'Urieda' von Athaba

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Urieda' von Athaba

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:32

Langsam senkte sich die Dunkelheit über das winterliche Land. Jeder Schritt wurde gedämpft von der weißen Masse, die sich gleichmäßig über alles Leben gelegt hatte, um es im Frühling wieder freizulassen. Doch noch war es im scheinbar ewigen Schlummer des zeitlosen Winters gefangen. Die Sterne traten nach und nach an den klaren, samtblauen Himmel. Der Mond spendete ein wenig Licht. Läge der Schnee nicht, so wäre es finster gewesen, doch so glitzerte der Weg vor ihnen, als Reflektion der tausend Sterne über ihnen.
Der Wald war schon eine Weile hinter ihnen, und hier auf der Ebene war es kalt. Sehr kalt. Am Tag wärmte die Sonne die Haut mit ihren goldenen strahlen, aber Nachts unter freiem Himmel gab es nichts, dass die Wärme am Boden halten konnte. Nur durch die beständige Bewegung verhinderten sie das Erfrieren.
Ieras sah neben sich, verstohlen aus den Augenwinkeln. Athaba hielt sich noch tapfer, die kleinen Füßchen stapften beständig durch den Schnee. Die Decke über dem Umhang war eng um die kleinen Kinderschultern geschlungen. Da, wo die Händchen herausschauten, wurden die kleinen Finger langsam ebenso blau wie die Lippen in dem ernsten Gesicht. Die dunklen Haare erschienen durch die Dunkelheit um sie herum direkt schwarz und nicht nur braun. Einzig die Augen standen so hell wie immer in dem kleinen Gesicht, funkelten und täuschten über die Müdigkeit dahinter hinweg.
Gerne hätte Ieras Athaba hochgenommen, auf die Schultern gesetzt und getragen, ihr die Kälte und Lauferei erspart und sie schlafen lassen. Aber wenn sie jetzt einschlief, dann erfror sie. Ohne die Bewegung würde auch der Rest an Wärme aus ihrem kleinen Körper entweichen, und sie würde den nächsten Sonnenaufgang sich nicht mehr mit ihm gemeinsam ansehen können. Also musste sie laufen, so lange es nötig war. Hoffentlich kommt das verdammte Dorf bald.
„Es ist nicht mehr weit, Athaba. Dann suchen wir uns eine schöne, warme Stelle und schlafen ganz lange aus. Und wenn du aufwachst, dann schauen wir mal, ob wir irgendwo Frühstück bekommen. Und dann zeig ich dir einen neuen Trick. Na, was meinst du dazu?“ Er schenkte ihr sein bestes Lächeln, als sie ihn ansah. Sie versuchte, ganz tapfer zu sein, versuchte, nicht zu Jammern und erwachsen zu sein. Sofern das mit sieben Jahren möglich war, aber ihr Verstand bemühte sich, nach erwachsenen Regeln zu denken. Und so schenkte sie ihm das lange trainierte Lächeln und nickte. Zum sprechen war sie schon zu müde, und es war zu kalt, um herumzualbern.
Ieras beobachtete sie immer aufmerksam aus den Augenwinkeln, als sie ihren Weg fortsetzten. Sie mussten es schaffen, es musste sein. Sonst waren die vergangenen fünf Jahre umsonst gewesen. So durfte es nicht enden. Athaba musste es einfach schaffen.

Nach etwa einer halben Stunde kamen sahen sie endlich ein paar Lichter. Am Fuß des Hügels, den sie herunterwanderten, lag ein kleines Dorf begraben unter dem Schnee. Dicht standen die Häuschen aneinander. Beinahe sah es so aus, als wäre den Häuschen selbst kalt und sie wären deshalb besonders nah zusammen gerückt. Aus den Schornsteinen stieg Rauch langsam und tröstlich in den Nachthimmel. Nur noch in ein paar Häusern war jemand wach, die meisten schliefen schon seelig und sicher unter ihren warmen Daunendecken.
Wie von selbst beschleunigten sich die Schritte der beiden, und auf den letzten paar hundert Schritten nahm Ieras Athaba doch hoch und trug sie in das Dorf hinein. Vorsichtig huschten sie durch die Straßen. Wenn eine Wache sie verjagen würde, wäre das ihrer beider Tod in der elenden Kälte. Doch es kam keine Wache, und auch sonst niemand. Die Straßen waren so tot wie der Winter selbst, alles Leben war drinnen in den Häusern.
