'Die Rache der Vegetarier' von Amara

Geschichten aus dem Amazonenwald.

'Die Rache der Vegetarier' von Amara

Beitragvon Der Schreiber » Montag 4. Februar 2013, 15:33

Im Jahre 451 vor Quendor, Sommer, im Palast der Stadt Patria

„Seid Ihr sicher, dass Ihr das Richtige tut?“
„Nein. Und du?“
„Nein.“ Vanos klang erleichtert. „Also werdet Ihr…?“
„…es trotzdem tun.“ Amodem klang bestimmt, seine Stimme war fest, während er seine Herrscherhandschuhe anzog. „Die Verteidiger brauchen jemanden, eine Bugfigur, die ihnen Halt gibt und sie zu mutigen Taten anstachelt. Ich bin nicht nur ein König, ich bin auch ein Symbol für etwas, für das es sich zu sterben lohnt…jedenfalls haben meine Lehrer das immer gesagt. Ich muss dich wohl nicht erinnern, dass du ebenfalls zu ihnen gehört hast?“
„Nein, sicher nicht“, antwortete Vanos trocken und ein Lächeln trat auf seine vom Alter ohnehin runzlig gewordenen Gesichtszüge, in die sich nun auch noch tiefe Sorgenfalten auf der Stirn eingruben, während er dabei zusah, wie ein junger Knappe dem König dabei half, seinen schimmernden Brustpanzer anzulegen, der das Zeichen von Auror I. trug, dem Halbgott und Begründer der Linie der Könige.
„Trotzdem – das Risiko ist zu groß, Ihr könntest getötet werden! Denkt doch nur, welche Auswirkungen das auf die Moral der Verteidiger haben würde!“
Amodem lachte. „Das gehört dazu, mein alter Freund. Die Göttin wird mich beschützen, wenn ich ihrer wert bin und wenn nicht…nun, dann sehen wir uns in den himmlischen Hallen wieder, nicht wahr? Und jetzt gehorche deinem König.“
Die Stimme des Herrschers wurde mit einem Mal streng und majestätisch und Vanos sah, dass er gute Arbeit bei der Erziehung des Königs geleistet hatte. „Ich werde mit auf der Mauer stehen, wenn der Angriff beginnt. Das ist mein letztes Wort. Geh und hol mir meine Generäle. Die Schlacht ist nahe, ich spüre es.“
Vanos verbeugte sich so gut er es mit seinen alten, müden Knochen vermochte und entfernte sich rückwärts, bis er die Tür erreichte und sie hinter sich schloss, als er den Raum verließ. Einen Moment zögerte er noch, von dunklen Vorahnungen geplagt, dann rang er sich jedoch zu einem Entschluss durch und richtete sich auf. Als er mit weiten Schritten durch den Thronsaal marschierte, an den sich die kleine, private Kammer von Amodem III. anschloss, aus der er gerade gekommen war, blitzte die einstige Größe des Mannes auf, der nun schon seit 56 Jahren im Dienste der königlichen Familie stand.
Mit 11 war er als Page an den königlichen Hof geschickt worden, der Sohn eines reichen Kaufmanns, der seinem Mündel politische Aufstiegschancen bieten wollte. Damals hatte er noch unter König Cegolan gedient, dem Vater von Amodem III., und bei seiner Geburt hatte Amodem I. geherrscht, jener sagenhafte Regent, der als bislang einziger Mensch den legendären weißen Hirsch im Wald der Stimmen gesehen hatte.
Danach hatte Vanos sich jahrelang hochgearbeitet und war der Herrscherfamilie immer treu ergeben gewesen, bis er es schließlich mit 51 Jahren zum Reichskanzler geschafft hatte, ein Amt, das er nun bereits seit 16 Jahren innehatte. Das so genannte Reich beschränkte sich jedoch auf die Stadt Patria, die umliegenden Dörfer und einige Hektar Ackerland und Wald, der nicht von den Pflanzenwesen beansprucht wurde.

Vanos schreckte aus seinen Erinnerungen auf, als er bemerkte, dass er, in Gedanken versunken, viel zu weit gelaufen war und beinahe das Palasttor erreicht hatte. Sich selbst tadelnd drehte er sich auf der Stelle um und suchte sich seinen Weg zum Konferenzsaal, einem Raum mit einem lang gestreckten, ovalen Tisch in der Mitte, wo er die Generäle versammelt fand, über Karten mit Truppenaufstellungen brütend.
„Seine Majestät wünscht Euch zu sprechen“, verkündete er den alten Haudegen kühl; er konnte die Leute vom Militär nicht ausstehen, da sie viel zu oft mit ihrem Schwert anstatt mit ihrem Gehirn zu denken schienen. Die Generäle zögerten nicht und verließen den Raum im Gänsemarsch, ohne Vanos mehr als ein beiläufiges Nicken zu schenken, was dieser halbherzig erwiderte.
Als alle gegangen waren, ließ sich Vanos in einen der hohen Lehnstühle sinken, die um den Tisch herum aufgestellt waren und barg das Gesicht in seinen Händen, während die Stunde des Kampfes stetig näher rückte.

