'Revenge' von Kokum

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Revenge' von Kokum

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:30

Es war ein kühler Abend. Der Mond stand hoch oben, der Himmel war nur wenig bewölkt, der Wind säuselte vor sich hin und in der Ferne vernahm man ungewohnte Tierlaute. Die Gräber ähnelten in der Dämmerung dunklen Gestalten, die ungebetene Besucher des Hügels erschreckten. Still und starr standen sie da und ließen dem Beobachter der Landschaft das Mark in den Knochen erweichen.
Zwei dunkle Gestalten wanderten scheinbar ohne Furcht über jenen Hügel. Der eine von ihnen lief voran und hielt eine Fackel in der einen Hand, die zu erlischen drohte, da der Wind daran zerrte. Die grünen Augen jener Gestalt waren auf eine Karte in seiner anderen Hand fixiert, die immer wieder aufschauten, um das auf der Karte gezeichnete mit der Umgebung zu vergleichen. Diese eine Person war von mittelgroßer Statur, mittelblondes Haar, soweit man es im Fackelschein erkennen konnte, ein gewöhnlicher Typ eben. Er war kein schöner Jüngling, wirkte jedoch charmant. Allein ein Schwert, das an seinem Gürtel befestigt war, verriet seine Berufung zum Krieger. Die andere Person hinter ihm machte sich durch tollpatschiges Stolpern über sein eigenes Gewand bemerkbar. Dieses Gewand sah eigentlich ungewöhnlich schön aus. Ein bläulicher mit goldenen Mustern verzierter Stoff zierte den stattlichen Körper jener Person. Der Saum war jedoch zu sehr verschmutzt, das die Schönheit des Gewandes verblasste. Jene zweite Person war etwas größer als der Erste, hatte etwas helleres Haar, aber dunkle Augen. Doch dadurch, dass diese Person Gepäck für zwei Personen zu tragen hatte und eine dementsprechend leicht erbärmlich wirkend krumme Haltung einnahm, wirkte er wiederum kleiner.
Draguu, der erste von den Beiden, ehemaliges Mitglied des Drachenclans, lief auf eines der Gräber zu und musterte es mit aller Ruhe. Es sah nicht viel anders aus als all die anderen Gräber auf diesem Hügel: Ein verwitterter Grabstein, deren Aufschrift man nur noch erahnen konnte, zierte einen Haufen Erde, das teilweise von mehr oder weniger Gras bedeckt war, und zeugte allein von einer scheinbar jahrzehntelangen zurückliegenden Beerdigung.
Draguu steckte wortlos die Karte weg, nickte mit zufrieden seinem Kopf und sprach dann zu seinem Weggefährten: "Hier ist es!" Azrario war gerade neben Draguu angekommen. Er schaute auf das Grab, sprach ein erleichtert gemurmeltes "Danke!" gegen den Himmel und ließ seine Last mit einem äußerst lauten Krach auf den Boden fallen, dass es die Vögel aus der nahen Umgebung aufschreckte und sie mit einem ohrenbetäubenden Schreien und Kreischen davon flogen. "Oh, mein Rücken!", stöhnte der Schamane, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied des Drachenclans, und beugte sich nach hinten, um seinen Rücken in die gerechte Position zu drücken. Dann besahen Draguu und Azrario gemeinsam das Grab. Sie hatten sich nur zufällig in einem Dorf kennen gelernt, als sie beide in einer Taverne saßen und einsam ein paar Krüge Bier tranken. Azrario kam an Draguus Tisch und sie tranken gemeinsam. So lernten sie sich kennen.
"Hier soll also das 'Goldene Sakussi' begraben sein?", fragte der Schamane etwas leicht gereizt. Er glaubte das Grab schon einmal gesehen zu haben, doch konnte er sich nicht erinnern, wann es war. Draguu seufzte und erwiderte: "Das werden wir gleich sehen!"
