Geschichte – Contest Sieger

11 tolle Geschichten standen beim ersten Geschichtencontest zur Auswahl und die Entscheidung fiel wirklich schwer, da eine Geschichte besser war als die andere! Doch die Spieler haben eine Entscheidung getroffen. Hier findet ihr die Geschichte des Gewinners. Den erste Geschichtencontest hat Gullweig gewonnen mit ihrer Geschichte “Dir allein zu dienen”. Herzlichen Glückwunsch!

Teilnehmer: Taira, Cyara, Jira, Clare, Marialexia, Kokum, Gullweig, Athaba, Amara, Seragion, Thûryon

 

Dir zu dienen allein

 971 nach Quendor

Die von der Sonne beschienene Tagesdecke wurde lautlos zurückgezogen. Der feine Stoff glitt wie Nebelschwaden davon. Draußen ächzten die zurück geklappten Fensterläden wie zwei alte Männer. Als die Tagesdecke fortgenommen war, blieb noch eine Daunendecke, weich und anschmiegsam wie die Tatze eines Bären zum Schlag erhoben.
Und darunter… Perlmuttfrauenhände, die mit silbernen Ringen an den Fingern über einen Männerrücken kratzten, der sich über ihr keuchend bewegte. Sie presste ihre Schenkel an seinen Körper, ließ sich von seinen Wogen treiben, ihr Mund raubte ihm gierig seinen Atem.
Das helle Licht von Patria, der Stadt der Amazonen, fiel auf den dunklen Holzboden. Staub tanzte in der Luft. Die unschuldig weißen Vorhänge des Fensters wehten im Wind, der leise heimlich hinein strich. Draußen auf den Straßen vor dem Priesterinnenorden begann das Klopfen eines Hammers.
Der Mann hielt kurz in seinen Bewegungen inne, doch die Frau zog ihn wieder heftig an sich. Die Luft warm und aufgeladen von ihrer Lust. “Oh, Lysander, mach weiter…”, seufzte sie und ihre Worte gingen unter in einem Aufstöhnen. Ihre Hände krallten sich in seine kurzen quirligen Haare.
“Ihr seid doch schon längst schwanger”, flüsterte er in ihr Ohr, als er sich weiter zu ihr hinunter beugte und mit den Fingern über ihre Hüften streichelte.
“Ja, aber Sabrae weiß es noch nicht und solange darfst du es immer weiter versuchen.” Die Frau lachte süß und bedeckte seinen Hals mit flinken Küssen. Seine Hände glitten weiter nach unten zwischen ihre Lenden und was er dort tat entlockte ihrem Mund Laute der Verzückung und Wonne.
Draußen setzten die Hammerschläge von neuem an. Sie schlugen die Bekanntmachungen für das bevorstehende Frauenfest an.

Später half er ihr beim Anlegen des Priestergewandes. Als er die Fibel befestigte, die den dünnen leichten Stoff auf ihren Schultern verband, blickte er ihr kurz beinahe scheu in die Augen. Sie griff mit ihren spitzen Fingern nach seinem Kinn und hielt es fest. Sein junges Gesicht war streng und kantig geformt, da wo die Knochen nicht hart hervortraten, wuchsen dunkelblonde Koteletten. Nur seine Augen wollten nicht so recht zum Rest passen. Diese treuherzigen unterwürfigen Augen.
“Dein Ruf steht hoch den anderen Frauen bisher nur zu gesunden Mädchen verholfen zu haben, ich hoffe, du wirst dem auch gerecht”, sagte sie ruhig und gab ihn dann frei. Mit grazilen Schritten war sie beim Fenster und blickte nach unten. Hinter ihr hörte sie, dass er begonnen hatte das Bett wieder ordentlich herzurichten.
“Das steht nicht in meiner Macht”, setzte Lysander an, doch mit einer wirschen Handbewegung unterbrach sie ihn.
“Natürlich weiß ich das. Deine Gedanken sind für mich ein offenes Buch.” Die Priesterin lächelte dünn und drehte sich zu ihm um, mit den Ellbogen stützte sie sich auf das Fensterbrett, so dass sie ihre Brust vorteilhaft hervorstrecken konnte. Dünn wie Flaumfedern bedeckte das Gewand ihre Haut. Doch er quittierte es mit keinem Blick, seine Aufmerksamkeit galt immer noch dem Bett. Ärgerlich sog sie die Luft ein, was ihn endlich aufblicken ließ.
In seinen Augen lag die gleiche dumme Liebe wie jedes Mal. Wie konnte er nur ernsthaft dem Gedanken verfallen sein sie wirklich zu lieben? So viele Sklaven bei denen sie diese Liebe hatte in den Augen brechen sehen, wie genoss sie diese Momente! Nur er bereitete ihr nicht dieses Vergnügen.
“Wenn es ein Junge wird”, begann sie leise und hielt seinem verliebten Blick stand, “werde ich dafür sorgen, dass du beim nächsten Frauenfest läufst.”
Er strich die Falten aus der Tagesdecke davon. “Wenn ihr das wünscht.”
Mit raschen Schritten war sie plötzlich da und griff seinen Unterarm so fest, dass er sein Gesicht vor Schmerzen verzog und vor ihr auf die Knie sank. Ihre spitzen Nägel bohrten sich in seine Haut, seinem Mund entwich ein sehr männliches Wimmern, wie sie zufrieden feststellte. Schwächliches Mannvolk, es war schon immer schwach gewesen. Zu nichts gut, als den Frauen zu dienen. Niemals würde Patria Frieden mit ihnen schließen, obwohl Sabrae nah dran war eine zweite Arolwen zu werden und alle davon zu überzeugen, dass das Mannsvolk tatsächlich gleichberechtigt neben ihnen leben sollte. Hah, lächerlich!
Sie ließ ihre Wut darüber an Lysander aus, Blut sickerte unter ihren Nägeln hervor. Er wand sich in ihrem Griff.
“Glaube mir, ich werde dafür sorgen. Das steht in meiner Macht, ich verspreche es dir. Wer ist neben der Stimme die mächtigste im Priesterinnenorden?”, zischte sie.
“Das seid ihr, Fenanca”, keuchte er und legte den Kopf in den Nacken, um sie ansehen zu können. Obwohl sie keine göttliche Aura um sich gewirkt hatte, blickte er sie geradeso an, als stünde sie in den strahlenden Flammen der Göttin. Seine Augen brannten vor Liebe und Tränen liefen ihm herab. “Ihr solltet die Stimme sein, Fenanca. Das ist euer Platz.”
Sie ließ seinen Arm los und legte die Hand behutsam über sein Haupt, gerade so, dass sie seine Haare streicheln konnte. “Du hast recht.” Ihr Tonfall war leise und nachdenklich, als reife in ihr gerade ein Entschluss. “Darum wirst du heute Nacht das Lager mit Sabrae teilen.” Fenanca, zweitmächtigste Priesterin in Patria, lächelte kühl mit ihren dunkelroten Lippen. Das schwarze lockige Haar fiel ihr über die Schultern des Gewandes bis hinab zu ihrem Rücken. Eine dunkle Woge der Nacht.
Es gab einen Grund warum sie nur die zweitmächtigste Priesterin war. Fenanca glaubte mit aller Macht an die Göttin, sie liebte sie heiß und innig, sie war auf Aurorae ihr zu dienen. Doch in erster Linie, da diente sie jemand anderem: sich selbst.
“Aber… die Stimme hat bereits vier Töchter. Eine fünfte würde doch keinen Unterschied machen”, brachte der Sklave stockend hervor. Die Priesterin strich mit ihren Fingern galant über seine Wange und er erzitterte.
“Dummer Mann. Dir fehlt die Weitsicht zu erkennen, was ich plane. Sie muss zur gleichen Zeit wie ich ein Kind bekommen und du wirst dafür sorgen.” Ein heller Schimmer begann von ihrer Handfläche auszugehen und umhüllte den Sklaven, der noch mehr Tränen vergoss. Mit heller melodischer Stimme begann sie ein Gebet an die Göttin anzustimmen.