Wenige Stunden später, auf der Stadtmauer nahe des südlichsten Turmes

Narek beschirmte seine Augen vor der blendenden Sonne, die an diesem wunderschönen Sommertag mit ungewöhnlicher Helligkeit vom tiefblauen Himmel herab schien, als wollte die Göttin der Reinheit die Geschehnisse weit unter ihr in ihrer ganzen Pracht bewundern. Vielleicht gehörte dies alles zu einem göttlichen Plan, den Normalsterbliche nicht verstanden, doch aus Nareks Sicht war dieser Tag kein guter Tag, denn was er vor den Mauern Patrias sah, ließ ihn im Glauben an die Göttin schwanken.
Seit der König vor mehr als fünf Wochen aus dem Wald der Stimmen nach einer Hirschjagd mit der Kunde von einem bevorstehenden Angriff der Pflanzenwesen zurückgekehrt war, hatten emsige Holzfäller Tag für Tag daran gearbeitet, eine breite Schneise inmitten des dichten Waldes zu pflügen, der wenige hundert Meter vor den Stadtmauern begann und ein wogendes Meer aus Grün bis zum Horizont bildete. Nun sah man davon nichts mehr, doch trotzdem war die neu geschaffene Ebene vor den Mauern Patrias vollständig grün. Grün vor Pflanzenwesen.
„Das sieht nicht gut aus, das sieht gar nicht gut aus“, murmelte Ed neben ihm und nahm einen Schluck aus einem Wasserschlauch, der allerdings, wie Narek wusste, kein kühles Nass enthielt, sondern bis zum Rand mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war, die Eds bis zum Zerreißen gespannte Nerven beruhigen sollte.
Nareks Nerven hätte jetzt auch einen Schluck vertragen können, und beinahe war er so weit, Ed darum zu bitten, doch im letzten Moment hielt er sich zurück. Er war nun drei Jahre abstinent und wollte es auch bleiben; nie wieder wollte er die Qualen des Suffs durchmachen müssen.
„Ich bin froh, dass wir die Mauern verstärkt haben“, bemerkte Ed neben ihm und riss ihn so aus seinen Gedanken.
„Ja“, bestätigte Narek, den Blick auf die wogenden Massen der zahllosen Pflanzenwesen gerichtet, die wie sich ein einziges grünes, glitschiges Monster bewegten. Zahllose Auswüchse brachen aus dieser gigantischen Kreatur hervor und kündeten von der nahezu nicht vorhandenen Disziplin der Pflanzenwesen, die aber dennoch von einer unsichtbaren Macht gelenkt werden mussten, denn wie sonst hätte man eine derartige Konzentration dieser Kreaturen an einem Fleck erklären können?
Obwohl sich die Pflanzen hin und her schlängelten, war eine gewisse Ordnung in ihrer Schlachtaufstellung zu entdecken. Ganz vorne standen die Katapultpflanzen, zusammen mit zahllosen Traumpflanzen, die versuchen würden ihre betäubenden Sporen auf die Verteidiger Patrias zu schleudern. Hinter ihnen breitete sich die Hauptstreitmacht der Pflanzenwesen aus, etwa zweitausend Unersättliche, deren riesige Schlunde weit geöffnet waren, geifernd und nach frischem Fleisch hungernd. An den Flanken lauerten einige hundert Schlingpflanzen, die wohl dazu dienen sollten, den anderen einen Weg auf die hohen Mauern der Stadt zu bahnen.
Narek blickte zweifelnd von den Reihen des Gegners zu den eigenen Verteidigungsstellungen, wozu er seinen Blick senken musste, um die verstärkten Mauern unter seinen Füßen zu betrachten. Der schon zuvor aus tausenden großer Steinquader bestehenden Mauer waren Schrägen, Schanzen und Mörderlöcher hinzugefügt worden. Auf der Innenseite hatte man das Mauerwerk zusätzlich mit schweren Balken abgestützt, die in den Boden getrieben worden waren. Auf den Wehrgängen stand alle fünfzig Fuß ein großer Kessel mit kochendem Pech, dessen Feuer ständig von jeweils zwei Knaben am Brennen gehalten wurde. Auf den großen, quadratischen Türmen standen Katapulte bereit, die anstatt von Steinen mit in Pech getauchten Heuballen bestückt waren, die dann kurz vor dem Abschuss entzündet werden würden.
„Sieht nicht so schlimm aus wie letztes Mal, was?“ Ed war Nareks Blick offensichtlich gefolgt und sein sonst so unbesorgtes Gesicht trug nun einen Ausdruck, den Narek so gar nicht von ihm kannte. Er schien aufrichtig besorgt zu sein, doch ob wegen ihm selbst oder der Gesamtsituation wusste Narek nicht zu sagen.
„Ja, hätte schlimmer kommen können.“ Müde stützte er sich auf seinen Speer. Er war schon seit fünf Uhr auf den Beinen und der Kommandant seiner Einheit hatte ihnen nur eine kleine Pause zur Mittagszeit gegönnt, in der sie dem Abort einen Besuch abstatten und etwas Nahrung zu sich hatten nehmen können.
Inzwischen war es Nachmittag und die Sonne schien erbarmungslos auf die Verteidiger herab, als wollte sie sie bei lebendigem Leib rösten. Kein vernünftiger General hätte für seinen Angriff gerade diesen Zeitpunkt gewählt, doch da draußen wartete auch keine Armee schwitzender Menschen. Die Pflanzenwesen sahen nicht so aus, als würde ihnen die Hitze etwas ausmachen, abgesehen von einem leichten Gelbstich ihrer ansonsten fleischig grünen Farbe.
Doch es war nicht nur die Sonne, die ihnen ordentlich einheizte, ja nicht einmal die Kessel mit Pech, deren Feuer ständig in Gang gehalten wurden. Nein, es war die Nervosität, die unterdrückte Anspannung, die jedem Soldaten auf den Mauern Patrias ins Gesicht geschrieben stand. Es lag etwas in der Luft, der Angriff stand kurz bevor.
Narek drehte sich um, seine Augen suchten den Hof unter und hinter ihm ab. Hinter dem Tor, auf einem breiten Platz, wo sonst der allwöchentliche Markt stattfand, hatte sich die Kavallerie versammelt, an die zweihundert Gorsakreiter, bewaffnet mit langen Speeren und scharfen Schwertern, deren Klingen in der Sonne blitzten. Narek ließ seinen Blick nicht auf den hässlichen Reitechsen verweilen, er sah weiter nach Norden, zum Palast…

In diesem Moment trat König Amodem III. aus dem Schatten des Tores der riesigen Burganlage, die ihm zudem als Residenz diente. Er schritt der Gruppe von Generälen voran, mit denen er sich bis eben noch beraten hatte, gekleidet in seine ganze prachtvolle Rüstung, vom goldenen Kettenhemd über den schimmernden Brustpanzer bis hin zu dem kunstfertig geschmiedeten Helm mit dem Visier, das in Erinnerung an das Gesicht von Auror I. gefertigt war, und den Flügeln eines Adlers zu beiden Seiten. An seiner Hüfte hing Witwenmacher, das Langschwert seines Vaters, eine prachtvolle Waffe, deren Schneide aus achtfach gefaltetem Stahl bestand. Es hieß, sie könne massives Eisen mit einem Streich durchtrennen, wenn sie von einem wahren König geführt wurde.
Amodems Gedanken kreisten jedoch um ein völlig anderes Thema, auch wenn seine linke Hand locker auf dem Knauf des großen Schwertes lag. Trotz seines draufgängerischen Gebarens im Gespräch mit seinem ältesten und vertrauenswürdigsten Berater Vanos peinigte ihn nun doch ein Anflug von Nervosität, wenn er an die kommende Schlacht dachte. Es war keine echte Furcht, doch wie immer kurz vor dem Kampf war ihm ganz flau im Magen und seine Handflächen schwitzten. Aber auch dieses Unwohlsein würde verfliegen, sobald die Schlacht begann, da war sich Amodem sicher.
Schon hatte der Herrscher den großen Platz hinter dem Stadttor erreicht und er blieb einen Moment stehen, um seinen Blick über die Reiter schweifen zu lassen, die beim Anblick ihres Regenten in laute Jubelschreie ausbrachen und ihre Waffen wild durch die Luft schwenkten. Amodem winkte ihnen aufmunternd zu und klappte sein Helmvisier herunter; froh, dass so niemand den Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen konnte, der von seiner inneren Zerrissenheit kündete.
„Majestät?“ Die unsichere Stimme seines Schildknappen riss Amodem aus seinen düsteren Gedanken und er lächelte schwach beim Anblick des etwas verängstigten, aber trotz alledem stolzen Jungen im Waffenrock seines Hauses, der seinen Schild trug.
„Danke, Beren“, sagte der König und ließ sich von dem schlaksigen Jugendlichen den Schild an seinen linken Arm schnallen. Als das erledigt war, gab er Beren einen aufmunternden Klapps auf die Schulter und wies ihn an, seine eigene Rüstung zu holen, dann stieg er die Stufen zum Wehrgang auf der Mauer hinauf.

