'Bergblume' von Jira

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Bergblume' von Jira

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:27

Ein Mädchen saß auf einer Wiese, eine kleine Blume in der Hand. Sie drehte und wendete die Pflanze mit den sanften, blauen Blättern, dem glühend roten Stempel sowie dem grünen Stengel und dem gelben Blütenstaub, der sich schon auf ihrer Kleidung und ihrer Nase verteilt hatte. Das Mädchen war noch sehr jung, sie konnte kaum mehr als fünf, sechs Lenze zählen und sie befand sich nur wenige Schritte entfernt von einem größeren Lager am Fuße eines Berges. Das Mädchen wusste nicht, welcher Berg dies war und auch nicht, wo genau in Aurorae sie sich befand, aber es kümmerte sie auch nicht sonderlich. Die kindliche Unbefangenheit haftete ihr noch voll und ganz an.
Eine weibliche Stimme rief vom Feuer her einen Namen und das Kind blickte auf. Als das Mädchen in das weiche Gesicht ihrer Mutter blickte rannte sie in deren offene Arme und das helle Lachen der jungen Kehle ließ all den Zeugen dieser herzlichen Begrüßung ein Lächeln entlocken.
„Mutter, Mutter, schau, schau!“ rief das Mädchen und hielt der Frau stolz die bereits recht zerknautschte Blüte unter die Nase. Diese lachte herzlich und drückte das Kind an sich.
„Ja, eine hübsche Blume ist das. Und weißt du auch, wie sie heißt, meine Kleine?“
Das Mädchen zappelte, bis die Mutter es auf den Boden zurückließ und die Blume fest an ihr Herz und damit noch mehr zerdrückte.
„Jirannia. So wie ich.“
Die Mutter nickte lächelnd.
„So ist es, Jira. Diese Blume ist hübsch und ihre Blätter sind sanft, doch sie hält selbst den stärksten Stürmen stand. So wie du es einmal tun wirst, mein liebes Kind.“
Das Mädchen lachte auf und rannte dann zum Feuer, um die Blume noch einigen anderen zu zeigen. Keiner wies Jira ab, den kleinen Sonnenschein des Lagers, denn sie vermochte es in ihrer Freude jedem noch so griesgrämigen Alten ein Lächeln abzuringen und ihre offene Art hatte etwas an sich, dem niemand zu widerstehen vermochte.
Jiras Mutter beobachtete das Kind. Sie selbst war eine durchaus schöne Frau, sie strahlte viel Ruhe aus. Die Mutter hatte die Blüte ihrer Jahre erst vor kurzem hinter sich gelassen und ihre Hände zeugten von harter Arbeit, was ihrer sanften Miene keinen Abbruch tat. Die herzliche Lebenslust musste das Kind von seinem Vater haben, dachte die Mutter bei sich und fühlte dabei den bereits gewohnten Schmerz in ihrer Brust, als eine alte Frau ihr die Hände auf die Schultern legte und leicht lächelte.
„Sie ist ein prachtvolles Kind, Nemae. Wirklich, du kannst stolz auf sie sein.“
Nemae lächelte sanft und drückte die Hand der Alten. „Ja, das kann ich wohl. Ich wünschte nur, ihr Vater hätte ihr Lachen ebenso oft vernommen wie ich, Maleka.“
Das faltige Gesicht verzog sich vor Kummer, doch schließlich schüttelte Maleka zurückhaltend lächelnd den Kopf. „Er hätte nicht gewollt, dass wir nur Trübsal blasen, nur weil er sein Leben hier hinter sich gelassen hat. Er war ein guter Mann, Nemae, das weißt du ebensogut wie ich. Auch mich schmerzt es, an meinen Sohn zurückzudenken, aber sieh dir seine Tochter an. Wir haben mehr von ihm zurückbehalten, als wir hätten hoffen können.“
Nemae ging zu Jira hin, die gerade einer werdenden Mutter eifrig von einem Abenteuer erzählte, das sie vor einigen Tagen unternommen hatte. Die Hälfte war unverständlich und durcheinander, ein Viertel davon übertrieben, doch trotz allem machte es unglaublichen Spaß, dem kleinen Energiebündel zuzuhören.
