'Traurige Liebe' von Marialexia

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Traurige Liebe' von Marialexia

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:29

Wie wir uns kennen lernten, weiß ich nicht mehr. Er war einfach da und ich war bezaubert von seinem Auftreten. Seine blauen, klaren Augen strahlten eine unheimlich heftige Anziehungskraft auf mich aus, seine Arme waren stark und trainiert, doch seine Bewegungen geschmeidig. Er fesselte mich mit seinem Blick und schon an unserem ersten gemeinsam verbrachten Tag wusste ich, dass wir zusammen gehörten.
Ich hielt mich für ein eher gewöhliches Mädchen, aber an jedem neuen Tag, an dem wir unterwegs waren, zeigte er mir, wie sehr er mich, trotz all meiner Makel, liebte. Xaron machte mich zu etwas besonderen.
Er lehrte mich vieles, den Umgang mit Waffen und welche Pflanze als Nahrungsmittel dienen kann. Nach einer Weile bildeten wir ein unschlagbares Paar. Wir kannten einander so gut, dass wir die nächste Bewegung des andern schon fast hervorsehen konnten und es genügte den anderen anzublicken, um seine Gedanken zu wissen. Ich hörte ihm immer gerne zu, es erstaunte mich immer wieder, wie viel er wusste, obwohl er kaum drei Jahre älter war als ich.

Fast ebenso lang reisten wir zusammen durch Aurorae, bis wir dann nach so langer Zeit wieder an den Ort im Wald der Lichter zurückkehrten, an dem wir uns das erste Mal gesehen hatten, dann kniete Xaron plötzlich vor mir nieder, nahm meine Hand in seine, sah mir tief in die Augen und öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch grade als ein leiser Laut seine Lippen verließ, hörten wir ein Rascheln im Gebüsch und das Geräusch eines heulendes Wolfs hinter uns.

Für einen kurzen Moment kam mir das sonderbar vor, da Wölfe in dieser Gegend untypisch waren, im nächsten waren wir umzingelt von etwa zehn maskierten Männer. Ruckartig sprang Xaron auf und wir zogen gleichzeitig unsere Schwerter.
Dann kämpften wir, Seite an Seite, so wie wir es schon unzählige Male getan hatten. Wir ergänzten uns in unsere Bewegungen, trotzdem fiel es schwer sich zu verteidigen. Meine Gedanken kreisten noch immer um das, was vor dem Kampf geschehen war, ich dachte: "Was hat er da getan? Wollte er mich etwa fragen, ob ich seine Frau werden will, ob ich ihn für den Rest meines Lebens an meiner Seite haben will?"...
Der Fehler, das ich mich nicht konzentriert hatte, rächte sich sofort; ein Pfeil bohrte sich in meine Schulter und hinterließ starke Schmerzen. Das hinderte mich am kämpefen, so brach ich ihn einfach ab und ließ die Spitze achtlos stecken, hoffte jedoch, das diese nicht vergiftet war. Auch Xaron war verletzt, er hatte eine Wunde am Kopf und er wischte sich ständig das Blut von der Stirn, damit es ihm nicht in die Augen tropfte, auch seine Beine waren nicht unversehrt geblieben, doch ich sah ihm an, dass er versuchte diese Dinge zu ignorieren.

Die Männer hatten es geschafft uns zu trennen und jeder musste nun für sich allein kämpfen. Es war um einiges schwerer als ich damals erwartet hatte. Einer griff mich von rechts an, ein anderer von links. Ich duckte mich, dadurch verletzten sich diese dumme Menschen sich gegenseitig. Während die zwei wertvolle Zeit damit verschwendeten, sich gegenseitig zu beschimpfen, versezte ich Zeit einem anderen einen kräftigen Schlag ins Genick.
Dann drehte ich mich um, Blut lief von meiner Klinge hinunter und ich wollte Xaron zu Hilfe eilen, aber ich wurde von einem Gegner aufgehalten. Doch als ich sah, dass wie schwer Xaron verwundet war, kannte ich keine Gnade mehr, ich schlug in blinden Blutrausch auf die Feinde ein und schaffte es irgenwie, trotz meiner sich häufenden Verletzungen gegen drei von den Maskierten zu siegen und sie zur Strecke zu bringen, drei weitere flüchteten und um den Rest kümmerte sich Xaron. Aber als er mit den Gegnern fertig war, sackte er bewusstlos zu Boden. Ich tat es ihm nach, allerdings in ein gutes Stück von ihm entfernt.