Ieras ging die Gassen ab und suchte nach einem Haus, bei dem der Schornstein an der Außenmauer entlang lief. Die meisten Häuser hatten den Schornstein in der Mitte, so dass sich die Wärme gleichmäßig in alle Zimmer verbreitete. Es gab nur noch wenige Häuser, die klein genug waren, dass dies sich nicht lohnte. Aber schließlich fand Ieras eine kleine Hütte aus Holz und Stein. Aus dem Schornstein kam ein beständiger, dicker Faden aschegrauen Rauches. Fast fragend hielt der Mann seine Hand gegen den Stein. Seine Finger waren leicht bläulich, seine Fingernägel schrecklich schmutzig. Noch immer verwunderte ihn dieser Anblick, früher war alles anders. Ganz behutsam legte er seine kalte Hand gegen die dicken Backsteine, und zog sie fast augenblicklich zurück. So kalt, wie sein Körper war, erschien ihm diese Stelle geradezu heiß.
„So, Athaba, wir haben unser Nachtlager gefunden. Jetzt machen wir hier noch den Schnee ein wenig weg... ja, so, fein... und jetzt leg dich hin an die Wand.“
Müde sank das Kind in sich zusammen, und zuckte kurz, als ihr Körper die warme Wand berührte. Aber schnell legte es sich hin, und Ieras legte sich dazu. Die Wand brachte ihm weniger Wärme als dem Kind in seinen Armen, und sein Rücken lag im Kalten. Besonders, wenn ein Windstoß an der Decke zerrte, spürte er den Frost. Doch solange sein Schützling sicher und warm da lag und selig schlafen konnte, war es ihm recht. Und es dauerte auch nicht lange, da war er eingeschlafen.


Es war derselbe Traum wie jede Nacht. Er träumte immer von diesem Tag, beinahe erschien es Ieras, als gäbe es gar keine anderen Träume. Oder als wäre er dazu bestimmt, immer zu sehen, was sein Leben verändert hatte.
Er hatte seine gute Rüstung an. Das Metall schimmerte fast weiß, wenn die Sonne darauf fiel. Dazu den langen, blauen Umhang, der leicht und weich war, mit vergoldeten Spangen an den Schulterstücken der Rüstung festgemacht. Seine Hand berührte das Symbol auf seiner Brust, wo es in das Metall eingraviert war. Hauptmann, ja, endlich Hauptmann über ein eigenes Kommando. Und welches Kommando! Fünf tapfere Männer, die eine fast heilige Pflicht hatten. Welch größere Ehre konnte es geben, als die zu beschützen, die schon tot geglaubt waren? Er war stolz, wie es ein Mann seines Alters nur sein konnte.
Der Tag war warm, ein schöner Frühlingstag. Die Vögel sangen in den Ästen der Bäume, dass einem das Herz überlief. Die ganze Welt war mit ihm am feiern. Sein Gorsak trank an dem nahen Fluss, an dessen Verlauf auch die Hütte lag. Er dachte noch nach, ob er seine Schützlinge besuchen sollte. Er beneidete Odeon, den er bewachen sollte, jedes Mal, wenn er seine Frau sah. Aritha war eine wunderschöne Frau, selbst die Schwangerschaft hatte sie nicht um einen Nim weniger begehrlich sein lassen, im Gegenteil. Und das Strahlen ihrer goldenen Augen war gewaltig, wenn sie ihre nun fast 2 Jahre alte Tochter hervorholte und stolz präsentierte. Athaba... ein hübscher Name, der Name von Odeons Mutter. Wie fast alle seiner Familie – wie seiner Art, musste man fast schon sagen – war sie getötet worden. Und weshalb? Nur wegen der Hoffnung ein paar weniger auf eine Zeit so golden wie das Scheinen deren Augen. Wer konnte etwas gegen diese Hoffnung nur einzuwenden haben? Es war nur eine Geschichte, ein Versprechen, keine Gewissheit. Und doch so gewiss, so sicher, sobald man in diese goldenen Augen sah.
Einer der Soldaten kam aufgeregt zu ihm herüber, machte Meldung. Er war ganz außer Atem, und der Hauptmann war alarmiert. Man hatte Spuren gefunden, aber nicht die der Gorsaks. Nein, Kremlon und seine Männer benutzten Pferde. Sie waren kleiner, schmäler, schneller, mit Fell bedeckt und sie rochen streng. Und sie wurden über und über mit Eisen behangen, um sie zu panzern.
„Wie weit von hier?“ Er hörte seine eigene Stimme, wie sie unsicher wurde.
„Keine zweitausend Fuß von hier, Hauptmann Urieda.“
„Verdammt...“ Das war zu nah. Das war zu dicht an der Hütte, Kremlon konnte sie gar nicht übersehen.