Zur gleichen Zeit auf dem Balkon des Freudenhauses

„Ein prächtiger Bursche, unser König, nicht wahr Mädels?“ Mit hungrigen Blicken verfolgten die Wilde Sara und ein halbes Dutzend anderer Frauen knapp über der Volljährigkeit den schwingenden Gang Amodems, als er seinen Kommandoposten über dem stark befestigten Stadttor einnahm.
Es handelte sich um eine ganz besonderes Art von Frauen, denn das Etablissement, von dessen Balkon sie hinabschauten und in dem sie arbeiteten, stand in dem Ruf ein erholsames Refugium für alle Männer zu sein, die es nach einem harten Arbeitstag nach fleischlichen Gelüsten verlangte. Wein, Weib und Gesang waren die Maximen des Freudenhauses und der Wilden Sara, einer beleibten Frau Ende 40, die viel Geld für Perücken ausgab. Heute zierte ihr Kopf eine blonde Lockenpracht, die ihr auf die nackten Schultern fiel.
Während die anderen leichten Mädchen weiterhin zu dem Mauerabschnitt starrten, auf den der immer noch unverheiratete König gestiegen war, richteten sich die Augen einer Dame auf einen völlig anderen Teil der Verteidigungsanlagen, den Teil von dem sie wusste, dass dort ihr Liebster schon seit Stunden tapfer Wache hielt.
Betty seufzte, aber so leise, dass es über dem Lärm der Kampfvorbereitungen und dem wilden Gekicher der anderen Freudenmädchen niemand hörte. „Bitte, bitte, lass ihm nichts geschehen, flüsterte sie ein lautloses Gebet an die Göttin der Reinheit. Sanft strich sich Betty über ihren Bauch, der bisher noch keine Wölbung zeigte. Doch das brauchte er auch gar nicht, denn sie wusste bereits, dass er sich bald aufblähen würde, um ihrem Kind mehr Raum zum Wachsen zu geben. Niemand wusste davon außer ihr und ihrem Liebsten.
Die schöne junge Frau mit dem braungebrannten Teint eines Menschen, der jahrelang im Freien unter dem offenen Himmel gelebt hat, lächelte beim Gedanken an ihre erste Begegnung mit Narek. Er war ins Freudenhaus gekommen wie jeder andere Kunde auch und zuerst hatte es so ausgesehen, als würden sie eine rein geschäftliche Beziehung eingehen, doch dazu war es nie gekommen.
Sie war mit ihm nach oben gegangen und hatte bereits die Verschnürung ihres Leibchens geöffnet, als er plötzlich den Kopf geschüttelt und sie sanft bei den Schultern gepackt hatte.
„Nein, ich kann das nicht“, hatte er gesagt und er hatte traurig gelächelt. Seine Freunde hatten ihn dazu überredet das Freudenhaus zu besuchen, sie wollten ihm etwas Gutes tun, nachdem er vor sechs Jahren seine Frau verloren hatte. Er hatte früh geheiratet und er redete mit solcher Inbrünstigkeit von der Liebe, die er gegenüber seiner Frau empfunden hatte, dass sie sich fast augenblicklich selbst in ihn verliebte.
Und als er mit seiner Erzählung über sich geendet hatte, hatte sie begonnen zu reden: Über ihre Kindheit im Ebbland, wie ihr Vater der Holzfäller während eines Sturms von einem Baum erschlagen worden war, und wie sie und ihre Mutter gezwungenermaßen nach Patria gekommen waren, weil sie gehört hatten, dass es hier leichter war Geld zu verdienen.
Natürlich hatte sich das als Fehler herausgestellt, denn in der Stadt ging es ihnen fast noch schlechter als im Ebbland, wo sie selbst ohne die Einkünfte aus dem Beruf des Vaters durch die vielfältigen, wild wachsenden Erzeugnisse der Natur hätten überleben können.
Ihre Mutter wurde schwer krank, doch sie konnten sich keinen Arzt leisten und zu den Priesterinnen wollte Bettys Mutter nicht gehen. Kurz darauf starb sie und ließ die zehnjährige Betty allein zurück, die in der Gosse um Groschen bettelte, bis sie von der Wilden Sara eines Tages gefunden und mit in das Freudenhaus genommen worden war. Dort gab es Essen soviel sie wollte und prächtige Kleider und alle waren so nett zu ihr, dass Betty gerne dort blieb – bis sie reifer und damit interessanter für die Männer wurde. Ab da begann der Horror.
All das erzählte sie Narek und er hörte zu, tröstete sie und am Ende lagen sie sich in den Armen. Es war wohl die befremdlichste Nacht, die Kunde und Kurtisane je in einem Freudenhaus miteinander verbracht hatten, doch ihr Liebster kam wieder, mehrmals in der Woche, bis die Schutzwälle zwischen ihnen brachen und sie sich liebten.
Und nun trug Betty die Frucht dieser Liebe in ihrem Leib. Wieder strich sie sich sanft über den Bauch, während sie an die großen Zukunftspläne dachte, die Narek bereits schmiedete. Er wollte sie freikaufen, wollte sie aus dem Freudenhaus befreien und dann mit ihr wegziehen, fort aus der Stadt, ins Ebbland. Sie liebte ihn dafür mehr, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Wenn im nur nichts geschah…

Zur gleichen Zeit auf der Mauer direkt über dem Stadttor

„Alles ist bereit, Euer Majestät“ Wie von fern drang die Stimme von Jemen, des obersten Generals der Armee, zu Amodem durch. Der König war gerade auf die Mauer gestiegen und hatte das überwältigende Aufgebot der Armee der Pflanzenwesen mit eigenen Augen gesehen. Die Masse der räuberischen Kreaturen wirkte wie ein großer schwerer Hammer auf des Königs ohnehin schon bedrücktes Gemüt und verwandelte seine Eingeweide in sich windende Schlangen. Oder jedenfalls kam es Amodem so vor, denn sein Magen fühlte sich flauer an denn je.
„Ja…“, sagte er schwach, immer noch beeindruckt von der scheinbar unzählbaren Menge der vor den Toren versammelten Pflanzenwesen. Er straffte seine Gestalt und erinnerte sich daran, dass seine Männer zu ihm aufsehen mussten, wollten sie an diesem Tag einen Sieg erringen. „Sehr gut, General. Lasst die Bogenschützen antreten.“
Hörner wurden geblasen und Fahnen geschwenkt, gefolgt von einem lauten Geklapper, als Hunderte von Bogenschützen auf der gesamten Breite der westlichen Mauer nach vorne traten und ihre Waffen zur Hand nahmen.
Amodem atmete tief durch, dann schritt er auf ein kleines Podest zu, das man extra für diesen Zweck auf dem Wehrgang errichtet hatte. Die drei Stufen hinauf schienen der längste Weg seines ganzen Lebens zu sein, doch nach einer Ewigkeit stand er oben auf der Plattform und drehte sich nach rechts und links, um einmal an der Mauer hoch- und herunterzublicken. Tausende von Gesichtern wandten sich ihm zu, nicht nur auf dem Wall, sondern auch unten im Hof, in den Straßen und an den Fenstern der Häuser. Mehr als je zuvor spürte Amodem die Verantwortung, die ihm als König auferlegt war, und er gab einen leisen Seufzer von sich. Dann klappte er sein Visier hoch.
„Männer von Patria! Heute ist es soweit! Lange haben wir auf diesen Tag hingearbeitet, seitdem ich die Warnung im Wald der Stimmen erhielt, und jetzt ist er gekommen! Dort draußen vor den Mauern steht unser Feind! Es sind erbarmungslose Monster, wilde Bestien, die in diese schöne Stadt eindringen wollen, um Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen zu verspeisen! Wir sind alles was zwischen unserer Heimat und der völligen Vernichtung steht! Kämpft, kämpft für eure Kinder, für eure Frauen, für euch selbst und für eure Zukunft! Kämpf für die Freiheit der Menschen! Niemals werden wir uns ergeben, niemals werden wir scheitern! Kämpft!“
Ohrenbetäubender Jubel brandete auf, als Amodem in einer dramatischen Geste sein Schwert zog und es unter den Schreien der Männer wie eine Sense über sich im Kreis schwang. Seine Generäle verstanden das vorab abgesprochene Zeichen und gaben neue Befehle aus.
„Anzünden!“, riefen die Offiziere und Bogenschützen überall auf der Mauer traten wie ein Mann zu den vorbereiteten Feuern, um die in Pech getränkten Lappen anzuzünden, die um ihre Pfeile gewickelt worden waren.
„Spannen!“ Holz ächzte protestierend, als raue Männerhände die Sehnen mit unaufhaltsamer Kraft zurückzogen.
„Zielen!“ Das Kommando war genau genommen überflüssig, denn angesichts der wogenden Masse an Pflanzenwesen vor den Mauern der Stadt war es völlig unerheblich, ob man sich einen bestimmen Feind als Opfer seines Pfeils aussuchte – man traf so oder so.
Immer noch schrieen die Soldaten, die keine Bogen in den Händen hielten, wild ihre Verachtung gegenüber den Pflanzenwesen heraus und immer noch ließ Amodem sein Schwert kreisen. Dann drehte er sich um, klappte mit der linken Hand das Visier herunter und streckte die Klinge gen Westen aus, dort wo die Armee der Pflanzenwesen lagerte.
„Für die Freiheit!“, rief er aus voller Kehle und der Schrei wurde durch seinen Helm verstärkt, gewann eine metallische Konsistenz, die Amodem die Ohren klingen ließ und die anderen zu noch wüsteren Beschimpfungen antrieb.
„Feuer!“, kam der Befehl und plötzlich war die Luft erfüllt von Hunderten und Aberhunderten schwarzer Pfeile mit brennenden Spitzen, die wie winzig kleine Sternschnuppen über den makellos blauen Himmel zischten, um dann mit einem dumpfen Laut in die elastische Haut der Pflanzenwesen einzuschlagen und sie in Brand zu setzen. Kaum war die erste Salve unterwegs, spannten die Bogenschützen von neuem, um einen nicht enden wollenden Strom an Feuerblitzen zu schaffen, die den ganzen westlichen Bereich vor der Stadt in Flammen hüllen sollten. Doch das war noch nicht genug.
„Lasst sie brennen“, befahl der König Jemen mit merkwürdig kalter Stimme.
„Katapulte! Feuer!“ Seile wurden gekappt, Wurfarme kippten herum, dann feuerte das halbe Dutzend riesiger Kriegsmaschinen ihre brennende Last auf die Pflanzenwesen herab.
Es war, als wäre die Hölle ausgebrochen. Die lodernden Heuballen explodierten augenblicklich beim Aufprall und gigantische Flammen schossen hoch, als gleich mehrere Pflanzenwesen in einer Explosion vergingen. Die Männer auf der Mauer grölten nur noch lauter, doch von den Pflanzenwesen kam kein Laut – nein, das stimmte nicht ganz.
Es begann als vage Erschütterung, als sanftes Vibrieren, das man im Lärm der Schlacht kaum wahrnahm, doch nahm es stetig an Kraft und Lautstärke zu. Die Verteidiger verstummten, als ein Laut aus der wabernden Masse der Pflanzenwesen heraus brach, so gewaltig und so wütend, dass sich viele die Ohren zuhielten. Ein trommelfellzerfetzendes Brüllen stieg in den kristallblauen Himmel und der Strom an feurigen Geschossen, der vor einem Moment noch einen hellen Lichtbogen zwischen der Mauer und dem Schlachtgrund geschaffen hatte, versiegte vorerst, als die Bogenschützen wie betäubt nach hinten taumelten.
Und dann brach der Damm. Wie auf einen unsichtbaren Befehl hin begannen sich plötzlich alle Pflanzenwesen zugleich zu bewegen. Katapult- und Traumpflanzen schickten in gleichmäßigen Intervallen Tausende von Geschossen über die Mauern, wo sie auf die Verteidiger niederprasselten. Dornen zerfetzten Umhänge und prallten von Kettenhemden ab, doch viele trafen auf ungeschützte Haut, bohrten sich in Hände oder blendeten Männer, indem sie die weichen Augäpfel zerschnitten.
Die Schreie der Sterbenden und Verwundeten steigerten sich zu einer Melodie des Grauens, die Amodem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wenige Fuß entfernt kippten plötzlich drei Soldaten um, als eine Spore einer Traumpflanze direkt zwischen ihnen explodierte und alle drei in tiefen Schlaf sinken ließ.
„Weiterfeuern!“, brüllte sich Jenem rechts neben dem König heiser, doch er verstummte mit einem wüsten Fluch, als ein mehrere Nim langer Dorn seinen Unterarm durchbohrte. Er biss die Zähne zusammen und zog ihn heraus, dann verband er die Wunde mit einem Streifen Stoff, den er von seinem Umhang abriss.
Amodem packte ihn grob bei der Schulter, nachdem er sein Schwert in die Scheide zurückgesteckt hatte. Er zog ihn mit sich und gemeinsam suchten sie Schutz hinter den Zinnen des Wehrgangs.
„Schickt die Kavallerie raus!“, brüllte der König seinem General ins Ohr. „Sie müssen diesem Sperrfeuer ein Ende bereiten! Wenn wir nicht auf den Mauern stehen, um sie abzuwehren, können die Pflanzenwesen jederzeit zum Sturmangriff blasen und hinaufklettern!“

Zur gleichen Zeit auf der Stadtmauer nahe des südlichsten Turmes

Nareks Puls ging rasend schnell, als er in Deckung hechtete, während um ihn herum Menschen wie die Fliegen starben. Ed saß direkt neben ihm, sein Schwert mit fester Entschlossenheit umklammernd, die Augen weit aufgerissen. Narek überlegte, was er wohl zu ihm sagen könnte, um sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen, doch zwei Gründe hinderten ihn daran. Erstens war er selbst kaum in der Verfassung klar zu denken und zweitens erhob sich genau in diesem Augenblick ein helles Trompetensignal über den Lärm der Schlacht, gefolgt vom unverkennbaren Geräusch hunderter trampelnder Gorsakfüße.
Vorsichtig lugte Narek über die Zinnen und was er sah, ließ ihn für die Zukunft hoffen. Die Tore der Stadt standen weit offen und aus ihnen ergoss sich eine funkelnde Streitmacht von solch entsetzlicher Schönheit, dass sie einem angesichts der Blutlachen auf dem Wehrgang und den sterbenden Kameraden allerorten geradezu unwirklich erschien.
Zu einem Keil geformt galoppierte die Kavallerie den anrückenden Horden der Pflanzenwesen entgegen, doch noch bevor die Katapult- und Traumpflanzen auf sie zielen konnten, fächerte sich die Formation der gepanzerten und mit den tödlichsten Waffen ausgestatteten Einheit auf, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
Das Feuer der Pflanzenwesen auf die Mauer war inzwischen fast völlig eingestellt worden, alle Angreifer konzentrierten sich mittlerweile auf die Reiterei. Die schwerfälligen Unersättlichen schienen keine Chance mehr zu haben, sie rechtzeitig zu erreichen, doch die Schlingpflanzen versuchten sie einzukesseln, um sie dann Mann für Mann auseinander zu nehmen.
„Verdammt, die werden aufgerieben, wenn sie nicht aufpassen!“, rief Ed auf einmal, der plötzlich neben Narek aufgetaucht war. Es schien so, als hätten der König und seine Generäle ihn gehört, denn in diesem Moment feuerten die Katapulte erneut und wieder ging das halbe Schlachtfeld in Flammen auf, als zu beiden Seiten der Reiterei Dutzende Pflanzen im Feuer vergingen.
Der Kampf zwischen den Fernkampfeinheiten und der Kavallerie der Verteidiger verlief schnell und hart, doch obwohl die Gorsakreiter schwere Verluste erlitten, als sie auf kurze Entfernung mit Sporen und Dornen beschossen wurden, kündete doch schon bald nur noch grüner Pflanzensaft von der einstmaligen Existenz der Traum- und Katapultpflanzen.
Das Signal zum Rückzug ertönte und die Kavallerie wendete, um zur Stadt zurückzukehren. Die Reste der Bogenschützen gaben ihnen Deckung, doch die Flut an Pflanzenwesen, die nun auf die Mauer zurollte, konnten sie nicht aufhalten.
Offenbar hatten sich die Angreifer dazu entschlossen, in einem beispiellosen Gewaltakt die Mauern im Handstreich zu nehmen, denn das gesamte Heer hatte sich in Bewegung gesetzt und strebte unaufhaltsam auf die Stadt zu. Narek fasste den Schaft seines Speeres unbewusst fester und schluckte, doch seine Kehle war wie ausgetrocknet.

Zur gleichen Zeit im Palast der Stadt Patria

Vanos saß allein in seinen Gemächern, die ihm als Reichskanzler zustanden, und lauschte den fernen Geräuschen der Schlacht. Er fühlte sich unsagbar hilflos. Und was noch schlimmer war: Nutzlos, alt, verbraucht. Während sein König - der Mann, den er so liebte wie einen Sohn, den er nie gehabt hatte – auf der Mauer stand und für die Sicherheit dieser Stadt blutete, befand er sich hinter den dicken Wänden der Burg und hörte stumm zu, wie in der Ferne Männer starben und Bogensehnen zischten, als Hunderte von Pfeilen auf einmal verschossen wurden.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er musste bei seinem König sein. Hastig stand er auf, legte die goldene Amtskette ab und stieg auf einen Stuhl, um ein prächtiges Schwert aus seiner Halterung von der Wand zu lösen, das er vor Jahrzehnten als Belohnung für seine treuen Dienste von König Cegolan I. erhalten hatte. Damals war er noch ein junger Mann gewesen, kräftig und agil. Jetzt tat ihm der Rücken weh und seine Hände zitterten manchmal unkontrolliert. Nicht zum ersten Mal fragte sich Vanos, wo nur die Zeit geblieben war.
Eine Minute später verließ der oberste Berater von König Amodem sein Zimmer, einen Waffengurt um die Hüfte geschlungen, dessen silberne Schnalle mit einem Rubin verziert war. Das Schwert hing in einer Scheide an dem Gurt an Vanos’ rechter Seite, wo er es einfach mit der Linken erreichen konnte. Er war zwar nicht mehr der Jüngste, doch er erinnerte sich noch vage an die Stunden mit dem Schwertmeister, die er vor Jahren absolviert hatte. Außerdem wollte er ja gar nicht kämpfen. Hauptsache, er war bei seinem König.

Gerade bog Beren in den Hauptkorridor ein, der ihm zum Ausgang führen würde, als er mit einem anderen Mann zusammenprallte. Verstört blickte er um sich, mit den Gedanken bei der bevorstehenden Schlacht.
„Ent-entschuldigung“, stotterte er verlegen, sobald er den Reichskanzler erkannte, der auf dem Boden lag und um sich zappelte wie ein Käfer auf dem Rücken. Rasch reichte der Jüngling ihm die Hand, die in einem Kettenhandschuh steckte. Überhaupt war Beren von Kopf bis Fuß gepanzert; er hatte dem Befehl seines Königs gehorcht und seine Rüstung angezogen. Ein Kurzschwert hing an der einen Seite seiner Hüfte, ein Beil an der anderen.
Vanos rappelte sich mithilfe des Knappen auf und obwohl er nun nicht mehr nur Schmerzen im Rücken verspürte, sondern auch dort an der Brust, wo er mit dem Jungen zusammengestoßen war, verzichtete er auf eine lange und ausufernde Schimpftirade.
„Nichts passiert“, murmelte er mit einem Blick in die ängstlichen, braunen Augen des Knappen, dem die Furcht ins Gesicht geschrieben stand. Aus seiner Aufmachung schloss der Reichskanzler, dass er sich ebenfalls auf dem Weg zur Schlacht befand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ein Greis und ein Jüngling, bereit dem Feind entgegenzutreten und an der Seite ihres Königs zu sterben: Es würde ihn wundern, wenn man sich nicht irgendwann in der Zukunft Geschichte über diese Heldentat erzählen würde. Vorausgesetzt natürlich irgendjemand überlebte diesen Angriff.
„Kommt mit, Beren“, sagte Vanos, der sich wieder an den Namen des Knappen erinnerte, der dem König beim Anlegen seiner Rüstung geholfen hatte, als er ihn davon hatte überzeugen wollen nicht selbst auf die Mauer zu gehen. „Wir haben eine Schlacht zu schlagen.“

Wenige Minuten später auf der Mauer direkt über dem Stadttor

„Da kommen sie!“ Und wie sie kamen. Amodems Augen weiteten sich beunruhigt beim Anblick der Tausenden von Pflanzenwesen, die mit unmenschlicher Geschwindigkeit auf die Mauer zustürmten. Bevor er noch einen Befehl geben konnte, hatten die ersten Schlingpflanzen bereits das Tor erreicht und begannen damit, Tor und Mauerwerk anzugreifen, indem sie ihre Ranken in jede noch so kleine Ritze steckten.
„Gebt das Signal!“, gelang es Amodem noch Jemen zuzurufen, bevor er unter der schieren Wucht des Aufpralls der Pflanzenwesen zu Boden geworfen wurde. Doch sein Befehl wurde ausgeführt; der Klang einer Trompete erhob sich über den Schlachtenlärm, eine ganz spezielle Melodie spielend. Überall entlang der Mauer brüllten Offiziere ihre Truppen an, einen Zahn zuzulegen.
Und dann geschah es: Mehr als drei Dutzend riesige Kessel mit kochendem Pech wurden einer nach dem anderen umgekippt und die zähflüssige Masse ergoss sich über die am Fuß der Mauer stauenden Pflanzenwesen. Viele verdampften augenblicklich, andere wurden zwar getroffen, schleppten sich aber noch einige Fuß weiter, bis sie endgültig zusammenbrachen, als sich das Pech durch ihre Körper fraß.
Doch es reichte nicht aus. Hunderte von Pflanzenwesen starben, als die Flutwelle aus schwarzem, überaus heißem Pech über sie hinwegfegte, doch der Sturm war nicht gebrochen. Neue Kletterpflanzen nahmen die Positionen ihrer Vorgänger ein und die Unersättlichen erklommen über deren Ranken die Mauern, wo es zum Kampf Mann gegen Pflanze kam.
„Schwerter ziehen!“, brüllte Amodem, der Mühe hatte, im Wahnsinn der Schlacht den Überblick zu behalten. Auf der ganzen Länge der Mauer blitzen Klingen auf, als die Verteidiger Patrias der Aufforderung ihres Königs nachkamen. Amodem hatte gerade noch Zeit, einem Laufburschen aufzutragen, die Reiter der Kavallerie als Verstärkung auf die Wehrgänge zu schicken, als sich auch schon eine erste Ranke in sein, durch das Visier arg eingeschränkte, Sichtfeld schob. Wie von Sinnen brüllend stürzte er nach vorne, Schwert und Schild im Anschlag, und überall an der Front tat man es ihm gleich.