Der Krieger schritt zum Gepäckhaufen und holte einen Spaten hervor, den er Azrario in die Hände legte. Ohne diesem einen Blick zu schenken zeigte Draguu kurz, aber elegant mit einem Finger auf das Grab und sagte: "Grab!" Azrario schaute auf den Spaten, auf das Grab, zog eine Augenbraue hoch und schaute dann Draguu mit einem Gesicht an, dass man nur von einem Kind kannte, das gerade nicht verstanden hatte, was sein Gegenüber sprach. Dieser Gegenüber hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und schaute erhobenen Blickes auf das Grab. Azrario blinzelte ein paar Male und fragte dann, wobei er versuchte, äußerst freundlich zu wirken: "Nun, ich weiß, dass das da ein Grab ist, aber was soll ich mit der Schaufel?" Ein kleiner, aber unangenehm harter Klaps auf den Hinterkopf sagte mehr als tausend Worte und wenn Blicke töten könnten, hätte Draguus eiskalter Blick Azrario schon längst ins Jenseits befördert. Doch statt seiner Arbeit nachzugehen fragte der noch lebende Schamane mit einer nun etwas mehr gereizten Stimme: "Hey? Wieso muss ich die Drecksarbeit machen? Ich habe schon das Gepäck getragen. Nun muss ich Gräber aufbuddeln? Es war vertraglich nicht vereinbart!" Draguu schaute Azrario noch immer mit dem selbem Blick an, versuchte dabei seinen Atem ruhig zu halten und erwiderte: "Natürlich stand es im Vertrag. Du hattest ihn gelesen und unterschrieben. Hättest das Kleingeschriebene mitlesen sollen."
"Was Kleingeschriebenes? Da stand nichts von Gräber schaufeln oder Gepäck tragen. Du flunkerst doch! Wahrscheinlich hast du diese verdammten Zeilen dazugeschrieben nachdem ich unterschrieben hatte." Azrario lachte auf und schüttelte den Kopf, wobei sein längliches Haar den Bewegungen folgte. "Ich dachte wir Krieger wären blöd, aber ihr Schamanen scheint mir noch blöder zu sein. Ich zitiere dir mal, du Strohkopf: 'Ich verpflichte mich bei allen Tätigkeiten auf der Suche nach dem 'Goldenen Sakussi' behilflich zu sein. Azrario Vandemo unterzeichnet.' Dazu gehört auch Gräber schaufeln. Und nun fang an zu graben!" Mit keiner Spur von Willen drehte sich der Schamane um und rührte sich nicht. Der Krieger musste ihn mit einem kräftigen Schubser dazu ermutigen, sich dem Grabe doch zu nähern und anzufangen mit dem Graben. Wie ein goldig kleiner Junge maulend stach der Schamane den Spaten in den Boden, begann zu graben und warf voll verstellter Euphorie die Erde hinter sich. Er führte diese für den Körper äußerst anstrengende Bewegungen noch einige Male aus bevor er sich umdrehte, um seinen Weggefährten Draguu zu fragen, warum dieser denn keinen seiner Finger rührten wollte. Doch er brachte kein Wort über seine Lippen, denn der Anblick eines von oben bis unten mit Erde beschmutzten Kriegers strapazierte seine Lach- und Bauchmuskeln so sehr, dass er sich auf seinem Spaten stützen musste um sich nicht vor Lachen unkontrolliert auf dem Boden herum zu suhlen. Draguu dahingegen fand es natürlich ganz und gar nicht zum Lachen. Mit entspannter Grazie klopfte er sich den Schmutz von der Kleidung und wartete, bis Azrario sich wieder gefunden hatte. Doch jenes nervenstrapazierende Gelächter des Schamanen wollte nicht verstummen. Azrario vergrub sein Gesicht in seine Arme, die er auf den Spaten gestützt hatte, um seine Tränen zu trocknen.
Plötzlich wurde es still auf den Hügelgräbern. Die Fackel flackerte im Wind und der Mond wurde von den Wolken freigegeben. Kaltes Metall ruhte auf Azrarios Nacken.