Noch während er diese Gedanken hatte, rannte er zu seinem Gorsak. Sein Schwert schlug ihm mit jedem Schritt hart gegen das Bein, und der Mantel drohte sich mit der Schwertscheide zu verheddern, als er schnell aufsaß. Seine Männer waren kaum langsamer als er selbst, als sie sich auf den Rücken ihrer Tiere sprangen und ihrem Hauptmann hinterher durch den kleinen Wald preschten.
Das Trommeln der Hufe klang fast so laut wie das aufgeregte Schlagen seines Herzens, als sie den Wald verließen und die Hütte vor ihren Augen auftauchte. Sie lag so friedlich und idyllisch an diesem kleinen Flusslauf, so harmonisch stand sie im Sonnenlicht. Die Vögel sangen, als gäbe es nichts schlimmes auf der Welt. Und auch die schwarzgepanzerten Pferde schienen friedlich, wie sie so vor der Hütte standen. Alle hatten Reiter auf ihren Rücken, bis auf eines.
Ohne zu zögern oder auch nur zu überlegen, schwärmten die Gorsaks in breiter Formation aus und preschten auf die Berittenen zu. Die blauen Umhänge seiner Männer flogen hinter ihnen her, stark kontrastierend zu den schwarzen Umhängen der anderen, die sich ihrem Angriff stellten.
Der Aufprall war kurz und gewaltig. Er hackte nach Links und nach Rechts mit seinem Kurzschwert, während sein Gorsak weiter vorwärts drängte. Er hörte das Geräusch von Stahl auf Knochen, von Schneiden und splittern und sterbenden Männern. Er blickte sich nicht um, ob es die seinen oder die ihren waren. Er musste zur Hütte, ehe es zu spät war.
Noch ehe sein Tier angehalten hatte, löste er seine Füße aus den Steigbügeln und stieg ab, das blutige Schwert in der Hand. Die Hütte lag so still da, so verdammt still... Die Tür stand offen und er trat ein.
Das Bild war entsetzlich. Aritha, die schöne, zarte Aritha, lag geköpft neben dem Kinderbett. Blut strömte wie ein nie enden wollender Strom über die blanken Holzdielen. Ihr Mann, Odeon, lag knapp neben ihr, seine Brust soweit aufgerissen, dass es ihn fast gespalten hätte. Und Kremlon stand da, mit den Füßen im Blut der Getöteten, und hielt das Kind der beiden in beiden Armen. Es weinte nicht einmal.
Kremlon musste ihn bemerkt haben, denn er drehte sich ganz langsam zu ihm um, ohne das Kind jedoch los zu lassen. „Urieda“ Unter dem Helm spannten sich die Wangenmuskeln zu einem düsteren Lächeln.
„Lass sie los, Kremlon. Sofort. Seine Stimme war ganz ruhig, aber bestimmt.
„Das glaube ich nicht, Makota. Ich darf dich doch so nennen? Die kleine Hure in der Taverne durfte es.“
Er überlegte kurz, es verunsicherte ihn. Die Frau in der Taverne, die mit ihm seine Beförderung gefeiert hatte? Woher kannte Kremlon sie? Das Schwert sank einige Nim tiefer, als sein Geist arbeitete.
„Was denn, hat der große Makota Urieda etwa einen Fehler gemacht? Hat er sich Geheimnisse entlocken lassen, die man ihm unter Folter nicht entlocken können sollte?“ Ein böses Lachen kam aus Kremlons Kehle, dass durch den Helm metallisch klang.
Das Schwert sank noch ein paar Nim. Vor einer Woche, da hatte er mit seinen Männern gefeiert, in einer Taverne. Da war auch dieses Mädchen mit den dunklen Haaren und den vollen Lippen gewesen, das sich so sehr für ihn interessiert hatte. Sie hatten zusammen getrunken, viel getrunken, und dann... Urieda erinnerte sich nicht, aber er müsste sich erinnern! Er überlegte, und in seinem Geist war es, als ob ein Mückenschwarm laut summen würde, um die gesprochenen Worte zu übertönen. Er wusste nicht mehr, was er zu ihr gesagt hatte. Er wusste es nicht mehr! War er zum Verräter geworden? Hatte er alles beraten, was zu beschützen er geschworen hatte? War er an diesem Blutbad schuld?
