eigenen Hof zu haben?"

"Was ist los? Was willst Du denn mehr? Stell Dir das doch mal vor! Vier Wände, mit meinen eigenen Hände gebaut. Zu sehen wie Kinder heranwachsen, eine Herde zu haben und sie zu vergrößern. Was willst Du denn mehr erreichen? Wenn ich fleißig bin, könnte ich eine so große Herde wie Jordas in nur 5 Jahren haben. Dann bräuchte ich mir keine Sorgen mehr um unsere Zukunft zu machen." Doch er bekam nur ein Seufzen zur Antwort. "Du magst das noch nicht verstehen, aber so sehr wie ich Tanar liebe, ist der Platz, an dem ich mich zu Hause fühle, an Ihrer Seite. Was immer auch passiert, bei Ihr ist meine Heimat. Eines Tages wird Dir auch ein Mädchen den Kopf verdrehen und Du wirst wissen, was ich meine."

"Vielleicht!" nickte Seragion, nicht völlig überzeugt, von dem was er gesagt hatte.
Plötzlich setzte er sich auf und richtete seine Augen auf die Waldschneise. Thomas bemerkte seinen Blick und folgt der Richtung.

Der Talkessel war zu drei Seiten von den mächtigen Bergen umschlossen. Doch zur südlichen Seite hin gab es nur einen flachen Hügel, der das Tal vom dahinter liegenden Flachland abgrenzte. Von dort erstreckte sich der Wald, in dem Seragion oft jagen ging, über den Hügel bis tief in den Talkessel hinein. Niemand wohnte dort. Über den Hügel flossen die Rinnsale der Bergbäche und vereinigten sich auf der südlichen Seite zu einem Fluß. Das einerseits steinige und auch sumpfige Gelände bot genug Nährstoffe für den Wald, doch war ungünstig für Gärten oder Weiden. Deshalb gab es keine Hof dort draußen. Trotzdem konnten beide einen Lichtschein am Rande des kleinen Sees, der von den Bergbächen gespeist wurde, erkennen.

Um so länger sie hinsahen, um so sicherer war es, daß es sich um ein Lagerfeuer handelte. Es gab außer Thomas und Seragion kaum jemanden, der ein Lager außerhalb des Dorfes dem heimischen Bett vorzog. Das konnte nur eines bedeuten: Fremde!

Einen Augenschlag später loderte wieder das Feuer von zwei jungen Abenteurern in Ihren Augen, von zwei mutigen jungen Burschen, die ein neues Wagnis gefunden hatten. Die erwachsenen Männer blieben am Lager und hinunter liefen wieder die raufenden, albernen Jungen.


~*~


Beide kannten den Wald sehr gut und hatten schnell einen besseren Beobachtungsposten gefunden. Da waren sie! Eine Gruppe von etwa 8 oder 9. Sie hatten Ihr Lager nicht direkt am See aufgeschlagen. Drei Zelte waren aufgebaut. Eines davon war ein besonders großes in blauen und weißen Farben - größer als jedes Zelt, was die beiden je gesehen hatten. Auch die Zeichen auf den Zeltwänden waren nicht zu deuten. Sie sahen nicht wie ein Wappen aus und doch schienen sie eine Zugehörigkeit zu symbolisieren.


Und dann konnten sie plötzlich die Frauen sehen. Drei von ihnen waren besonders kräftig und groß. Sie trugen silberne Rüstungen mit Lederriemen. Neben ihren Zelten hatten sie Ihre langen Schwerter und Speere aufgestellt, jederzeit griffbereit. Ihre Haut war dunkler, als die der Frauen des Dorfes, was zeigte, dass sie mehr der Sonne ausgesetzt waren. Ihre Haare waren bis zu den Hüften gewachsen und hingen lose an Ihren seidigen Körpern herab. Ihre Bewegungen waren selbstsicher und Ihre Haltung würdevoll.