"Wenn du nicht sofort ordentlich weitergräbst, vergesse ich den Vertrag und mich selbst." Der Schamane sah vorsichtig auf, und schüttelte den Kopf. "Ja, ja, ist ja gut! Ich grabe ja schon!" Während Azrario sich also der schönsten Beschäftigung seines Lebens hingab und Draguu ihm dabei zuschaute, nachdem sein Schwert wieder in die Scheide geschoben wurde, fragte Azrario zögerlich: "Sage mal! Bist du dir sicher, dass es sich hier um das richtige Grab handelt? Nicht das ich hier umsonst schaufele." Draguu holte die Schatzkarte hervor und nickte leicht mit dem Kopf. "Wir sind hier richtig. Grab weiter!"
"Mist!", dachte Azrario. Die Hoffnung, dass Draguu vielleicht glaubte, er hätte sich geirrt, verblasste und Azrario musste enttäuscht über den fehlgeschlagenen Versuch, den Krieger zu Beirren, weitergraben. Der Mond wurde mittlerweile wieder von einer großen Wolke verdeckt und erschwerte den beiden Schatzsuchern die Sicht auf das Grab. Azrario rief mit ärgerlicher Stimme nach mehr Licht und Draguu begann sich seiner liebsten Beschäftigung, dem Feuermachen, hinzugeben. Gerade hatte er das Lagerfeuer entzündet, da rief Azrario voll Aufregung auf: "Ich habe was!" Mit einer Fackel in der Hand lief Draguu geschwind zu Azrario ans Grab und leuchtete den fast freigelegten Holzsarg aus. Nun holte sich auch der Krieger einen Spaten und entfernte den Rest Erde, der die Männer vom Schatz trennte. "Komm, hilf mir mal!", forderte der Krieger den Schamanen auf und legte die Fackel zur Seite. Beide Männer fassten jeweils an ein Ende des Deckels an und hoben ihn mit vereinten Kräften hoch. Schwungvoll wurde der Deckel aus dem Grab geworfen. Angestrengt sahen die Männer in den Sarg. Doch leider sah man nichts als Dunkelheit und ein abscheulicher Gestank erfüllte die Luft. Draguu wollte gerade nach der Fackel greifen als die dunklen Wolken das Mondlicht frei ließen. Hell wurde das Grab beleuchtet.

Ein Gorsak brüllte in der Ferne, irgendwo krähten Raben. Es war bereits kälter geworden. Der Atem wurde sichtbar. Das fahle Licht des Mondes warf leichte Schatten auf den schwach erhellten Boden. Der Wind säuselte nicht mehr. Es war still auf den Hügelgräbern.
Zwei Gestalten standen in einem geöffneten Grab. Zwei Augenpaare fixierten etwas, was in einem Holzsarg lag. Zwei verkrampfte, bereits angeweste Hände streckten sich wie nach Hilfe greifend gegen den Himmel. Zwei Herzen hörten für einen Moment auf zu schlagen.
"Oh. Mein. Gott.", flüsterte Azrario. Seine Augen ruhten noch immer auf den Händen der Verstorbenen. Draguu sah auf das tote Gesicht und fand kein Wort, dass er in diesem Moment über die Lippen hätte bringen können. Er stand nur da und schaute auf das Gesicht. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Hände schwitzten. Einige Minuten mussten vergehen, bis sich Krieger und Schamane vom Schrecken erholt hatten. "Hier wurde jemand lebendig begraben", flüsterte der Schamane. Draguu nickte. Zusammen stiegen sie aus dem Grab und schauten gemeinsam den Toten an. "Wie lange sie wohl gelitten hatte?", fragte Draguu mit zitternder Stimme. "Ich weiß es nicht. Aber hier hatte ihn keiner gehört, wenn er um Hilfe schrie", erwiderte Azrario. Draguu nickte wieder. Im fahlen Mondlicht konnten der Krieger und Schamane kein "Goldenes Sakussi" entdecken. "Ich denke, wir haben hier alles andere entdeckt als einen Schatz, Draguu." Draguu nickte wieder bloß. "Was meinst du, warum begrub man hier jemanden bei lebendigem Leibe, obwohl es sich hier doch um Grabstätten verstorbener Könige handelt?", fragte Azrario neugierig.