Der junge Hauptmann hatte nicht bemerkt, wie Kremlon das Kind abgesetzt hatte und sich ihm genähert hatte, mit dem Schwert. Den Schlag, der kam, konnte er gerade noch im letzten Moment blocken. Kremlon lachte unter seinem Helm metallisch, und die beiden schlugen fast blindlings aufeinander ein. Von hoher Schwertkunst war dieser Kampf weit entfernt. Die beiden Männer hassten einander so sehr, dass sie sich gegenseitig nur vernichten wollten.
Stahl traf auf Stahl, wieder und wieder. Der Tisch im Raum wurde umgestoßen, Urieda von Kremlon gegen ein Regal gestoßen, das daraufhin einige Bücher herauspurzelten.
„Gib auf, Urieda. Ich gewinne, und du wirst tot sein. Es ist unabwendbar. Deine Männer draußen verlieren. Auch wenn du mich besiegen solltest, du und das Mädchen werdet tot sein.“
„Niemals. Du kriegst sie nicht. DU NICHT!!“
Mit einem letzten verzweifelten Angriff schlug Ieras so hart zu, wie er nur konnte. Sein ganzer Zorn und Hass schlugen auf Kremlon in diesem einen Aufbäumen ein. Er wollte nur einen letzten Schlag anbringen, ehe das unabwendbare geschehen würde. Und dann geschah es.
Seine Klinge traf mit einer unbändigen Wucht auf die seines Rivalen, und es klang wie ein Glockenschlag, als Kremlons Klinge zerbarst und in glitzernden Funken niederging. Urieda wartete nicht lange, sondern setzte gleich nach und schlug dem Mann auch noch den Griff schwungvoll aus der Hand. Kremlon taumelte zurück und stolperte über Arithas ausgestreckten Arm. Er konnte mit der schweren Rüstung sein Gleichgewicht nicht halten und setzte unsanft mit seinem Hintern auf dem Boden auf. Das Kind, welches bislang ruhig geblieben war, fing an, in seinem Bettchen zu schreien und zu weinen und seine Mama zu rufen.
Urieda riss seinem Feind den Helm vom Kopf. Kremlon war schon alt, weiße Strähnen durchzogen sein schwarzes, glattes Haar. Seine Haut war sehr hell und faltig, seine Augen dunkelblau und sehr kalt. Der junge Hauptmann hielt dem Älteren seine Klinge an den Hals.
„Hast du noch etwas zu sagen?“ Seine Stimme klang kalt in seinen eigenen Ohren. Doch Kremlon lachte. Es war ein böses, hämisches kleines Lachen, als wüsste er etwas, das Urieda entgangen war.
„Töte mich ruhig, Makota. Es wird nichts daran ändern. Vielleicht überlebst du heute, vielleicht auch morgen, aber wir werden die kleine bekommen. Und du wirst sie nicht beschützen können. Deine Arme werden zu schwach werden, ein Schwert zu führen, und du wirst alt werden. Ihren zwanzigsten Geburtstag wirst du nicht erleben!“
Urieda wusste nicht, warum er ihn so lange hatte reden lassen. Warum er dieses ganze Gewäsch sich anhörte. Aber er wartete, bis Kremlon mit einem erneuten Lachen endete, und stieß ihm dann die Klinge von vorne in den Hals. Das Lachen wurde zu einem langsamen, schwachen Gurgeln. Kremlon hielt sich noch an seinen Armen fest, als könne er dadurch die Klinge wieder herausziehen, ehe er zu Boden sank.
Draußen klirrte noch immer Stahl auf Stahl, aber es wurde leiser und weniger. Urieda ging zu der weinenden Athaba hinüber. Sein Schwert legte er auf das Gitter des Bettchens so in die Ecke, dass es nicht herunterfiel, und nahm sie hoch. Sein Gesicht und seine Hände waren blutig, und so beschmierte er das Kind, als er sie zu beruhigen suchte. Erst weinte sie nur noch mehr, aber irgendwann hatte sie ihre Hände in seinen blonden Locken vergraben und schluchzte nur noch leise.
Die Tür ging auf, er drehte sich nicht einmal danach um. Wenn Kremlons Männer gesiegt hatten, war es ohnehin nutzlos. Er hatte getan, was er tun konnte, um seinen Fehler wieder gut zu machen. Auch wenn er nie wieder gut zu machen war. Er hatte den Standort preisgegeben, und seinetwegen waren Aritha und Odeon nun tot, und seinetwegen war Athaba in höchster Gefahr. Es war alles seine Schuld, es war nur recht, wenn er dann auch mit dem Leben bezahlen würde.