“Göttin, ich rufe Dich,
erhöre mich,
denn ich brauche Dich.
Oh, führe mich auf sichren Pfad,
Dir zu dienen gilt allein mein Sinn…”

“Ich liebe Dich”, flüsterte der Sklave unter ihr unablässig, er hatte ehrerbietig die Hände gefaltet. Von draußen fiel das beginnende Licht des 7. Tages der Monat der Jagd in das Schlafgemach von Fenanca, zweitmächtigste Priesterin von Patria.
Doch sie arbeitete hart, härter gar als der niedrigste Sklave der Stadt, damit dies nicht so blieb.

***

Die Stimme saß gebeugt über einem aufgeschlagenen großen Folianten. Die Zeilen waren eng und ohne Schnörkel beschrieben, jeder kleinste Platz auf dem Pergament war sorgfältig genutzt worden. Roter Wachs quoll von einer brennenden flackernden Kerze und sammelte sich in dem eisernen Teller darunter, ein roter flüssiger See, der langsam erkaltete.
Kurz bevor das leise Klopfen an der Türe erklang, klappte Sabrae den Folianten zusammen und erhob sich. Eine Frauenstimme war auf der anderen Seite zu hören.
“Ich bringe den Sklaven für die Massage.” Vorsichtig ging die Türe auf und eine Schwester trat ein, hinter ihr duckte sich der Mann um unter dem Türrahmen hindurch zu passen.
“Ah, genau das kann ich jetzt nach diesem Tag gebrauchen. Der Monat der Jagd ist… anstrengend.” Sabrae ging zu einem großen Holzbottich, der in der Mitte des Raumes stand und aus dem der Dampf des warmen Wassers stieg. Es roch mild nach den Kräutern, die darin schwammen.
“Aber ihr geht doch gar nicht auf die Jagd.” Die junge Schwester sah die Stimme verwirrt an.
“Und ich wünschte, andere würden dies ebenfalls nicht tun.” Sabrae legte ihre Stola beiseite, ein weißes hauchdünnes Tuch. “Aber es ist schwer an Traditionen zu rütteln, die so fest eingestampft in unserem Leben sind, dass wir gar nichts anderes mehr kennen. Ihr könnt euch jetzt zurückziehen”, sagte sie im gleichen Atemzug und unterdrückte ein resigniertes Seufzen.
Nachdem sich die Türe mit einem leisen Klicken geschlossen hatte, wandte sich Die Stimme zu dem Sklaven um.
“So, und wie heißt du?”, fragte sie mit einem gütigen Lächeln. Der Mann wagte nicht sie anzusehen und stand unbeweglich neben dem Bottich. Der heiße Wasserdampf rötete sein Gesicht.
“Lysander”, kam leise die Antwort. Sabrae hob leicht erstaunt eine Augenbraue.
“Oh, du bist also dieser Lysander. Weißt du, hinter vorgehaltener Hand rühmt man sich deiner… Kunst. Ich hatte dich mir ein bisschen anders vorgestellt. Du bist noch recht jung.” Sie löste die Schnalle an ihrem Gewand, das es zusammen hielt, und es sank an ihrem Körper herab wie eine Wolke. Nun blickte der Sklave doch verstohlen zu ihr hinüber. Sabrae war zwar schon dreißig, doch ihr Körper hatte die Geburten ihrer Töchter gut überwunden. Sie war immer noch schön, sagte sie sich und stieg in den Bottich. Der Mann kniete sich hinter ihr hin, seine Hand tauchte ins Wasser und benetzte langsam den Schwamm. Sacht fuhren seine Hände über ihre Schultern, strichen ihre Haare beiseite. Er presste den Schwamm über ihrem Rücken aus und die heißen Tropfen rannen ihre Haut hinab.
Mit einem wolligen Seufzen schloss die Priesterin die Augen und entspannte sich. Das Wasser war heiß, so wie sie es liebte. Es spülte all den Schmutz des Tages fort, ließ nur noch einen rosig reinen Körper zurück und machte den Ärger, die Anstrengung vergessen.
“Was denkst du über das bevorstehende Frauenfest?”, fragte sie plötzlich von einer seltsamen Neugier getrieben. Der Sklave hielt nicht einmal inne in seinen Bewegungen sie sachte zu säubern.
“Ich freue mich, dass es euch Freude bereitet”, antwortete er unbeteiligt. Sabrae seufzte hörbar und strich sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht.
“So viele Männer sind in den Jahren gestorben, von den Frauen in Raserei getötet. Das muss dich doch anders denken lassen”, erwiderte sie. Der Sklave schüttelte den Kopf.
“Ich kannte die Männer nicht. Vielleicht… vielleicht denke ich in einem Jahr anders, wenn ich selber laufe.” Er massierte ihre Schultern unbekümmert weiter, doch Sabrae drehte sich zu ihm um.
“Warum sagst du so etwas? Die Frauen mögen dich.”
“Wenn ich ihnen Töchter gebe, ja. Wenn nicht, dann muss ich laufen.”
“Rede keinen Unsinn. Du bist schön und beliebt, ich werde zu verhindern wissen, dass du im nächsten Jahr dieser Mann sein wirst.”
“Dann wird es jemand anderes sein.” Er zuckte mit den Schultern. Sabrae war ein wenig enttäuscht. Warum kümmerte ihn das nicht? So jung und schon so abgestumpft durch die Sklaverei?
“Ich kann die Tradition nicht aufhalten. Noch nicht.” Sie krampfte die Hände zusammen. “Aber es wird ein Verbrecher durch die Straßen laufen. Der niedrigste unter euch wird es sein.” So niedrig, dass es ausreicht mein Gewissen zu betäuben, dachte sie und schloss die Augen.