Kurz darauf auf der Stadtmauer nahe des südlichsten Turmes

„Vorsicht!“
Narek duckte sich unter dem peitschenden Hieb einer Schlingpflanze, die sich gerade über die Mauer geschwungen hatte, während er damit beschäftigt gewesen war, einer Unersättlichen seinen Speer in den Rachen zu stoßen. Nur Eds Warnung war es zu verdanken, dass sich die Ranke des Pflanzenwesens nicht um seinen Hals legte, um ihm die Luftröhre zu zerquetschen, und einen Moment später sah er, wie sein Freund seine Schwertklinge im grünen Pflanzenfleisch der Kreatur versenkte. Kurz zitterte der Körper noch, dann erschlafften seine Bewegungen und Ed schmiss ihn zurück über die Mauer, wobei sein Gesicht einen angeekelten Ausdruck annahm.
„Danke!“, keuchte Narek und ließ sich von dem anderen Soldaten aufhelfen, doch für viele Worte war keine Zeit. Denn genau in diesem Augenblick erkletterten mehrere Pflanzenwesen gleichzeitig die Mauern.
Eine Katapultpflanze spuckte augenblicklich eine Ladung armlanger Dornen, doch Narek wich ihnen mit mehr Glück als Verstand aus. Ed ging mit einem Wutgebrüll ohnegleichen auf den Aggressor los, während sich Narek nun allein zwei Unersättlichen und einer Schlingpflanze gegenüber sah. Letztere reagierte schneller als er und schlang eine ihre Ranken um seinen rechten Fuß. Ein kurzer Ruck und schon fand sich Narek auf dem Boden wieder. Der Speer rutschte ihm aus der Hand und die Luft wurde ihm beim Aufprall aus den Lungen gepresst, dass er Sterne vor seinen Augen sah.
Schon näherte sich eine der Unersättlichen auf glibberigen Ranken und öffnete ihren Schlund weit, um Narek mit Haut und Haaren zu verschlingen. In diesem Moment feuerte jedoch ein Bogenschütze in der Nähe auf die Kreatur und der in Flammen gebadete Pfeil fand sein Ziel. Er lenkte das Wesen solange ab, dass Ed Gelegenheit hatte, dem immer noch etwas benommenen Narek zu Hilfe zu eilen.
Auf seiner Schwertklinge glänzte frischer Pflanzensaft, als der gute Stahl das Sonnenlicht reflektierte und sich nach Beschreibung eines vollendeten Bogens tief in die Seite der Unersättlichen grub, wo die Klinge stecken blieb.
Ed zerrte vergeblich am Griff, doch das Schwert konnte er nicht frei bekommen. Die Unersättliche indes wankte zur Seite und drohte über den Mauerrand zu kippen, doch – welch Ironie des Schicksals – Ed hinderte sie daran, indem er weiter das Schwert umklammert hielt.
Narek hatte sich derweil wieder halbwegs erholt und schüttelte seine Benommenheit gerade rechtzeitig ab, um seinem Freund das Leben zu retten. Die zweite Unersättliche endete auf seinem Speer aufgespießt, dann wirbelte er herum, um sich der Schlingpflanze zu stellen. Ein von links herbei stürmender Soldat kam ihm zuvor und hakte das Pflanzenwesen mit einem materialisch aussehenden Beil in tausend Stücke.
Lächelnd drehte sich Narek zu Ed um, als er etwas sah, dass ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ: Die mit dem Schwert halb durchbohrte Unersättliche hatte all ihre Fangarme um Eds Körper geschlungen und hob ihn mit einer unglaublichen Kraftanstrengung hoch, um ihn in ihrem Schlund zu versenken.
Narek zögerte keine Sekunde. Er packte seinen Speer weiter unten am Schaft, dann zielte er und warf den gut sieben Fuß langen Stock aus Eibenholz mit der Stahlspitze auf die Kreatur. Einen Moment später kippte sie nach hinten, tödlich getroffen von dem Speer und ihr ganzer Körper erschlaffte. Ed fiel zu Boden und Narek eilte an seine Seite.
„Bist du verletzt?“ Ängstlich untersuchte Narek seinen Freund, doch er fand keine tödliche Wunde und Ed war schon bald wieder genug bei Sinnen, um ihm zu versichern, dass es ihm bestens gehe und Narek ihm sein Schwert geben sollte.
Doch just, als ihm diese Worte stockend über die Lippen kamen, gerade als Narek die Klinge mit einem feuchten Schmatzen aus dem Leib der Unersättlichen zog, bebte die Erde. Oder vielmehr die Mauer.
Mörtel barst und Steine wurden auseinander gesprengt, als sich die Ranken von zwei Dutzend Schlingpflanzen, die sich in die feinen Ritzen und Spalten zwischen den Mauersteinen geschoben hatten, mit einem Ruck ausdehnten. Der gesamte östliche Teil der Mauer sackte herab und schüttelte sich wie ein nasser Hund, als die Pflanzenwesen ihren Druck noch verstärkten. Zahllose Männer wurden vom Wehrgang geschleudert, unter ihnen auch Ed und Narek.
Als der Staub des eingestürzten Mauersegments sich legte, kam Narek hustend auf die Beine. Er wischte sich den Gesteinsstaub aus dem Gesicht, der in dichten Schwaden um ihn her wallte und die Geräusche der Schlacht dämpfte, als würden sie von weit her herüber hallen.
„Ed!“, rief Narek, gefolgt von einem Hustenanfall. „Ed, wo bist du?!“
„Hier.“ Eine schwache Stimme ertönte, leitete Narek durch den Nebel und führte ihn schließlich zu seinem Kameraden, der auf dem Boden lag, halb verdeckt von mehreren großen Steinquadern.
Narek torkelte zu ihm herüber, und als er ihn erreichte, drehte sich ihm der Magen um. Von Eds rechtem Bein war nur noch ein fleischiger Klumpen übrig, nachdem einer der Mauersteine den gesamten Unterschenkel platt gewalzt hatte. Auch andere Männer hatte es erwischt und die Toten und Sterbenden besudelten den grauen Granit der Mauersteine mit hellrotem Blut.
Ed sah zu Narek auf. „Ich sterbe, mein Freund.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja“, antwortete Narek mit trockener Kehle. Es war ihm unmöglich, die Wahrheit zu verschleiern, indem er Ed belog, denn wie er nun sah, pumpte dessen Herz mit jedem Schlag das Leben aus seinem Leib, da der auf ihn gefallene Stein eine wichtige Arterie durchtrennt hatte.
„Nimm mein Schwert“, kam es mühsam über Eds Lippen, während er auf die Klinge in Nareks rechter Hand deutete. „Zahl es diesen Bastarden heim. Und versprich mir etwas: Erinnere dich an mich, erinnere dich an Edward.“
„Das werde ich, mein Freund. Ich schwöre es.“ Nareks Antwort verhallte ungehört, denn in diesem Moment brach der Blick in Eds Augen und sein Körper erschlaffte.
Doch dem trauernden Narek wurde keine Ruhepause gegönnt; schon schoben sich mit schlängelnden Bewegungen Gestalten durch den Nebel aus Gesteinsstaub. Eine ungeheure Wut ergriff plötzlich von Narek Besitz und sein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen, als er aufsprang und das Schwert seines gestorbenen Kameraden in die Höhe reckte.
„Kommt schon, ihr Bestien! Bringen wir es zu Ende!“

Zur gleichen Zeit am Fuße des Stadttores

„Alles in Ordnung?“ Berens Stimme klang besorgt, doch seine Augen huschten alle paar Augenblicke die Treppe hinauf, die zum Wehrgang oben auf der Mauer führte, von wo die Geräusche einer erbitterten Schlacht herunter drangen.
Vanos nickte nur, er brachte kein Wort heraus; zu sehr war er damit beschäftigt, Luft zu holen und sein Herz am Zerspringen zu hindern. Offensichtlich war er doch nicht mehr so rüstig, wie er manchmal selbstgefällig zu glauben wagte. Der schnelle Marsch vom Palast bis zum Stadttor war beinahe mehr gewesen, als Vanos alter Körper verkraften konnte.
Doch noch war er nicht besiegt, immerhin hatte er sein Schwert noch nicht einmal geschwungen! Wie konnte er sich hier ausruhen, während oben auf der Mauer andere Männer für seine Sicherheit starben und der König selbst gegen die Angreifer kämpfte? Das Adrenalin zirkulierte in seinem Blut, was vielleicht den Kraftausbruch erklärte, mit dem sich der Reichskanzler aufrappelte und die Stufen zum Wehrgang hinauf rannte, den überraschten Beren dicht auf seinen Fersen.
Der Anblick, der sich den beiden bot, kaum dass sie das obere Ende der Treppe erreicht hatten, war unbeschreiblich. Überall um sie herum starben Männer, als sich Pflanzenwesen mit peitschenden Ranken über die Brüstung schwangen. Manche wurden von riesigen Unersättlichen im Stück verschluckt und dann langsam verdaut, während andere von den langen Dornen der restlichen Katapultpflanzen getroffen wurden und schwer verletzt oder tot zu Boden gingen.
Und da stand er, sein König: Hoch aufragend, gekleidet in seine schimmernde Rüstung, doch bis zu den Achseln mit grünem Pflanzensaft besudelt, der von den zahllosen erschlagenen Wesen zu seinen Füßen herrührten. Den Helm hatte er abgeworfen und seine braune Mähne flatterte wild im Wind, während er gerade den Peitschenhieb einer Schlingpflanze mit dem Schild abwehrte, um dann mit einem sauberen Hieb von Witwenmacher das Mark der vorwitzigen Kreatur aufzuspießen. Die Männer in seiner Umgebung fochten mindestens ebenso heroisch wie der König selbst, offensichtlich angespornt von seiner majestätischen Erscheinung.