Ich bemerkte erst, wie sehr der Kampf mich mitgenommen hatte, als ich meine Augen wieder aufschlug. Ich entdeckte so viele Wunden an mir; jede einzelne Faser meines Körpers schmerzte und durch meinen Schädel pochte das Blut. Am liebsten hätte aufgeben, aber nein, so wollte ich nicht enden; am Boden liegend, schwach, verletzt. Das war nicht meine Art, wenn ich jemals untergehe, dann kämpfend. "Diese paar Wunden können mir egal sein" ,versuchte ich mir einzureden. Ich hab bisher niemals nachgegeben, dann werde ich es jetzt auch nicht tun!"
Dann raffte ich mich auf, meine Verletzungen schmerzten, der eisenhaltige Geschmack von Blut stieg mir in den Mund, auch lief es mir an Armen und Beinen hinunter und meine Schulter brannte, von der rostigen Pfeilspitze, die immer noch in ihr steckte. Bei jeder Bewegung, die ich machte, durchfuhr mich ein stechender Schmerz, der meinen ganzen Leib von Kopf bis Fuss erschütterte und mich wieder und wieder zu Boden riss. Jedes Mal rappelte ich mich auf und kroch ein Stückchen weiter voran. Auch wenn es langsam ging, irgendwie kam ich weiter und gelangte ich zu Xaron.

Er atmete zwar nur noch schwach, aber wenigstens hebte und senkte sich seine Brust in einem langsamen, aber gleichmäßigem Takt. Erleichtert darüber ließ ich mich ganz dicht neben ihn in das dreckige, blutbesprenkelte Gras sinken und dann wärmten wir uns gegenseitig. Aneinandergeschmiegt und erschöpft schliefen wir mitten auf dem verlassen Schlachtfed ein.