Draguu seufzte und erwiderte: "Ich habe vor einiger Zeit gehört, dass es einmal eine Frau gab, die hier in dieser Nähe gelebt hatte..."

Es waren zwei Jahrzehnte vergangen. Noch immer hatte Thrêy’Nya nichts von ihrem jüngeren Bruder gehört. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Sie hatte die Leute in Patria ausgefragt, jede Expedition in die Wildnis ausgenutzt, um etwas über ihren Bruder herauszufinden. Doch es schien so, als hätte er nie existiert. So, als wäre er tot. Sie hatte lange gesucht und vor langer Zeit aufgegeben. Sie hatte nichts mehr von ihm gespürt. Die seelischen Verbindung zwischen ihrem Bruder und ihr war schon lange zerbrochen. Er wäre jetzt fast dreißig Lenze alt, wenn er noch am Leben wäre.
Seufzend sortierte Thrêy’Nya die Bücher und Schriftrollen wieder in die Regale ein. Jahrelang hatte sie hier gearbeitet. Sie arbeitete gerne in der Bibliothek Patrias. Man traf so auf allerlei Personen. Manchmal war hier eine kleine Familie und die Mutter las ihren Kindern aus eines der Geschichtsbüchern vor. Geschichten über Könige und Helden, über dunkle Gestalten und Dämonen. Manche Leute kamen hierher um nur die Ruhe zu finden, einige kamen hierher, um die Gesetze der Stadt auswendig zu lernen. Hin und wieder erwischte die Bibliothekarin junge Liebespaare in gut versteckten Ecken der Bibliothek beim Lieben.
Über die Jahre hatte die Hexe nichts anderes zu tun gehabt, als Bücher zu sortieren. Es war auch schon Jahre her, dass sie die Stadt verlassen hatte. Nun schlug es sie wieder hinaus in die Wälder. Eines Morgens packte sie spontan ihre Sachen und ging los, ließ bloß einen Zettel mit den Worten „Bin für ein paar Tage weg!“ für die Priesterinnen liegen und verschwand aus der Stadt. Sie lieh sich noch vorher einen Gorsak von den Amazonen. In den letzten Jahren hatte sie es endlich gelernt einen Gorsak zu reiten und darauf war sie stolz. Einige ihrer Ordensschwestern hatten sie skeptisch angeschaut, als Thrêy’Nya den Gorsak das erste Mal ritt. Nun erwies es sich sehr sinnvoll, denn ihre Füße trugen sie nicht mehr so weit wie früher.
Mit dem Gorsak an der Leine pflückte Thrêy’Nya einige Kräuter auf und steckte sie sorgfältig in ihren Beutel. Es war so wunderbar ruhig hier. Kein Menschenlärm, kein Straßenstaub, nur reine Natur. Die Sonne ging bereits unter, aber der Abend lud ein noch eine Weile länger durch den Wald zu spazieren, bevor sich Thrêy’Nya ein Lager zum Rasten aufschlug. Langsam schritt die Hexe durch das Dickicht und genoss die Ruhe und den warmen Abend. Noch nie fand sie es so schön durch den Wald zu spazieren. Der Gorsak an ihrer Seite brummte still vor sich hin und Thrêy’Nya fing an zu summen.
Vermummte Gestalten huschten durch das Buschwerk und formierten sich um die Frau mit dem Gorsak. Sie hatte viel Schmuck an sich, was sich bestimmt für viel Gold verkaufen ließ. Mit Tierlauten verständigten sich die Räuber und näherten sich immer mehr der Frau, die ungeahnt und scheinbar äußerst glücklich einfach so durch den Wald spazierte. Das war ein einfaches Opfer. Schnell näherten sich die Räuber der Frau und mit einem Signal fingen die Männer an sich schreiend auf die unbewaffnete Frau zu stürzen.