Die anderen Frauen waren in Gewänder gehüllt. Leichte wehende Stoffe, reich verziert mit Ornamenten. Auf Ihren Umhängen waren die gleichen geheimnisvollen Symbole zu sehen wie auf der Zeltwand. Ihre Bewegungen waren weich und geschmeidig. Fast als würden sie tanzen. Eine Handbewegung, eine Drehung, ein Gesang und plötzlich ein aufleuchtender Blitz! Es waren ohne Zweifel Frauen, die mit Magie umgehen konnten.

Thomas erschrak ein wenig. Noch nie hatten die beiden Freunde Menschen gesehen, die Magie beherrschten. Sie schauten sich gegenseitig an. Wie gerne würden sie einfach hinüber gehen und mit den fremden Frauen sprechen. Doch die Alten des Dorfes hatten ihnen zu viele Schauermärchen von den Amazonen und wilden Kriegern jenseits der Berge erzählt. Nun da sie Magie mit Ihren eigenen Augen gesehen hatten, schienen die alten Gruselgeschichten genauso real zu sein. Trotzdem war die Neugierde stärker als die Angst.

Seragion zeigte zu den dunklen Schatten auf der anderen Seite des kleinen Sees. Dort gab es eine Höhle, die einen Ausgang zum See hin hatte, direkt ans Wasser, und einen Eingang, versteckt hinter Büschen. Oft hatten sich die beiden dort bei schlechtem Wetter versteckt. Nun wäre es eine gute Möglichkeit, ungesehen näher an das Lager zu kommen.

~*~


Thomas hatte sich bis zu der Höhle geschlichen. Der Eingang war gut versteckt, so daß er sich relativ sicher fühlte. Trotzdem hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Seragion war mutiger als er gewesen. Oder sollte er besser sagen 'lebensmüde'? Er war auf den fixen Gedanken gekommen, er könne sich an das Lager heranschleichen und die Gespräche der Frauen belauschen. Zwar war Seragion als Jäger geübter darin sich anzuschleichen als Thomas, jedoch würde er sich hier nicht an ein Tier anschleichen, sondern an magiebegabte schwertschwingende Kriegerinnen.

Thomas legte sich auf den Bauch und nahm seinen Eichenstab in die Hände. Wenn doch bloß alles gut ginge! Seragion war jetzt schon recht lange fort! Vielleicht braucht er Hilfe! Thomas war sich sicher, er war rechts um den See gegangen. So krabbelte er langsam aus seinem Versteck und machte sich auf den Weg um nach seinem Freund zu sehen.

~*~

Der linke Weg um den See schien Seragion der erfolgversprechendste zu sein. Hier war das Gebüsch stark und der Schein des Feuers drang nicht weit in den Wald hinein. Er hatte durch Erfahrung gelernt, dass das Geheimnis des Anschleichens Geduld ist. Keine hektischen Bewegungen, sondern ein Verschmelzen mit seiner Umgebung. Seine Augen und Ohren tasteten den Weg ab.

Mit bedachten Bewegungen schlich er näher und näher an das Lager heran. Zu seinem Glück machten die Kriegerinnen genug Lärm, um eine heranstürmende Kuhherde zu übertönen. Sie lachten und sangen, als würde der Wald ihnen alleine gehören. Gut so! Das würde ihre Aufmerksamkeit senken.

Einer der Felsen am Rande des Sees war groß genug, dass sich Seragion dahinter zu seiner vollen Größe aufrichten konnte, ohne gesehen zu werden. Vorsichtig spähte er um den großen Stein herum. Da plötzlich...ein Geräusch aus dem Wasser! Eine Gestallt direkt hinter ihm. Seragion fuhr herum und blieb wie erstarrt stehen. Er war ertappt worden!

~*~

Thomas hatte schon fast die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. Vom Lärm her zu urteilen, war dort eine ganze Armee im Wald. Er hörte Trinklieder und Gesänge, die irgendeiner fremden Göttin gewidmet waren. Ab und zu war es kurz ruhig und nur eine Frau sprach, nur um danach vom Gelächter aller anderen wieder übertönt zu werden.