Doch kein Schwert drang ihm in den Rücken, sondern einer seiner Leute räusperte sich. „Hauptmann? Sie sind besiegt. Es... es ist furchtbar, dass wir nicht schneller waren. Wir sollten hier weggehen und Meldung machen. Hauptmann?“
Er brauchte eine Weile, bis er die Worte verstand, erst dann drehte er sich mit dem Kind im Arm um. „Ich werde keine Meldung mehr machen. Eskodas, du nimmst die Männer und führst sie heim, machst Meldung über das, was passiert ist. Ich komme nicht mit.“
„Aber Hauptmann Urieda! Wir müssen das Mädchen sicher hinbringen. Sie ist doch die einzige Überlebende!“
„Ja, die einzige. Aber Mauern haben die anderen nicht beschützt, auch keine Waffen und keine Wächter. Nein, dort ist sie nicht sicher genug. Jemand könnte reden und sie damit verraten. Wir haben ja gesehen, wie sicher das Verstecken war.“
Nein, es war zu unsicher, zu leicht zu durchbrechen. Es musste nur ein einziger Mann noch einmal so schwach sein wie er. Nur einer solche Schuld noch einmal auf sich laden.
Athabas Hand hatte sich in seine blonden Locken gegraben. Er sah auf die kleinen Kinderhände, die sich so an ihm festhielten, die bei ihm Zuflucht suchten. Beim Verräter ihrer Eltern suchte dieses kleine Wesen in seiner Unschuld nach Zuflucht und Schutz. Die Gefühle waren seltsam, die den Mann da durchfluteten, doch er wusste, dass er ihr etwas schuldig war. Eine Schuld, die er in hundert Leben nicht ableisten könnte, aber er musste es zumindest versuchen.
„Ich nehme sie mit mir, weg von hier. Weit weg, wo man sie nicht finden kann.“
„Wo man sie nicht...? Aber ihr wisst doch, dass sie sie suchen werden, und wenn sie sie nicht finden, dann suchen sie euch!“
„Ja, ich weiß, ich werde deshalb nicht als Hauptmann durchs Land reiten. Nein, ein neues Leben brauche ich, brauchen wir. Ich habe viel gelernt in meinem jungen Leben, das muss reichen.“
„Aber Hauptmann Urieda, ihr könnt doch nicht...“
„Doch, ich kann. Und nicht Urieda. Urieda ist heute hier gestorben, ist das klar? Alle sind hier gestorben. Solange das gesagt wird, wird sie sicherer sein. Urieda gibt es nicht mehr. Nur noch... Ieras.“

Der Morgen brach an in Tönen von Grau und Gold, und Ieras wurde wach. Die Wand, an der er und Athaba die Nacht verbracht hatten, war mittlerweile wieder kalt. Das Feuer im Kamin dahinter war heruntergebrannt und erloschen.
Er hob vorsichtig den Kopf und sah auf das Bündel Mensch zwischen ihm und der Wand. Athaba schlief noch, aber regte sich bereits.
„Aufstehen, Prinzessin. Es gibt heute Arbeit, wir wollen doch ein warmes Mittagessen.“
Athaba streckte sich und schlug die goldenen Augen auf. Die kurze Traurigkeit überkam ihren Ziehvater wieder, wie jedes Mal, wenn er in diese goldenen Augen nach dem Aufstehen blickte. Er hatte ein ebenso wundervolles Augenpaar erlöschen lassen.
Aber er lächelte und stand auf. Den gefallenen Schnee klopfte er säuberlich von der Decke ab, die sie beide zugedeckt hatte, und rollte sie auf. Athaba überprüfte derweil die Vollständigkeit all ihrer Sachen. Morgendliche Routine.
Als alles zusammengewickelt und verstaut war, gingen die beiden Hand in Händchen zum Mittelpunkt des Dorfes. Alle Dörfer waren gleich, auch hier würde die Gaststätte zu finden sein und der Brunnen .Und falls Markt war, würden auch hier die Stände der fahrenden oder sesshaften Händler stehen. Und sie hatten Glück, es war Markt.
So früh am Morgen waren die Stände noch nicht geöffnet, aber die ersten Händler bauten sie schon einmal auf. In der Kälte knirschte das Holz besonders laut, wenn sie es zu ihren Tischen und Bänken aufbahrten und die Ware darauf anrichteten. Ieras und Athaba sahen ihnen vom Brunnen aus zu, während sie sich wuschen. Wie alle kleinen Kinder wusch sich Athaba nicht so gerne, erst recht nicht mit kaltem Wasser, aber nach einer kleinen Wasserschlacht waren sie beide zwar völlig verfroren, aber sauber. Und die Stände standen auch und boten ihre Waren feil.