Ihre Mutter betrachte Jira lange, das Mädchen war ihr ganzer Stolz. Es war Jirannias Verdienst, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes nicht auch das Leben genommen hatte. Lediglich der Gedanke an das Kind ihres Liebsten, das sie in sich trug hatte sie von einer solchen Dummheit abgehalten. Und nun war sie überglücklich darüber, ihr Kind wachsen und gedeihen zu sehen. Und hier oben, am Fuß des Berges, wo kaum jemand seinen Fuß hinsetzte, waren sie geschützt und geborgen. Nemae war zuversichtlich, dass sie Jiras Gesellschaft und ihr Lachen noch viele Jahre genießen konnte.
Plötzlich rissen sie erschrockene Schreie aus ihren Gedanken und sie sah rasch zum Feuer. Was sie dort erblickte, ließ ihr beinahe das Herz stehenbleiben. Ihre Tochter hatte während ihrer Erzählung eine Hand tief in den Flammen vergraben und sogleich stürzte Nemae zu ihr und riss sie außer Reichweite des Feuers. Jira begann zu weinen und ihre Mutter versuchte vorsichtig, ihre Hand zu untersuchen. Dann stutzte sie. Keine der beiden Kinderhände hatten Verbrennungen erlitten. Keine Verletzung war zu sehen außer den Schrammen, die Jirannia sich immer wieder beim Fallen und Stolpern zuzog, wenn sie es zu eilig hatte.
Sie starrte Jira an, die sich langsam von ihrem Schrecken, von hinten gepackt worden zu sein, erholt hatte und die mütterlich besorgten Augen drückten Ungläubigkeit aus.
„Jirannia, was hast du dir dabei gedacht? Feuer ist heiß!“ rief die besorgte Nemae aus und setzte das Mädchen wieder auf den Boden. Jira wischte sich die Tränen von den Wangen und schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht heiß. Es singt.“
Um es ihrer Mutter zu beweisen schritt sie erneut auf das Feuer und der Schreck war schon wieder vergessen, als sie mit freudigem Lachen und Klatschen den Funken und züngelnden Flammen folgte.
„Schau, Mutter, schau. Es singt und tanzt mit mir.“
Immer wieder griff sie vor ihren erstaunten Zuschauern in das Feuer und lachte dabei, ihre Hände blieben vollkommen unversehrt. Nemea musste sich niederlassen und plötzlich hörte sie Malekas Kichern neben sich. Die Alte hatte sich zu ihnen gesellt und beobachtete das Kind mit einem begeisterten Funkeln in den alten Augen.
„Maleka, was hat das zu bedeuten?“ fragte Nemae verblüfft und konnte das, was sie sah, immer noch nicht fassen.
Die Alte grinste, was die Lachfalten um ihre Augen und den Mund noch weiter vertiefte. „Du, mein Liebes, du wirst Zeuge einer der größten Gaben, die die Göttin zu geben imstande ist: Der Magie.“
Ungläubig schüttelte Nemae den Kopf. „Nicht doch, das ist unmöglich. Jira zeigte bisher keinerlei Anstalten, Magie zu beherrschen. Wieso sollte sie nun auf einmal damit beginnen?“
Maleka sah die jüngere Frau ernst an. „Zuerst einmal, Nemae, wisse, dass man niemals die Magie beherrschen kann, sondern man immer nur selbst von ihr beherrscht wird. Es kommt darauf an, sich ihr hinzugeben.“ Sie sprach mit einem Lächeln weiter. „Und kannst du den Wind, die Kraft der Göttin oder die Liebe sehen?“
Nemae blickte verlegen drein und Maleka nickte.
„Siehst du. Seit wann musst du sehen, um zu erkennen, mein Liebes?“
Sie streckte die Arme nach Jira aus und das Mädchen warf sich beinah sofort an den Hals ihrer Großmutter. „Na, was hat das Feuer dir vorgesungen, mein Schatz?“ fragte Maleka liebevoll und strich Jira durch das hellbraune, fast noch blonde Haar. Das Mädchen kicherte.
„Es schreit um mehr Holz. Und es redet dummes Zeug, dass es stark ist und mächtig.“
Maleka runzelte die Stirn. „Warum redet es denn dummes Zeug? Was hat es dir gesagt?“
„Es ist sooo klein!“ Jira zeigte mit den Fingern auf, wie klein sie meinte und kniff ein Auge zu, als sie darauf blickte. „Wie kann es da stark sein?“
Die Alte sah das Kind aufmerksam an und zog Jira dann heran, um sie auf ihren Schoss zu setzen.
„Unterschätze die Kraft, die du anzurufen vermagst niemals, mein Liebling. Ein winziger Funke dieses kleinen Feuers vermag mehr Schaden anzurichten als du dir vorstellen kannst.“
Jira sah ihre Großmutter verwirrt an und zuckte mit den Schultern. Sie konnte nicht verstehen, was Maleka ihr zu erklären versuchte und die Alte seufzte mit einem resignierenden Lächeln, wurde daraufhin wieder ernst.
„Sieh, Jira, das Feuer könnte uns alle verbrennen, wenn es groß genug würde.“
Das Mädchen beobachtete das Feuer nach diesen Worten aufmerksam und sah dabei zu, wie es vom Wind hin und hergerüttelt wurde. Jira schüttelte sich und schlang die Arme um ihren kleinen Körper. Dann sprang sie auf und trat zum Feuer hin. Sie streckte die Hände danach aus, viel vorsichtiger und zaghafter als zuvor und kniete sich dann nieder. Ihre jungen Lippen flüsterten sanfte Worte in die Flammen als wolle sie um Nachsicht für ihre Gedanken bitten und neigte schließlich leicht den Kopf. Als sie dann wieder aufstand herrschte wieder das Lächeln in ihrem Gesicht und sie huschte zu Maleka zurück.
„Es ist mir nicht böse.“ meinte Jira und zeigte erklärend auf das Feuer.
Die Großmutter bat das Kind, sich neben sie zu setzen und fragte es dann, wie lange es denn schon diese Gespräche mit dem Feuer führte. Das Mädchen zuckte mit den Schultern.
„Schon lange. Aber den Wind habe ich viel lieber. Er erzählt viele schöne Sachen und ist lustig. Nur wenn er wütend ist habe ich manchmal Angst.“
Überrascht sah Nemae auf, die alles mit Augen und Ohren mitverfolgt hatte. Wie kam es, dass Maleka, die Mutter ihres toten Mannes, so viel um die Magie wissen konnte? Und wie, dass ihre kleine, lebenslustige Tochter so begabt in jener Gabe war? Nemae seufzte und schalt sich selbst wegen ihres Unverständnisses. Hätte sie mehr davon verstanden so hätte sie die Anzeichen vielleicht eher deuten können. Manchmal saß Jira stundenlang auf einer Wiese und reckte die Arme gen Himmel, sie schien dabei immer viel Spaß zu haben. Nemae hatte immer geglaubt, es sei ihre Art sich zu beschäftigen, da es im Lager keine anderen Kinder gab, und auf eine bestimmte Art hatte sie wohl Recht behalten. Aber sie hätte sich niemals träumen lassen, dass ihr Mädchen sich mit dem Wind unterhielt. Vor ihrem geistigen Augen sah sie das Bild ihres Mannes. Auch er war manchmal einfach so dagestanden und hatte den Wind um sich herwehen lassen. Noch heute klangen seine Worte in ihren Ohren:
„Für die, die die Elemente verstehen, sind sie ein nie endendes Abenteuer.“
Sie hatte ihn damals für einen Träumer gehalten, doch es war unverkennbar auch eines der Dinge, die sie so an ihm geliebt hatte. Ein Lächeln bahnte sich den Weg auf ihre Lippen als sie von Stolz erfüllt wurde. Im Grunde hatte sie es immer gewusst: Jira, ihre Tochter, war etwas ganz, ganz Besonderes, wie es ihr Liebster gewesen war. Und das Leben würde noch viele schöne Dinge für sie bereithalten, da war Nemae sich sicher.

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Gromdal mühte sich den steilen Gebirgspfad herauf. Er wusste, warum er sich lieber unter der Erde als darüber aufhielt. Bereits jetzt vermisste er seine heimatlichen Höhlen und die von den Schmiedefeuern erhitzte Luft. Die, die er hier atmete, war viel zu... frisch!
Ein fröhliches Lachen ließ ihn den Kopf heben und als er aufsah erblickte er jemanden winkend auf ihn zustürmen. Die hellbraunen Haare wehten im Wind und das am Saum bereits sehr mitgenommene Kleid flatterte ebenfalls, als das Mädchen keuchend vor dem Zwerg zum Stehen kam. Um ihren Hals baumelte ein kleiner, lederner, von ihrer Mutter genähter Beutel, in dem sie eine der getrockneten Bergblumen trug denen sie ihren Namen zu verdanken hatte.
„Gromdal, endlich bist du wieder da.“ rief Jira erfreut und versuchte, über seine Schulter den Rest der Handelskarawane zu erspähen. Der Zwerg, der kaum bis an die Hüfte der mittlerweile fast erwachsenen jungen Frau reichte lächelte.
„Du bist groß geworden, Jirannia.“ murrte er in seinen dichten Bart, was ihm ein strahlendes Lächeln seines Gegenübers einbrachte. Dieses lebensfrohe Kind schaffte es doch immer wieder, den alten Griesgram aus der Reserve zu locken, dachte er mürrisch ohne die Freude über ihr Wiedersehen völlig aus seinen Gedanken verbannen zu können.
Nun kamen auch die restlichen Mitglieder der zwergischen Karawane den steilen Bergweg hinauf. Sie schnauften vor Anstrengung, die schweren Karren hinter sich herzuziehen und vor sich herzuschieben und Jira rannte vorneweg, um sie zum Lager zu führen. Was vor einigen Jahren nicht mehr als ein dürftig errichtetes Lager von Heimatsuchenden gewesen war, das hatte sich mittlerweile zu einem richtigen kleinen Dorf gemausert. Sie hatten einfache Hütten errichtet und manche sich mittlerweile sogar kleine Gärten angelegt.
Als Jira die Händler mit lauten Rufen ankündigte blickten ihr viele Augenpaare entgegen. Auch ihre Mutter, deren Haar nun ergraut und deren sanftes Gesicht mehr Falten als damals aufzeigte wandte sich von der Arbeit in dem kaum mehr als zwei auf zwei Schritte messenden Kräutergärtchen ab und sah auf. Sie lächelte beim Anblick der über die Wiese stürmenden Jira, richtete sich auf und ging ihr mit einigen anderen entgegen. Im Dorf angekommen kündigte das Mädchen erneut an:
"Die Händler sind da!“ und ein alter Mann erwiderte lachend: „Das haben wir alle gehört. Du hast es so laut gerufen, dass sogar die Dörfer auf der anderen Seite des Bergs darüber informiert sein dürften.“
Mehrere fielen in sein Lachen ein, Jira eingeschlossen, und schließlich trat sie auf die Seite um die Karawane einzulassen. Es wurden Hände geschüttelt und man war sich schnell einig, dass die Waren noch eine Weile warten konnten. Zuerst wollte man das Wiedersehen gründlich feiern. Die Bewohner mochten nicht viel im Überfluss haben, aber Gastfreundschaft zählte sicherlich dazu.
Die Zwerge wurden eingeladen, an das Feuer zu sitzen und ihre müden Glieder auszuruhen und sie alle stimmten schnell zu. Es wurden Schläuche mit Wein herumgereicht und Kleinigkeiten zu Essen angeboten, für den Abend wurde ein Bock geschlachtet.
Die Gespräche über all das, was seit dem letzten Besuch der Händler vor ein paar Jahren geschehen war nahm viel Zeit ein, so dass es bald zu dämmern begann und ausgelassen geredet, gelacht und auch getanzt wurde. Jira half kräftig dabei mit, es ihren Gästen an nichts fehlen zu lassen ehe sie sich zu Gromdal setzte und ihn nach allem ausfragte, was es „dort draußen“ Neues gab. Sie war auf alles neugierig, was ihr neu und seltsam vorkam, nur schwieg sie wohlweislich über alles, was Gromdals Rasse und Heimat betraf. Sie wusste von ihrer Mutter, dass die Zwerge es nicht gern sahen, dass Ihresgleichen mit den Menschen handelten, noch dazu so abgeschieden. Es musste für die Bewohner des Erdinneren seltsam anmaßen, dass Gromdal mit seinem Trupp nur aus Freundlichkeit hierher fand, denn meist trug er einige Dinge bei sich, die ihnen das Leben sehr erleichterten oder gar erst möglich machten. Die Dorfbewohner vermochten ihn nicht immer in barer Münze auszuzahlen, doch sie taten, was sie konnten, und das respektierte der Zwerg. Jira war ihm sehr dankbar dafür.
Geduldig beantwortete der alte Bartträger die Fragen des Jungspund. Einmal sah er sich um und fragte mit einem Anflug von Interesse: „Wo ist denn Maleka? Sie war doch immer eine der Ersten, die uns begrüßte, um zu sehen, was wir ihr an altem Gerümpel und Steinchen mitbrachten.“
Da verfinsterte sich Jirannias fröhliche Miene und sie sah zu Boden.
„Sie ist im letzten Sommer von uns gegangen. Die Göttin hat sie zu sich geholt. Sie war alt und es war Zeit.“ erklärte Jira ganz im Sinne ihrer Großmutter. Sie hatte Maleka sehr geliebt, denn die Alte war die Einzige gewesen, die die Verbundenheit des Mädchens mit den Elementen einfach so verstanden hatte. Ihre Großmutter fehlte Jira sehr. Sie hatte auch herausgefunden, dass Maleka selbst sehr viel von Magie verstand und ein wenig davon anwenden konnte, doch Jiras Talent war, gemäß der Alten, so gewaltig, dass sie es unbedingt fördern wollte. Jira liebte die Elemente, das Spiel mit ihnen und die Kräfte, die immer von so viel Sanftmut begleitet wurden, doch sie vermochte nicht zu sagen, wozu sie zu verwenden waren. Sie konnte den Wind darum bitten, eine günstigere Richtung anzunehmen, konnte das Feuer beruhigen, wenn es einmal außer Kontrolle zu geraten drohte, konnte der Erde gut zureden oder das Wasser in ihre Äcker und Gärten ziehen lassen. Aber niemals mit Zwang. Jira spielte mit den Elementen, nannte sie ihre Freunde und manchmal war es ihr als setzte sich ihr Herz selbst aus diesen vier Kräften zusammen.
Gromdal senkte ebenfalls den Blick und erwiderte leise: „Das tut mir leid.“
Er wusste, wie sehr das Kind an seiner Großmutter gehangen hatte, auch wenn er ihre seltsamen magischen Kräfte niemals verstanden hatte. Ihm waren handfeste Dinge lieber, auch wenn er einer der wenigen Zwerge war, die Magie beinahe respektierten.
Plötzlich zog Nemae ihre Tochter am Ärmel und lächelte ihr zu. „Jirannia, möchtest du unseren Gästen nicht zeigen, was du in all den Jahren gelernt hast, seit sie uns das letzte Mal besucht haben?“
Jira erwiderte das sanfte Lächeln ihrer Mutter. Nemae war immer ruhig und besonnen und hatte das Mädchen bereits viele Male vor Dummheiten bewahrt oder sie deswegen gerecht gescholten. Jira war sich ganz sicher, ein schöneres Leben hätte sie gar nicht haben können, und an einem schöneren Ort hätte sie nicht aufwachsen können. Hier war sie glücklich und sie konnte sich nicht vorstellen, dass dies je ein Ende finden würde.
Schließlich nickte sie ihrer Mutter und Gromdal zu und erhob sich. Das Gemurmel verstummte langsam und als es ganz still war hob Jira die Hände über das Feuer und es wurde kleiner bis nur noch ein kleiner, glimmender Schein übrig war.
Sie rieb leicht die Hände aneinander, beinah als wolle sie sie wärmen, doch nach kurzer Zeit schon rührte sich etwas zwischen ihnen. Erst langsam und kaum mehr als ein Zucken schwoll nach und nach etwas an, bis Jira auf der flachen Hand ihr Werk präsentierte. Es war die Miniatur eines Wirbelsturmes, der sich so schnell drehte, dass das Auge ihm nicht mehr folgen konnte. Verzückt betrachteten die Augen des Mädchens ihr kleines Kunststück und kniete sich neben dem Feuer nieder, um die Hand hineinzusenken und eine kleine Flamme herauszuholen, mit der sie den Wind fütterte. Wenn nun die Zuschauer in dem Glauben waren, das Feuer würde erlöschen, so lagen sie falsch. Das Flämmchen erfüllte den winzigen Sturm mit einem sanften Glühen und erleuchtete die Gesichter der Zuschauenden mit einem warmen Licht. Daraufhin griff sie zu Boden und nahm eine Hand voll weicher, brauner Erde auf, die sie mit einem liebevollen Blick ebenfalls in das kleine Wunderwerk rieseln ließ. Schnell verteilte sich jene und schrieb Muster und fremdartige Symbole in die kleine Feuerwand, sie sich in Augen spiegelten. Schlussendlich nahm Jira einen Wasserschlauch und schüttete etwas von dem nassen Inhalt ebenfalls hinein. Enttäuschte Rufe und sogar erschrockenes Anhaltes des Atems protestierten gegen scheinbar unweigerlichen den Schluss dieser Vorführung, doch die Magierin lächelte lediglich und schüttelte den Kopf. Das Wasser zersprang in vielerlei kleiner Tropfen und verteilte sich wie der Erde versprengt in Jiras wundervollem Wirbelsturm. Das Licht des Glühens brach sich auf den Wassertropfen und gab ein schillerndes Kaleidoskop an den schönsten, warmen Farben des Feuers frei.
Dann begann das Mädchen mit leiser, aber überall zu vernehmender Stimme ein Lied zu singen, während sie ihren Oberkörper hin und herwiegte und ihr Gebilde mit beiden Händen stützte, dessen Bewegungen in den Rhythmus ihres Liedes einzustimmen schienen.
„Feuer, Wasser, Erde, Wind
Wachsen, wehen, fließen g‘schwind
Lausch dem Lied, es spielt für dich
Wahrlich frei und königlich!
Du hörst gut zu, du lauschest nur
Den freien Liedern der Natur.
Spürst du denn nicht ihre Kraft?
Nur durch ein einzig Wort entfacht.
Der Sturmwind braust über das Land
Die Erde wird niemals gebannt
Das Wasser bahnt sich seinen Weg
Kraftvoll die Wand aus Feuer steht.
Tief in dir flüstert eine Stimme
Du schärfest nun alle deine Sinne
Und plötzlich spürst du, fein und sacht
Der starken Elemente Kraft!“
Als das Lied noch verklang und der kleine Wirbel aus allen vier Elementen immer langsamer wurde, bis er sich schließlich in einer Böe verlor, hatte sich Schweigen auf das Lager gelegt. Alle Augen lagen auf dem Mädchen, deren verträumter Blick lediglich erahnen ließ, wie sehr ihr Herz von dem erfüllt war, was sie gerade geschaffen hatte. Gromdal war der Erste, der begann, zögerlich, immer noch von dem gerade Gesehenen gefangen, Applaus zu spenden. Nach und nach stimmten die anderen Zwerge mit ein, dann die Dorfbewohner und schließlich waren sogar vereinzelte Lobrufe zu vernehmen, die Jira mit einem Lächeln und abwehrenden Gesten zurückwies.
„Das war lediglich eine kleine Demonstration um zu zeigen, wie schön die Dinge sein können, die wir für alltäglich halten. Es war nichts Besonderes.“
Doch ihre eigenen, leuchtenden Augen strafen ihre Worte Lügen, denn jeder konnte ihr ansehen wie wunderbar dieser Einklang mit den Elementen für sie gewesen war und immer noch war. Schließlich richtete sie sich auf und ging hinüber zu ihrer Mutter, die sich gerade die Augen trocknete, doch ihre Tochter vermochte immer noch die Tränenspuren auf Nemaes Wangen zu sehen.
Sie nahm Jiras Hände in die ihren und blickte ihre Tochter sanft an. „Das war wunderschön.“ sprach sie mit vor Rührung schwacher Stimme. Das war das schönste Lob, das Jira bekommen konnte, denn die Worte ihrer Mutter kamen direkt von Herzen. Sie umarmte Nemae und erwiderte das Lächeln mit einem leisen „Dankeschön.“, denn ihre Mutter war es gewesen, die sie zu diesem Versuch ermuntert hatte.
Daraufhin kehrte sie zum Feuer zurück, wo sich die Menschen langsam den Waren der Zwerge zu widmen begannen. Allerlei Dinge hatten die Händler mitgebracht, vor allem Werkzeuge für den Ackerbau oder für Handwerksberufe, die allgemeines Interesse weckten. Jira stand daneben und betrachtete neugierig alles, was die Zwerge von ihren Karren zerrten, bis Gromdal sie zur Seite nahm und sie in den Schatten einer der Hütten zog. Da sah er sich hektisch um, als habe er Angst, entdeckt zu werden und kramte schließlich aus einer seiner Taschen etwas hervor, das er dem Mädchen unter die Nase hielt. Sie wollte vor Entzückung schon rufen, doch schnell legte er einen Finger an die Lippen und sie war still. Er drückte ihr das silberne Schmuckstück in die Hand und flüsterte:
„Das habe ich gefunden, niemand außer mir und dir weiß nun davon. Es ist ein Geschenk für dich, aber es ist so wertvoll, dass ich es dir niemals geben dürfte. Du bist ein Mensch und Zwerge haben im Allgemeinen etwas dagegen, Menschen wertvolle Gegenstände zu lassen, noch dazu ohne Gegenleistung. Dieses Schmuckstück passt so gut zu dir, es scheint sogar im Dunkeln zu leuchten wie dein Lachen es tut.“
Der Zwerg sah zur Seite, große Worte waren nicht seine Sache und er war verlegen ob der Dinge, die er gesagt hatte. Als er aufsah erblickte er wie Jira eine Träne über die Wange rann und er fragte sich schon, ob er etwas falsch gemacht hatte, als er ihr Lächeln sah und sie sich vor ihn hinkniete, um ihn in die Arme zu schließen. Zögerlich erwiderte er die Umarmung und wurde an ihr erstes Zusammentreffen erinnert. Er war mit seinen Leuten hierhergezogen, lediglich um einen Pass über den Berg zu finden, doch dann hatten sie das Lager gefunden. Die Menschen hatten sich gefürchtet und waren geflüchtet, nur ein kleines Mädchen war ihnen entgegengerannt und hatte sich dem vordersten Zwerg, Gromdal selbst, um den Hals geworfen und laut gelacht, ohne zu wissen, wer er überhaupt war. Seitdem hatte dieses Menschlein einen besonderen Platz im Herzen des alten Rauhbeins, weil ihr Lachen einfach völlig ohne Arg war, obwohl er dies heute noch als Dummheit bezeichnete. Manchmal fürchtete Gromdal aufgrund ihrer Naivität ein wenig um sie, doch hier in diesem Dorf würde ihr wohl nichts geschehen. Er wünschte ihr nur, dass sie immer glücklich bleiben mochte.
Sie gab dem Brummbär noch einen Kuss auf die Wange und schnell entwand er sich ihr und kehrte zu den anderen zurück, um seine Waren feilzubieten.
Am nächsten Tag, nachdem einige Dinge und vorhandene Münzen sowie andere Tauschgegenstände ihren Besitzer gewechselt hatten reisten die Zwerge wieder ab. Jirannia begleitete die Händler noch bis zum Bergpfad, wünschte ihnen viel Glück und Gromdal blickte sie eine Weile an, ehe er, seine dunklen Augen unter den buschigen Augenbrauen blickten sanfter als sonst, ihr ebenfalls alles Gute wünschte und sich schließlich umdrehte um seinen Weg fortzusetzen.
Noch an diesem Abend nahm Jira das Schmuckstück etwas näher in Augenschein. Sie musste an Gromdal denken und daran, wie vorsichtig er gewesen war, als er es ihr gegeben hatte. Es musste sehr wertvoll sein. Bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass es eine Schnalle war, um den Umhang an der Schulter zu befestigen. Sie schien aus Silber zu sein, doch war so hart, dass Jira selbst daran zweifelte. Doch am meisten faszinierten sie die Zeichnungen und eingeritzten Bilder. Zeifellos war es von Zwergen gefertigt. Jira erinnerte sich daran, dass Gromdal einmal erzählt hatte, er sei selbst Schmied gewesen. War es sein Werk gewesen?
Jira wusste nichts von dem eigentlichen Wert in barer Münze, doch um den, den er in ihrem Herzen hatte dafür umso mehr. Sie drückte die Schnalle fest an sich und schlummerte schließlich ein.

Jirannia wurde nicht wie sonst von den ersten Strahlen der Sonne geweckt, die morgens über den Berg kroch, sondern von einem lauten und widerlich in den Ohren schmerzenden Kreischen. Sie fuhr hoch und stolperte in ihr Nachthemd gehüllt aus der Hütte. Mehrere der anderen Dörfler waren bereits ebenfalls wach und langsam breitete sich Panik aus als ein neuerlicher, markerschütternder Schrei ertönte. Über ihnen zischte ein Schatten vorbei, riesig.
Jira zitterte und wusste nicht, wohin, denn die Nacht hatte ihre Klauen noch über den Himmel gelegt und kaum ein Stern war zu sehen. Alles war dunkel. Da packte sie jemand am Arm und Jira wurde mitgezerrt. Bald erkannte sie ihre Mutter, die mit Jira versuchte von dem völlig offenen und dabei Angriffsfläche bietenden Ort ihres Dorfes zu flüchten. Sie waren nicht sehr weit gekommen als sich zu dem ersten schrillen Rufen noch eines dazugesellte, dann in kurzer Zeit weitere. Nemae würgte die Panik herunter, die die gewaltigen Schatten vor dem Nachthimmel, die wieder und wieder auf das Dorf herabstürzten, in ihr auszulösen drohten und mahnte sich, dass sie zuerst ihr Kind in Sicherheit bringen musste.
Plötzlich schoss ein solcher Schatten auch auf sie zu und sie stieß Jira mit einem beträchtlichen Kraftaufwand zur Seite. Das Mädchen hörte einen lauten Schrei aus menschlicher Kehle von dort, wo sie gerade noch gestanden hatte und rutschte und schlitterte einen Hang hinab ehe ihr Körper mit einem lauten Klatschen in einem eisigkalten Gebirgsbach landete. In diesen wenigen Augenblicken schossen ihr unzählige Gedanken in den Kopf. Sie wollte rufen und nach ihrer Mutter schreien, doch alles, was sie in den Mund bekam war Wasser. Sie klammerte die Hand um Gromdals Schnalle, zu wertvoll war sie, um sie hier zu verlieren.
Waren diese Monster durch ihre Schuld angelockt worden? Durch die Magie, die sie erweckt hatte? Jirannia schwor sich noch, diese Gabe nicht mehr jedem zu zeigen und von nun an vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als ein dumpfer Schlag gegen einen Felsen sie in Schwärze versinken ließ und die Strömung sie mit sich zog.


Die Alte seufzte tief als sie sich wieder aufrichtete, nachdem sie sich nach einem Kraut gebückt hatte. Sie war die harte Arbeit hier draußen nicht gewohnt. Plötzlich erblickte sie etwas, das nicht in das Bild ihres Waldes passen wollte. Von einem Bach, der dem Gebirge entsprang, war etwas angeschwemmt worden. Kein Treibgut, sondern ein Mädchen lag im Ufersand des kaltes Wassers. Sie atmete kaum mehr, nur noch sehr flach, und ihre eine Hand umklammerte etwas, scheinbar sehr fest.
Die Alte erkannte an der Art, wie das Wasser das Kind umspülte, dass es kein gewöhnliches Mädchen war und untersuchte es schnell. Sie entdeckte den Beutel und holte dessen Inhalt heraus, eine kleine Blume, die einmal getrocknet gewesen war.
Mit einer Stimme, die von Alter und geringer Nutzung rauh gewesen war identifizierte sie diese und gab dem Mädchen gleichermaßen einen Namen:
„Jira.“
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