„Vanos!“, rief Amodem überrascht aus, als er sich während einer kurzen Atempause umdrehte und dabei seinen obersten Berater mit einem Schwert in der Hand erblickte. Der König konnte sein Lächeln bei diesem Anblick kaum verbergen, doch einen Moment später weiteten sich seine Augen beunruhigt, als Vanos plötzlich mit erhobener Klinge auf ihn zustürzte, ganz so, als wollte er ihn angreifen!
Völlig perplex machte Amodem einen Schritt zur Seite, in tiefstem Maße beunruhigt über das absonderliche Verhalten seines Beraters, und in diesem Augenblick spürte er, wie sich etwas hinter seinem Rücken bewegte.
Das Folgende geschah rasend schnell: Die Dornen, mit denen die Katapultpflanze auf den Rücken des Herrschers gezielt hatte, schossen an ihm vorbei und trafen den nach vorn geeilten Vanos mitten in der Brust; sein Schwert flog ihm aus der Hand und blieb klirrend auf dem steinernen Wehrgang liegen; der junge Knappe Beren, der zusammen mit Vanos auf die Mauer geklettert war, rammte die Pflanze und beförderte sie so über die Zinnen hinweg nach unten; und Amodem fiel neben seinem getroffenen Berater und ältesten Freund auf die Knie. Hinter ihm ertönte das Dröhnen schwerer Stiefel, als die Verstärkung die Mauern besetzte und die Verteidiger mit neuer Stärke gegen die Feinde vorgingen.
Amodem achtete nicht auf den Verlauf der Schlacht. Er barg Vanos alten, kahlen Kopf an seiner Brust und hielt ihn wie eine Mutter ihr Kind beim Stillen.
Vanos blinzelte müde; jede Bewegung, jeder Atemzug schien eine Qual für ihn zu sein. Blut breitete sich auf seiner Kleidung aus, wo die Dornen in seine Brust gedrungen waren, und beschmutzte die goldene Rüstung des Königs nur noch mehr. Doch Amodem nahm davon keine Notiz. Er betrachtete zärtlich das vertraute Gesicht des Mannes, der ihm nach dem Tod seines Vaters ein treuer Freund und Vertrauter gewesen war.
„Grämt Euch nicht, mein König“, sagte Vanos plötzlich mit schwacher Stimme, die Augenlider schon halb geschlossen. „Es war das Mindeste, was ich tun konnte“, flüsterte er mit letzter Kraft, dann weiteten sich seine Augen und einen Augenblick später wich alles Leben aus ihm.
Amodem starrte auf die erschlafften Züge seines verstorbenen Kanzlers. Hörner wurden geblasen, um den Sieg zu verkünden, die Gorsakreiter verließen ein weiteres Mal unter dem tosendem Donnerhall der Hufe ihrer Tiere die Stadt, um die flüchtenden Überreste der Armee der Pflanzenwesen zu jagen, und die Verteidiger der Stadt brachen in lauten Jubel aus. Doch Amodem hörte nichts von alledem. Lange saß er einfach nur da und starrte vor sich hin, bis behutsame Hände seinen Griff um Vanos erkalteten Leichnam lösten und sein Knappe Beren ihn unter Tränen zurück in den Palast führte.