Ihr Ziel war ein Bäckerstand, direkt vor der Bäckerei. Das Brot war noch warm, und so zog es dicke Schwaden in der winterkalten Luft. Der Mann dahinter war ein rundlicher Glatzkopf mit gesunder Wangenfarbe und kleinen Schweinsäugelein.
„So, Atha, los geht’s. Du weißt noch, wie es funktioniert?“
Der vorwurfsvolle Kleinmädchenblick sagte alles. „Natürlich.“
Es klang so vorwurfsvoll, wie es nur von einer Fünfjährigen klingen konnte.
„Tut mir leid. Na dann, leg los.“
Und schon stapfte das kleine Mädchen von dannen und bezog seinen Posten vor dem stand des Bäckers. Sie stand einfach nur da und schaute mit großen, hungrigen Hundeaugen auf die Brote. Ein Anblick zum Steine erweichen, aber nicht genug für einen Händler.
Die Zeit verrann, und ein paar Leute kamen auf den Markt, um einzukaufen. Viele gingen an dem Kind vorbei und sahen die großen, flehenden Augen. Vor allem die Frauen begannen damit, einen mitleidigen Blick aufzusetzen und den Händler vorwurfsvoll anzuschauen. Das konnte dieser natürlich nicht an seinem Stand gebrauchen, schließlich wollte er verkaufen. Aber diesem heruntergekommenen Streunerkind wollte er auch nichts schenken, sonst kämen am nächsten Tag zehn weitere. Also versuchte er, sie zu verscheuchen, wie einen streunenden Hund.
„Ksch!.. Kleine, gehe weg, du verdirbst mir das Geschäft. Los, hopp, weg da! Ksch!“
Athaba schob die Unterlippe schmollend vor, als der Händler redete. Als er seine Worte mit Handbewegungen unterstrich, zitterte diese kleine Kinderlippe geradezu warnend. Bei einem weiteren „Ksch“ schließlich heulte Athaba los. Nicht, dass sie nur ein paar Tränchen verlor, nein, sie schluchzte und wimmerte und begann leise nach ihrer Mama zu rufen. Das fand der Händler natürlich gar nicht lustig, und nachdem dieses Kind auch nach weiteren „Kscht“s und „hau ab“s noch immer dastand und weinte, machte er das einzige, was er tun konnte. Er verließ seinen Stand, um das Kind zu verscheuchen.
Ieras hatte sich bedeckt gehalten, um nicht gesehen zu werden, und hatte in der Nähe gewartet und beobachtet. An seiner Prinzessin war eine große Schauspielerin verlorengegangen. Auf Befehl losheulen, das musste man erst einmal können.
Als der Händler wegging, schlenderte er gemütlich zu den Ständen. Er schaute schnell aus den Augenwinkeln, ob die Aufmerksamkeit aller auch Athaba galt, die mit herzzerreißenden Schluchzern nach ihrer Mama schrie. Als er sich sicher war, dass alle hinreichend beschäftigt waren, schnappte er sich einen großen Leib Brot und verbarg ihn unter seinem Mantel. Für Athaba gut sichtbar verließ er den Platz in Richtung Seitengasse. Das Kind holte schließlich zum Endspurt aus, schlug wild um sich und stürmte dann tränenüberströmt davon, erst einmal in die andere Richtung.
Die wenigen, die sie verfolgten, hängte sie ab, als sie über einen Stapel Holzscheite kletterte. Das Dorf war klein genug, als dass sie die Gasse, in die ihr Ziehvater verschwunden war, schnell finden konnte. Er wartete bereits mit dem noch warmen Brot, und beide aßen freudig und beglückwünschten sich zu ihrer Gerissenheit.

Nach dem Mahl ruhten sie sich aus und spielten und scherzten einfach ein wenig. Es gab nichts besonderes zu tun, und Geld machen konnten sie auch später. Vielleicht genug, um in der Gaststätte zu schlafen. Vielleicht würden sie hier sogar ein paar Wochen bleiben.
Ein Mann kam in die Gasse, langsam, mit schweren Schritten. Sein hämisches Grinsen kam Ieras bekannt vor. Der Streuner sah sich schnell nach Fluchtmöglichkeiten um und bemerkte die anderen zwei Gestalten, die von der anderen Seite der Gasse kamen.
Er unterdrückte einen Fluch und stand mit Athaba auf.