Vor Thomas lag nun eine Schneise, die etwa 3 Meter breit war. Zu seinem Pech gab es zwischen der Schneise und dem Lager kein schützendes Hindernis, so daß der Schein des Feuers den Platz mit voller Kraft anstrahlte. Er steckte seinen kleinen Finger in den Mund und begann am Fingernagel zu kauen. Wenn die Frauen so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, sollte es doch kein Problem sein in einem günstigen Moment dort hinüber zu sprinten...

~*~

Seragion stand und seine Glieder bewegten sich keinen Zentimeter.

Gerade war 'sie' vor ihm aus dem Wasser getaucht. Ihre Augen spiegelten das Mondlichter wieder und das Rot des Feuers funkelte in den Wassertropfen auf Ihrer nackten Haut. Ihre Figur war atemberaubend schön. Das Haar schien wie Seide zu glänzen und Ihre Gesichtszüge hätte kein Künstler der Welt so schön gestallten können. Ihre Haut glich nicht denen der Mädchen des Dorfes. Sie war glatt und makellos. Ohne Zweifel mußte sie eine Zauberin sein, denn sie hatte ihn in diesem Augenblick gerade mit Ihrem Antlitz bezaubert.

Plötzlich wurde sich Seragion bewußt, dass er seit einer ganzen Weile mit offenem Mund eine nackte Frau anstarrte. Mit einem Ruck drehte er sich um, ohne jedoch von der Stelle zu weichen. Er fühlte wie seine Wangen anfingen zu glühen. Bestimmt hatte er diese wunderschöne Frau beleidigt, verletzt oder gekränkt. Wie konnte er sich nur entschuldigen?

Da plötzlich wurde ihm bewußt, dass sie nicht aufgeschrien hatte. Im Gegenteil, sie war zwar genauso erschrocken wie er, doch hatte sie ihn genauso lange schweigend angeschaut wie er sie. Auch jetzt, da er sich abgewandt hatte, war keine Regung von ihr zu vernehmen. Langsam führte er seine Hand zu dem Kettchen, welches seinen Umhang am Hals zusammenhielt und löste es. Er nahm seinen Umhang ab und streckte ihn mit beiden Händen in ihre Richtung, ohne das Gesicht wieder zu ihr zu drehen. Eine Weile verharrte er, unsicher, ob seine Geste verstanden wurde.

Da endlich hört er, wie sie aus dem Wasser glitt. Für einen Moment streifte sie seine Hand, als sie in den Umhang glitt. Ein Blitz durchzuckte ihn. Als hätte er in ein Feuer gefaßt. Dass ihn aber nicht verbrennt, sondern statt dessen ein Feuer in ihm selbst entfacht, welches nun fortan in seinen Glieder brennen würde. Nachdem er ein 'Klick' vom Einrasten des Kettchens hörte, drehte er sich langsam zu ihr um. Von Nahem waren Ihre Augen noch schöner und er drohte gar darin zu versinken. Dort standen sie beide nun Auge in Auge. Keiner von beiden war in der Lage etwas zu sagen oder sich zu rühren. Der Moment schien eine Ewigkeit zu dauern.

~*~

Der Speer verfehlte ihn nur knapp und ließ nur eine leichte Schnittwunde an der rechten Wade zurück! Kalter Schweiß war auf Thomas Stirn. Er hatte zur gleichen zeit seine ganz eigene Begegnung mit den Fremden. Leider würde ihn ein Blick in die Augen dieser vor Zorn lodernden Amazone wohl das Leben kosten. So tat er das, was ein vernunftbegabter Hirte gegenüber einer trainierten Kampfmaschiene immer tun würde: Weglaufen! Thomas erinnerte sich an Seragions Worte: "Ein verängstigter Hase läuft immer in die falsche Richtung!" Doch die Richtung war ihm egal, nur weg von der Schwertspitze der Furie und aus der Schußweite ihrer Speere. Nur schienen die Angreifer plötzlich von überall zu kommen. In seiner Verzweiflung schrie er in die Nacht hinein.