***

“Das ist unmöglich. Es ist Monat der Jagd und ich werde gebraucht. Eine Gruppe Männer wurde am Lusciana-See gesichtet. Sie wagen sich wieder aus ihren Löchern.” Die Amazone verschränkte die Arme. “Da darf ich nicht fehlen. Seit Monaten habe ich dafür trainiert.”
“Und ich sage dir, die Göttin braucht dich. Sie hat eine weit wichtigere Mission für dich.” Fenanca zog die unterste Schublade einer alten Eichenkommode auf und holte einen in Tuch gewickelten Gegenstand heraus.
“Yasue wird mich in der Luft zerreißen, wenn sie erfährt, dass ich nicht an der Jagd teilnehme.” Die Frau mit einem braunen festgeschnürten Zopf beobachtete wie die Priesterin langsam das Tuch entfernte und eine kleine mit Verzierungen versehene Truhe offenbarte. Bunt angestrichene Blumen waren an den Seiten zu sehen, Schmetterlinge und sich im Wind wiegenden Pflanzen. Es war alles so grazil geformt, beinahe schienen die Blumen wirklich zu duften, die Schmetterlinge wirklich zu fliegen….
“Mach dir um Yasue keine Sorgen, sie hat von uns allen das meiste Interesse daran, dass die Jagden auch in Zukunft weitergeführt werden. Yasue ist zwar alt, aber sie steht auf unserer Seite. Ich werde sie von meinen Schritten unterrichten.” Fenanca strich mit den Fingern sacht über das Kästchen, nicht viel größer als zwei Handflächen. Für ihr Vorhaben aber besaß es die perfekte Größe. “Du hast bis zum nächsten Frauenfest in einem Jahr Zeit”, sagte sie nach einer Pause des angespannten Schweigens. Sie wollte der Amazone Zeit geben sich innerlich selbst zu überzeugen.
Diese gab ein spöttisches Lachen von sich, voll des gewohnten Hochmutes der Amazonen. Fenanca lächelte kühl. Sie hatte sie an ihrem Stolz gepackt, es gab keine größere Schwäche in diesem Orden.
“Unterschätz mich nicht. Gewiss brauche ich kein Jahr.” Sie riss der Priesterin beinahe das Kästchen aus der Hand, plötzlich so begierig ihr das Gegenteil zu beweisen.
“Und ich fürchte, du unterschätzt deine Gegner, Elsa.” Ihre Stimme war so scharf, sie zischte das ‘S’ in Elsa und die Reiterin schlug rasch die Augen nieder. “Nimm zwei andere Amazonen mit, jenen, denen du vertraust.” Die Frau wollte schon etwas erwidern, doch die Priesterin unterbrach sie noch einmal. “Nein, nicht Jaret. Sie ist zwar sehr gut, aber noch zu jung und die Augen so vieler ruhen auf ihren Fortschritten. Sabrae würde ihr Fehlen bemerken.”
Elsa öffnete vorsichtig das Kästchens und blickte mit angespanntem Atem hinein. “Es ist wunderschön”, flüsterte sie. Der Glanz spiegelte sich in ihren Augen.
“Sei vorsichtig damit, Naurelinta selbst hat es damals angefertigt.” Fenanca trat näher an die Amazone heran und schloss wieder sanft, aber bestimmt die kleine Truhe. Elsa zog die Hände so schnell weg, als hätte sie sich verbrannt.
“Ist sie daran gestorben?”, fragte sie und machte vorsichtshalber noch einen Schritt nach hinten. Doch Fenancas einzige Antwort darauf war ihr ewig gleiches gelassenes Lächeln