Ich wachte davon auf, dass der Regen wild und wütend auf dem Laub des Waldbodens herumtrommelte. Dann schlug ich die Augen auf und bemerkte, dass Xaron mich und sich irgendwie unter die schützenden Zweige einer Kiefer gerettet hatte. Keuchend saß er neben mir, wir blickten uns an, hieten uns in den Armen, küssten uns. Seine Lippen schmeckten nach Blut, doch es störte mich nicht. Ich war ja froh ihn überhaupt an meiner Seite zu haben, ich schaute in seine unergründlich tiefen, blauen Augen, aber er schirmte all seine Gedanken und Gefühle, außer seiner Liebe zu mir, ab. Ich wollte ihn fragen, was wir nun tun sollten, aber er küsste die Worte förmlich von meinen Lippen. Dann sah er mich nachdenklich an, als ob er mein Frage geschmeckt hätte, erhob sich und half mir aufzustehen.
Ich wollte eigentlich nicht aufbrechen, ich wollte den Moment der Zweisamkeit genießen, auch wenn dies wahrscheinlich der falsche Augenblick dafür war, aber ich wollte hier mit ihm zusammen sein und unsere Liebe in vollen Zügen in mich aufsaugen, denn ich hatte das schlechte Gefühl, ich würde in nächster Zeit nicht mehr oft die Gelengheit dazu haben. Dennoch sah ich ein, dass es zu gefährlich war, hierzubleiben. Es waren ja noch drei der Maskierten auf freiem Fuß, das hieß wir mussten vorsichtig sein, aufmerksam die Augen offen halten, um jede noch so kleine Fliege wahrzunehmen und die Ohren wachsam halten, damit uns auch das leiseste Knacken der Zweige unter den Hufen der Rehe nicht entging.
Aufeinander gestützt humpelten wir in den Wald der Lichter hinein, der uns, wenn auch nur ein wenig, Schutz bot.
Hier und da stolperten wir über eine Wurzel oder einen Stein, doch nun hatten wir ja einander uns konnten uns gegenseitig vorm Fall bewahren, wenigstens bis wir einen Unterschlupf gefunden hatten. So lang wie erwartet dauerte es allerdings nicht, bis wir zu einer kleinen Lichtung kamen, auf der eine moderige und eingefallene Holzhütte stand.
Ich schaute Xaron fragend an, er nickte nur, dann stürzten wir gleichzeitig los. Doch dieser winzige Moment der Unachtsamkeit wurde uns zum Verhängnis. Wieder hörten wir das Heuen eines Wolfes, doch diesmal blieb uns keine Zeit mehr das Schwert zu ziehen. Die drei Flüchtlinge hatten Verstärkung geholt, nun waren sie zu fünft und unter normalen Umständen hätten Xaron und ich mit Leichtigkeit die Herrschaft der Situation zurückgewinnen könne, aber wir beide waren schwer verwundet und kaum in der Lage eine Waffe zu halten, geschweige denn mit ihr zu kämpfen. Allerdings war dies auch nicht nötig, denn der erneute Hinterhalt der Maskierten gab uns nicht mehr die Gelegenheit zur Verteidigung und bevor wir auch nur die Hand an den Griff eines Schwerts legen konnten, sauste schon ein Hagel von Pfeilen direkt auf uns zu. Es schien unmöglich, zu überleben und als ich dachte, es sei mein Ende gekommen, tat Xaron es; er stellte sich vor mich! Er schützte mein Leben und bezahlte dafür mit seinem.
Keiner, weder ich, noch unsere Gegner hatten damit gerechnet. Und als mein Liebster, mein Ein-und-Alles, hilflos in meine Arme fiel, duchbohrt von Pfeilen, packte es mich. Ich wollte nur eins:
Rache!
Hass und Wut stauten sich in Sekundenschnelle in mir auf und waren bereit auszubrechen. Ich ließ sie die Oberhand gewinnen und ich vergaß die Welt um mich herum. Niemand war in diesem Moment vor mir sicher und ich schlug einfach blind um mich, meine Klinge wurde geführt von unsichtbaren Kräften, denen ich freien Lauf ließ. Ich merkte nichts mehr, abermals von einem heftigen Blutrausch ergriffen, rammte ich meinen Gegnern, in einer mir bis dahin unbekannten Schlagabfolge, die Klinge meines Schwertes ins Herz und ich kannte keine Gnade mehr. Ich tötete sie alle!
Erst als ich in mitten dieser Leichenschar stand, erkannte ich was ich soeben getan hatte. Überrascht und Geschockt zu gleich blickte ich umher. Mir fiel ein, dass Xaron ja noch durchlöchert am Boden liegen musste, ich drehte mich um und sah ihn dort vor der Hütte. Ich eilte zu ihm hinüber und legte seinen Kopf in meinen Schoß. Seine Augen waren erfüllt von Tränen, ebenso wie meine. Schreie der Angst und Trauer verließen seine Lippen und ich schrie immerzu Nein! Nein! Nein!.
Er quälte sich nur noch, er sah mich flehend an, damit ich ihn erlöste, doch ich konnte ihn noch nicht gehen lassen. Wir doch noch waren so jung, so glücklich.
Ich hatte Angst schon wieder allein zu sein, er war alles was ich hatte. Aber zusehen, wie er wegen mir noch mehr Schmerzen erleidete, konnte ich auch nicht.
Dann, als er da lag, dem Tod so nah, während dieser kleine Augenblick mir vorkam, wie eine Ewigkeit, dann sagte er, was er mir schon immer gezeigt hatte:
"Ich liebe dich, Marialexia!"
Das waren die Worte, die er in seinem letzten Atemzug hauchte, bevor seine Augen starr wurden. Ich küsste ihn auf den Mund, damit er in Frieden ins Himmelsreich hinübertreten konnte und plötzlich wurde mir klar:
Er starb für mich, er starb mit meinem Namen auf den Lippen.
Benutzeravatar
Der Schreiber
Administrator
 
Beiträge: 276
Orden: Eismagier
Zugehörigkeit: Freier Orden
Besonderer Rang: Spielleiter

Zurück zu Bibliothek

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron