'Der Verrat' von Taira

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Der Verrat' von Taira

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:26

Sie hatte keine Angst. Sie wäre keine Amazone geworden, wenn sie sich jemals von Angst hätte beherrschen lassen. Doch das dumpfe Gefühl in ihrem Inneren fühlte sich verdammt nach Angst an.
Sie war ohne Genehmigung schwanger geworden. Noch konnte sie ihren Bauch unter ihrer Rüstung verbergen. Aber sicher nicht mehr lange. Und das war noch nicht das Schlimmste. Es war nicht irgendein Sklave gewesen, der sie geschwängert hatte, sondern einer von den Freien, Verbannten.

Nailas Gefühle waren noch immer zwiespältig, wenn sie an Thomori dachte. Ja, sie liebte diesen Mann. Mehr noch, als sie je eine ihrer Ordensschwestern hätte lieben können. Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, als sie an die erste Begegnung mit ihm zurückdachte. Ein Wunder, dass sie ihn nicht sofort getötet hatte!
Aber wie hatte sie sich nur so vergessen können? Wie hatte sie ihrem Orden nur eine solche Schande machen können? Sie hatte immer nur für ihren Orden gelebt. Sie liebte ihr Leben wie es bisher gewesen war. Doch Naila wusste auch, welche Strafe ihr drohte, wenn alles ans Licht kam. Eigentlich blieb ihr doch überhaupt keine andere Wahl als Patria zu verlassen und ihm in die Wälder zu folgen. Zumindest, bis das Kind da war. Und danach wäre es vermutlich zu spät für sie, in den Orden zurückzukehren. Sie würde ein völlig anderes Leben, leben müssen, als sie immer gedacht hatte. Sie hatte Angst vor dieser ungewissen Zukunft. Warum nur, hatte sie sich durch ihren Fehler vor so eine grausame Wahl gestellt?
Nun, eigentlich war es kein Fehler gewesen. Jedenfalls empfand sie nicht so, dass Thomori zu lieben wirklich ein Fehler war. Und die Entscheidung war ja schon lange getroffen. Thomori hatte alles sorgfältig vorbereitet. Worüber grübelte sie denn da noch?

Sie seufzte leise, so dass Sharia neben ihr sie merkwürdig musterte, und schwang sich auf ihren Gorsak. „Na wurde aber auch Zeit. Ich dachte schon, du würdest da festwachsen.“ Ihre Ordensschwester lachte bellend über ihren eigenen Witz und Naila rang sich ein Lächeln ab. Dann ritten sie gemeinsam aus dem Tor, um auf Patrouille zu gehen.

„Du bist in letzter Zeit immer so abwesend. Ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte Sharia nach einer Weile. „Ja, sicher,“ versicherte Naila schnell, vielleicht ein wenig zu schnell, um ihre langjährige Partnerin wirklich zu überzeugen. „Ich würde mich gerne auf dich verlassen können, hier draußen im Wald. Wenn du ständig in Gedanken bist, wie sollst du dann...?“ Sharia hielt inne und lauschte. „Hast du das auch gehört?“ Nailas Anspannung wuchs ins Unermessliche. Hoffentlich verlief alles glatt. Sie brachte ihren Speer in Angriffsposition. „Ja,“ sagte sie heiser und blickte sich nach allen Seiten um. Dies war nicht der Ort, den Thomori ihr gesagt hatte. Hatte er sich doch entschieden von woanders anzugreifen? „Mannsvolk. Mit Sicherheit,“ brummte Sharia verächtlich. „Die riecht man doch 100 Fuß gegen den Wind,“ Naila schwitzte und Sharias Kommentare gingen ihr auf die Nerven. Ungehalten machte sie mit ihrer Hand eine Bewegung, die Sharia unmissverständlich klar machte, sie solle den Mund halten. Doch als wäre eben dieses Zeichen für die Männer ein Zeichen zum Angriff gewesen, brachen plötzlich mindestens sechs aus dem Unterholz hervor.
Naila begriff im selben Augenblick, als sie sie auf sich zu rennen sah, dass dies nicht Thomoris Männer waren. Diese hier waren zu allem bereit und Mordlust glühte in ihren Augen. Sie waren unterernährt und sahen nicht besonders kräftig aus. Dennoch wusste Naila von vielen Jagden, dass sie nicht zu unterschätzen waren.
„Zum Zûl!“ fluchte sie unbeherrscht und spornte noch im selben Augenblick Tifa an. Diese Männerbrut würde ihren schönen Fluchtplan noch vereiteln! Mit Sharia an der Seite hatte sie eine gute Kämpferin. Doch sechs Männer gegen zwei Amazonen?!