***

Sabrae wäre wohl in den Dämmerzustand eines süßen Schlafes hinweg gesunken, so schläfrig hatten sie die ruhigen Bewegungen des Schwammes auf ihrer Haut gemacht, wären da nicht plötzlich die feuchten weichen Lippen des Mannes an ihrem Hals gewesen und sein Atem wie er darüber hinweg blies.
Sie beugte sich nach vorne und entzog sich damit seinen Berührungen.
“Nein, das musst du nicht machen. Ich will nur in Ruhe baden.” Normalerweise hätten diese Worte allein gereicht, doch Lysander fuhr nun mit dem nassen Schwamm über ihre Brust und er neigte sich dabei über den Bottich und sein Gesicht war mit einem Male so nah und dann spürte sie bereits seine Lippen auf den ihren.
Und dann schlug Die Stimme, die sich immer für den Frieden zwischen Männern und Frauen eingesetzt hatte, den Sklaven so heftig ins Gesicht, dass er sich an dem Rand des Troges festhielt, schwankte, nach hinten kippte, den Bottich mitriss -
Das Wasser ergoss sich auf dem Boden, Sabrae floss wie ein Fisch aufs Trockene. Wütend presste sie rasch ihr Gewand an sich und drückte sich mit dem Rücken schützend gegen einen der Bettpfosten.
“Ist es deine Respektlosigkeit, die die anderen Frauen so an dir schätzen?!” Ihre Stimme bebte. Er blickte sie trotzig an und wischte sich das Blut von der Lippe. “Geh jetzt. Ich benötige dich nicht länger.” Doch ihre Worte blieben wirkungslos, im Gegenteil der Mann machte sogar einen Schritt nach vorne. Seine Augen waren zwar auf sie gerichtet, doch er sah sie nicht wirklich, ein heller Glanz in ihnen flackerte wild wie eine Kerze. Ihre Lippen formten sich zu einem stummen Laut des Erstaunens.
Als seine Hände sie grob hochrissen und nach hinten aufs Bett drückten, erlosch dagegen etwas in ihren Augen…

***

“Denke dran, tot nützen sie mir nichts. Ich brauche sie lebend.” Fenanca zog die Amazone näher an sich heran und streichelte zärtlich über ihre Arme. Ihre nächsten Worte waren nur noch ein Flüstern. “Und wage nicht nach dem Fest hier einzutreffen. Die Strafe ist Verbannung auf ewig.” Dann sank ihre Stimme zu einem Hauchen, während ihre Lippen beinahe die von Elsa berührten. “Doch der Ruhm ist grenzenlos, solltest du Erfolg haben. Yasue steht zwar auf unserer Seite, doch sie ist alt. Schon bei der nächsten Jagd könnte sie fallen… Und wer wird dann nach ihr Kriegsherrin werden, Elsa?”
“Was ist mit Sabrae? Sie wird Verdacht schöpfen.” Die Reiterin küsste die Priesterin unendlich zaghaft auf die Lippen, gab ihr ihren Atem.
“Oh, mach dir um sie keine Sorgen. Ich werde schon dafür sorgen, dass sie bis zum nächsten Frauenfest beschäftigt genug sein wird.” Fenanca streichelte sich über den Bauch und erwiderte zärtlichst Elsas Kuss. Dann trat sie einen Schritt zurück und bedachte die Amazone mit einem ernsten Blick. “Beginne deine Suche im Wald der Lichter und sei sehr vorsichtig. Sie können uns gefährlicher werden, als du denkst.” Die Priesterin streckte herrisch ihre Hand mit der Handfläche nach unten aus.
“Ich werde sofort aufbrechen.” Elsa senkte den Kopf und empfing schweigend den Segen der Göttin.

Für diesen siebten Tag der Jagd öffneten sich die hohen Tore der Stadt Patria noch ein letztes Mal um sich dann für den Rest der Nacht zu verschließen.

*** Neun Monate später ***

Die Stimme sank matt zurück in ihre Kissen. Um ihre Beine war das klebrig nasse Gefühl von warmem Blut. Sie fühlte sich unendlich erschöpft und ausgelaugt. Unfähig sich zu bewegen lag sie dar in dem leeren überhitzten Raum und sammelte sich, um laut nach jemanden zu rufen.
“Meine Tochter…. wo ist meine Tochter?”, krächzte sie. Aber sie blieb allein. Ein plötzliches Gefühl von Angst überkam sie, die dunklen Wände schienen auseinander zu klaffen und ihr die Einsamkeit höhnisch vors Gesicht zu halten. Wo war die Schwester mit ihrer Tochter? Vielleicht war etwas bei der Geburt schief gelaufen, vielleicht wollte man ihr die schreckliche Nachricht vorenthalten. Schwach griff Sabrae nach einem der Bettpfosten, um sich nur ein klein wenig weiter aufzurichten. Sie blickte nach unten an ihren Körper entlang und erschrak über das viele Blut. Die Bettlaken waren aufgewühlt, die Decken beiseite geschlagen. Auf der Kommode standen Schalen mit rot getränktem Wasser. Es erinnerte die Priesterin an ein beflecktes Schlachtfeld.
Dann erblickte sie neben einigen blutigen Tüchern das wie dahin geworfene Knäuel der Nabelschnur und sie schluchzte leise auf. Die Einsamkeit schnürte ihr die Kehle zu. Ein zweites Mal konnte sie nicht rufen. Ohnmächtig glitt ihr Kopf zurück auf die Kissen, sie starrte auf den Baldachin des Bettes über ihr, der auf weinrotem Grund eine gelbe strahlende Sonne zeigte. Warum hatte sie man sie allein gelassen? Wo war ihre Tochter? Schwarze Flecken begannen die Sonne zu umwölken und zu verdunkeln, dann trieben sie wie Nebelschwaden herbei und Die Stimme sank in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Das Schließen der Tür riss sie aus der in ihren Geist sickernden Schwärze, die keine Träume zuließ. Sie wusste nicht, wie lange sie weg gewesen war, doch der aufgeräumte Zustand ihres Zimmers zeugte davon, dass einige Zeit vergangen sein musste. Sabrae blinzelte und versuchte angestrengt in der Dunkelheit des Zimmers die Person zu erkennen, die eingetreten war. Die schweren Samtvorhänge waren zugezogen und so konnte sie nicht einmal sagen wie weit der Tag voran geschritten war.
Die Person, es war eine kleine Frau, trat an das Bett von Sabrae. Irgendetwas an ihr war seltsam. Wie sie ging, wie sie dann auf der Bettkante Platz nahm und Sabraes Hand tätschelte. Alles wirkte fremd.
“Ich kenne euch nicht…. wer… wer seid ihr?”, sagte die Priesterin so leise, dass die Worte ihre Lippen wie bloßer Atemhauch streichelten. Die Frau blickte sie mit großen unendlich traurigen Augen an. In ihnen lag solcher Schmerz, dass Sabrae die eigenen Augen verschließen musste. Doch in ihr drin blieb das Bild von dem lang gestreckten Gesicht mit der dünnen kleinen Nase und dem schmalen Kindermund. Und Haare so lang und silbrig wie die Zweige einer Weide, die in das kühle Nass eines Baches eintauchten. Die Frau begann melodisch zu singen, schöner hatte Die Stimme es noch nicht gehört. Sie weinte Tränen der Verzückung und mit jeder Träne, die ihr durch die geschlossenen Lider drang, verschwand eine Stunde aus ihrem Gedächtnis. Sanft umspülte sie die einhüllende Decke des Vergessens. Mit jeder Welle, die aufkam und sie empor trug zu einer malerischen Zufriedenheit ohne Schmerz und Blut, nahm sie eine kleine Erinnerung als Obolus hinfort. Die Stunde, wo sie die erste Wehe als ruckartigen heftig aufkommenden Schmerz verspürt hatte… sie wurde davon geweht vom Wind, der die Zweige der Weide zum Rauschen brachte.
Es waren achtundvierzig Tränen, die sie weinte.

Als die Türe sich zum zweiten Mal öffnete, lag Die Stimme unfähig sich zu bewegen auf ihrem Bett, tränenblind, die Hände tasteten immer wieder zitternd über den gespannten Bauch.
“Mein Kind…. sie haben mir mein Kind genommen”, hauchte sie. An das Bett traten eine alte und eine junge Frau mit gestrengen Gesichtern. Sabrae ergriff sie hilfesuchend bei den Händen und klammerte sich an die eisige Haut der Kriegsherrin der Amazonen und an die hitzigen Finger der Zathra.
“Yasue, Thyia, meine Erinnerung ist fort. Was… was ist geschehen?”, quälte sie sich zwischen hektischen Atemstößen die Worte von den Lippen. “H-habe ich meine Tochter zur Welt gebracht?”
Yasue verzog ihre Lippen zu einem dünnen Strich der Verachtung. “Seltsam, dass gerade dir nie der Gedanke gekommen ist, du könntest nicht auch einen Sohn gebären. Wo du doch den Männern so zugetan bist. Männer und Frauen sollen Seite an Seite in Frieden leben dürfen, das waren doch deine Worte.”
Sabrae blickte sie verwirrt an. “Was…?”
“Wir wissen, was du vorhattest.” Die Zathra, zwar noch jung, aber nicht weniger kalt, zog ihre Finger zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. “Du wirst des Hochverrates an Patria angeklagt. Dein Sohn kommt von einem der freien Männer, die du heimlich in die Stadt geschleust hast, entschlossen uns zu unterwandern!”
“Nein, ich-” Der Stimme wurde herrisch das Wort abgeschnitten.
“Wir sind sehr enttäuscht von dir. Deine Liebe zu den Männern, dafür hatten wir Verständnis, aber dass du unsere Prinzipien verrätst, dass du Patria verrätst…” Yasues Stimme sank herab wie ein Fallbeil. “Dafür gibt es keine Entschuldigung.”
“Was… was redet ihr da? Yasue… Thyia…” Sie blickte von einer zur anderen. Hinter ihnen trat eine Schwester ins Zimmer, einen schreienden Säugling auf dem Arm. “Niemals hätte ich so etwas gemacht. Ich diene… Patria, ich diene der Göttin.”
Die Hexe nahm der Hebamme das in weißes Tuch gewickelte Kind ab und legte es Sabrae an die entblößte Brust. “Du hast die Zeit des Wochenbettes. Danach wirst du und dein Sohn Patria verlassen. Für immer.” Die beiden Ratsmitglieder entfernten sich langsam aus dem Zimmer.
“Nein… nein ihr dürft nicht gehen. Ich habe das Recht mich zu verteidigen”, rief ihnen Sabrae hinterher, mit jedem laut ausgestoßenen Wort, spürte sie das Blut zwischen ihren schmerzenden Lenden hervorquellen. “Ich bin die Stimme, hört mich an.”
Yasue drehte sich noch einmal zu ihr um, ihre alten Augen sprühten nur so vor Verachtung. “Du bist nicht mehr die Stimme. Und wir haben erst jetzt erkannt, dass du es auch nie warst. Die einzige Stimme, die du je repräsentiert hast, war deine eigene.”
“Nein, Yasue, glaub mir… ich kenne diese freien Männern nicht von denen du redest.” Sabraes Stimme war zu einem verzweifelten Betteln herabgesunken. Die Kriegsherrin stand schon halb draußen auf dem Flur, bereit die Tür hinter sich zugeschlagen. “Lass mich mit den Männern reden… sie, sie werden es bestätigen. Glaub mir.”
“Du willst mit den Männern reden, ja?” Yasue war mit schnellen Schritten bei den Vorhängen des Fensters und riss sie so erzürnt beiseite, dass die Hälfte von den Stangen riss und nun lose hinab hang. Das Licht der Mittagssonne fiel gleißend hell in das Schlafgemach. “Dann lausche dem Wind, der durch ihre Haare streicht, vielleicht kann er dir ja noch etwas erzählen.” Die Kriegsherrin rauschte aus dem Raum.
Sabrae lag stumm da, die Worte der Frauen, die sie zu ihren Freunden gezählt hatte, hatten sie ihr der letzten Kräfte beraubt, die sie noch gehabt hatte. Der Junge in ihren Armen begann zu schreien. Die Priesterin versuchte in ihren Gedanken nach den Stunden der Geburt zu haschen, doch die Erinnerung war nur ein Schleier, der ihr aus den Händen glitt. Der Wind trieb sie davon wie die Haare auf den blutigen Köpfen, die am Tor steckten und mit Todesfratzen ihre Blicke zu den Wäldern richten zu denen sie nie mehr zurückkehren konnten.
In ohnmächtigen Schmerz schloss Sabrae die Augen und ignorierte die heißen Tränen, die ihr die Wangen hinab liefen. “Oh, Aurorae, was musst du nur über deine Kinder weinen”, flüsterte sie. “Hilf mir, meine Göttin.”
Draußen auf den Straßen vor dem Priesterinnenorden begann das Klopfen eines Hammers.