Thrêy’Nya war mit ihren Gedanken irgendwo an einem imaginärem Ort, als sie plötzlich von einer Horde dreckiger Männer überrascht wurde. Der Gorsak riss sich vor Schreck von der Leine los und lief auf und davon. Thrêy’Nya stand nun ungeschützt zwischen etwa zehn Männern. Sie dachte, wenn sie die Stadt verließe, könnte sie dem Männergestank für ein paar Tage entfliehen. Aber anscheinend wurde sie auch hier draußen nicht davon verschont. "Was wollt ihr?", fragte sie ohne Anzeichen von Furcht. Die Männer antworteten nicht, sondern lachten lieber. Thrêy’Nya bündelte ihre Energie in ihren Händen und drohte: "Reizt niemals eine Hexe!" Sie beschwor ihre Kräfte, doch irgendetwas hinderte ihre Kräfte sich zu entfalten. Sie versuchte es erneut. Bei jedem neuen Versuche war ihr so, als ob etwas ihre Kräfte zurückhielt.
"Oho! Eine Hexe?", ertönte eine sanft klingende männliche Stimme. Der Kreis tat sich auf und ein Mann, der viel größer als die anderen aussah, schaute Thrêy’Nya mit einem Blick an, den sie für sehr seltsam empfand. "Welche Ehre habe ich für solch einen Empfang?", fragte die Hexe erzürnt. Sie sah dabei ihrem Gegenüber kalt in die Augen. "Diese Männer interessieren sich für deinen Schmuck, schöne Frau."
Dieser Blick in seinen Augen erzählte ihr jedoch etwas anderes. Diese Männer hatten bestimmt noch mehr im Sinn als nur ihren Schmuck. "Ach, ja?", spie die Hexe aus und beschwor einen mächtigen Windstoß herbei, der jedoch vom Schamanen mit einer lässigen Bewegung abgeblockt wurde. Thrêy’Nya trat überrascht einen Schritt zurück. Was nun? Sie konnte sich nicht wehren. Zehn Männer und ein mächtiger Magier hatten sie umzingelt. "Den Schmuck könnt ihr von mir aus haben, aber lasst mich in Ruhe!" Der Schamane warf seinen Kopf in den Nacken und lachte laut auf. "Ich denke nicht, dass es reicht, wenn du diesen Männern hier nur deinen Schmuck gibst." Thrêy’Nya sah um sich. Hässlich grinsende Gesichter waren auf sie gerichtet. "Wenn euch der Schmuck nicht reicht, was wollt ihr dann noch?" Der Schamane antwortete nicht, sondern trat nur einen Schritt zurück und verließ den Kreis mit einem unheimlichen Lächeln. Thrêy’Nya sah dem Mann hinterher und hatte eine schlimme Ahnung. Einen Augenblick später griffen raue Hände nach ihr und rissen ihr die Kleider vom Leib. Sie wurde zu Boden gestoßen und einer von ihnen stürzte sich mit herabgelassener Hose auf sie. Thrêy’Nya schrie nicht. Sie wusste, dass in diesem Wald keiner sie hören konnte. Sich zu wehren war auch zwecklos, denn ihre Arme und Beine wurden zu Boden gedrückt und sie war überhaupt bewegungsunfähig. Immer abwechselnd machten sich die Männer an ihr zu schaffen. Die Hexe ließ sich in Trance fallen, um nichts zu fühlen. Sie spürte nun nichts mehr. Sie sah nicht, wie sich die Männer brav in einer Reihe anstellten um mindestens einmal ranzukommen. Sie sah nicht, wie der Magier am Rande des Geschehens stand und hörte nicht, wie die Männer lachten.