Fast, als würde es gar nicht um ihre Sicherheit gehen, schätzte sie ihre Chancen ab, während sie den ersten Angreifer von ihrem Gorsak aus mit der Speerspitze durchbohrte. Es sah alles andere als gut aus. Sie konnte nur beten, dass Thomori in dieser Gegend bereits seine Späher aufgestellt hatte und er ihr zur Hilfe kam. Naila wendete Tifa und zog ihren Speer aus dem Angreifer heraus, der leblos zu Boden sackte. Sie blickte zu Sharia, die in arge Bedrängnis geraten war. Den Männern schien klar geworden zu sein, dass sie nur alle zusammen gegen eine Reiterin und ihren Gorsak ankamen und konzentrierten sich jetzt auf Sharia.
Naila preschte mit Tifa nach vorne und wendete vor den Männern so plötzlich, dass ein oder zwei zur Seite sprangen, weil sie die Krallen des Gorsaks nicht zu spüren bekommen wollten. Doch die Männer gaben nicht auf. Statt ihren ursprünglichen Plan auszuführen, begannen sie nun damit beide Frauen einzukesseln. Diese Männer waren ganz und gar nicht dumm. Zwei von ihnen schwangen Bolas. Naila wusste mit ziemlicher Sicherheit, was sie vorhatten. Sie wollten die Gorsaks kampfunfähig machen. Naila fluchte lästerlich, wendete Tifa zur Seite, so dass deren Vorderläufe von der Position der Männer nur noch einzeln zu erreichen waren und stieß erneut mit ihrem Speer zu. Sie traf so schlecht, dass es einem der Männer gelang, den Speer zu fassen. Fast hätte es sie vom Gorsak katapultiert. Doch sie fing sich in letzter Sekunde und konnte ihren Speer befreien.
„So ein Mist! Da kommen noch mehr!“ hörte sie Sharia rufen und Naila sah für einen Augenblick dorthin, wo sie die Verstärkung vermutete. Ihre Frustration verwandelte sich in Erleichterung als sie Thomori unter ihnen erkannte.
Ein scharfer Schmerz durchzuckte plötzlich ihren linken Oberschenkel. Verwundert blickte sie darauf. Einer der Angreifer hatte ihr geradewegs seinen Dolch in das Bein gerammt, als sie abgelenkt gewesen war. Zorn schlug in Wogen über ihr zusammen. Da stand sie hier umzingelt von feindlichen Mannwesen und schmachtete Thomori an! Sie war dümmer als jede noch so unerfahrene weiße Hand! Wild begann sie jetzt um sich zu schlagen. Dafür würden diese verdammten Mannwesen bezahlen! Sie spürte mehr als sie sah, dass viele ihrer Hiebe trafen. Erst als Thomoris Leute sich ebenfalls auf die angreifenden Männer stürzten, erlaubte sich Naila einen kleinen Moment durchzuatmen, jedoch nicht, ohne ihre Augen und Ohren nicht weit offen zu halten. Thomoris Männer waren deutlich in der Überzahl. Doch Sharia griff nun auch diese an. Die Arme hatte ja auch nicht die geringste Ahnung von Nailas Verrat an dem Orden! Naila biss sich auf die Lippe. Sie wünschte weder Sharia noch Thomoris Männern Schaden. Sharia wurde jedoch erstaunlich schnell vom Gorsak gezerrt und Naila konnte sehen, wie einer der Männer mit dem Heft seines Schwertes Sharia einen Schlag auf den Hinterkopf versetzte, so dass sie zusammenbrach.

Doch noch immer waren nicht alle Angreifer erledigt. Sie sah aus den Augenwinkeln, dass Thomori sich an ihre Seite gekämpft hatte. Doch Naila hatte nicht viel Zeit, sich darüber zu freuen. Denn schon wieder brachen Männer aus dem Unterholz und stürzten sich auf sie. Sie hatte plötzlich alle Hände voll damit zu tun Hiebe abzuwehren und durch die Wunde am linken Bein war sie längst nicht mehr so agil. Ihren Speer in den Händen zu halten und anzugreifen war eine Sache, aber dabei Tifa mit den Oberschenkeln zu lenken und im Gleichgewicht zu bleiben, war eine ganz andere. Kurzentschlossen sprang sie vom Gorsak direkt auf einen der Männer. Sie ließ ihren Speer fallen und zog ihren Dolch, um ihm ohne zu zögern die Kehle durchzuschneiden. Der Mann taumelte noch und brach dann unter ihr zusammen. Jemand riss sie am rechten Arm hoch und zog sie vom Kampfgetümmel fort. „Warte hier. Du bist verletzt und schwanger,“ raunte Thomori ihr zu und lief dann wieder in die Richtung davon, aus der sie soeben gekommen waren. Ärgerlich erhob sich Naila wieder aus dem Gebüsch, in das er sie gezerrt hatte. Was dachte er sich eigentlich? Sie war eine Amazone, zum Zûl! Sie konnte kämpfen! Doch der Schmerz in ihrem Bein, sobald sie es belastete, strafte ihre Gedanken Lügen.

Frustriert trat sie nach den Ästen auf dem Boden, als ihr Blick erneut auf Sharia fiel. Sie lag etwas abseits von den Kämpfern und war noch immer bewusstlos. Niemand bewachte sie. Ihr konnte sonst was passieren! Naila überlegte nicht lange. Sie gab einen kurzen, hohen Pfiff von sich und kurz darauf war Sharias Gorsak an ihrer Seite.
Im Schutz seines massigen Körpers, gelangte sie sicher zu ihrer Ordensschwester und verfrachtete diese mit einiger Mühe auf das Tier. Als das endlich geschafft war, versetzte sie dem Gorsak einen Klaps. Er würde den Weg zurück nach Patria finden, da war sich Naila sicher.

Sie vernahm etwas zu spät den lauten Schrei hinter sich „Naila! Weg da!“ der von Thomori kam. Sie wandte sich nach ihm um. Da warf er sie plötzlich zu Boden und federte mit seinem eigenen Körper die Wucht des Aufpralls ab, bevor er sie mit seinem Körper abschirmte. Verwundert erblickte sie einen Speer, der knapp über sie beide hinweg flog und einen Mann traf, der soeben sein Schwert in Thomoris Rücken rammte. Naila schrie auf, als sie erkannte, dass sich eine Lache aus Blut auf dem Boden ausbreitete, sein Blut! Sie blickte in seine wunderschönen grünen Augen, die ihr immer genau gezeigt hatten, was er gerade fühlte. Doch in ihnen war nichts mehr, was sie an den Mann erinnerte, den sie liebte. Sie waren leer.



Epilog

„Was bringst du mir da?“ fragte die alte Einsiedlerin den Mann verwundert. „Eine Amazone?“ Sie spie das Wort fast aus. „Bitte, du musst sie heilen. Sie trägt Thomoris Kind.“ „Und warum kümmert er sich nicht darum, hm?“ fragte sie. Der Mann ließ den Kopf hängen. „Er ist tot,“ murmelte er und die Augen der Alten verengten sich zu Schlitzen. „Hat sie das getan?“ Der Mann verneinte schnell. „Ich verstehe, dann bring sie ruhig herein.“ Sie öffnete ihre Tür ganz und ließ ihn mit seiner Last auf den Armen eintreten. Der Mann ließ die Amazone vorsichtig auf das Bett sinken. Die Alte machte sich daran ihre Wunde am Bein zu versorgen und ihr das Blut aus dem Gesicht zu waschen. „Wenn sie erwachen sollte…dann sag ihr… sag ihr, es ist zu viel Blut für sie vergossen worden. Sie ist im Clan nicht willkommen.“ Dann verließ der Mann fast fluchtartig die Hütte. Die Alte schnaufte. „Feigling!“ rief sie ihm noch hinterher. Aber zweifellos war er nur der Bote gewesen. Die Entscheidung diese Frau sich selbst zu überlassen hatten wohl andere getroffen.

Es dauerte Tage bis die Amazone aufwachte und es dauerte Wochen bis sie wirklich ansprechbar war. Als die Alte ihr von der Entscheidung des Clans berichtete, zuckte die Frau nicht einmal mit der Wimper. Sie schwieg nur eisern und ihr Gesicht verhärtete sich zusehends. Die Alte konnte den Kummer der Amazone verstehen. Da hatte eine dieser stolzen Patrianerinnen offensichtlich ihren Orden verraten, nur um ihren Geliebten sterben zu sehen. Was für ein Jammer.

Die Monate schritten voran und die Leibesfülle der werdenden Mutter nahm stetig zu. Die Alte wusste, es würde nicht mehr sehr lange dauern, bis das Kind zur Welt kam. Doch immer noch schwieg die Amazone. „Wenigstens deinen Namen könntest du mir verraten, wenn du schon bei mir bist,“ brummte die Alte schließlich irgendwann. „Ich werde ihn wissen müssen, bei der Geburt. Wie soll ich dir sonst gut zureden, hm?“ Da begann die Frau plötzlich zu weinen und die Alte wiegte sie lange. Am Ende dieses Tages erfuhr sie eine Menge über die Amazone, sogar ihren Namen.

Naila würde lange brauchen um sich zu erholen, wenn sie sich je erholte. Die Alte machte sich nun ernsthafte Sorgen. Sie bot Naila an, bei ihr zu bleiben und Naila nahm, wenn auch nur zögerlich, das Angebot an.

In der darauf folgenden Nacht, kam das Kind. Es war keine leichte Geburt, wenn auch eine recht schnelle. Das Baby hatte schon jetzt einen roten Flaum auf dem Kopf. Kein Wunder, wenn man die Umstände der Geburt betrachtete. Rot, wie das Blut ihres Vaters, das er vergossen hatte, um Mutter und Kind zu schützen. Die Alte machte schnell ein Zeichen gegen Unheil.

Zur großen Freude der Mutter war es ein Mädchen. Die Alte lächelte. Ja die Patrianerinnen würden sich wohl auch hier draußen nicht ändern. Was hätte Naila wohl mit einem Jungen gemacht? Ihn ausgesetzt? Vermutlich. Doch das Mädchen würde sie sicher lieben.

„Taira, ich glaube ich werde sie Taira nennen. Was meinst du?“ fragte Naila und die Alte brummte nur zustimmend.
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