Epilog

Ein Jahr später auf einem kleinen Gehöft im Ebbland

Betty trat aus dem Haupthaus, ihren kleinen Sohn im Arm, der begierig an ihrer Brust nuckelte. Sie lächelte glücklich, während sie zusah, wie das nur wenige Monate alte Kind seinen Hunger stillte, und es dabei sanft wiegte. Edward hatte seines Vaters Augen, doch Betty glaubte, an Nase und Kinn ihr eigenes Äußeres wieder zu erkennen. Doch selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Sie liebte ihren Sohn auch so abgöttisch, denn seit seiner Geburt, die mit nicht wenigen Mühen verbunden gewesen war, vollbrachte er jeden Tag etwas Neues, das sie zum Lachen brachte. Es war faszinierend, einfach nur zuzusehen, wie Edward aufwuchs und die Welt für sich entdeckte.
Die Hühner gackerten, als Betty mit dem Kind auf dem Arm den Hof überquerte, und aus dem Stall kam das lang gestreckte Muhen ihrer einzigen Kuh Marga, die allerdings kurz vor der Niederkunft stand, nachdem Narek einen Handel mit einem Bauern aus der Umgebung geschlossen hatte, der seinen Ochsen eine Weile für gewisse Dienste abgestellt hatte. Betty errötete bei diesem Gedanken, was man angesichts ihrer Vergangenheit in Patria kaum glauben mochte.
Doch einen Augenblick später war jede Röte aus ihrem Gesicht verschwunden, vielmehr war ihr Gesicht nun umwölkt und tiefe Sorgenfalten bildeten sich auf ihrer Stirn. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, doch noch immer konnte sie kein Zeichen ihres Ehemanns entdecken.
Narek war mit den beiden Knechten Rupert und Albert schon in aller Frühe aufgebrochen, um auf den weiter entfernten Feldern zu arbeiten. Diese lagen weiter im Süden, während die Siedlung der Bauern fast direkt am Ufer des großen Süßwassersees im Nordosten, dem Torrasee, lag.
Doch einen Augenblick später lösten sich alle Sorgen Bettys in Luft aus und sie lächelte, als sie die Silhouetten dreier Männer über die Kuppe eines Hügels wandern sehen konnte, über den die staubige Straße verlief. Es bestand kein Zweifel, dass es sich bei dem Trio um Narek und die beiden jungen Männer handelte, die sie als Knechte eingestellt hatten, kurz nachdem sie vor knapp acht Monaten Patria verlassen und das Ebbland aufgesucht hatten. Mit dem Geld, das Narek in den letzten Jahren gespart hatte, waren sie in der Lage gewesen, ein kleines Gehöft zu erwerben und der einstige Soldat war nun ein einfacher Bauer.
Edward hatte seinen Hunger gerade gestillt und Betty hatte ihre nackte Brust eben wieder in den Falten ihres schlichten Gewandes versteckt, als die drei Männer den Hof betraten, der von Haupthaus, Scheune und Hühnerstall eingerahmt wurde. Die beiden Knechte nickten Betty kurz zu, doch Narek kam zu ihr herübergestürmt und schloss sie lächelnd in seine Arme, wobei er darauf achtete, dass er das kleine Bündel in ihren Armen nicht zerdrückte.
„Na, mein Sonnenschein?“, fragte er gut gelaunt seinen Sohn, nachdem er seiner Frau einen Kuss gegeben hatte. Betty übergab ihm Edward behutsam und Narek schloss ihn in seine starken Arme, so sanft, als wäre das kleine Kind aus Glas, das jeden Moment zu zerbrechen drohte.
„Gab es Schwierigkeiten?“, fragte Betty, während sie zusammen mit Mann und Sohn zum Eingang des Gutshauses schlenderte. Obwohl sie sich zuvor große Sorgen gemacht hatte, verspürte sie nun kaum mehr Neugier darauf, was die Männer aufgehalten hatte, solange nur Narek und Edward bei ihr waren.
Narek hielt in seiner Beschäftigung inne (er kitzelte das Gesicht seines Sohnes mit seinem Bart, was diesen zu einem spontanen Ausdruck der Freude in Form eines Glucksens verleitete). „Wir hatten ein paar Probleme mit einem Erdwurm, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, unter unserem Feld seine Tunnel zu graben. Glücklicherweise haben wir es rechtzeitig bemerkt. Hallaf und Bregon haben uns dabei geholfen, den Erdwurm zu vertreiben, und dann mussten wir uns noch etwas einfallen lassen, um die Gänge abzustützen. Wir…“
Narek brach ab, da er in diesem Moment die Geräusche eines galoppierenden Gorsaks hörte, der sich mit Höchstgeschwindigkeit näherte. Einen verwirrten Ausdruck auf seinem Gesicht zur Schau tragend, drehte er sich um und blickte die Straße gen Norden hinunter, über die sich eine Staubwolke gelegt hatte.
Kurze Zeit später zügelte ein in Leder gekleideter Mann seinen Gorsak auf dem Hof. Das Tier schnaufte erregt, offensichtlich erschöpft von dem anstrengenden Galopp, während sein Reiter sich aus dem hohen Sattel gleiten ließ und nicht weniger abgekämpft aussah.
„Hallo, Farat“, begrüßte Narek den Mann, der ihm als Mitglied der Miliz bekannt war, welche der Bürgermeister des kleinen Dorfs nach Übergriffen von Räubern und wilden Tieren in der Vergangenheit ins Leben gerufen hatte.
Farat indes hielt sich nicht mit Begrüßungen auf, er nickte nur einmal kurz in Bettys Richtung, dann begann er auch schon auf Narek einzureden.
„Die Pflanzenwesen marschieren wieder! Ich war mit Jadewin und Nethard auf Streife am Latan Pass und da haben wir sie gesehen! Es sind Hunderte, Tausende von ihnen. Sie sammeln sich und warten auf irgendetwas. Ich glaube, sie werden bald angreifen. Die anderen beiden sind zu den anderen Siedlungen, um sie zu warnen. Wir müssen Nachrichten aussenden und die Miliz organisieren! Ich muss…“
„Ganz ruhig“, unterbrach Narek ihn in einem gemäßigten Tonfall, obwohl sein Gesicht einen immer düsteren Ausdruck angenommen hatte, je länger er Farat zuhörte.
„Reite zum Dorf. Jeder Mann und Knabe, der ein Schwert zu halten imstande ist, soll sich bewaffnen und mit dir kommen. Wir treffen uns wieder hier, dann ziehen wir zum Pass. Wenn wir da sind, können wir uns überlegen, was wir tun.“
Farat nickte nur atemlos, dann schwang er sich wieder auf seinen Gorsak und einen Augenblick später waren beide auch schon wieder aus dem Hof getrabt.
Narek derweil drückte seiner Frau Edward in die Arme, dann ging er ins Guthaus, wo er seine beiden Knechte über die Lage informierte. Beide waren jung und sofort bereit, in die Schlacht zu ziehen.
Narek selbst ging zur Scheune und kletterte auf den Heuboden, wo er nach einigen Augenblicken fand, was er gesucht hatte: Einen langen Speer aus Eibenholz mit einer Stahlspitze, ein Lederwams sowie eine Kettenhaube und einen Schwertgurt, mit dem er viele Erinnerungen verband. Eine knappe Stunde später stand er wieder auf dem Hof, voll ausgerüstet und mit einem Rucksack voller Lebensmittel und anderer Utensilien, die ihm auf dem Marsch helfen würden.
Wenig später erreichten die anderen Milizionäre den Hof, einige davon ähnlich gekleidet wie Narek, andere nur mit Mistgabeln bewaffnet. Die beiden Knechte Albert und Rupert gesellten sich zu ihnen, so dass es sich bei ihnen nun um eine ansehnliche Gruppe von etwas mehr als zwanzig Männern handelte. Sie warteten darauf, dass sich Narek von seiner Familie verabschiedete.
„Nun ist es wohl Zeit, sich vorerst Lebwohl zu sagen. Ich möchte nicht gehen, aber…“, begann Narek, wurde aber sogleich von seiner Frau unterbrochen, die sich an ihn klammerte, wie eine Ertrinkende an einen Rettungsanker.
„Dann geh nicht! Ich bitte dich! Du warst Soldat und hast viel Leid erlebt, doch das liegt hinter dir. Bitte bleib und lass die anderen für dich kämpfen. Nur dieses eine Mal!“
Narek zögerte, als er in diese unglaublich blauen Augen blickte und die grenzenlose Liebe dahinter erkannte. Es tat ihm in der Seele weh, sie zurückzulassen, doch ihm blieb keine andere Wahl.
„Versuch doch zu verstehen…wenn ich jetzt nicht kämpfe, dann sind all die Männer Patrias umsonst gestorben, inklusive des Namensgebers unseres Sohnes. Sie kämpften und starben für die Freiheit der Menschheit und wie anders könnte ich ihnen diesen Dienst vergelten, als dass ich nun selbst für unsere Freiheit streite? Die Pflanzenwesen sind eine Bedrohung für jedermann. Sie töten nicht nur, sie säen auch Furcht und Verzweiflung. Wenn wir uns ihnen nicht mutig widersetzen, wenn wir uns stattdessen immer weiter zurückziehen, dann werden sie uns eines Tages vernichtet haben, ohne dass sie jemals einen von uns hätten töten müssen, denn wenn die Furcht siegt und die Freiheit stirbt, dann ist es unbedeutend, was mit dem Körper geschieht. Und daher muss ich gehen.“
Narek blickte seiner Frau noch einmal tief in die Augen und übermittelte ihr stumm seine tiefe Liebe, dann gab er ihr einen langen, innigen Kuss, der von dem salzigen Geschmack ihrer beiden Tränen nur noch zusätzlich gewürzt wurde. Als nächstes gab er seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn und streichelte über den weichen Flaum auf seinem Kopf, der einmal zu einem buschigen Haarschopf erwachsen sollte.
Narek gab das Kind seiner Frau zurück, dann drehte er sich hastig um, um nicht von seinen Gefühlen übermannt zu werden und sich letztendlich doch noch anders zu entscheiden. Auf den Speer gestützt, Eds Schwert an seiner Hüfte, ging er zu den anderen Teilnehmern der Expedition, die bereits ungeduldig auf den Aufbruch warteten.
In strammen Marsch verließ die Gruppe das Gehöft und folgte der Straße nach Norden. Zurück blieben nur eine Frau und ihr Sohn, einsam und allein, ihre Blicke und Herzen gingen mit den Männern, die nach Norden aufbrachen, während die Dämmerung sie nach und nach verschluckte und die Sterne am Himmel zu funkeln begannen.
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Re: 'Die Rache der Vegetarier' von Amara

Beitragvon Dwarusch » Sonntag 24. März 2013, 21:54

Oh je ...
Wenn ich das heute so lese, schäme ich mich fast ein bisschen. Was man früher im naiven Jugendalter doch für einen Quatsch geschrieben und das dann auch noch für große literarische Kunst gehalten hat. Auweia :smile12:

Wobei ich den Titel immer noch mag :mrgreen:
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Re: 'Die Rache der Vegetarier' von Amara

Beitragvon Der Schreiber » Sonntag 24. März 2013, 22:14

Grüß dich!! :huhu:

Tja, die Zeiten ändern sich und wir uns auch! Aber ist doch toll, wenn man das heute noch mal liest.

Der Titel ist schön irre! :mrgreen:

LG (Manya)
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