***

Fenanca nannte ihre Tochter Mallenwë, zu Ehren der Stimme, die vor einigen Jahrhunderten den Orden mit strenger Hand regiert hatte. Sie fand dies äußerst passend und ihre Freude darüber wurde nicht einmal dadurch getrübt, dass sie einiges in ihrem Plan hatte ändern müssen. Ihre Finger trommelten nachdenklich auf dem geschnitzten Kästchen, das sie in ihren Schoß gebettet hatte.
Schon bald würden Yasue und Thyia auf sie zukommen und zur neuen Stimme ernennen. Vielleicht schon heute am Tage des Festes. Zwar hatte Sabrae noch vier andere Töchter, aber keine Verräterinnenbrut würde je diesen Platz einnehmen. Und Fenanca hatte vorteilhafterweise bereits einen gesunden weiblichen Nachkommen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wenige Stunden noch. Die Hohepriesterin lächelte. Sie konnte bereits das Kratzen der emsigen Federn der Chronistinnen hören.
Die Heilerin kam schüchtern aus dem Raum vor dem Fenanca wartete und nickte ihr mit ihrer weißen gestärkten Haube zu.
“Elsa ist jetzt wieder aufgewacht, sie wünscht euch zu sprechen.”
Fenanca legte das Kästchen beiseite und stand vorsichtig auf. “Nun, dann werde ich ihren Wünschen doch einmal nachkommen”, erwiderte sie mit leicht boshaften Unterton und betrat das Krankenzimmer. Mehrere andere Amazonen lagen Bett an Bett und wurden von Heilerinnen aus dem Priesterinnenorden versorgt. Als Fenanca eintrat, verstummten viele und hielten in ihren Arbeiten inne. Man schob den Vorhang vor dem letzten Bett beiseite und die Priesterin erblickte das Krankenlager der Reiterin, die sich mit letzter Kraft aufbäumte um ihr wenigstens aufrecht sitzend in die Augen blicken zu können.
“Lasst uns alleine”, wies Fenanca an und ließ sich auf der Bettkante nieder. Der weiße Vorhang hinter ihnen wurde raschelnd zurückgezogen und in dem abgetrennten Bereich wurde es dunkler. Die Bewegungen der Schwestern fielen durch den Stoff und zeigten bizarre Schatten, über das Krankenbett gebeugt.
Die Priesterin ergriff vorsichtig die Hand von Elsa, die nicht wie sonst stark und kraftvoll war, sondern welk und schlaff wie ein Herbstblatt. Das, was Fenanca an ihrer Vertrauten immer geschätzt hatte, war fort. “Wie geht es dir?”, fragte sie und rang sich ein gütiges Lächeln ab.
Elsa schüttelte nur matt den Kopf. “Wie geht es deinem Kind?” Ihre Wangen waren eingefallen, das Haar lag ihr wirr über den Schultern. Schlimmer noch aber war die leere Stelle, die das Laken trotz Verhüllung nur zu gut preisgab. Fenanca vermied es dort hin zu blicken, sie hielt ihre Augen auf dem fahlen Gesicht der jungen Amazone.
“Es ist in guten Händen.” Die Priesterin tätschelte die Hand, die sie hielt. “Wir brauchen uns über Sabrae keine Gedanken mehr machen und du hast einen großen Anteil daran, vergiss das nie.”
Elsa drückte sie noch einmal mit der alten Stärke. “Ich tat es für Patria.”
“Du wirst wieder gesund. Gemeinsam werden wir uns an den Köpfen auf den Zinnen erfreuen, der Männer, die du getötet hast.” Fenanca begann das Haar der Amazone zu richten und zu ordnen, ihre Hände strichen es sorgsam glatt.
“Aber ich werde nie wieder reiten können.” Elsas Gesicht verzog sich voller Gram. Ihre Stimme bekam einen erstickten gequälten Tonfall. “Mein eigenes Gorsak fiel auf mich und zerschmetterte mein Bein. Es ist…. weg.” Sie biss sich auf die Lippen. “Wer will denn eine Kriegsherrin mit nur einem Bein?”
“Es wird… andere Aufgaben für dich geben”, begann Fenanca zögernd zu sprechen. “Ich werde mein Versprechen halten.” Doch Elsa zog ihre Hand zurück.
“Einfach ist es ja jetzt zu halten.” Ihre Stimme wurde leiser und schließlich so leise, dass sich die Priesterin nah an die Lippen der Amazone beugen musste. “Ich holte dir die Schmetterlinge aus dem Paradies und brachte sie dir als Geschenk”, hauchte sie und die Angesprochene hörte ihr atemlos zu, “Aber dir war das nicht genug. Ich holte dir die freien Männer aus den Wäldern, brachte sie hierher in die Stadt.” Elsa schnappte tief nach Luft. “Bei der Göttin, Fenanca, sie hätten uns alle töten können, so viele Amazonen haben ihr Leben gelassen sie wieder zu vertreiben und zu töten… Du bist zu weit gegangen, Priesterin.” Ihre letzten Worte waren schneidend wie eine Speerspitze, die in ihr Herz ritzte. “Nicht Sabrae ist die Verräterin…. Die Verräterin, das bist du.”
Fenanca entfernte sich erstaunt von Elsa und ihre Augenbrauen zogen sich düster zusammen. Ihre Augen veränderten sich, wurden nur eine Nuance dunkler, aber es reichte, um zu erkennen, dass sie stumm die Göttin anrief und einen Zauber anwandte. Ihre geistigen Finger streckten sich nach der ehemaligen Reiterin aus, blätterten in ihren Gedanken- und fuhr mit einem Aufzischen vom Bett empor.
Das verzierte Kästchen, der Deckel offen, im Inneren…. dunkle Leere, achtlos zu Boden geworfen
“Du hast mich verraten.” Fenanca war sprachlos. Elsa schaute sie mit einem Blick an, der voller Reue, aber auch etwas anderem war: Mitleid?
“Ich verabscheue Männer, du weißt das. Ich stehe auf deiner Seite, glaube mir das. Aber nicht um diesen Preis, Fenanca. Nicht um diesen Preis.” Und dabei blickte die Reiterin zu ihrem fehlenden Bein. Doch die Priesterin hatte längst den Vorhang beiseite geschlagen und war aus dem Krankenzimmer nach draußen geeilt. Sie machte sich nicht einmal mehr die Mühe das offen daliegende Kästchen aufzuheben und zu untersuchen. Sie wusste, was passiert war.
Das warme Blut, das begann ihre Schenkel hinab zu fließen, ignorierend, rannte sie so schnell es ihr Zustand zuließ, durch die Gemächer der Priesterinnen. Die Tür zur Stimme stieß sie auf ohne Anzuklopfen.