~*~

Es war Thomas Stimme! Seragion erwachte wie aus einem Traum. Er riß sich vom Blick der Schönen loß und versuchte die Richtung des Rufs auszumachen. Im gleichen Moment merkte er, dass die fröhlichen Lieder der Amazonen sich in Schlachtenlärm gewandelt hatte. Thomas war entdeckt worden. Und man schien nicht glücklich darüber zu sein. Seragion machte einen Satz in die Richtung des Hilferufs, als die Schöne ihn am Arm packte. Ihr Blick war plötzlich voll Furcht. 'Geh nicht' schien sie ihm sagen zu wollen, ohne die Lippen zu bewegen. "Ich muß meinem Freund beistehen!", erklärte er kurz und eilte Thomas zu Hilfe.

~*~

Die Amazone rief Ihren Gefährtinnen zu, sie sollen ihm den Weg abschneiden. Von drei Seiten konnten sie diesen kleinen Strauchdieb, diesen Spion fangen. Zur vierten Seite war der See, welcher nicht besonders tief war. Würde er dort hineinspringen, wäre er ein leichtes Opfer für Ihren Speer. Niemand konnte sich im Wasser so schnell bewegen, dass sie ihn nicht treffen würde. Er würde für seinen Übermut bezahlen, sich mit den Frauen von Patria anzulegen.

"Heda, Krieger. Was jagt Ihr einen Menschen wie einwehrloses Tier?" Ein zweites Mannsbild war es, das dort rief. Und dieser schien noch frevlerischer zu sein. Wie konnte er es wagen, so breitbeinig und herausfordernd da zu stehen. Nun hatte er auch noch die Unverfrohrenheit und richtete Pfeil und Bogen auf die Amazone. Er wollte wohl die Aufmerksamkeit von seinem Freund ablenken. Nun gut, Ihre Aufmerksamkeit hatte er. Diesen Mann wollte sie lebend. Mit so viel Mut und Furchtlosigkeit würde er einen guten Preis als Sklave wert sein. Außerdem mochte sie es lieber, wenn eine Beute sich wehrte.

Sie packte Ihren Speer und hieß die anderen beiden Amazonen den Hasen weiter zu jagen. Sie würde sich mit den Zauberinnen um diesen Fuchs kümmern.

~*~

Eines der wichtigsten Dinge, die Seragion bei der Jagd gelernt hatte war, dass eine Beute nur dann gewinnt, wenn sie sich nicht wie Beute benimmt. Angst macht nur Kopflos. Und Selbstsicherheit läßt jemanden leichter in Fallen tappen. Die Amazone war einige Meter hinter ihm und folgte ihm in blinder Wut. Keinesfalls könnte er es mit Ihr im Zweikampf aufnehmen. Er hatte nur seinen Bogen und ein Jagdmesser. Doch beides hatte er noch nie auf einen Menschen gerichtet. Diese Frau war durchtrainiert und Ihr Speer war sicherlich nicht dafür gedacht Wild im Wald zu erlegen. Er war für eine Menschenjagd bestimmt!

'Doch dies ist mein Wald', dachte er bei sich. Du kämpfst in meiner Arena. Und Du magst noch so viele Freundinnen mit Dir haben: Ich habe hier meine ARMEE! Mit diesem Gedanken wirbelte er herum, spannte seinen Bogen und als sein Rücken auf dem Boden ankam, surrte der Pfeil von der Sehne.