„Prinzessin, Schatz, wir sollten weiter arbeiten. Gehst du schon vor auf den Marktplatz und hältst nach einem wohlhabenden Kunden Ausschau?“
Das Kind merkte, dass etwas nicht stimmte. Für ihre jungen Jahre war Athaba schon sehr erwachsen – sofern man das sagen konnte. Sie hatte gelernt, schnell erwachsen zu werden, es blieb ihr nichts anderes übrig. Und so schüttelte sie erst heftig und ängstlich den Kopf. Erst der stechende Blick aus Ieras blauen Augen sagte ihr, dass es sein musste, und so rannte sie fast von dannen. Dabei drehte sie sich alle paar Schritte um, als wolle sie doch alles mit ansehen. Aber genau das wollte Ieras ja gerade nicht.
Die Männer ließen das Kind vorbei und umzingelten mit breitem Grinsen ihr Opfer.
„Da hab ich so lange gesucht nach dir und dem Kind, und nun führt der Zufall mich doch zu dir, Urieda. Du wirst alt.“
„Was heißt hier alt, Erikarr? Ich bevorzuge erfahren und weise.“
„Wenn du so weise bist, warum lässt du dich dann umstellen?“
Ieras tat die Bemerkung mit einem verächtlichen Grunzen ab. „Wieviel Kopfgeld bieten sie für mich und das Kind? Sind wir schon bei dreihundert angelangt?“
„Dreihundert? Nein, die hast du schon vor einem halben Jahr überschritten, als du mir in Holth durch die Lappen gegangen bist. In der Zwischenzeit ist euer Preis gestiegen, auf sechshundert.“
„Hui, davon kann man sich lange verwöhnen lassen. Schade, dass du es nie ausgeben wirst. Und wieso dir in Holth entkommen? Du warst doch gar nicht da.“
„Ich war auf deiner Spur, nur nicht so weit wie Redak. Ich frage mich immer noch, wie du es geschafft hast, zwei seiner Männer zu töten. Der Fluch hätte dich schon längst unschädlich machen sollen, alter Mann. Aber wahrscheinlich waren seine Männer Schwächlinge, genau so wie er auch.“
„Wenn du das meinst“ Ieras zuckte leichthin mit den Schultern.
„Weißt du, Urieda, du machst es einem wirklich nicht leicht. Weißt du, was für eine Arbeit es macht, dir zu folgen? Erst durch halb Mountrados nach Norden hin durch, dann plötzlich nach Südosten nach Il’ya, weiter nach Süden nach Holth. Dann Plötzlich wieder nach Norden, in dieses scheußlich kalte Amorath, und nun wieder südlich? Wohin willst du eigentlich laufen? Shimari, weil dort Magie so sehr geliebt wird?“
Ieras zog nur fragend eine Augenbraue hoch, ehe er redete. „Noch eine Frage, Erikarr. Willst du mich totquatschen mit deiner Selbstgefälligkeit, oder bringen wir es hinter uns?“
Das Grinsen des angesprochenen nahm diabolische Züge an, und wie eine Einheit zogen alle drei Männer ihre Schwerter. Ieras stand einfach nur da, mit herabhängenden Armen, und rührte sich nicht. Der Wind blies sachte ein paar Schneeflocken von den Dächern, so dass sie herunterwirbelten. Beinahe sah es so aus, als würde es wirklich schneien.
Der erste Mann schlug zu mit seinem Schwert, aber Ieras drehte sich vor dem Schlag weg. In derselben Drehung rammte er dem Mann seinen Ellbogen in den Hals. Dieser keuchte auf, als seine Kehle eingedrückt wurde und den Luftweg blockierte.
Noch im selben Herzschlag drehte Ieras sich auch schon wieder auf dem Absatz, wich dem zweiten Schlag aus und parierte Erikarrs Schwert mit dem des Atemlosen, indem er dessen Hand einfach packte und hochhielt. Dieser Schlag war so heftig, dass das parierende Schwert zu Boden fiel.
Erikarr brüllte auf vor Wut und setzte sofort nach. Ieras ließ sich auf die Knie fallen, so dass der Schlag über ihn hinweg ging, und ließ sich dann ganz auf den Rücken hinab, um dem Schwert des zweiten auch noch auszuweichen. Mit seinem Fuß hakte er sich schnell in die Kniekehle von letzterem ein und zog kräftig, so dass dieser vorwärts taumelte. Erikarr hatte sein Schwert bereits zum Schlag ausgeholt und wollte zustechen, als sein Kumpane gegen ihn stieß und den Hieb gegen Ieras mit seinem Leib abfing. Das Gewicht riss die Klinge mit zu Boden, als dieser blutend und röchelnd zusammenbrach.