Als Thrêy’Nya glaubte, dass alles vorbei war und wieder aufwachte, lächelte ein Männergesicht ihr entgegen. "Na? Endlich wieder wach? Dann können wir ja weitermachen!" Und wieder wurde der Körper der Hexe zum Vergnügen der Räuber benutzt. "Warum... warum tut ihr das?", fragte sie mit zitternder Stimme. Sie lag entblößt auf dem Waldboden und sah dem Magier entgegen, der neben ihr hockte und mit ihren Haaren spielte. "Ach... nur so..." war die Antwort. Thrêy’Nya wollte den Mann am Hals packen und ihn erwürgen. Doch dazu fehlte ihr die Kraft. "Nun, dann wollen wir zum Schluss kommen!", sagte der Magier fröhlich, stand auf und rief die Räuber zu sich, die alle zusammen am Lagerfeuer saßen und sich mit Wein betranken. "Was kommt jetzt noch?", fragte sich Thrêy’Nya und hob mit all ihrer Kraft ihren Kopf. Die Männer standen alle auf und gingen auf sie zu. "Was habt ihr mit mir vor?", fragte die Frau mit heiser Stimme. Aber es kam keine Antwort. Zwei Männer packten sie lachend an ihren Armen und schliefen sie über den Waldboden aus dem Wald. "Was tut ihr? Lasst mich! Bitte!" Ihr Betteln und Flehen würde nicht erhört. Thrêy’Nya sah nur, wie sich der Wald lichtete und spürte, wie der Boden härter wurde. Eine Weile spürte sie nur den steinigen Boden und sah den dunklen Himmel. Ihr Rücken brannte und Tränen rannen der Frau über die Wangen. Der Schmerz zog sich bis hinunter zu den Beinen. "Wohin bringt ihr mich?", fragte sie schluchzend. Doch noch immer antwortete ihr keiner. Ihre Frage blieb jedoch nicht lange unbeantwortet. Sie blickte zur Seite, um zu sehen, wo sie war... Grabsteine. Überall Grabsteine. Dieser Ort kam ihr bekannt vor. Sie war hier schon einmal gewesen. "Was habt ihr vor? Was habt ihr mit mir vor?" Sie versuchte sich zu befreien, aber noch immer war sie zu schwach. Die Männer zerrten sie noch eine Weile und blieben plötzlich stehen. Sie wurde unsanft zu Boden gelassen. Nur Stofffetzen bedeckten den Körper der Frau. Sie kauerte sich zusammen und sah dann auf, um zu sehen, wohin genau die Männer sie gebracht haben. Als sie aufschaute, sah sie zwei Männer, die bereits dabei waren ein Loch in den Boden zu graben. "Was macht ihr? Was habt ihr mit mir vor? Was habe ich euch getan, dass ihr mir das antut?", fragte Thrêy’Nya wieder. Der Magier trat an sie heran und sagte: "Nun, Hexe. Du hast vor einiger Zeit unsere Pläne durchkreuzt. Und dafür musst du jetzt bezahlen."
Pläne? Was für Pläne? Thrêy’Nya hatte die letzten Jahre keinen Fuß aus Patria gesetzt. "Ich verstehe nicht. Ich kenne euch nicht. Ich habe nichts getan", rief sie mit all ihrer Kraft, die sie noch hatte. "Der Magier hockte sich zu ihr herunter und riss ihr an den Haaren, so dass sie ihn direkt anschaute. "Wir hatten geplant in die Stadt zu gehen um unsere Geldbeutel aufzufüllen. Aber du musstest uns ja dabei stören und Alarm schlagen. Viele meiner Freunde sind unter den Händen dieser verdammten Amazonen gefallen. Wärst nicht du, wären sie noch am Leben." Thrêy’Nya schaute ihn verwirrt an und schüttelte den Kopf. Sie hatte davon mitbekommen, dass Räuber sich in die Stadt geschmuggelt und eine Auseinandersetzung mit den Amazonen hatten. Aber mehr wusste sie auch nicht. "Du irrst dich. Ich war es nicht!" Der Magier funkelte sie böse an. "Ach, nein? Sollte mein Spion mich etwa anlügen? Eine Hexe mittleren Alters? Weißes Haar, unterschiedlich farbige Augen, blau und grün? Fast immer auffällig viel Schmuck an sich tragend? Gibt es etwa eine andere Hexe, die so einzigartig ungewöhnlich aussieht wie du, du Schlampe?" Thrêy’Nya schüttelte den Kopf. "Mir wurde es in die Schuhe geschoben. Ich wusste nicht von einem Überfall auf die Stadt. Ich war es nicht. Wirklich nicht!" Noch nie in ihrem Leben hatte Thrêy’Nya einen Mann angebettelt. Noch nie in ihrem Leben wurde sie dermaßen beschuldet. Noch nie in ihrem Leben wurde sie dermaßen gedemütigt. "Soll ich einer verdammten Hexe wie dir glauben?, fragte der Magier, erwartete jedoch keine Antwort, denn er stand bereits wieder auf und drängte die Männer, schneller zu graben...