Und da saß Sie. Mit ihrer Tochter auf dem Arm.
“Weißt du, liebe Fenanca, eine Zeit lang habe ich es wirklich geglaubt”, sprach Die Stimme ruhig, “ich meine, wirklich geglaubt, dass ich mit den freien Männern paktiert habe, dass mein Sohn das Ergebnis aus diesem Bündnis sei.” Sie hielt kurz inne und bedachte Fenanca mit einem sanften gleichmütigen Lächeln. “Du hättest es beinahe geschafft mich zu überzeugen, aber da war etwas, was in mir nagte. Ich wusste doch ganz deutlich, dass ich keinen Sohn, sondern eine Tochter geboren hatte. Und das lag nicht an der Geburt. Nein, du hättest auch noch die Erinnerung vor einem Jahr auslöschen müssen…”

*** Vor neun Monaten ***

Als seine Hände sie grob hochrissen und nach hinten aufs Bett drückten, erlosch dagegen etwas in ihren Augen…
Sabrae rutschte nach hinten, ihre Hände öffneten sich fächerartig und noch ehe der Sklave Hand an sie legen konnte, froren seine Bewegungen Stück für Stück ein bis er sich nicht mehr rühren konnte. “Danke, Aurorae”, flüsterte die Priesterin und versuchte den Schrecken zu verdauen. Halb setzte sie sich wieder auf und betrachtete den gelähmten jungen Mann, wie er sich wie im Wahn über das Bett und auch sie beugte, bereit zu vollenden, was er da gerade begonnen hatte.
Während sie darauf wartete, dass ihr Atem wieder langsamer schlug, dachte Sabrae über seine Beweggründe nach. Sie hätte niemals für möglich gehalten, dass ihr so etwas zustoßen sollte. Was wäre geschehen, hätte die Göttin sie nicht beschützt? Seltsam, alle bewunderten doch Lysanders Kunst jeden Wunsch von den Lippen der Frauen abzulesen. Hatte er auf ihren einfach falsch gelesen? Aber es schien so, als wäre er einem Drang nachgegangen, stärker noch als die bloßen Triebe, beinahe wie….
Sabrae setzte sich auf. Vorhersehung.
Und im gleichen Moment war Aurorae so nah wie noch nie, füllte sie von Kopf bis Fuß mit einem Gefühl tiefsten Glückes. Und sie sah sich selber, in heftiger Umschlingung mit jenem Mann, der gefangen in seiner Bewegung, auf seine Erlösung wartete. Ihre Körper, die sich zu einem einzigen vereinten, die Wonne, die er ihr bereitete, grenzenlos, seine flammenden Küsse, die ihre Haut benetzten… die Tochter, die er ihr in dieser Nacht schenken würde.
Getrieben von einem neu aufkommenden Verlangen nach einer Erfüllung dieser Vision, presste sie ihre Handflächen an die Wangen Lysanders, küsste ihn trocken auf den Mund und befreite ihn aus seiner Erstarrung. Er stürzte mit ihr aufs Bett, die Decken hüllten sie ein, streichelten ihre Beine.
Seine Hände liebkosten ihre nasse Haut und spielten mit ihren Haaren, doch sie hielt ihn noch einen kurzen Moment zurück, sah ihm fest in die Augen, während ihr Atem keuchend ging und ihre Brust sich hob und senkte.
“Ich will es auch, verstehst du? Es ist kein Zwang. In dieser Nacht sind wir beide frei. Liebe mich nicht wie ein Sklave, liebe mich wie ein freier Mann.” Sie streifte ihm das Hemd vom Leib.
“Danke”, murmelte er nur, während sich seine Lippen mit einem tiefen Seufzen auf ihre bebende Brust senkten.