Die Amazone nahm schützend Ihre Hände vor den Körper und duckte sich. Es war ein lang einstudierter Reflex. Der Pfeil sauste über ihrem Kopf hinweg. 'Dumme Furie! Dachtest Du der Pfeil war für Dich bestimmt'. "Heda! Begrüßt meine Armee! Vielleicht kannst Du Ihr lebend entkommen." Die Amazone begriff im ersten Moment nicht, was er meinte. Dann hörte sie plötzlich das wilde Summen aus dem Hornissennest, was neben Ihr auf dem Boden lag. Die Hornissenarmee war wütend über die nächtliche Ruhestörung und es war Ihnen egal, wem der Pfeil gehörte, der Ihr Nest vom Baum geholt hatte. Die Amazone und die Magierinnen waren Ihre Ziele.

Seragion nahm sich keine Zeit sich über die wild schreienden Frauen lustig zu machen. Mit schnellen Schritten sprang er seitlich in das dichte Geäst. Schnell wand er sich durch die Zweige, um sich aus Ihrem Sichtfeld zu begeben. Eine der Zauberinnen, die wild um sich schlug, versuchte Ihre Magie gegen die Hornissen einzusetzen. Ein Flammenstrahl entwich aus Ihren Händen. Seragion mußte schnell Distanz zwischen sich und die Frauen bringen. Als er bereits das Wasser des Sees sehen konnte, erwischte es ihn auf einmal.

Es war die Explosion eines Feuerballs, der ihn in die Luft schleuderte. Die Wucht zerriss die Luft um ihn herum und schleudert ihn fort. Mit einem Schlag prallte er auf die Wasseroberfläche. Kurz bevor er sein Bewußtsein verlor, spürte er wie Wasser durch seine Kleidung drang.



~*~



Es war dunkle Nacht. Das junge Mädchen stand in der Mitte des Kreises, den die Frauen gebildet hatten. Aus dem großen Zelt trat eine alte Frau in den Schein des Feuers. Ihr Gesicht war düster. Doch als sie das junge Mädchen erblickte, wurde es noch finsterer. Mit einer Handbewegung gab sie zwei anderen Frauen einen Befehl. Die Beiden traten vor und rissen dem jungen Mädchen den fremden Umhang vom Leib und warfen ihn in das Feuer. Als die Alte sich dem Mädchen näherte, konnte die junge Frau sehen, wie sich die Flammen in den müden Augen der anderen Frau widerspiegelte. Langsam neigte sie den Kopf. Sie kannte die Gesetze und den Schwur, den sie geleistet hatte. Sie würde die Strafe demütig annehmen.



~*~



Seragion erwachte vom morgendlichen Vogelgezwitscher. Sein Schädel brummte, als hätte er 5 Nächte durchgezecht. Nur langsam gewöhnten sich sein Augen an das Tageslicht. Und seine Glieder waren auch nur mit viel Überredungskunst dazu zu bewegen, sich aufzurichten. Neben ihm saß Thomas bereits. Mit dröhnendem Kopf besah er sich seinen Freund. Thomas hatte außer einem kleinen Verband an der Wade keine Verletzungen von der gestrigen Jagd aufzuweisen. Dafür spürte Seragion alle sein Knochen schmerzen. Die Welt war doch ungerecht. Wo Thomas so dumm war und sich erwischen ließ, hatte Seragion allein die ganze Prügel abbekommen.

Als Seragion dem Mann mit dem Amboss in seinem Kopf, befahl mit dem Lärm aufzuhören, hörte er sich Thomas Erzählung vom Tag zuvor an. Seragion war wohl durch die Explosion in den See geschleudert worden. Thomas hatte zuvor durch das Versteck in der Höhle beim See entkommen können und hatte seinen Freund aus dem See gefischt. Er hatte sich köstlich darüber amüsiert, wie er die Frauen noch eine ganze Weile kreischen hörte.

"Aber mach Dir keine Sorgen! Die sind jetzt weit fort. Sie haben heute morgen als es noch dunkel war Ihre Sachen gepackt und sind losmarschiert. Dürften inzwischen schon über alle Berge sein."