Azrario saß nachdenklich in die Flammen schauend neben Draguu am Lagerfeuer, während dieser die Geschichte erzählte. "Die arme Frau. Sie hatte mit der ganzen Sache so gut wie gar nichts zu tun gehabt und wurde trotzdem am lebendigen Leib begraben", sagte Draguu nach einer Weile bekümmert und kam damit zum Schluss seiner Erzählung. Er seufzte und stand dann auf. "Nun, anscheinend haben wir ihr Grab gefunden. Lass uns es wieder zumachen. Das 'Goldene Sakussi' ist hier nicht. Ich habe mich anscheinend doch an der Stelle geirrt." Draguu ging zum Erdhaufen herüber, wo der Sargdeckel lag und fuhr mit seiner Hand über die Kratzspuren auf der Innenseite des Deckels, die die Verstorbene bei dem vergeblichen Versuch, sich aus dem Grab zu befreien, verursacht hatte. "He, Azrario! Hilf mir mal!"
Der Schamane rührte sich nicht. Er saß noch immer in der nachdenklichen Haltung. "Azrario!", rief der Krieger erneut. Vom Schamanen war keine Regung zu sehen. Draguu nahm einen Haufen Erde, drückte es fest zusammen und bewarf Azrario damit. Vor Schreck fuhr der große Mann zusammen und schaute zum Werfer. "Was ist los? Bist du einem Geist begegnet?" Azrario stand auf und schüttelte dabei den Kopf. "Nein. Deine Geschichte hat mich nur ein bisschen mitgenommen. Sonst ist nichts", sagte er dann. "Na, dann ist ja gut! Ich brauche dich noch eine Weile." Zusammen schlossen die Männer den Sarg und gruben das Grab wieder zu. Nachdem die Tote wieder in Frieden weiterruhen konnte, holte Draguu seine Karte wieder hervor und beäugte es skeptisch. "Es muss doch hier in der Nähe sein", murmelte er. Er ging ein paar Schritte weiter und sagte: "Lass uns es hier versuchen. Komm, hol die Schaufeln rüber." Azrario kam mit den Spaten hinterher und sah etwas unsicher auf das nächste Grab. "Bist du dir sicher? Es ist stockduster geworden und es ist verdammt kalt hier", sagte er.
Draguu zog eine Augenbraue hoch und fragte: "Wieso? Hast du Angst?"
"Nein!", erwiderte Azrario etwas laut und schaute mit ängstlichem Blick um sich. "Wie kommst du darauf?"
"Dann fang an zu graben!", sagte Draguu dann mürrisch und schob den Schamanen zum Grab. Wieder gab sich der Schamane der schönsten Beschäftigung seines Lebens hin. Nur dieses Mal nicht voller Euphorie. Er zögerte immer mehr, je tiefer er grub. Währenddessen hatte Draguu es sich gemütlich gemacht und zündete sich eine Pfeife an. Nach einer langen Weile des Grabens fragte Azrario: "Sage mal. Wo hast du diese Geschichte her? Kanntest du diese Frau?" Azrario zog genüsslich an der Pfeife und erwiderte: "Nein, ich habe die Geschichte nur gehört. Wieso fragst du?" Der Schamane grub weiter, während er antwortete: "Nun ja, du hast die Geschichte so erzählt, als ob du dabei gewesen wärst. Das hat mich total mitgenommen." Der Krieger lachte. "Nun, ich war schon immer ein guter Geschichtenerzähler. Bevor ich zum Schwert griff war ich ein erfolgreicher Streuner." Mittlerweile war nur noch Azrarios Kopf zu sehen. "Streuner? Ich dachte, du warst schon immer Krieger." Draguu stand auf und näherte sich dem Grab, hockte sich hin und schaute hinein. "Es wurde hier ganz schön tief gegraben!"