Plötzlich sah sich Erikarr Ieras allein gegenüber. Sein erster Kumpel lag röchelnd und erstickend am Boden und hielt sich die Kehle, als könne er so den Kehlkopf wieder herausziehen, und der Zweite ertrank grade an seinem eigenen Blut, das an dem noch tief feststeckenden Schwert ihm langsam in die Lunge lief.
Schnell bückte sich der Kopfgeldjäger und hob das Schwert des ersten auf, um Ieras damit auf Abstand zu halten. Dieser stand ruhig und gelassen wie der Tod selbst da und betrachtete sein gegenüber aus kalten, blauen Augen.
„Wir können doch alles friedlich regeln. Nicht wahr, Ieras. Ich meine, ich vergesse einfach, dass ich dich gesehen habe, und dass du nach Shimari wolltest, und die Kleine, und überhaupt. Ich meine, du hast recht, ich kann nichts mehr ausgeben, wenn ich tot bin, und... na ja, du weißt schon, war nur was geschäftliches.“
Ieras blieb ganz ruhig, seine Stimme war sehr gelassen. „Ja, nur etwas geschäftliches, das verstehe ich. Du musst ja auch von etwas leben, nicht war, Erikarr. Du bist ja ein ehrlicher Mann mit einem ehrlichen Geschäft.
Nur leider kann ich dir genau deshalb nicht trauen.“
Der Angriff kam so schnell, dass Erikarr ihn nicht einmal sah. Die Klinge war in Ieras Ärmel versteckt gewesen, durch eine leichte Bewegung war sie auch schon in seiner Hand. Ieras war vorgesprungen und hatte seine Klinge ihm direkt zwischen die Rippen gestoßen, durch die Lunge, und das Herz angeritzt. Ein Dolch war nicht so lang wie ein Schwert, aber lange genug, um jemanden zu töten.
Mit seiner Linken Hand hielt Ieras Erikarrs Rechte fest, die das Schwert hielt. Ganz langsam ließ er den Kopfgeldjäger zu Boden gleiten, ohne die Klinge aus ihm herauszuziehen. „Auch wenn ich kein Schwert mehr halten kann, bin ich nicht ungefährlich. Unterschätze niemals einen unbewaffneten Mann, Erikarr. Schon gar nicht einen Mann mit einem Ziel.“
Ieras war sich nicht sicher, ob der Mann ihn noch hören konnte, oder ob er schon tot war. Der erste Angreifer kämpfte noch immer um sein Leben und verkrampfte sich, als er nach Atem rang. Ieras verdrehte die Augen und gab einen abfälligen Seufzer von sich, ehe er den Sterbenden von seinen Qualen mit einem sauberen Kehlschnitt erlöste.
Er blickte noch einmal an sich herunter, ob er auch keine Blutspritzer abbekommen hatte. Danach säuberte er seinen Dolch an einem Toten und verließ die Gasse. Den hiesigen Dörflern würde wohl nur sehr schwer begreifbar gemacht werden können, dass er drei Männer hatte töten müssen, um selbst zu leben.
Auf dem Marktplatz pfiff er ein Liedchen vor sich hin. Keine besonders schöne Melodie, aber eine, die Athaba von ihm kannte. Sie kam sofort gelaufen und er nahm sie spielerisch auf die Schultern. Bald schon war sie zu alt dafür, aber noch ging es. Die Kleine kuschelte sich erleichtert an ihn und wuschelte durch seine Haare.
„Tut mir leid, Prinzessin, wir müssen unsere Pläne mit dem Gasthaus für ein anderes Dorf aufsparen, wir müssen weiter.“
„Die bösen Männer?“ fragte sie nur, als ob das alles erklärte. Diese Erklärung war wohl von ihm schon zu oft gebraucht worden.
„Ja, genau die. Und wir können auch nicht nach Shimari gehen.“
Ein sehr enttäuschter Seufzer war von ihr zu hören, während er mit ihr aus der Stadt stapfte.
„Tut mir leid, Prinzessin, aber da ist es nicht sicher genug. Aber hab ich dir schon von Usill erzählt? Dort ist es noch mal viiiiel viel schöner, und dort soll es ein Tal geben, in dem Frauen das sagen haben. Stell dir vor, dann wärst du der Bestimmer und dürftest mich rumkommandieren.“
Diese Aussicht veränderte natürlich die Ansichten des Kindes über das unbekannte Land sofort, so dass sie gleich zustimmte.
Das Dorf lag schon wieder weit hinter ihnen, auf der Straße nach Norden kamen sie gut voran.
„Dann ist es also beschlossen, nicht wahr, Prinzessin?“
„Ja, Ieras, auf ins Frauenland!“
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