Seragion fuhr wie vom Blitz getroffen hoch. "Wir müssen zu Ihrem Lager!"

"Spinnst Du! Vielleicht haben die dort eine Falle aufgebaut und warten nur darauf, dass wir zurückkommen!" Doch Seragion war nicht aufzuhalten und ging bereits los.


~*~


Das Lager war verlassen. Nur ein Häufchen verbrannten Holzes, welches noch ein wenig glühte, erinnerte an das Lager von letzter Nacht. Seragion ging zu dem Felsen, wo er die Begegnung mit dem wunderschönen Mädchen hatte. Er bückte sich und streichelte über das Gras, als wolle er den Boden noch einmal berühren, auf dem sie stand. Er schloß kurz die Augen und ein tiefer Seufzer kam aus seinem Innern. Würde er die Frau jemals wieder sehen? Was hatte sie mit ihm gemacht, dass er den unbändigen Wunsch verspürte sie wieder zu sehen?

Als er sich ins Gras setzte, gesellt sich eine kleine weiße Maus zu ihm. "Na, kleiner Freund! Kannst Du mir nicht verraten, wo die hübsche Wasserfee geblieben ist?" Die Maus blieb stumm, lief aber auch nicht weg. "Es scheint so, als wäre der Wald heute besonders ruhig und friedlich. Als träumte er genauso wie ich vom gestrigen Abend." Das kleine Nagetier schien immer noch keine Furcht vor ihm zu haben.

Thomas kam zu ihm und reichte ihm ein kleines Kettchen. "Das habe ich im Feuer gefunden. Ich glaube, dass ist von Deinem Umhang. Sie haben ihn wohl gefunden und verbrannt."

Seragion nahm das Kettchen in die Hand. Nachdem er eine Weile versonne auf den See hinausgeschaut hatte, öffnete er seine Hand und beugte sich zu der kleinen weißengrauen Maus. "Wenn es möglich ist, dass eine Maus keine Angst vor einem Menschen hat, dann ist es auch möglich, dass ich die Amazonen wieder sehe." Verblüffender Weise sprang die Maus wie selbstverständlich in seine Hand. "Ich glaube, Du wirst mir Glück bringen."



~*~



An dem Tag, an dem Seragion von zu Hause fort ging, schien selbst der Himmel Trauer zu tragen. Der Nebel hing weit in das Tal hinein und die Sonne schien nicht bis zum Dorf durchzudringen. Seine Mutter weinte, als er sie zum Abschied küsste. Die Hand seines Vaters lag schwer auf seiner Schulter, doch sie hielt ihn nicht zurück. Nur seine kleine Schwester schien nicht ganz zu begreifen, was vor sich ging. Er gab Ihr einen Kuss auf die Stirn, als sie ihm freudig das Versprechen abnahm, etwas aus den großen Städten für sie mitzubringen.

Fast alle Dorfbewohner waren zum Abschied aus Ihren Häusern gekommen. Der Letzte, an dem Seragion vorbei mußte, war Thomas. Er lehnte am Tor und schaute Seragion nur fragend an: "Warum?"

"Erinnerst Du Dich an meine Frage am Lagerfeuer? Ich glaube, ich verstehe Dich nun. Deine Tanar ist hier und deshalb ist dies Deine Heimat. Ihr werdet eine schöne Hochzeit haben und viele Kinder bekommen. Ich wünsche Euch, dass Ihr eine glückliche Zukunft habt. Aber meine Zukunft... die liegt irgendwo da draußen. Und ich hoffe sie wartet bis ich sie finde." Seragion löste sich von der Umarmung und ging in den Nebel hinein.

"Wir wollen im nächsten Sommer heiraten," rief er ihm hinterher. "Wirst Du dann zurück sein?"

Seragion verschwand im Nebel. Er wußte, er würde bestimmt für viele Sommer nicht zurück sein. Als hätte sie seine Gedanken gelesen quiekte die kleine Maus in seiner Westentasche eine Zustimmung.
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