"Die haben sich ganz schön Mühe gegeben um nur ein Stück Gold zu verstecken. Seit wann bist du eigentlich Krieger?" Eine kurze Zeit kam keine Antwort. Erst als Azrario Draguu anschaute, erwiderte er: "Seitdem ich zusehen musste, wie meine Schwester starb." Azrario schaute wieder runter und grub weiter: "Ach so! Du willst dich für deine Schwester rächen, ja? Kennst du schon den Mörder?"
"Ja!", antwortete der Krieger. "Du kennst ihn übrigens auch!" Überrascht schaute der Schamane den Krieger an. "Ja? Wer ist es denn?" Draguu seufzte leise und antwortete: "Du kennst ihn sogar ziemlich gut!" Der Schamane schüttelte den Kopf. "Wenn du mir seinen Namen nicht nennen willst... Hey, wie lange soll ich noch graben? So tief kann es doch nicht versteckt sein!" Draguu hockte sich hin, hielt seine Fackel mehr in das Grab hinein und sagte dann: "Ich glaube, das reicht."
"Na gut!", sagte Azrario dann und reichte Draguu seine Hand entgegen: "Hilf mir mal, bitte!" Der Krieger sah herab und fragte: "Warum?"
"Warum? Du sollst mir raushelfen! Ich schufte mir hier zu Tode und du hilfst mir nicht einmal."
Draguu stand aus seiner Hocke auf. Er blickte Azrario kalt an und murmelte dann, was jedoch noch deutlich hörbar war: "Ja, zu Tode!" Azrario schaute zu Draguu hinauf und fragte ihn, was mit ihm los sei. "Hilfst du mir nun?"
Draguu zeigte keinerlei Gefühlsregung. Nur sein kalter Blick ruhte auf den Mann im Grab. "Aber gerne helfe ich dir!" Der Krieger ging zum Erdhaufen hinüber und holte den zweiten Spaten. Azrario stützte seine Hände auf die Hüften, blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. Er fand, dass Draguu anscheinend geistig nicht ganz gesund war. Als er wieder aufschaute, flog im eine ein Haufen Erde entgegen. "He, Draguu! Was soll dieser Scheiß?" Wortlos warf Draguu ein noch ein Haufen Erde nach. "Bist du jetzt vollkommen durch den Wind? Was machst du da? Was soll das?" Draguu hielt kurz inne und antwortete dann: "Das wird deine Beerdigung!"
"Was? Was faselst du da? Ich bin doch nicht tot, du Spinner! Hör auf damit!", schrie Azrario, als Draguu weiter Erde in das Grab warf. Nach einer Weile, Azrario war bereits bis zu den Knien eingegraben, hockte sich der Krieger hin und schaute den Schamanen an, der sich verloren fühlte und mit verzweifelten Blick Draguu, den Wahnsinnigen, ansah.
"Bevor ich dich komplett eingrabe wollte ich dir noch sagen, dass ich ein wichtiges Detail in Geschichte vergessen hatte", hauchte er dann mit einem kalten Lächeln. Der Schamane fand, dass es der schlechteste Scherz in seinem Leben überhaupt war und versuchte sich aus dem Grab zu befreien. "Was für ein verdammtes Detail?
Draguus Lächeln verblasste, als er antwortete: "Als die Frau in ihrem Grab nach Hilfe schrie und die Männer um das Grab standen und schweigend warteten, bis sie verstummte, stand etwa einhundert Fuß weiter entfernt ein junger Mann, der alles gesehen hatte. Es war ihr Bruder, Shéczrah Fâyzn'Adôrh, der noch am Leben war."

Der Schamane hielt in seiner Selbstbefreiungsaktion inne und schaute Draguu vorsichtig an.


(Anm. Für die, die es nicht wissen: Thrêy'Nya=Kokum. Da Draguu=Fâyzn ist und Fâyzn seine Schwester nur Thrêy'Nya nennt, wurde auch nur dieser Name genommen.)
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