***

“Du bist so schweigsam, Fenanca.” Sabraes gütiges Lächeln konnte ihr Gegenüber zur Verzweiflung bringen, doch die andere Priesterin hielt sich tapfer. Sie machte noch einen Schritt in den Raum. Der Saum ihres Gewandes war mittlerweile blutbefleckt. Von draußen wehte kühler Wind der Ebenen hinein, ließ die Vorhänge treiben.
“Ich verberge nur mein Lachen vor dir. Du weißt so gut wie ich, dass deine Versuche vergeblich sind.”
Sabrae erhob sich langsam, immer noch das Kind auf dem Arm. “Mach nicht den Fehler in mir dein Spiegelbild zu sehen. Jedermann weiß von deinem Verrat.”
“Verrat nennt man es nur, wenn es nicht erfolgreich war.” Fenanca näherte sich vorsichtig, blickte sich in dem Zimmer um. “Wo ist die Papilia?”
“Fort natürlich. Nachdem sie mir meine Erinnerung wieder gegeben hat. Wie konntest du nur wagen solch ein Geschöpf zu fangen? Elsa hatte recht, du hast dich wahrlich von der Göttin abgewandt.” Sabrae schüttelte wie in Bedauern den Kopf. “Ach, Fenanca, wie hast du dich nur so irren können? Gerade du müssest es doch wissen. Nicht der Rat erwählt die Stimme, die Göttin tut es. Es ist ihre Bestimmung, ihr Handeln wirkt in uns weiter. Wo ist die alte Fenanca, die ihre ganze Liebe der Göttin gab? Ich habe sie gesehen in deiner Tat die Papilia nicht zu töten, sondern weiterleben zu lassen. Aus diesem Grund bat ich die anderen Ratsmitglieder auch darum dir nicht diese entsetzliche Strafe aufzubürden, aber du kennst sie ja…. sie sind hart und rasch bei der Hand mit ihren Urteilen. Jetzt wirst du es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vielleicht findest du dort deinen Frieden mit der Göttin.”
“Ich werde Patria nicht verlassen”, beharrte Fenanca und versteifte sich. Ihre Hand glitt zwischen die Falten ihres Gewandes, doch Sabrae kommentierte die Bewegung nur mit einem tadelnden Blick.
“Du kannst nicht mehr gewinnen, Fenanca.”
Der Blick der schwarzgelockten Priesterin wurde hart. “Glaub mir, eine Lektion bekommst du noch.” Und dann neigte sie den Kopf, nur leicht, und sah zum Fenster hin, wo gerade in diesem Moment das Mordheulen der Furien erscholl und sich aufwiegelnd von den Häuserwänden hin und her warf.
Sabraes Mund öffnete sich zu einer Erwiderung, als in ihren Augen das Verstehen reifte und sie so hart traf, dass sie zum Fenster hinstürzte. “Lysander!” Zwei Stockwerke unter ihr wurde der Sklave mit Keulenschlägen die Straße hinauf getrieben. An den Seiten standen die Frauen, blutgierige Tiger, an diesem Tag nichts weiter als Huren Kathârs.
“Weißt du, ich habe es ihm versprochen. Und ich halte meine Versprechen.” Fenancas Stimme war das Zischeln einer Schlange.
Doch Sabrae war zu gelähmt irgendetwas zu tun. Ihre Tochter an sich gepresst, konnte sie nichts weiter tun als in ohnmächtigem Entsetzen seinen Namen immerfort zu rufen.
Er verendete in der Mitte der Straße, wo er für einen Moment liegen blieb, ehe ihn geifernde Frauenhände an der Brust empor rissen, ihn herumschleuderten und ihn voller Zorn über all die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die ihnen durch die Hände von Männern geschehen waren, nahmen und seinen Kopf an einer der marmornen Säulen des Priesterinnenordens zerschmetterten.
Voll namenlosem Schmerz senkte Die Stimme die Augen und wandte ihren Blick ab von dem greuelhaften Geschehen, das unter ihr die Traditionen von Patria vollstreckt hatte.
Als sie sich umgedreht hatte, standen ihre nackten Füße in dem bereits erkalteten Blut Fenancas, die mit aufgeschnittener Kehle hingestreckt dalag und nun ihren eigenen Weg antrat den Frieden mit der Göttin zu machen.
Sabrae drückte dem Mädchen in ihrem Arm einen Kuss auf die Stirn und betrachtete Fenancas Körper. Rinnsale aus Blut kräuselten sich auf ihrem weißen Gewand wie ihre schwarzen Locken. Die Stimme zog den Dolch aus der Hand der Priesterin.
“Sie heißt nicht Mallenwë”, flüsterte sie, jede Trauer war aus ihrer Stimme verschwunden, der Schmerz in ihrem Herzen an diesem Tag kannte keinen Namen. “Sie heißt Tala und ich verspreche dir, sie wird den Tag erleben, wo Männer und Frauen in dieser Stadt in Frieden miteinander leben können. Ich wünschte nur, du wärest dann noch da, um ihn mit uns zu feiern, Schwester.”

*** Epilog ***

Sechsundvierzig Jahre später öffneten sich die Tore von Patria und gaben die Stadt frei für den Frieden. Zahlreiche Männer und Frauen der Verborgenen strömten in die Stadt und bestaunten die Wunder, die Patria zu geben hatte. Stolze schöne Stadt Patria.
Doch noch immer herrschte Misstrauen, er war ein höchst schwaches Band dieser Frieden und es würde mindestens ebenso viel Einsatz kosten ihn zu erhalten und zu festigen wie es gekostet hatte ihn überhaupt herzustellen. Doch die Menschen arbeiteten hart, härter gar als der niedrigste ehemalige Sklave der Stadt, damit dies so blieb.

Einer dieser ehemaligen niedrigen Sklaven war bei den ersten, die ihre neu gewonnene Freiheit dazu nutzen der Stadt Patria den Rücken zu kehren. Kaum hatte er das Tor hinter sich gelassen, beschleunigten seine Schritte, wurden schneller und schneller, bis er schließlich rannte und erst stoppte, als er beim Waldrand angelangt war und glückselig vor einer mächtigen großen Eiche in die Knie sank und seine Augen voll namenloser Freude gen Himmel erhob, wo er das strahlend grüne Blätterdach erblickte.
“Ich danke dir, Göttin”, flüsterte er so leise, dass er mehr seine Lippen bewegten, als dass er wirklich sprach. Endlich konnte er seiner Bestimmung nachgehen. Sechsundvierzig Jahre hatte er darauf warten müssen.
Der neue Schamane verschwand in den Wäldern Auroraes, seine Gestalt verblasste hinter den glitzernden Blättern der Weide und sein Schatten umarmte die Sonne, die im Wind schwingende Gräser, grün wie sein linkes, und raue harte Rinde, braun wie sein rechtes Auge, mit ihrem Licht beschenkte.
Er trug den Namen seines Vaters.
Lysander.

Anmerkung:
Diese Geschichte ist frei erfunden und zeigt nur meine Sicht der Dinge, keinesfalls die wahren Umstände von Talas Geburt. Es ist ein ‘sein könnte’, ein ‘was wäre wenn’. Wie es wirklich wahr, wer weiß das schon?

by Gullweig

nach oben